Wien-Wellington: Die Wiener Wurzeln des neuseeländischen Premierministers Key

Neuseeland. Das unbekannte Schicksal der jüdischen Vorfahren von Premier John Key: Seine Mutter war Österreicherin. In der NS-Zeit wurde die Familie beraubt, manchen gelang die Flucht, drei Verwandte starben in Vernichtungslagern.

Ein Grabstein auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs ist die einzige sichtbare Spur, die auf die Herkunft des neuseeländischen Premiers John Key hinweist. Von Efeu umwachsen, der in Granit gemeißelte Name „Max Lazar“ und die hebräische Inschrift sind verwittert, kaum noch lesbar.
Max Lazar war der Großvater von John Key.

John Key wurde vor vier Wochen in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington als Premier angelobt. Sein Leben war von starkem Aufstiegswillen geprägt. Damit hatte er seine beiden Träume erfüllt. Schon als Achtjähriger soll er seiner Mutter gesagt haben, was er einmal erreichen wollte: „Millionen Dollar verdienen und Ministerpräsident werden.“ Key absolvierte ein Wirtschaftsstudium in Großbritannien, wurde dann Finanzprüfer in seiner Heimatstadt Christchurch in Neuseeland. Im Alter von 34 Jahren stieg er bei der Investmentbank Merrill Lynch als Devisenhändler in Singapur ein, wo er sich als hartnäckiger und geschickter Stratege profilierte. Noch im selben Jahr wurde er Leiter der Abteilung für Außenhandel in London. Knapp 2,25 Millionen Dollar verdiente Key damals im Jahr. So viel hatte keiner aus der alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie je erreichen können.

Familienehrgeiz. Vor sechs Jahren erst kehrte der Banker nach Neuseeland zurück und stieg in die Politik ein. Vier Jahre ­später war er Parteichef der konservativen New Zealand National Party. Am 11. November 2008 ging seine Partei mit 45 Prozent als unangefochtener Sieger aus den Parlamentswahlen hervor. Es war die Erfüllung eines Traums, den Key nach eigener Aussage dem Überlebenskampf der Mutter zu verdanken hat. John Keys Mutter Ruth, geborene Lazar, war gerade 16 Jahre alt geworden, als die Nationalsozialisten im März 1938 in Österreich einmarschierten. Die Lazars waren eine typische jüdische Mittelstandsfamilie in Wien gewesen. Der Vater hatte mit seinen Brüdern 1922 eine Lederwarenfirma gegründet, bald kam eine Gerberei in Simmering dazu. Die Kinder Herbert und Ruth wuchsen in einem jüdischen, aber nicht streng religiösen Milieu auf. Sie besuchten wie viele jüdische Kinder aus liberalen Familien das Realgymnasium Radetzkyschule in Wien-Landstraße, nur zwei Häuserblocks von der elterlichen Wohnung entfernt. 1929/30 hatte dort der spätere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky maturiert, Kreiskys Onkel Oskar unterrichtete an der Radetzkyschule Deutsch und Französisch, ehe er im März 1938 als Jude entlassen wurde. „Ruth war ein sehr lebendiges, hilfsbereites Mädchen“, erinnert sich die 85-jährige Susan Messinger, eine von Ruths ehemaligen Klassenkameradinnen, die heute in Chicago lebt. 44 Mädchen waren sie in der Klasse. „Ruth war ehrgeiziger als die Mädels aus den wohlhabenderen Häusern“, erzählt sie. Einmal gab es eine Nachprüfung in Französisch, im Fach Handarbeit war Ruth immer unter den Besten.

NS-Herrschaft. Die Demütigung, im Laufe des Jahres 1938 wie alle jüdischen Kinder das Schulhaus nicht mehr betreten zu dürfen, musste Ruth Lazar nicht mehr ertragen. Sie war schon im Juli 1937 abgemeldet worden. Das hatte vermutlich finanzielle Gründe: Ruths Vater, Max Lazar, war knapp ein Jahr davor verstorben. Selbst einen Teil der Begräbniskosten musste sich die Familie stunden lassen. Und es waren keine großen Summen: Im Beerdigungsbuch vom 22. Mai 1936 ist exakt aufgelistet, dass 1088 Schilling in Rechnung gestellt wurden, davon zehn Schilling, für den Rabbiner und 17 Schilling für Kantoren und Chor.

