Wien: Visionär Theophil Hansen prägte Wiens Stadtbild

Theophil Hansen gilt vielen als biederer Historist, dabei war er weit fortschrittlicher und stilsicherer als viele Architekten der Gegenwart. Der vor 200 Jahren geborene Planer prägte Wiens Stadtbild wie kein ­Zweiter. Annäherungen an eine Koryphäe.

Von Alexander Bartl

Anno 1866 testete Theophil Hansen, wie viel er dem Kaiser zumuten konnte. Der von ihm eingereichte Entwurf für einen Wiener Prestigebau brach mit allen Vorgaben. Ausdrücklich waren zwei getrennte Hofmuseen gewünscht, zu beiden Seiten eines weitläufigen Forums, das sich von der Hofburg bis zu Fischer von Erlachs Hofstallungen, dem heutigen MuseumsQuartier, erstrecken sollte. Doch Hansen, der neben Heinrich Ferstel und Carl Hasenauer zu dem kleinen Kreis der zum Wettbewerb geladenen Architekten gehörte, wollte das Museum mitten in den Freiraum wuchten, exakt in die Blickachse, dorthin also, wo Franz Joseph I. von der Residenz aus in die Ferne zu schweifen wünschte. Natürlich ging der aus Dänemark stammende Planer leer aus.

Doch Hansen ließ nicht locker, sprach persönlich beim Kaiser vor. Man darf annehmen, dass er im Zuge dieser Audienz für die Niederlage beim Architektenwettstreit mit einem noch bedeutenderen Auftrag entschädigt wurde. Denn fortan machte er sich nicht mehr für seine Idee des imposant verbauten Fernblicks stark. Stattdessen legte er am neuen Wiener Prachtboulevard, dem Ring, 1874 den Grundstein für das Parlamentsgebäude. Mit Giebelfiguren und Säulen-Chic sollte es altgriechische Ideale beschwören. Nur aus den kräftigen Farben, die Theophil Hansen nach antikem Vorbild für die Fassade vorgesehen hatte, wurde nichts. Marmorweiß sollte das Hohe Haus schimmern. Der Architekt konnte die Korrektur verschmerzen, wenngleich er sich darüber ziemlich geärgert haben soll.

Doch wie schon beim verwegenen Museumsentwurf gab es abermals Kritik, diesmal allerdings nicht vom Kaiser, und sie richtete sich auch nicht gegen das Bauwerk, sondern ausgerechnet gegen den Straßenzug, den es schmücken sollte. Damit das Gebäude seine Wirkung entfalten könne, benötige es einen anständigen Vorplatz, befand der österreichische Architekturtheoretiker Camillo Sitte. Die Ringstraße müsse hier weg: „Kann man denn einem Bau, der auf große Perspektivwirkung angelegt ist, den unentbehrlichen Vorplatz zum Rücktritt verweigern? Man sollte es nicht für möglich halten, aber der moderne Stadtbau in seiner absoluten Unfähigkeit, die Bedingungen der Kunst auch nur zu begreifen, geschweige denn zu befriedigen, brachte auch das zuwege.“ Selbstverständlich blieb die Ringstraße dort, wo sie sich befand, schließlich war sie Ursache und Bedingung für die Prachtbauten, die wie urbane Karussellfiguren das alte Zentrum einkreisten.

Während Baron Haussmann in Paris rigoros Schneisen durch die Altstadt schlug und alles planierte, was sich seinen Boulevards in den Weg stellte, um der französischen Metropole ein zeitgemäßes Antlitz zu verleihen, gelang der große Coup in Wien auf andere Weise. Man schnitt keine schnurgeraden Sichtachsen in den Bestand. Wien baute an. „Es ist mein Wille“: So begann Franz Joseph 1857 jenes berühmt gewordene Schreiben, in dem er seine Pläne zur Vergrößerung und „Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt“ ausführte. Die Festungsanlagen sollten geschliffen und auf der Grünfläche davor, die ihre strategische Funktion als Glacis längst verloren hatte, die Lücke zwischen der alten Mitte und den eingemeindeten Vorstädten möglichst stilvoll geschlossen werden.

Als einer der prägenden Protagonisten dieses Jahrhundertprojekts trat Theophil Hansen in Erscheinung, dessen Geburtstag sich demnächst, am 13. Juli, zum 200. Mal jähren wird. Aufgewachsen in Kopenhagen, studierte er an der dortigen Kunstakademie und brach dann nach Deutschland auf. In Berlin setzte er sich mit den Bauten von Karl Friedrich Schinkel auseinander, dem führenden Klassizisten des Landes. Anschließend holte ihn sein auch als Architekt tätiger Bruder nach Athen. Die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft war der Auftakt für den Zuzug zahlreicher Künstler aus Europas Norden, die sich hier auf Zeit niederließen, um die nunmehr frei zugänglichen historischen Monumente zu besichtigen. Nachdem sich Hansen also zunächst mit den Variationen des antiken Formenvokabulars in Deutschland beschäftigt hatte, bekam er Gelegenheit, das ihnen zugrunde liegende Thema aus nächster Nähe an den Originalschauplätzen zu würdigen. Er studierte deren Konstruktion und Dekor, um daraus etwas zu formen, das als Ringstraßenstil in die Architekturgeschichte eingehen sollte.

