„Ein bisschen rumsauen“

Der deutsche Romancier Wilhelm Genazino über den Ernstfall Langeweile, seine Vorliebe für Versprecher und seinen jüngsten Essayband.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: In Ihrem neuen Buch „Idyllen in der Halbnatur“ finden sich auch Reflexionen zur Aussagekraft von Autorenfotos. Welche Assoziationen ruft bei Ihnen ein Wilhelm-Genazino-Foto hervor?
Genazino: Undurchschaubar. Mysteriös. Gespenstisch.

profil: Sie stellen sich zudem die Frage: „Kann ein Foto etwas wissen?“ Kann es das?
Genazino: Unbedingt. Das wird von den meisten Betrachtern künstlerischer Fotos unterschätzt. Bei den Fotoserien von Herrn und Frau Müller und Frau Maier, die in der Welt knipsend umherfahren, ist das natürlich nicht so: Die Wirklichkeit bleibt da exakter als jede Abbildung. Durchdacht konstruierte Fotos gleichen dagegen unheimlich zusammengerafften Beschreibungen dessen, was abgebildet erscheint, und das meist besser, als es ein Mensch mit hilflosen Worten zustande brächte. Das Foto weiß nicht nur mehr als ich, es kann dieses Mehrwissen auch exakter ausbuchstabieren.

profil: Von August Strindberg und Thomas Mann existieren zahllose Fotos. Lässt sich die Lust dieser Autoren, vor der Kamera zu posieren, nicht schlicht als maßlose Eitelkeit interpretieren?
Genazino: Daran besteht kein Zweifel. Hinzu kommt die strategische Idee, Fotos als Anpreisung seiner selbst einzusetzen: Autorenfotos waren eines der frühen literarischen Werbemittel. Die Abbildung des schneidigen Verfassers sollte genau das darstellen, was intendiert war: Thomas Mann als junger Herr ohne Fehl und Tadel, als Ideal des Bürgertums. Mann gefiel seinem Publikum, das wiederum seine Bücher las.

profil: Leser schließen gern von Romanhelden auf deren Schöpfer. Die Protagonisten Ihrer Bücher sind zumeist mit Spazierengehen, Beobachten und Reflektieren beschäftigt, auch mit der Flucht nach vorn. Muss man sich Wilhelm Genazino als glücklichen Menschen vorstellen?
Genazino: Ich bin nicht dreist genug, das zu leugnen. Ich fühle mich in meinem Leben wohl, muss es nicht fliehen. Bevorzugt gehe ich spazieren, sobald ich erschöpft bin, wenn ich einen anderen Film sehen will: nicht immer die Wohnung, das Schreibzimmer.

profil: Der Ernstfall Langeweile tritt nie ein?
Genazino: Durchaus. Die Langeweile ist jedoch selten langweilig, im Gegenteil. Ich sehne mich gewissermaßen nach dem verborgenen Nest der Aufregung, die nach meinem Dafürhalten just in der Langeweile ihren Platz hat. Man muss allerdings die nötige Geduld aufbringen, das Wesen der Eintönigkeit zu entdecken, sich nicht voreilig von ihr abzuwenden. Aufregende Erlebnisse finden sich mehr oder minder ständig, viele davon sind einander ähnlich. Das Abenteuer der Langeweile überrascht dagegen, zuweilen ist es auch nicht besonders bekömmlich. Mich interessiert, Menschen in ihrer Pein, in ihrer zerdehnten Zeit zu beobachten.

profil: In „Idyllen in der Halbnatur“ stellen Sie unterschiedliche Überlegungen zum Schreiben als Beruf an. Der traditionellen Auffassung von der Vollkommenheit des ersten Satzes eines Romans erteilen Sie dabei eine strikte Absage.
Genazino: Zum Glück findet sich in vielen Büchern inzwischen das Gegenteil – Eröffnungssätze, die im Ton der Beiläufigkeit verfasst sind. Das sind erste Sätze, die im Grunde keine solchen sein wollen, die wie nebenher gesprochen scheinen, die von ihrer Wirkung her so sind wie jene Wortfetzen, die eine Ehefrau an ihren Mann in der U-Bahn richtet. Aus einer völlig kraftlosen Mitteilung resultiert der Beginn eines Buchs, eines oft sehr kraftvollen.

profil: Viele Autoren behaupten, dass ihre Romanfiguren ein Eigenleben führten.
Genazino: Ich kenne keinen Schriftsteller, der sich dem Klischee entsprechend verhält, der am Schreibtisch sitzt und an seinem Roman tippt – und irgendwann läuft ihm eine seiner Figuren davon, macht einen Abstecher ins nächste Bordell oder in den Supermarkt um die Ecke. Das kommt nur durch Überlegung, nicht durch das Sich-Überlassen an Zufälle zustande.