Über einen Anwalt betrieb Margarethe, die Großmutter des Premiers, von 1937 an unermüdlich die Eintragung ins Handelsregister. Die Simmeringer Lederwerke wurden nach Max’ Tod von seinem jüngeren Bruder geführt, der Firmensitz mehrmals verlegt, die Firma befand sich vermutlich in keiner leichten Lage. 1938 war es zu spät für das Handelsregister. Margarethe versuchte jetzt rasch, die Erbschaftsangelegenheiten für die minderjährigen Kinder zu regeln und den 22,9-prozentigen Anteil am Firmenvermögen auf ihren Namen zu übertragen.

Am 27. Mai 1938, zwei Monate nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, füllte Margarethe Lazar den Fragebogen aus, den die eilends geschaffene „Auswanderungsabteilung“ der Kultusgemeinde ausgeschickt hatte. Das Formular sollte der jüdischen Gemeinde einen Überblick über die finanziellen Möglichkeiten, die Berufe und die Fluchtziele ihrer Mitglieder verschaffen. Margarethe Lazar konnte ihre wirtschaftliche Lage nur als trist beschreiben: „Ich werde unterstützt (...) erhalte für meine Kinder einen Erziehungsbeitrag von den Kompagnons meines verstorbenen Mannes.“ Geldmittel für die Auswanderung könne sie lediglich über den „Verkauf meiner Wohnungseinrichtung“ bekommen, in einem anderen Land wolle sie „jeden leichteren Beruf ausüben, Kinderpflege, Hausgehilfin, Krankenschwester“.

Lederwarenfirma. Im Juli 1938 gab die damals 54-jährige Witwe bei den NS-Stellen das Vermögensverzeichnis ab, das Juden ausfüllen mussten. Sie selbst, schrieb sie, habe nichts als eine goldene Zigarettendose, einen Brillantring und eine goldene Uhr im Gesamtwert von 650 Reichsmark. „Vorsorglich“ wolle sie aber das Erbe ihres Mannes anmelden. Margarethe Lazar beziffert den Wert des Anteils an den Lederwerken mit knapp 1800 Reichsmark.

Auch die beiden Mitgesellschafter der Lederwerke, Max’ Brüder Jacques und Norbert, mussten im Juli 1938 ihr Vermögen deklarieren. Aus allen Angaben zusammen errechnet sich der Wert des kleinen Unternehmens am Stichtag 27. April 1938 auf 7800 Reichsmark, umgerechnet entspräche das etwa 30.000 Euro. Die zum Firmenvermögen gehörenden Liegenschaften und ein Haus in Wien-Simmering führten die Lazars gegenüber den NS-Stellen nicht extra an.

Für den jüngsten Bruder, Norbert Lazar, reichte seine Frau Mathilde im März 1939 ein Vermögensbekenntnis nach: Ihr Mann war im Zuge des Novemberpogroms 1938 mit tausend anderen Wiener Juden ins Konzentrationslager Dachau deportiert worden. Der Geschäftsführer der Simmeringer Lederwerke, Jacques Lazar, der unverheiratet geblieben war und 40 Prozent an der Firma besaß, gab gegenüber den NS-Behörden im April 1939 an, das Büro im zweiten Wiener Gemeindebezirk und das dazugehörige Lager seien am Tag nach der Pogromnacht geschlossen worden. Seine Vermögenserklärung liege im Büro. Er habe keinen Zugang mehr zu den Geschäftsräumen.

