Wie die Welt aussähe, wenn jeder auswandern könnte, wohin er will

Bis zu 700 Millionen Menschen träumen weltweit von einem Leben in der Fremde. Eine globale Studie untersuchte, wo sie hingehen würden, wenn sie es sich aussuchen könnten. Österreichs Einwohnerzahl würde sich dadurch auf elf Millionen erhöhen.

Von Robert Misik

Ein Telefon klingelt. Irgendwo in einer behaglichen Wohnung hebt ein älterer Herr, ein Schwarzer, den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung ist sein Sohn. Er steht in einer öffentlichen Telefonzelle, draußen regnet es in Strömen. Er ist in Europa, wo es immer kalt, nass und unwirtlich ist. „Hast du eine Unterkunft gefunden?“, fragt der Vater. „Ja, bei Freunden“, sagt der Sohn. Schnitt: Man sieht eine dreckige Matratze unter einer Brücke. „Klappt’s mit dem Studium?“ – „Klar“, sagt der Sohn. Schnitt: Man sieht, wie er am Straßenrand steht, um Geld bettelt und von der Polizei vertrieben wird.

Die Botschaft ist eindeutig:
Bleibt, wo ihr seid. In Afrika habt ihr es noch einigermaßen schön, in Europa gibt es für euch keine Zukunft. 250.000 Euro hat sich die Europäische Union das Schockvideo vor ein paar Jahren kosten lassen, das dann in Nigeria, Kamerun und im Kongo gezeigt wurde. 1:48 Minuten, zwischengeschaltet, wann immer viele Leute zusahen – etwa in der Halbzeitpause großer Fußballspiele.

Mediale Abschreckungskampagnen wie diese sind noch die harmlosesten Methoden, mit denen die reichen Länder versuchen, migrationswillige Bürger aus Afrika, Asien oder Lateinamerika abzuwehren. Eher erfüllt eine Märchenfee drei unrealistische Wünsche, als dass ein armer Schwarzer eine Einwanderungserlaubnis in Europa erhält. Überfüllte Schlauchboote werden vor Italien oder nahe den griechischen Inseln von der Kriegsmarine aufgebracht – oft einfach auf hoher See mit einem Messer aufgeschlitzt. Exklaven wie die zu Spanien gehörende Stadt Ceuta werden mit hohen Zäunen bewehrt, damit niemand herüberkommt. Zwischen Mexiko und den USA wird seit Jahren an einem fast 3000 Kilometer langen Grenzzaun gebaut. Gerade hat der Kongress 600 Millionen Dollar bewilligt, um die Sperranlage noch besser zu sichern.

Aber was würde eigentlich passieren, wenn jeder dorthin gehen könnte, wohin er wollte? Wie eine Welt ohne Grenzen aussehen?

Dieser Frage ist das in den USA beheimatete Gallup-Institut in den vergangenen Jahren in einer großangelegten Studie nachgegangen. Über 300.000 Menschen in knapp 150 Staaten wurden dafür befragt. Die Samples in diesen Ländern repräsentieren rund 95 Prozent der Weltbevölkerung. Hochgerechnetes Ergebnis: Rund 700 Millionen Menschen würden sich auf den Weg machen, wenn sie könnten. Einschränkung: Die Ergebnisse spiegeln eher Wünsche wider als realistische Absichten. Dennoch sind sie signifikant.

Manche reichen Länder würden ihre Bevölkerungszahl verdreifachen. Singapurs Einwohnerzahl würde um 219 Prozent steigen, jene von Neuseeland um 184 Prozent, jene Saudi-Arabiens um 176 Prozent. Kanada, die Schweiz und Australien würden um etwa 150 Prozent zulegen. Schweden, Spanien, Großbritannien, Frankreich und die USA würden um 60 bis 70 Prozent wachsen. Österreichs Einwohnerzahl würde sich um 33 Prozent erhöhen – auf etwas mehr als 11 Millionen Einwohner. Spannendes Detail: Damit ist Österreich in Relation zur Einwohnerzahl attraktiver als Deutschland, das nur um 13 Prozent wachsen würde.

