Stefanie Carp: Wiener Festwochen seien eine „Intrigenmaschine“

Wiener Festwochen - Stefanie Carp: Wiener Festwochen seien eine „Intrigenmaschine“

Stefanie Carp, scheidende Schauspielchefin der Wiener Festwochen, zieht Bilanz. Sie übt Kritik an der Konzeption und Geschäftsführung des Fes­tivals – und an der „Intrigen­maschine“ in Wien.

Interview: Karin Cerny

profil: Die Festwochen gehen in die Zielgerade. Waren Sie mit Ihrem Schauspielprogramm heuer zufrieden?
Carp Man ist doch nie zufrieden. Es gab viel Riskantes und Emotionales in der diesjährigen Auswahl.

profil: Welche Programmpunkte haben eigentlich Sie programmiert, welche Festwochen-Chef Luc Bondy?
Carp: Von ihm kommen vor allem seine eigenen Inszenierungen. Aber das ist ja wohl selbstverständlich. Ich habe als Programmdirektorin versucht, den Festwochen trotz aller konservativen Ansprüche eine zeitgemäße Haltung zu geben – oft mit Auseinandersetzungen. Ich denke, zum großen Teil ist mir das auch gelungen.

profil: Bondy war tatsächlich nur als Regisseur präsent und nicht als Kurator? Man hatte von außen ja seit jeher den Eindruck, die eigentliche Arbeit bei den Festwochen machten die Schauspielchefinnen.
Carp: Was heißt „nur“ als Regisseur? Luc Bondy ist ja nicht als Kurator engagiert, sondern als Intendant. Er ist Intendant, weil er ein berühmter Regisseur ist, nicht weil er ein berühmter Kurator ist. Er hat für die Festwochen inszeniert und sie sozusagen präsidiert. Warum hätte er das Programm kuratieren sollen? Oder die dramaturgische Vermittlungsarbeit machen, wenn er Programmdirektoren hat? Insgesamt wäre es natürlich schöner gewesen, wenn wir – inklusive Musikdirektor und Geschäftsführer – produktiver zusammengearbeitet hätten. Sollte wohl nicht sein. Ich wollte die Festwochen moderner, internationaler und fordernder gestalten, damit ich mich mit ihnen identifizieren kann.

profil: Wie sah die Zusammenarbeit mit Luc Bondy konkret aus? Gab es regelmäßig Sitzungen, Konzeptplanungen, Nachbesprechungen?
Carp: Nein. Ich wurde angeworben mit der Verlockung, dass ich hier alles gestalten dürfe. Vom Programm bis zur Grafik: Ich sollte vieles neu erfinden, alles ändern! Wer lässt sich das schon zweimal sagen? Als ich dann nach Wien kam, erlebte ich allerdings eine große Ernüchterung. Erneuerung war gar nicht erwünscht, und vor allen Dingen ging es um Machterhalt – dann setzte die Intrigenmaschine von innen und außen ein, merkwürdigerweise schon vor der Realisierung meiner ersten Saison: Meine eigenen Mitarbeiter wurden gegen mich in Stellung gebracht, Bondy in der Ferne aufgehetzt, Projekte zu verhindern versucht. Das ganze Programm.

profil: Wer hat sich denn solcherart gegen Sie verschworen?
Carp: Ich glaube nicht an Verschwörung. Aber an den Selbstverteidigungsreflex und die Besitzstandswahrung verfestigter Strukturen.

profil: Welche Probleme hatten Sie konkret?
Carp: Ich habe immerhin viele meiner Vorstellungen von einem erweiterten und sich zu anderen Kunst- und Diskurssparten öffnenden Schauspielprogramm durchsetzen können. Bis hin zum aktuellen Ausstellungs¬parcours „Unruhe der Form“. An vielem bin ich aber gescheitert: an einer dichteren Programmierung, einem Festivalzentrum, der Veränderung des Gesamtauftritts der Festwochen, inklusive der Eröffnung. Natürlich bin ich auch mit einzelnen Vorhaben gescheitert, das bleibt ja nicht aus. Was ich bis heute nicht verstanden habe ist, warum dieselben Leute, die mich gerade überredet hatten, meinen Berufs- und Lebenszusammenhang in Berlin zu verlassen, kaum dass ich hier war, mir zu verstehen gaben, wie äußerst unerwünscht ich wäre. Dabei hatten meine Programme gute Zuschauerzahlen und erstaunliche, manchmal natürlich auch polarisierende Resonanz. Auf jeden Fall hatten sie Aufmerksamkeit und Zustimmung. Trotzdem wurde ich intern so behandelt, als hätte ich das Familiensilber geklaut oder die Büros angezündet. Ich war kaum da, als bereits mit möglichen Nachfolgern gesprochen wurde – delikaterweise auch mit damaligen Mitarbeitern von mir. Warum sollte ich das nett finden? Oder ist das der berühmte Schmäh, den ich nur nicht verstehe?

