Wiener Festwochen: Politgetrampel

Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat Regisseur Martin Kusej in „vertraulichen Verhandlungen“ die Intendanz der Wiener Festwochen in Aussicht gestellt – und wieder entzogen. Intendant Luc Bondy ist konsterniert, Kusej tobt.

Mit vertraulichen Gesprächen scheint der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny kein Glück zu haben. Vor einem Jahr erst wurde seine Neubesetzung der Direktion des Wiener Volkstheaters von den Störgeräuschen publik gemachter „geheimer Absprachen“ begleitet. Nun zeichnet sich ein ähnlicher Fall ab: Wieder geht es um Gespräche, die Mailath unter dem Siegel absoluter Diskretion geführt hat, und wieder hat sie einer der Betroffenen empört an die Öffentlichkeit gebracht. Das Ergebnis ist erneut so desaströs wie die Optik des Mailath’schen Taktierens. Ein kulturpolitischer Nahkampf hat eingesetzt, in dem es, wie es scheint, nur Verlierer gibt: verärgerte Künstler, die um ihren guten Namen und den Ruf ihrer Festivals bangen, sowie ein angeschlagener Kulturstadtrat, der sich verzweifelt bemüht, die Wellen zu glätten, die seine Besetzungspolitik hoch schlagen ließ.

Die Wiener Festwochen stehen gegenwärtig unvermutet im Zentrum der Debatten. Regisseur Martin Kusej, der neue Schauspielchef der Salzburger Festspiele, hat vergangene Woche Alarm geschlagen und Journalisten von seinen streng vertraulichen Begegnungen mit Andreas Mailath-Pokorny berichtet. Dieser habe ihm, so Kusej im Gespräch mit profil, den Intendantenposten der Wiener Festwochen angeboten: Ab 2008 hätte er, so der Vorschlag, das Festival leiten sollen. Da Kusej in Salzburg für nur zwei Jahre bestellt ist und nach ihm Jürgen Flimm die Kontrolle über das Schauspiel übernehmen wird, wäre er für den Wiener Job tatsächlich verfügbar gewesen.

Während Mailath zu den Gesprächen mit Kusej weiterhin nur vage Andeutungen macht (siehe Interview-Kasten), wartet Kusej mit Details auf: „Am 14. Oktober“, sagt er, „ist Mailaths Theaterreferent Günter Lackenbucher an mich herangetreten und hat mich mit der Frage überrascht, ob ich mir vorstellen könnte, ab 2008 Intendant der Festwochen zu sein. Ich habe mir das dann ein paar Tage lang überlegt und Mailath kundgetan, dass mich das schon interessieren würde. Er hat mich dann in Berlin besucht und mir konkrete Unterlagen unterbreitet, in denen ganz klare Eckdaten für einen Vertrag formuliert waren: Da ging es bereits um inhaltliche Details, um die Gründung eines Festwochen-Aufsichtsrates etwa.“ Mailath habe ihm schließlich „sogar einen Mustervertrag“ vorgelegt.

Der Behauptung Mailaths, er habe Kusej zeitgerecht abgesagt, tritt der Regisseur entschieden entgegen: „Bis vorvergangene Woche habe ich nichts mehr von Mailath gehört. Eigentlich wollten wir uns nach seinem Urlaub treffen, um alles klar zu machen.“

„Hinhaltetaktik“. Mailath sei dann aber tagelang nicht zu sprechen gewesen. „Da habe ich mir schon gedacht, dass da etwas nicht stimmt. Unter einer Absage verstehe ich ein einvernehmliches Gespräch mit Erklärungen – die hat es von ihm nicht gegeben. Nur ein nervöses Gestammel, das ich als Hinhaltetaktik interpretiert habe. Abgesehen davon: Man kann nicht mehr zurück, wenn man einmal abgesprungen ist; genauso wenig kann man einfach so zum Spaß mal mit Leuten verhandeln und sie dann im Regen stehen lassen – oder man verfolgt ganz andere, taktische Spielchen.“ Kusej sei menschlich jedenfalls „sehr enttäuscht“.