Auswanderungswillig.
Interessant erscheint auch, dass die allgemein verbreitete Auffassung, wonach die Bewohner der ärmeren Länder alle nach Europa oder in die USA wollen, keineswegs durchgehend stimmt: Arme Araber würden am liebsten nach Saudi-Arabien auswandern, viele Afrikaner ins prosperierende Botswana, aber auch nach Südafrika.

Während manche Staaten massiv Einwohner gewinnen würden, würden andere regelrecht entvölkert. Der Kongo, El Salvador, Liberia, Simbabwe, Haiti und Sierra Leone würden ihre Einwohnerzahl grosso modo halbieren – nicht umsonst nennt man sie „Failed States“.

Die prozentuellen Zuwächse einzelner Staaten fallen umso spektakulärer aus, je kleiner die Einwohnerzahl des Sehnsuchtslandes von Migranten ist. Singapur, dessen Einwohnerzahl sich verdreifachen würde, wüchse also von fünf auf 15 Millionen. Die USA, die „nur“ einen Nettozuwachs von 60 Prozent erzielen würden, sind in absoluten Zahlen dennoch das liebste Ziel aller Wanderwilligen. Knapp 170 Millionen Menschen würden sich gerne in den Vereinigten Staaten niederlassen.

Rund 20 Prozent der Mexikaner würden auswandern wollen – 6,2 Millionen, also die Hälfte davon, in die USA. Auch 23 Millionen Chinesen würden gern in die Vereinigten Staaten übersiedeln, ebenso 17 Millionen Inder und 16,6 Millionen Nigerianer. Das andere traditionelle Einwanderungsland Nordamerikas, Kanada, würden 45 Millionen Migrationswillige wählen. Interessantes Detail: Die USA ziehen eher jüngere, schlechter ausgebildete Einwanderer an, für Kanada würden sich die besser Qualifizierten entscheiden.

Dass Einwanderer ein bestimmtes Land attraktiv finden, hat oft einen simplen Grund: Familienmitglieder oder Bekannte leben schon in dem betreffenden Land. „Die Menschen bevorzugen jene Staaten, in denen sie funktionstüchtige soziale Netzwerke vorfinden“, sagt July Ray, Co-Autorin der Studie, mit Blick auf die Daten, die sich auf ihrem Schreibtisch in Omaha, Nebraska, stapeln. Von jenen, die sich prinzipiell als auswanderungswillig bezeichnen, äußern 33 Prozent als Grund für ihre potenzielle Länderwahl, dass Familienmitglieder in diesem Land leben. Weitere 26 Prozent geben an, dass ein Familienmitglied in den vergangenen fünf Jahren in diesem Land lebte.

So sagen sieben Prozent jener Bosnier, Kroaten und Serben, die gern auswandern würden, dass sie am liebsten nach Österreich gehen würden. Von den wanderwilligen Ungarn würden neun Prozent nach Österreich gehen. Weder unter Polen noch Türken finden sich übrigens ähnlich hohe Werte.

Die Österreicher selbst sind wanderunlustig, bequem und sesshaft. July Ray: „Nur acht Prozent der Österreicher sagen, sie würden eine Auswanderung erwägen – das ist, nach den Spaniern, der niedrigste Wert in der Europäischen Union.“ Von dieser kleinen Gruppe würden 43 Prozent in ein anderes EU-Land wechseln, elf Prozent in ein anderes europäisches Land. Jeweils 17 Prozent würden Nordamerika (USA und Kanada) oder ein asiatisches Land bevorzugen.

Wanderschaft.
Dass Österreich eine relativ beliebte Einwanderungsdestination darstellt, ist nicht sonderlich verwunderlich, wobei sich potenzielle Migranten weder durch Mozartkugelseligkeit besonders anziehen noch durch die rigide Anti-Ausländer-Politik besonders abschrecken lassen. Am meisten zählen eben die schon etablierten Communitys. Und Österreich ist längst ein Einwanderungsland: Ziemlich genau eine Million Menschen, 12,5 Prozent der hiesigen Wohnbevölkerung, sind laut Volkszählung 2001 im Ausland geboren, das ist ein höherer Anteil als im klassischen Einwanderungsland USA. Davon kommen 385.000 aus Südeuropa (vor allem Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien), 200.000 aus Osteuropa, 165.000 aus Westeuropa. Weitere 125.000 aus der Türkei, der Rest verteilt sich auf Asien, Nord- und Südamerika und Afrika.

