Wilhelm Schmid: „Die Menschen spinnen, aber das ist ihr Job“

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid über den Sinn des Lebens, zweifelnde Priester und das Risiko Familie.

Wer über die ganz großen Themen sprechen will, muss mit Wilhelm Schmid sprechen. Im deutschsprachigen Feuilleton ist der Berliner Philosoph und Bestsellerautor für die letzten und vorletzten Dinge zuständig (Leben, Tod, Liebe, Glück etc.), in den Buchhandlungen für die prickelnd gegen den Strich gebürsteten Ansätze. Seine Bücher tragen Titel wie „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“ oder „Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt“ und verkaufen sich entsprechend prächtig. Schmids Terminkalender ist mit Lesungen, Buchpräsentationen und Vorträgen bis Ende des Jahres voll, anlässlich seines jüngsten Buchs „Dem Leben Sinn geben“ nimmt sich der Denker aber Zeit für ein ausführliches Gespräch. Immerhin geht es diesmal um das Ganze, nämlich um das Leben und was man daraus machen kann. Schmid spricht druckreif und anekdotenreich, erläutert Thesen ohne gröbere Komplikationen und überflüssige Details. Tonlage: andächtig pastoral. Das gehört zum Erfolgsrezept. Der Philosoph betreibt auch Seelsorge.

profil: Ihr neues Buch heißt „Dem Leben Sinn geben“. Ging es nicht eine Nummer kleiner?
Schmid: Ich gebe zu bedenken, dass das Buch nicht „Ich kenne den Sinn des Lebens“ heißt. Meine Ansage ist eigentlich ganz vorsichtig. Wenn wir den Sinn des Lebens nicht kennen, und wenn wir auch keine Chance haben, ihn objektiv in Erfahrung zu bringen, dann können wir doch immerhin versuchen, dem Leben subjektiv Sinn zu geben. Das ist eigentlich ein sehr bescheidener Anspruch.

profil: Warum und wofür braucht der Mensch überhaupt einen Sinn im Leben?
Schmid: Der Grund kann nur sein, dass der Mensch aus Sinn so etwas wie Energie bezieht. Wenn es sich so verhält, ist aber auch klar, dass er ohne Sinn nicht gut leben kann. Die nächste Frage wäre dann: Wie kann Energie fließen? Sie fließt immer in Zusammenhängen. Und „Zusammenhänge“ ist ein anderes Wort für „Beziehungen“. Also: Sinn entsteht dort, wo wir Beziehungen eingehen, nicht nur zu Menschen, sondern auch zu anderen Wesen und Dingen.

profil: Wir leben zwangsläufig in Beziehungen. Demnach führen wir offenbar auch automatisch ein sinnvolles Leben. Wozu dann die ganze Sucherei?
Schmid: Kein Mensch führt ein sinnfreies Leben, auch nicht diejenigen, die behaupten, sich der Sinnlosigkeit standhaft zu stellen. Sogar die französischen Existenzialisten Albert Camus und Jean-Paul Sartre, die ja die Sinnlosigkeit des Lebens ins Zentrum ihres Denkens rückten, lebten in Beziehungen. Aber vielleicht haben sie zu wenig darüber nachgedacht, was Sinn bedeutet. Sie haben sich unter Sinn etwas Umfassendes, die ganze Welt Betreffendes vorgestellt. Mir sind solche allgemeingültigen Aussagen verdächtig. Denn nur wer alles Wissen über alle Welt und alle Zeiten hat, könnte zuverlässig sagen, dass alles keinen Sinn hat. Aber diese Position hat eben kein Mensch.

profil: Sinn ist relativ?
Schmid: Auch diese Aussage kann nur jemand machen, der einen übergeordneten Standpunkt hat. Den haben wir aber nicht. Also können wir nur Provisorisches über den Sinn sagen. Ich schlage vor, dass wir uns dabei an unsere Erfahrungen halten. Denn unsere Erfahrung sagt uns sehr genau, wann wir sinnerfüllt leben und wann nicht.