Luc Bondy, der derzeit am Berliner Ensemble das Botho-Strauß-Stück „Die eine und die andere“ mit Edith Clever probt, hat, wie er bekennt, von den Verhandlungen Mailaths mit Kusej erst Donnerstag vergangener Woche erfahren: „Ich bin angesichts dieser Nachricht sehr verwundert. Ich will jetzt niemandem in den Rücken fallen, aber diese Geschichte ist mir sehr unangenehm.“ Man habe ihn, sagt Bondy, „in eine unschöne Situation gebracht. Das ist sehr, sehr ungeschickte Kulturpolitik. So geht man mit Leuten nicht um.“ Bondy kritisiert Mailaths Spiel nach allen Seiten scharf: „Auch mit mir wurde ja immer vereinbart, dass mit niemandem sonst verhandelt werde.“ Allerdings ortet Bondy den Gegenwind, der ihm als Festwochenintendant entgegenschlägt, nicht in der Person Mailath allein: „Dass mein künstlerisches Profil seinem neuen Berater, dem Herrn Lackenbucher, nicht passt, war mir von Anfang an klar. Die Frage ist doch: Wie kommen solche Leute dazu, mir ins Gesicht zu blicken und gleichzeitig hinter meinem Rücken mit anderen zu verhandeln?“ Man wisse ja, dass in der Politik „solche Dinge leider üblich“ seien: „Das große Problem ist aber, dass die Politiker, die mit Kultur zu tun haben, manchmal auch an Leute geraten, die Künstler sind. Wenn sie aber mit Künstlern so umgehen, als wären wir Generäle von Streitmächten oder Offiziere, dann wird das sehr heikel für das kulturelle Klima einer Stadt. Auf sensiblen Leuten herumzutrampeln, als wäre man Ware, ist keine gute Entscheidung.“

Es gehe nun auch, sagt Luc Bondy, um das Ansehen seines Festivals. „Das ist enorm beschädigend für die Festwochen, die so ganz unverschuldet ins Gerede kommen. Aber diese Geschichten sind so typisch für Wien. Man wird abgekanzelt, weil man gerade nicht in der Stadt ist. Das hat anscheinend Tradition.“

Es ist insbesondere Mailaths Erklärung, dass ihm Bondy erst unlängst „Signale“ für eine Weiterarbeit an den Festwochen gegeben habe, die Bondy so sehr verstört. Im Oktober 2004, stellt Bondy fest, könne Mailath nicht davon ausgegangen sein, dass sich sein Interesse an den Festwochen verringert hätte: „Unsere Verhandlungen haben schon im Sommer 2004 begonnen. Schließlich muss ein Intendant doch, zumal in der Vorbereitung der Opernproduktionen, langfristig planen.“ Bondy pocht zudem auf die Tatsache, dass nicht nur er daran Interesse habe, die Festwochen langfristig weiterzuführen: „Der Wunsch, dass ich hier weiterarbeite, ist kein einseitiges Signal, ich empfange es etwa auch vom Herrn Bürgermeister. Ich bin kein Bittsteller, sondern als Leiter einer wichtigen kulturellen Einrichtung ein Gesprächspartner, der daran interessiert ist, mit seinem Team in Wien weiterzumachen. Das weiß man doch – und nicht erst seit kurzem.“

„Ausgenutzt“. Martin Kusej hat jedenfalls entschieden genug von dem Theater um seine verhinderte Zukunft bei den Festwochen. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen – das Ganze war ja nicht meine Idee.“ Ihm gehe es nun „nur darum, dass die Qualität meiner Arbeit und meine Reputation unbeschadet bleiben – wenn das gefährdet wird und ich mich ausgenutzt fühle, muss ich reagieren. Das muss dann auch öffentlich diskutiert werden, denn Kulturpolitik ist eine öffentliche Angelegenheit. Unabhängig von ihrer Qualität. Das werden die Menschen in Wien ja jetzt selber beurteilen können.“

Während sich Kusej aus dieser, wie er sagt, „absolut österreichischen“ Affäre zurückzieht, sieht sich Luc Bondy nun in einer denkbar schwierigen Position: Seine bekannt angeschlagene Beziehung zu Kunststaatssekretär Franz Morak auf Bundesebene wird nun durch das neue Misstrauen zwischen ihm und der Stadt Wien ergänzt. Dabei habe er, fügt Bondy an, die vielen Angebote anderer internationaler Institutionen stets mit „Ich bin in Wien im Wort“ quittiert. Ob Luc Bondy unter den gegebenen Umständen Lust haben wird, seine Loyalität zu Wien weiter aufrechtzuerhalten, wird sich weisen.