profil: Das haben Sie in Deutschland anders erlebt?
Carp: Berlin ist auch ein Haifischbecken, aber da geht es direkter zu.

profil: Heuer waren beeindruckend starke Frauen zu Gast, die auf der Bühne aggressiv, mitunter sehr derb agierten: von der Extrem-Performerin Angélica Liddell über die englischen Newcomerinnen Getinthebackof¬thevan bis zu einer sehr zeitgemäßen Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ aus Brasilien.
Carp: Das hat mir auch gefallen. Ich stellte mir oft die Frage, warum in den deutschsprachigen Inszenierungen meines Programms so wenige Regisseurinnen vorkamen. Teilweise war es mein Fehler, dass ich darauf nicht speziell geachtet habe. Es liegt aber auch daran, dass im deutschen Stadttheater nach wie vor nicht viele unabhängig agierende Frauen vorkommen – vielleicht auch nicht vorkommen dürfen. Allerdings beginnt sich das gerade zu ändern.

profil: Gleichzeitig gingen viele der Eigenproduktionen mit berühmten Regisseuren nur bedingt auf: Christoph Marthalers „Letzte Tage“ war zu viel Musik und zu wenig Theater, Nicolas Stemanns „Kommune der Wahrheit“ enttäuschte ebenso wie Martin Kušejs „In Agonie“ und Luc Bondys „Tartuffe“.
Carp: Das sehe ich anders: Marthalers Arbeit war ein inszeniertes Konzert. Der Abend musste seine Form ändern, die Dramaturgie musste gebrochen werden und das Konzert in den Vordergrund treten. „In Agonie“ mag etwas konventioneller geworden sein, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich halte es für eine interessante Arbeit. Stemanns „Kommune der Wahrheit“ ist eine wunderbare Versuchsanordnung, an der weiter gearbeitet wird. Und „Tartuffe“ war eine zeitgemäße Umsetzung des Stoffs, eine der besten Arbeiten Bondys der letzten Jahre. Wenn man nur in jeder Hinsicht gelungene Meisterwerke zeigen will, muss man ausschließlich Fertiges einladen, nicht selbst produzieren. Es ist ja eine sehr einfache Übung, die vier besten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters auszuwählen und einzuladen – da spricht vieles dafür, und zum Teil habe ich das ja selber so gemacht. Macht ja auch viel weniger Arbeit. Das Wiener Publikum und die Presse sind glücklich, der Geschäftsführer ist es auch. Aber es ist eben auch ein bisschen langweilig.

profil: Dafür gab es an den Rändern viel zu entdecken: Der australische Regisseur Simon Stone legte eine grandiose „Wild Duck“ vor.
Carp: Ein bestimmter Teil des Festwochenpublikums ist stark auf deutsches Stadttheater fixiert. Das merken wir schon bei den Kartenvorbestellungen. Wenn die Wiener Festwochen nur das Berliner Theatertreffen wiederholten, wären viele sehr zufrieden. Das könnte man dann aber wirklich als Nebenjob machen. Ich wollte in meinem Programm alles durchmischen – also etwa Simon Stone, der eine echte Entdeckung ist, das Back to Back Theatre, Toshiki Okada, Brett Bailey oder Kornél Mundruczó gleichberechtigt neben Robert Lepage, Christoph Marthaler und Krzysztof Warlikowski ¬stellen.

profil: Haben Sie die heftigen Proteste gegen das Gastspiel von Romeo Castelluccis „Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“ erwartet?
Carp: In Paris hatte es ja geradezu Ausschreitungen gegen diese Inszenierung gegeben, dagegen war es in Wien vergleichsweise harmlos. Mir tat es leid, dass bei der Premiere ausgerechnet die Kinder auf der Bühne organisiert ausgebuht wurden. Ich selbst bin viel zu unreligiös, um diese Aufregung nachvollziehen zu können. Aber das Tolle an den Arbeiten von Romeo Castellucci ist doch, dass er in den Menschen einen so starken emotionalen Konflikt erzeugt, dass er mit seinen Bildern und Situationen auf der Bühne so sehr erregt. Als wir „Purgatorio“ im Theater an der Wien gezeigt haben, begannen sich während der Premiere eine Dame und ein Herr am Rang zu prügeln. Das schaffen nicht viele Regisseure.

profil: Wann ist für Sie eine Inszenierung geglückt?
Carp: Wenn sie mich in meinen Gefühlen und meinen Reflexionen überfordert. Wenn sie Sehnsucht weckt nach einem anderen Zustand des Lebens oder der Wirklichkeit. Wenn sie starke Gefühle auslöst, anarchisch ist und befreiend und insofern irgendwie erlösend.