profil: Dennoch werden viele Werke der Literatur von entsprechenden Entstehungslegenden begleitet.
Genazino: Ich mutmaße, dass viele Autoren Schwindler sind. Es ist schick, einen ­Poetenmythos aufzubauen und an diesem weiterzustricken. Viel elender ist es, einfach dazusitzen und zu sagen: „Sorry, aber im Moment weiß ich nicht so recht weiter, es kommt kein erster Satz, ich muss es morgen und übermorgen wieder versuchen.“ Das soll nicht affektiert klingen, und ich spiele keineswegs die Karte der Bescheidenheit. Was meine eigenen ersten Sätze betrifft, ist dies die schlichte Realität.

profil: Ilse Aichinger veröffentlichte einst einen mit „Meine Sprache und ich“ überschriebenen Text. Eine Ihrer narrativen Vorlieben ließe sich dagegen in dem fiktiven Essay „Meine Versprecher und ich“ zusammenfassen.
Genazino: Ich bin ein Sympathisant der Psychoanalyse. Da erscheint es mir vollkommen plausibel, dass Versprecher etwas über eine weitere Wirklichkeit aussagen, sich aus diversen Gründen nach vorn drängen – so jedoch nicht vorgesehen waren. Der Versprecher ist eine Art Boje aus einem zweiten, unbewussten Sprachbereich, ein zugleich ungebetener und willkommener Gast in der Rede, da er, zumindest momentweise, eine zweite Wahrheit zeigt. Als ich mit Bratwurst­rest in der Hand unter den beunruhigten Blicken des Besitzers einmal eine Buchhandlung betrat, wollte ich sagen: „Darf ich hier ein bisschen rumschauen?“ Tatsächlich sagte ich: „Darf ich hier ein bisschen rumsauen?“ Da dies bei anderen Menschen auch vorkommt, ist die Annahme nicht ganz falsch, dass es für viele ein Bedürfnis darstellt, bisweilen ein bisschen rumsauen zu dürfen. Das ist in unserer zivilisierten Welt bedauerlicherweise kaum je erlaubt.

profil: In Ihrem Roman „Ein Regenschirm für einen Tag“ (2001) macht sich der Protagonist auf die Suche nach dem passenden Wort für die „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“, wobei ihm unter anderem der Begriff „Geschlappe“ in den Sinn kommt. Ist Ihnen inzwischen ein treffenderes Wort eingefallen?
Genazino: Immer wieder mal. „Gesülze“ etwa. Lange war es als Verb bekannt: Der Politiker sülzt mal wieder. Inzwischen taucht es auch als Substantiv auf: Als Doktor Soundso mit seinem Gesülze am Ende war. Ein Wort wie „Geschlappe“ allerdings ist mir nicht mehr untergekommen.

profil: Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie von einer Schreibkrise geplagt. Droht diese Gefahr auch arrivierten Autoren?
profil: Ja. Wolfgang Hildesheimer hatte sein ganzes Leben lang davor Angst, dass eines Tages, um es mal salopp zu sagen, der Ofen aus sein werde. Das ist ein normaler Verlauf: Die Angst, dass es vorbei sei, und dann kommt die Rettung in Form eines neuen Buchs. Als eine Art Emigrant befindet man sich auf einem Schiff, das aus irgendwelchen schrecklichen Gründen das Heimatland verlassen musste und nun ahnungslos ist, wo es stranden wird. Das ist ungefähr die Situation vor dem jeweils nächsten Roman: Was dem Emigranten das neue Land ist, ist dem Autor sein neues Buch. Irgendwann verflüchtigt sich der Schrecken, dann beginnt die eigentliche Arbeit am Text. Wenn von einem Buch eine Seite da ist, tut diese Seite so, als hätte ihr Verfasser immer gewusst, was auf den nächsten 200 passiert, diese erste, angeberische Seite hat Wucht, Druck, Wohlwollen. Sie sagt nämlich: Jetzt, Autor, kannst du dich beruhigen, jetzt geht es seinen gemächlichen Gang, morgen kommt die zweite, übermorgen folgt die dritte Seite. Und dann kommt ein neues Buch. Man kommt als Autor an Land, packt sein Bündel aus – und sagt: „Guten Tag, ich bin der Neue hier.“

profil: Zu den sprechenden ersten Seiten gesellen sich bei Ihnen bekanntermaßen Tagträume. Im Hause Genazino scheint einiges los zu sein.
Genazino: Man muss sich das durchaus als einen gigantischen Verschiebebahnhof mit allen möglichen und unmöglichen Einfällen und unendlich vielen Lesefrüchten vorstellen.