Im Jubiläumsjahr widmen sich gleich mehrere Wiener Ausstellungshäuser der Bedeutung des Architekten und seiner zentralen Rolle bei dem gigantischen Wiener Stadterweiterungsprojekt. So zeigt die von Adolph Stiller kuratierte Schau „Theophil Hansen: Klassische Eleganz im Alltag“ im Wiener Ringturm (bis 6. September) sowohl Pläne als auch Fotos von Hansens Wiener Prachtbauten wie dem Musikverein (1870), der Akademie und der Börse (beide 1877) sowie dem 1883 vollendeten Parlament. Darüber hinaus weitet sie den Blick für seine Werke jenseits von Wien, etwa für das Landeskrankenhaus (1868) oder das Palais Klein (1848) in Brünn. Dank zahlreicher Zeitzeugnisse vermittelt die Ausstellung zugleich ein Gefühl für Befindlichkeit und Meinungsklima im 19. Jahrhundert.

Während Hansens Werke wie Souvenirs einer versunkenen Epoche in unsere Gegenwart ragen, gefertigt von Architekten, die sich wahlweise der Antike, der Renaissance oder dem Barock zuwandten, empfanden Zeitgenossen den Rückgriff als keineswegs altbacken, sondern sogar als zu modern. Denn Hansen fabrizierte in Wien keine attischen Tempel-Klone. Vielmehr sind seine Bauten ein Remix antiker Architekturhits.

Wie Hansen auf die Bedürfnisse der Gesellschaft seiner Zeit einging, zeigt in Wien das Wagner:Werk Museum Postsparkasse in der sehenswerten Ausstellung „Theophil Hansen: Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten“ (bis 17. August). Die Kuratoren Wolfgang Förster und Monika Wenzl-Bachmayer widmen sich jenen Werken, bei denen der Planer Innovationskraft bewies, wenn auch eher hinter den Fassaden: Mit dem sogenannten Zinspalais erfüllte er das Repräsentationsbedürfnis des erstarkenden Bürgertums und behielt zugleich dessen ökonomische Interessen im Auge.

Das war umso wichtiger, als das Ringstraßenprojekt durch den Verkauf der Parzellen auf dem vormaligen Glacis an private Bauherren finanziert wurde. Die Grundstückspreise waren vielfach derart überzogen, dass der interessierte Adel passen musste. Wer Unsummen für seinen Bauplatz bezahlte, wollte natürlich kein Haus haben, das sich verschämt in den Schatten eines kaiserlichen Museums duckte. Stattdessen sollte es den Palästen der Aristokratie die Stirn bieten. Und Theophil Hansen war der richtige Mann für die gebauten Visitenkarten des Bürgertums.

Für den Bankier Gustav Epstein entwarf er in Sichtweite der Hofburg ein Palais mit Renaissance-Fassade. Im Inneren aber organisierte er das Haus funktional und zweckmäßig. Über der Privatbank im Erdgeschoss erstreckte sich die Beletage mit den Wohnräumen des Hausherren, darüber verstaute Hansen Mietapartments, die er mit einer gesonderten Treppe erschloss. Wollten sich deren Bewohner wichtigmachen, durften sie zwar auch Herrn Epsteins Prunktreppe benutzen, mussten den Bankier aber vorher um Erlaubnis bitten. Als Bauleiter des Palais Epstein fungierte übrigens Otto Wagner. Seine Zusammenarbeit mit Hansen und seine Auseinandersetzung mit dem Historismus werden in der ­Ausstellung im Museum Postsparkasse ebenfalls beleuchtet.

Den Prototypen des bürgerlichen Mietshauses und zugleich dessen imposantestes Exemplar entwarf Hansen für den Ziegelfabrikanten Heinrich Drasche gegenüber der Staatsoper. Der im Zweiten Weltkrieg beschädigte, danach abgebrochene Heinrichhof erstreckte sich über sechs Parzellen und wurde mit seiner geschlossenen Blockbebauung zum Vorbild des Wiener Wohnbaus. Ganz in der Nähe, an der Kärntner Straße, baute Hansen ein Palais für die Bankiers Eduard und Moritz Todesco. Der Architekt begnügte sich nicht mit Gebäudehüllen. Er schuf bis zu den Türgriffen durchgestaltete Gesamtkunstwerke, arbeitete mit berühmten Malern wie Carl Rahl und Anselm Feuerbach. Anschließend versah er die Räume mit selbst entworfenem Mobiliar. Und wenn die Dame des Hauses nicht genug bekommen konnte von den Kreationen des dänischen Architekten, besorgte sie sich bei Lobmeyr auch noch ein von Hansen gestaltetes Trinkservice mit griechischer Gravierung, das mit der Fassade des Eigenheims harmonierte. Die Historismus-Codes halfen den Bankiers und Großunternehmern, ihre neue Rolle in der Gesellschaft dekorativ auszugestalten.