profil: Der Tiefpunkt der Festwochen 2013 war die heimische Produktion „Die Kinder von Wien“. Gibt es keine interessanteren Regisseure als Anna Maria Krassnigg zu entdecken?
Carp: Es ging nicht darum, die allseits bekannte Anna Maria Krassnigg zu entdecken, und es war auch keine Produktion der Festwochen. Ich habe mich allerdings überreden lassen, sie ins Programmbuch aufzunehmen und damit im Rahmen der Festwochen zu präsentieren.

profil: Hat Luc Bondy sich Inszenierungen je im Vorfeld angesehen, die Sie einladen wollten?
Carp: Nein, aber warum auch? Hat übrigens auch niemand von ihm verlangt.

profil: Warum wollte man Bondy als Intendanten eigentlich haben?
Carp: Das müssen Sie die Kulturpolitiker fragen. Woher soll ich das wissen? Als Luc Bondy hier Intendant wurde, kannte ich weder ihn noch die Festwochen. Vermutlich hat man ihn gefragt, weil er ein international sehr anerkannter Künstler und charmanter Mensch ist. Es gibt viele Festivals, die ähnlich funktionieren. Das ist nicht ungewöhnlich. Von der Politik wurde gewünscht, dass ein berühmter Künstler als Schirmherr über dem Festival steht und diesem pro Saison ein oder zwei Inszenierungen gibt. Vielleicht war Bondy etwas zu lange da. Aber das ist nicht seine Schuld.

profil: Bondy hätte früher gehen sollen?
Carp: Dieselben Herrschaften, die seine Verlängerung betrieben, wahrscheinlich auch um jemand anderen zu verhindern, werfen ihm jetzt indirekt vor, dass er zu lange da war. Das ist stillos.

profil: Sie meinen Rudolf Scholten, den Festwochen-Präsidenten? Hätte nicht auch er darauf bestehen müssen, dass Bondy in Wien präsenter ist und zumindest während des Festivals mehr Vorstellungen besucht?
Carp: Ich finde solche Repräsentationsfragen völlig ¬unerheblich.

profil: Schließlich wurde Bondy dafür bezahlt, zumindest zu repräsentieren. Für seine Regiearbeiten bekam er ohnehin extra Gagen. Gab der Starregisseur Luc Bondy den Festwochen Ihrer Meinung nach wirklich jenen Glamour, den die Politik von ihm wollte?
Carp: Ja, sicherlich. Ich finde es auch etwas lächerlich, nach 16 Jahren diese Dinge im Nachhinein zu beklagen. Die Wiener brauchen doch immer so etwas Gesellschaftliches, den Ersatz für den nicht mehr vorhandenen Hof. Dazu gehört auch ein Kaiser. Und ein internationaler Regisseur ist natürlich ein perfekter Kaiser, auch wenn er nicht immer sichtbar ist. Der Tenno in Tokio zeigt sich auch nur einmal im Jahr dem Volk. Vielleicht war Luc ein bisschen zu lange da – ich glaube, er selber sieht das auch so. Aber bei Franz Josef hat sich ja auch niemand daran gestört.

profil: Sie verlassen die Festwochen mit negativen Gefühlen?
Carp: Das weiß ich noch gar nicht genau. Beruflich war es wahrscheinlich ein Fehler, mich so sehr einzulassen. Ich hätte in Berlin bleiben, beide Jobs gleichzeitig machen und mich bei den Festwochen weniger engagieren und einmischen sollen, wie die Männer es auch tun. Stéphane Lissner ist bei den Festwochen, wenn er kam, immer mit beneidenswerter Höflichkeit behandelt worden.

profil: Wird Ihnen an Wien gar nichts fehlen?
Carp: Doch – die vielen beruflichen Reisen. Das war eine fabelhafte Möglichkeit der Wahrnehmungserweiterung. Ich werde privat einige Freunde sehr vermissen und den schlampigen Charme dieser Stadt, die Weinkultur, die merkwürdigen Fantasien der Menschen – eine mitunter ungebremste Derbheit. Einige Dialoge, die ich hier am Würstelstand gehört habe, waren großes Alltagstheater.

Stefanie Carp, 57
in Hamburg geboren, begann ihre Karriere als Dramaturgin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit dem Schweizer Regisseur ­Christoph Marthaler, mit dem sie 2000 auch zum Leitungsteam des Zürcher Schauspielhauses gehörte. 2005 übernahm sie das Schauspielprogramm bei den Wiener Festwochen für die beurlaubte Marie Zimmermann. Seit 2008 verantwortet sie dieses ­allein. 2013 absolvierte sie ihre letzte Festwochen-Saison.