Wieder einmal tobt in Deutschland ein Kulturkrieg um die Rechtschreibung

Österreich gibt sich einstweilen eher gelassen.

Am Anfang war der Fehler: Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als Christian Wulff am Abend des 28. Mai zum „Großen Deutsch-Test“ auf RTL antrat. Offenbar hatte der CDU-Politiker den neuen – immerhin seit dem 1. August 1998 gültigen – Rechtschreibregeln bis dato begrenzte Aufmerksamkeit geschenkt: Delfin oder Delphin? Schifffahrt oder Schiffahrt? Majonäse oder Mayonnaise? Foto oder Photo? Wulff, in seiner Funktion als Ministerpräsident Niedersachsens nicht unwesentlich an der Umsetzung der Rechtschreibreform beteiligt, verhedderte sich jedenfalls heillos im Regeldschungel. In der Endwertung der Orthografie-Show musste er sich unter anderem der früheren „Tagesschau“-Moderatorin Susan Stahnke und Popsternchen Jeanette Biedermann geschlagen geben. Wulff, orthografisch angeschlagen, ging forsch in die Offensive: „Diese Reform stiftet nur Verwirrung.“

Das war das Stichwort. Wieder einmal kam damit eine Debatte ins Rollen, die seit Jahren mit bestechender Regelmäßigkeit die Kommentarspalten, Leserbriefecken und Feuilletonseiten der deutschsprachigen Zeitungen füllt.

Seit sich am 1. Juli 1996 Regierungsvertreter aller deutschsprachigen Länder in der so genannten „Wiener Erklärung“ auf einen verbindlichen Zeitplan für die Reform der deutschen Rechtschreibung geeinigt haben, sorgt das neue Regelwerk mit lähmender Regelmäßigkeit für Erregung. Bürgerinitiativen werden gebildet, Unterschriftenlisten herumgereicht, Manifeste verfasst, Gerichte bemüht. Das Feuilleton wird zur Kampfzone. Am 1. August 2000, exakt zwei Jahre nach Einführung der neuen Rechtschreibung in Schulen und Ämtern, setzte sich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Flaggschiff altbürgerlichen Selbstbewusstseins, an die Spitze der orthografischen Gegenreformation und kehrte zur alten Rechtschreibung zurück.

Fritz Rosenberger, im österreichischen Bildungsministerium seit 1986 für die Zwischenstaatliche Koordination der Rechtschreibreform verantwortlich: „Im Sommer ist die Aufregung immer gigantisch. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich meinen Urlaub schon wegen der Rechtschreibreform unterbrechen habe müssen.“

Knalleffekt. Sommer 2004. Seit Wochen schon agitiert die „Bild“-Zeitung, Deutschlands größtes Boulevardblatt, gegen die „Schlechtschreib-Reform“, da kommt es am 6. August zu einem konzertierten Knalleffekt: Genau ein Jahr vor Ende der Übergangsfrist – am 1. August 2005 wird in den deutschsprachigen Ländern die neue Orthografie in Schulen und Ämtern endgültig verbindlich – geben der Springer-Verlag (bei dem unter anderem „Bild“ und die „Die Welt“ erscheinen), der „Spiegel“ sowie, eher halbherzig, die „Süddeutsche Zeitung“ bekannt, sich künftig wieder der „klassischen“ Rechtschreibung bedienen zu wollen – ein Schritt, von dem rund 60 Prozent aller deutschen Zeitungsleser betroffen wären.

Auch wenn die Verlagshäuser bis dato kein detailliertes Ausstiegsszenario vorgelegt haben (nur der Springer-Verlag will in rund vier Wochen die Reform der Reform einleiten), hat die Debatte damit eine nie gekannte Virulenz entfaltet: Die seit Jahren rituell vorgebrachte Anti-Reform-Propaganda ist zum veritablen Kulturkampf eskaliert.

Während die linksliberale Berliner „taz“ das Umkehrmanöver der Konkurrenz mit Spott überzieht („Nachfolgende Generationen gerettet!“) und am Donnerstag vergangener Woche gar in konsequenter Kleinschreibung erscheint, geißelt Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die Reform als „öffentliches Unglück, das uns in logische und semantische Abgründe zu stürzen droht“. „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust stilisiert die Rückkehr zur alten Rechtschreibung gar zu einem „Akt des zivilen Ungehorsams“.

Die deutsche Sprache – eine Großbaustelle, ein Scherbenhaufen: „Krieg“ („Der Standard“), „Glaubenskrieg“ („Wiener Zeitung“) und „Chaos“ („Neue Zürcher Zeitung“) greifen um sich, und während der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in einem wenig differenzierten Rundumschlag in der „Süddeutschen“ gegen die „rassistische, neoliberale und reaktionäre“ Reform vom Leder zieht, sieht sich Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mit einer „nationalen Katastrophe“ konfrontiert. Er befindet sich in bester Gesellschaft mit den großen alten Herren der deutschen Literatur: Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Walter Kempowski.

