Wie viele Tote überlebt Bush?

In der westlichen Welt hat der „Heldentod“ ausgedient – in der islamischen ist er noch nie so hoch im Kurs gestanden.

Erstmals haben sich diese Woche mehr Amerikaner gegen als für den Irak-Krieg ausgesprochen: Für 49 gegen 48 Prozent der Befragten ist sein Ergebnis den Einsatz nicht wert gewesen. Die Ursache des Meinungsumschwunges steht außer Zweifel: weit weniger der zu geringe Fortschritt in der ökonomischen und politischen Gesundung des Irak als die steigende Zahl amerikanischer Toter. Wenn es mit der derzeitigen täglichen Opferrate weitergeht, wird die US-Armee bis Monatsende im Irak rund vierhundert Mann verloren haben. Zum Vergleich: In Vietnam sind es 57.685 gewesen.
Vierhundert Tote sind etwa so viele, wie der Absturz von Kleinflugzeugen und der Missbrauch von Schusswaffen im gleichen Zeitraum in den USA verursacht. Trotzdem hat das noch nie dazu geführt, Einschränkungen des privaten Flugverkehrs oder gar des privaten Schusswaffenbesitzes zu fordern. Und die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung unterbleibt seit Jahrzehnten, obwohl ihr Fehlen Jahr für Jahr hundertmal mehr Amerikaner das Leben kostet als der Einsatz im Irak.

Doch Tote, welche die Politik aufgrund eines militärischen Engagements zu verantworten hat, werden anders bewertet als die Opfer politischen Fehlverhaltens im zivilen Bereich. Am eindrucksvollsten lässt sich der Unterschied an einem europäischen Beispiel demonstrieren: Dass in Frankreich während der Hitzewelle dieses Sommers rund 15.000 Menschen wegen mangelnder medizinischer Vorkehrungen starben, hat in keiner Weise zum Sturz der Regierung Raffarin geführt. Dagegen könnte George Bush schon fünftausend tote GIs im Irak politisch mit Sicherheit nicht überleben, obwohl die USA eine Berufsarmee einsetzen, deren Angehörige – wie Feuerwehrleute oder Polizisten – dafür bezahlt werden, notfalls ihr Leben zu riskieren.

Aber die Befreiung eines fremden Volkes von einer blutigen Diktatur wird nicht als Notfall akzeptiert.

Vor allem im historischen Vergleich ist der Wertewandel dramatisch: In den letzten fünfzig Jahren hat das „Sterben auf dem Feld der Ehre“ innerhalb der entwickelten „westlichen“ Gesellschaften seinen gesellschaftlichen oder gar religiösen Stellenwert fast völlig eingebüßt – das Leben ist nie so wertvoll gewesen. Das ist nicht unerheblich in der militärischen Auseinandersetzung mit Gesellschaften, in denen die gegenteilige Entwicklung stattfindet: Insbesondere in islamischen Entwicklungsländern hat das Leben schon lange nicht so wenig gezählt, war der Tod im „heiligen Krieg“ schon lange nicht so angesehen.

Wenn eine Armee, in der jeder Tote einen Kommentar in der „New York Times“ auslöst, einem unerschöpflichen Reservoir von Selbstmordattentätern gegenübersteht, dann ist der Ausgang dieser Auseinandersetzung keineswegs gewiss.
In humanistischer Hinsicht kann man die Entwicklung nur positiv sehen: Die Zeiten John F. Kennedys oder Lyndon B. Johnsons sind vorbei. Eine Regierung, die menschliches Leben in einem Krieg aufs Spiel setzt, steht unter einem gewaltigen Rechtfertigungsdruck. Man erwartet nicht nur Blitzsiege, sondern auch ihre blitzartige Umsetzung in eine friedliche, prosperierende demokratische Entwicklung. Bush droht zum Opfer der von ihm selbst in die Welt gesetzten Illusionen zu werden: Die Annahme, dass die Befriedung des Irak nicht mehr als ein Dutzend amerikanische Tote fordern würde, war immer genauso unrealistisch wie die Hoffnung auf rasche Demokratisierung oder die Vermutung, dass die Zahl ziviler irakischer Opfer sich auf wenige hundert beschränken würde – erste Schätzungen unabhängiger Ärzteteams sprechen von mehreren tausend.

Die zu beantwortende politische Frage hat also gelautet: War die Befreiung des Irak zehn- bis zwanzigtausend Tote (Soldaten und Zivilisten) aufseiten des Irak und mehrere hundert Tote aufseiten der USA und ihrer Alliierten wert?

Auch wenn sich unser Gefühl dagegen wehrt, kann man sie nur beantworten, indem man Tote gegen Tote aufrechnet: indem man einbezieht, wie viele Menschen im Irak „ganz normal“ durch Saddam Husseins Herrschaft umgekommen wären. Unabhängige Schätzungen gehen davon aus, dass selbst in „guten Jahren“ gegen zehntausend Irakis in Kerkern umgekommen, Hungers gestorben und insbesondere mangelnder medizinischer Betreuung zum Opfer gefallen sind. Denn im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung sind auch die vielfach gefilmten Kinder in den Kinderspitälern nicht daran gestorben, dass das UN-Embargo den Ankauf von Medikamenten verhindert hat, sondern daran, dass Saddam Hussein das Geld, das ihm die UN zu diesem Zweck ausdrücklich zugebilligt hat, zum Ankauf von Waffen missbraucht hat.

Eine endgültige Antwort auf die Berechtigung dieses Krieges wird man daher nicht heute, auch nicht in zwei, drei Monaten, sondern vielleicht in zwei, drei Jahren geben können: Dann wird sich erwiesen haben, ob im Irak niemand mehr an mangelnder medizinischer Versorgung, an Hunger oder durch Verfolgung stirbt; dann wird sich herausgestellt haben, ob die Lebenserwartung der Bevölkerung zugenommen hat; dann wird man wissen, ob ihr durchschnittliches Realeinkommen gegenüber der Ära Saddam gestiegen ist.

Nur wenn das alles der Fall ist und darüber hinaus ein höheres Maß an politischer Freiheit und Gerechtigkeit herrscht, wird der Krieg „historisch gerechtfertigt“ sein, wie Bush und Blair behaupten.

Dagegen würde er auf jeden Fall zur historischen Katastrophe, wenn die USA jetzt, nachdem sie ihn begonnen haben, die Geduld verlören.
Sie müssen da durch.