Deportation und Flucht. Die Vermögensakten von Jacques und Norbert Lazar wurden später mit dem Stempel „NACH POLEN“ versehen: Die beiden Brüder und Norberts Frau Mathilde waren im Februar 1941 im ersten Transport nach Polen verbracht worden. Auf diese Deportationen hatte Wiens Reichsstatthalter Baldur von Schirach gedrängt, um jüdische Wohnungen frei zu bekommen. Adolf Hitler hatte im Dezember 1940 angewiesen, „die im Reichsgau Wien noch wohnhaften 60.000 Juden beschleunigt (...) abzuschieben“.

Der andere Teil der Familie überlebte. Der einzigen Tochter des in Polen ermordeten Ehepaars Norbert und Mathilde, Herta, gelang die Flucht nach England. Die Herkunftsfamilie von Premierminister John Key, seine Großmutter Margarethe Lazar, seine Mutter, die damals 16-jährige Ruth, und sein Onkel Herbert sowie die Urgroßmutter, schaffte es ebenfalls nach England. Wie genau, ist aus den Akten nicht im Detail zu rekonstruieren. Margarethes Schwester, Lottie Karpeles, muss irgendwann im Laufe der zweiten Hälfte des Jahres 1938 die Ausreise nach England gelungen sein. Dort fand sie einen britischen Soldaten, mit dem sie gegen Bezahlung eine Scheinehe einging, was ihr den Aufenthalt sicherte. Nach der Trauung sollen sie sich nie wieder gesehen haben. Aber sie konnte nun einem Teil der in Wien verbliebenen Familie Visa für England verschaffen. Für Ruth fand sie eine Arbeit als Modistin. Später arbeitete Ruth in der ­britischen Armee. 1948 heiratete die damals 26-jährige Ruth George Key, 34, einen ­britischen Ex-Soldaten. Zwölf Monate später kam ihre erste Tochter Liz zur Welt. George und Ruth wollten raus aus der düsteren Nachkriegsära Englands und in Neuseeland ein völlig neues Leben aufbauen. Mitte der fünfziger Jahre schifften sie sich nach Auckland, am anderen Ende der Welt, ein.

Zunächst ließen sich die Keys in Auckland, auf der Nordinsel, nieder. Doch George fand keine guten Jobs und fühlte sich in dem subtropischen Klima unwohl. Immer wieder wechselten die Keys ihren Wohnsitz, um in eine andere Stadt zu ziehen. Ruth war mittlerweile dreifache Mutter, 1958 wurde Sue geboren, 1961 ihr jüngstes Kind John. Auch die Eröffnung eines eigenen Restaurants erwies sich als Flop, die Keys verschuldeten sich über beide Ohren. George Key wurde alkoholsüchtig, das Verhältnis zu Ruth zunehmend distanzierter. 1969 starb er im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt. Die Keys wohnten zu diesem Zeitpunkt in einer kleinen Sozialwohnung in der Stadt Christchurch auf der Südinsel. Ruth war nun auf sich alleine angewiesen, schuftete bis in die Abendstunden als Putzfrau, um den Kindern die bestmögliche Schulausbildung zu finanzieren.

Entschädigung. In dieser unruhigen Zeit der Wohnungswechsel und Arbeitssuche erreichte ein eingeschriebener Brief aus dem fernen Auckland den „Fonds zur Abgeltung von Vermögensverlusten politisch Verfolgter“ in der Wiener Taborstraße. Ruth Key hatte sich über den Wiener Anwalt Ernst Brande, dessen Sohn heute noch auf der Dominikanerbastei seine Kanzlei betreibt, an die Republik Österreich um Entschädigung gewandt. Es war höchste Zeit. Die Einrichtung des so genannten Abgeltungsfonds war Ende der fünfziger Jahre mit den Westalliierten vereinbart, aber erst im Frühjahr 1961 verwirklicht worden und sah kurze Fristen vor. Der Aufruf an die Opfer des Nationalsozialismus wurde im Sommer 1961 im Amtsblatt der „Wiener Zeitung“ veröffentlicht. Bis 31. August 1962 konnte man sich melden. Am vorletzten Tag langte Keys Antrag im Büro des Fonds ein. In der gebotenen Eile, in der das Formular wohl fernmündlich zwischen Wien und Auckland verhandelt worden war, fehlen die Sterbedaten der Eltern. Doch Key verweist auf zwei Cousinen, geborene Lazar, die damals in Israel lebten. In der Rubrik „Bankguthaben“ kann Ruth Key keine genauen Angaben machen, auch die Höhe der Reichsfluchtsteuer und der Judenvermögensabgabe ist ihr nicht bekannt. Mit ihrer Unterschrift hat sie zugleich alle österreichischen Institutionen und Banken ermächtigt, jede Information einzuholen, die ihre Familie, die einstige Firma und die Liegenschaften betrifft.