Wer die Schöpfer der Antike und der Renaissance als Kronzeugen aufrief wie Hansen, wer den Anspruch erhob, in deren Sinne zu entwerfen, dem waren Experimente am Bau grundsätzlich suspekt. Was konnte erhabener sein als ein Stil, der zeitlose Schönheit versprach? Der Einfall, die Fassaden abzuräumen, weil sich glatte Flächen womöglich besser machten als ein vom Sockelgeschoß bis zur Traufe drapierter Skulpturenpark, passte noch nicht in die Zeit. Leichtbau? Flachdach? Bungalows? Solche Kreationen im Herzen der Stadt hätte Hansen vermutlich eigenhändig mit einer dorischen Säule zertrümmert.

Dennoch ist der Historismus jene Ära, die im direkten Vergleich mit Renaissance und Barock für viele eher enttäuschend abschneidet. Niemand würde behaupten, Hansen und Co. hätten die Städte verschandelt, doch unterschwellig ist bis heute ein Ressentiment spürbar gegen den Import des Althergebrachten ins Industriezeitalter. So krachte unlängst in Berlin ein Stück Putz von der Decke eines Schinkel-Bauwerks, der Friedrichwerderschen Kirche. In der Nachbarschaft wird im großen Stil gebaut; insofern lag es nahe, das Malheur mit den Erschütterungen des Untergrunds zu erklären. Doch ein Berliner Tragwerksplaner, dem die lokale Presse großzügig Platz für seine gewagte These einräumte, schob einem anderen die Schuld zu: Schinkel nämlich, denn dieser habe die Kirche falsch gebaut, keine Ahnung von Statik habe der Mann gehabt.

Wenn also am Wiener der Zweifel nagt, ob man die Ringstraße eventuell mit einer kühneren Vision etwas beherzter in die Zukunft hätte katapultieren können, so mag ein Blick auf die Lebenswelt der Gegenwart heilsam wirken. Schließlich zeichnet sich der Zeitgeist des 21. Jahrhunderts bislang vor allem dadurch aus, dass er sich in saisonal wechselnde Retro-Moden kleidet – mit dem Unterschied, dass uns diese Form der Lifestyle-Renaissance eher selten den Glanz früherer Epochen vorführt. Vielmehr wirkt die Vergangenheit hier meist wie aufgetaute Nostalgiekost für den schnellen Konsum.

Zugegeben, die Architektur-Avantgarde ist inzwischen wieder davon abgekommen, den Fundus der Antike zu durchwühlen, was vor allem daran liegt, dass sie sich in den 1980er- und 1990er-Jahren beim Plündern bis zur Erschöpfung verausgabt hat. Was die Protagonisten der Postmoderne säulentechnisch in die Metropolen gehämmert haben, sollte zwar ironisch gemeint sein. Doch die Witzburgen findet inzwischen kaum noch jemand lustig. Weil sich gelungene Großprojekte dieser Tage auf andere als antike Stilfundamente stützen, haben die Retro-Verfechter ein neues Terrain erobert: die Tiefebene der Massenfertigung. Das Ergebnis ist Deko-Ramsch in Antikoptik, den viele Ausstatter ihrer Kundschaft ins Neo-Nostalgie-Bad montieren.

So bieten die einschlägigen Ausstellungen im Hansen-Jubiläumsjahr auch die Chance, in eine Epoche einzutauchen, deren Renaissance-Recycling noch andere Ergebnisse produzierte als Karikaturen der Historie. Einziger Nachteil des großen Hansen-Hurras: Man könnte meinen, der Architekt habe die Wiener Ringstraße im Alleingang mit Prestigebauten bestückt. Vielmehr war das Projekt eine Ensembleleistung, Gerangel um lukrative Aufträge und Enttäuschungen inbegriffen.

Das schmucklos Schlichte überlasse er den „Vorstadtarchitekten“, soll Hansen einmal gesagt haben. So sprach einer, der als Architekt, Ehrenbürger und Professor an der von ihm selbst entworfenen Akademie längst zum Establishment zählte. Er blieb in Wien, in der Nähe seiner Meisterwerke, wo er 1891 starb.

Mancher Vorstadtarchitekt, der weder schlicht noch schmucklos bauen wollte, mochte sich über ihn empört haben. Inzwischen muss man Hansen für seine Weitsicht rühmen. Denn die Bauindustrie der Gegenwart, die ihre auf alt und üppig gestylten Neubauten in die Peripherie zimmert, hätte einen wie ihn dringend nötig.