Die Daten der Gallup-Studie untermauern eine weitere, in Expertenzirkeln durchaus bekannte Tatsache, die sich über die Kreise der Fachleute hinaus aber noch kaum herumgesprochen hat: Es sind vor allem die Wohlhabenden, die auswandern wollen. „Das heißt natürlich nicht, dass Bill Gates und Warren Buffett jetzt ihre Koffer packen und ins Ausland umziehen werden“, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen. Schließlich ist der Wunsch auszuwandern in armen Ländern im Allgemeinen stärker. „Aber innerhalb der armen Länder ist der Wunsch zu migrieren unter jenen Bürgern weiter verbreitet, die eher wohlhabend als arm sind.“ Analphabeten aus einem Dorf ohne Strom und Fernsehen bleiben eher, wo sie sind. Junge Leute aus der Stadt, die zumindest eine Grundschulausbildung haben und vielleicht sogar in bescheidenem Wohlstand aufgewachsen sind, haben dagegen mehr Elan, nach Europa oder Nordamerika zu übersiedeln, um aus ihrem Leben etwas zu machen – auch wenn diese Fantasie sehr oft nicht aufgeht und die Wanderschaft in einem Schubhaftgefängnis endet oder in einem Elendsquartier, womöglich ohne jede Chance, auf legale Weise den Lebensunterhalt zu verdienen. In exakten Zahlen: In den Ländern mit dem niedrigsten BIP äußern 45 Prozent des reichsten Fünftels der Bevölkerung den Wunsch auszuwandern – wohingegen vom ärmsten Fünftel sich nur 37 Prozent vorstellen können, Land und Leute zu verlassen.

Die Allerärmsten haben nicht einmal den Wunsch wegzugehen – ein Umstand, auf den schon der Human Development Report der Vereinten Nationen vom vergangenen Jahr hingewiesen hat. Und der zeigt eine paradoxe Folge auf: „Mehr Bürger werden auswandern, wenn die ärmsten Länder reicher werden.“

Anders als die Gallup-Studie, die hochrechnet, wie Wanderungsbewegungen in einer Welt ohne Grenzen aussehen könnten, untersucht der UN-Report die Migrationsströme in der „wirklichen Welt“ von heute. Im Augenblick leben 7,25 Millionen Afrikaner in Europa, 3,1 Millionen in Asien, 1,2 Millionen in Nordamerika. Von den Asiaten leben 15,7 Millionen in Europa, 9,6 in Nordamerika, eine Million in Afrika und 1,3 in Ozeanien (vor allem Australien). Von den Europäern leben 8,2 Millionen in Nordamerika und 8,5 Millionen in Asien. Aber für alle Regionen gilt: Die Migrationsströme zwischen den Kontinenten machen nur einen kleinen Teil aus; die meisten wandern innerhalb der Regionen. So leben 35 Millionen Asiaten in einem anderen Land auf ihrem Kontinent (etwa in Japan, Hongkong oder Singapur), 31 Millionen Europäer in einem anderen europäischen Land. 20 Millionen Südamerikaner leben in Nordamerika – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, nicht nur für die Länder, in die sie migrieren, sondern auch für die, aus denen sie kommen: So überweisen diese 20 Millionen Südamerikaner jährlich 36,3 Milliarden Dollar in ihre Herkunftsländer.

Schätzungen zufolge sind derzeit 214 Millionen Menschen auf Wanderschaft, von den armen in die reichen Regionen. Wobei „reich“ ein relativer Begriff ist. Auch im Klub der Reichsten gibt es Arme. Könnten etwa Lettlands Bürger, wie sie wollten, würde das Land rund ein Viertel seiner Einwohner verlieren – fast so viel wie Afghanistan.