Abgelehnt. Ein gutes Jahr später, im September 1963, erhielt sie einen eingeschriebenen Brief: „Rechtskräftig abgewiesen“. Sie hätte, so die Rechtsbelehrung, „trotz schriftlicher Aufforderung (...) die geltend gemachten Verluste weder präzisiert noch Beweise für die behaupteten Verluste erbracht“. Weder Ruth Key noch ihr Bruder oder ihre Eltern „scheinen in der erhaltenen Reichsfluchtsteuer-Kartei auf“. Auch „bezüglich der JUVA-Zahlungen (Judenvermögensabgabe, Anm. d. Red.) seien „keine Unterlagen vorhanden“. Der einzige Vermögenswert, den man gefunden habe, sei ein 22,9-prozentiger Anteil an einem Unternehmen, das jedoch liquidiert worden war.

Die Bemühungen von Herta Allison, Tochter von Norbert und Mathilde, die in Polen umgekommen waren, hatten ebenfalls keinen Erfolg. Herta Lazar war als 18-Jährige, im Februar 1939, von Wien nach England geflüchtet und dort geblieben. Sie gab beim Abgeltungsfonds die Firmenanteile des Vaters sowie drei Bankverbindungen der Lazars an, mit konkreten Kontonummern. Für Guthaben in Prag und Ungarn könne „eine Zuwendung nicht gewährt werden“, da der Fonds nur für Österreich zuständig sei, hieß es im Bescheid. Und auf dem Konto des Österreichischen Postsparkassenamtes hätten sich im Mai 1939 nur noch 53 Reichsmark befunden, eine zu geringe Summe, um nachzuforschen, ob es der Familie gehörte. Weiters: keine Hinweise auf Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe, bloß ein 37-prozentiger Anteil an einem Unternehmen, das jedoch nicht mehr existiert. Das Firmenvermögen, „darunter ein Haus im Schätzwert von 100.000 Reichsmark“, habe der damalige Abwickler Ernst Mück veruntreut, berichtete die Erhebungsabteilung. Der Antrag von Herta Allison auf Entschädigung wurde abgelehnt.

Ernst Mück, ein Parteigenosse mit besten Verbindungen zur nationalsozialistischen Vermögensverkehrsstelle, war im November 1938 mit der Abwicklung der „Simmeringer Lederwerke Gebrüder Lazar“ betraut worden (siehe Kasten). Nach Aktenlage hatte er mehrere jüdische Firmen im zweiten Wiener Gemeindebezirk abgewickelt, deren Betriebsvermögen veräußert und das Geld eingesteckt. Auch die Verkaufserlöse und Bankguthaben der Lazars. Herta Allisons Eltern hatten zum Zeitpunkt, als eine Flucht noch möglich gewesen wäre, weder ein Sperrkonto, von dem die Reichsfluchtsteuer hätte bezahlt werden können, noch andere Geldmittel zur Verfügung. Im Februar 1941 wurden sie nach Polen deportiert, wo sich ihre Spur verliert, erst 1950 wurden sie gerichtlich „für tot erklärt“.

Ruth Key starb im Mai 2000 im Alter von 78 Jahren in Neuseeland. „Sie hat sich immer wieder aufgerichtet und weitergemacht“, sagt die älteste Tochter Liz. „John war ihr liebstes Kind“, sagt die jüngere Schwester Sue. „Sie wollte ihm alles ermöglichen.“

Von Marianne Enigl, Gunther Müller und Christa Zöchling