Noch 1998 entwarf Reformer Rosenberger ein Worst-Case-Szenario: „Wenn mit Deutschland ein wichtiger Partner ausfallen sollte, gäbe es wirklich ein ernstes Problem.“ Sechs Jahre später wird der deutsche Kampf ums rechte Wort hierorts eher gelassen verfolgt: Weder Buch- noch Zeitungsverlage machen Anstalten, dem Vorbild der Spiegel/Springer-Koalition zu folgen, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat die Debatte vergangenen Dienstag kurzerhand im „Sommerloch“ versenkt und sich dezidiert für die Beibehaltung der neuen Regeln ausgesprochen. In seltener Einigkeit votieren Vertreter der SPÖ-nahen Aktion Kritische SchülerInnen und der schwarzen Schülerunion für den orthografischen Status quo. Auch die Lehrer legen ein klares Bekenntnis zu den neuen Regeln ab.

„Schluß damit“. Zwar haben inzwischen auch heimische Politiker wie Sportstaatssekretär Karl Schweitzer oder SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer ihre Reform-Skepsis kundgetan („Wozu brauchen wir etwas, das niemand haben will und an das sich niemand hält?“), doch der Erregungspegel in Österreich ist bislang vergleichsweise niedrig geblieben, wie im Übrigen auch in der Schweiz. Nur die „Kronen Zeitung“ fordert (bislang allerdings ohne konkrete Konsequenzen für das eigene Blatt): „Schluß damit“ – und folgt damit der demoskopisch erhobenen Volksmeinung: Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage für „News“ sprechen sich derzeit 62 Prozent der Österreicher für eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung und 32 Prozent dagegen aus (eine profil-Umfrage erhob vorvergangene Woche 41 Prozent Reformgegner und 38 Prozent Befürworter). Gemessen an vergleichbaren Umfragen aus vergangenen Jahren, überraschen diese Zahlen kaum. 1997 etwa befanden sich die Befürworter der Reform mit zehn Prozent bei weitem in der Minderheit, und noch im Vorjahr gaben nur 29 Prozent der Befragten an, die neuen Rechtschreibregeln anzuwenden. Das Fazit der Studie von 2003: „Die Rechtschreibreform ist kein Aufreger mehr.“ Oder möglicherweise doch?

„Die Diskussion um die Reform der Rechtschreibreform ist Sommertheater in bester Festspielqualität“, ätzt Fritz Panzer, Chef des Ueberreuter-Verlags und vehementer Gegner eines „neuerlichen Reglementierungsanfalls“. Einen solchen lehnt auch der Verleger Jochen Jung (Jung und Jung) ab, wenn auch mit Einschränkungen: „Gerade ist man überall dabei, vor Jahren regulierte Bäche und Flüsse wieder zu renaturalisieren, eine helle Freude für jeden, der’s sieht. Und was lernen wir daraus? Also: Die ss/ß-Schreibung kann bleiben, die liberalisierte Zeichensetzung auch; ansonsten zurück zum fröhlichen Wildwuchs unserer historisch gewachsenen Recht- oder Unrechtschreibung. Da unsere Kinder nicht blöder sind als wir, werden sie es schon derlernen.“

Rundumschläger. „Ich halte das Chaos, das entstanden ist, für überflüssig: Wir haben im Sachbuchbereich die neue Rechtschreibung übernommen und haben es in der Literatur den Autoren freigestellt, was sie wollen. Autoren mit einer eher jüngeren Zielgruppe haben sich für die neue Rechtschreibung entschieden, die anderen sind bei der alten geblieben“, erklärt Deuticke-Verlagsleiterin Martina Schmidt und beschreibt damit zugleich die Vorgangsweise der meisten deutschsprachigen Verlage – auch Suhrkamp, Hanser oder dtv richten sich nach den Wünschen ihrer Autoren.

Am äußersten Ende der Sturheitsskala steht Hans Magnus Enzensberger, der selbst seine Kinderbücher in der alten Rechtschreibung abgedruckt sehen möchte und sich en passant als rhetorischer Rundumschläger geriert (die deutsche Kultusministerkonferenz bezeichnete er etwa jüngst als „Kreis von Legasthenikern“). Reformgegnerin Elfriede Jelinek verleiht ihrem Protest dezenteren Ausdruck, während Marlene Streeruwitz eher die Schultern zuckt (siehe Kästen auf den Seiten 34 und 102). Der Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer („Magic Afternoon“) wiederum kann die Aufregung nicht nachvollziehen: „Die neuen Rechtschreibregeln sind doch logischer; auch liebenswerter. Die jetzige Diskussion ist angezettelt worden von Leuten, die sich wichtig machen wollen. Das ist lächerlich. Auch Schriftsteller wollen sich wichtig machen. Das ist ohnehin unsinnig, weil Schriftsteller sowieso schreiben können, wie sie wollen. Ob das nun so oder so gedruckt wird – mein Gott, das ist jedem sein eigener Kaffee.“

Rückkehr. Klaus Brunner, Chef des Leykam-Verlags und Sprecher der österreichischen Schulbuchverleger, sieht die Situation ebenfalls nüchtern: „In Deutschland nimmt man die Reform wichtiger, als es sein müsste, und macht eine Frage der Nation daraus. Zum Glück herrscht in Österreich in dieser Angelegenheit die Vernunft.“ Eine Rückkehr zur alten Orthografie hält Brunner für höchst unrealistisch – nicht zuletzt aus Kostengründen: 8,7 Millionen Euro hat die österreichischen Schulbuchverleger die Umstellung von rund 3000 Titeln bislang gekostet, ihre deutschen Kollegen beziffern die bisher angefallenen Reformkosten auf rund 260 Millionen Euro.

Dazu kommt die normative Kraft des Faktischen: Die Reform ist nämlich bereits längst vollzogen. Rund zwanzig Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein haben die Reformregeln bereits verinnerlicht. Außerdem erscheint ein Kippen der Reform politisch nahezu unmöglich: In der in Deutschland für diesen Bereich zuständigen Kultusministerkonferenz wäre für ein Abgehen vom Reformweg ein einstimmiger Beschluss notwendig. Bislang haben sich erst vier Mitglieder des 16-köpfigen Gremiums gegen die derzeitige Regelung ausgesprochen. In Österreich hat Bildungsministerin Gehrer, in deren Ressort die Rechtschreibreform fällt, bereits ihre Absicht kundgetan, keinesfalls an der bestehenden Regelung rütteln zu wollen.

Konfliktpotenzial. Warum jedoch birgt die Reform, ein sperriges Konglomerat von Regeln, Ausnahmen und haarscharfen Differenzen, das in der Praxis nur rund zwei Prozent eines durchschnittlichen Textes betrifft, derartiges Konfliktpotenzial? Was ist so unvergleichlich erregungsträchtig am subtilen Unterschied zwischen „alleinstehenden“ und „allein stehenden“ Teilzeitkräften oder „vielversprechenden“ und „viel versprechenden“ Lokalpolitikern? „Die emotionale Reaktion ist schon verständlich: Niemand lässt sich gern etwas wegnehmen, was er mühsam erworben hat“, räumt Karl Blüml, seit dem Vorjahr Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, ein (siehe Interview auf Seite 101).

Ist die Rechtschreibreform also nur wohlfeiler Füllstoff fürs Sommerloch? Keineswegs. Die Rebellion gegen „verordnete“ Orthografie und „Zwangseingemeindung“ (Gerhard Ruiss, Obmann der IG Autorinnen Autoren) trägt immer auch politische Züge. „FAZ“-Herausgeber Schirrmacher, Lordsiegelbewahrer der alten Schreibung, will gar nicht verheimlichen, dass die Auseinandersetzung um die Rechtschreibung eine symbolische ist: „Sie zeigt den Politikern die Grenzen ihrer Zuständigkeit.“ Steht die Rechtschreibreform im Machtspiel zwischen Politik, Medien und Öffentlichkeit also stellvertretend für andere Reformen? „Die Orthografie ist kein linguistisches, sondern ein sozialpolitisches Problem. Mit der Rechtschreibung wird Politik gemacht. Und das ist eine Sauerei. Wenn selbst ein liberales Medium wie der ,Spiegel‘ mitzieht, muss man sich zu fürchten beginnen“, klagt Rudolf Muhr, Linguist an der Uni Graz.

Muhr ist auch einer der wenigen in Österreich, die Widerstand leisten. Gemeinsam mit den Schriftstellern Christian Ide Hintze, Robert Schindel und Peter Henisch hat er jüngst das Manifest „Keine ‚deutsche‘ Rechtschreibung mehr!“ entworfen und unterzeichnet. Darin wird die Bundesregierung etwa aufgefordert, „keine weiteren finanziellen Mittel für die ‚deutsche Rechtschreibreform‘ zur Verfügung zu stellen – keine Gelder für eine Rücknahme, auch keine für eine Volksabstimmung über ‚alt‘ oder ‚neu‘!“ Das Umstürzlerische kommt allerdings auch hier zum Zug. Punkt fünf und sechs des Manifests begehren nicht weniger als eine Verfassungsänderung und eine EU-weite Initiative: Die in der Verfassung verankerte Formulierung „Die Staatssprache ist Deutsch“ soll demnach beispielsweise durch „Die Staatssprache ist österreichisches Deutsch in einem europäischen Kontext“ ersetzt werden; Österreichisch soll zudem als „eigenständige EU-Sprache“ durchgesetzt werden.

Dieser Vorstoß ist so schrullig wie weltfremd. Die Chancen für eine Umsetzung erscheinen ungefähr so realistisch wie die Aussicht, das Wort „Paradeiser“ in der deutschen Verfassung zu verankern. Einstweilen gilt die Losung von „Krone“-Sprachphilosoph Günther „Die Punkterln sind lacherlich“ Nenning: „Politisch ist alles klar: Wir brauchen mehr Harte. Wir mussen mehr kurzen. Sparen, sparen, vorn und hinten, nur oben nicht. Damit haben wir das Problem gelost.“