profil: Genau damit scheinen aber sehr viele Menschen Schwierigkeiten zu haben.
Schmid: Es lässt sich historisch zeigen, wie die Frage nach dem Sinn im 19. Jahrhundert akut wird und im 20. Jahrhundert eine unheimliche Karriere macht. Das deckt sich mit dem Aufkommen dessen, was man das Zeitalter der Moderne nennt. Was ist Moderne? Moderne ist Befreiung. Und was ist Befreiung? Befreiung ist eine Lösung von überkommenen Beziehungen. Kein Mensch muss heute noch einen Bund, den er mit einer Person eingegangen hat, um jeden Preis und bis zum bitteren Ende durchstehen.

profil: Unser Problem heißt Freiheit?
Schmid: Die Freiheit des Menschen ist eine immense Errungenschaft, und ich will unter keinen Umständen wieder zurück in die Zeit davor. Aber sie hat auch den kleinen Nachteil, dass Beziehungen in einem Maße zerbrechen, wie es vorher nicht vorstellbar war – nicht nur die Beziehungen zu geliebten Menschen, sondern auch zu Freunden, zur Welt, zum Leben insgesamt. Beziehungen zerbrechen, und damit bricht die Frage nach dem Sinn neu auf.

profil: Schreiben Sie deshalb, dass die traditionelle Kernfamilie heute eine gewagte Lebensform sei?
Schmid: Jeder, der heute eine Familie gründet, gründet sie auf die Ungewissheit hin, ob diese Familie zusammenbleiben kann. Diese Ungewissheit gab es früher nicht. Familie war immer das absolut Zuverlässigste. Das kann jeder erfahren, der seinen Urlaub in vormodernen Ländern verbringt. Ich bin mittlerweile viel in China unterwegs und erlebe das bei meinen Studenten dort, die das allerdings keineswegs als Vorteil wahrnehmen. Sie empfinden ihre enge Eingesperrtheit in familiäre Beziehungen als belästigend. Ich bin also in keiner Weise böse darüber, dass das bei uns zerbrochen ist. Aber damit ist Familie zu einer riskanten Lebensform geworden.

profil: Ein Risiko, das man eingehen sollte?
Schmid: Ich habe selbst Familie mit Kindern. Das war und ist riskant. Und genau das macht den hohen Reiz des modernen Lebens aus: dass es ein riskantes Leben ist.

profil: Hilft Intelligenz bei der Bewältigung des Lebens?
Schmid: Definitiv ja. Meine Frau und ich sind schon seit 30 Jahren zusammen. Wir hätten uns bestimmt schon viele Male getrennt, wenn wir nicht an entscheidenden Punkten in der Lage gewesen wären, uns sozusagen am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Und dieser Schopf hieß: Reflexion. Ich möchte niemandem sagen, wie er zu leben hat, aber ich selbst bin zutiefst davon überzeugt, dass wir Gebrauch von unseren Gedanken machen sollten.

profil: Andererseits haben die Zweifel des modernen Menschen sehr viel mit Selbstreflexion zu tun. Je mehr man nachdenkt, desto mehr Probleme findet man. Und dumm ist glücklich – sagt der Volksmund.
Schmid: Diesen Satz kann ich hundertprozentig unterschreiben. Die Frage ist nur: Ist es wirklich so erstrebenswert, glücklich zu sein? Wie stellt sich dieser Zustand denn dar? Immer nur fröhlich in die Luft zu gucken, ist erst einmal nicht wahnsinnig spannend. Alle unsere Lebenserfahrung zeigt uns aber, dass wir, ob dumm oder nicht dumm, ums Unglücklichsein nicht herumkommen – und sei es über den viel zu langen Winter. Wer da nicht unglücklich ist, der nimmt das Leben nicht wahr.

profil: Weil auch Unglück Sinn stiftet?
Schmid: Durchs Unglück gewinnt das Leben doch überhaupt erst Tiefe. Ich gönne jedem sein Glück, aber mir ist auch bang um die Menschen, die permanent glücklich sein wollen. Denn in diesem Streben machen sie sich letztlich unglücklich.

profil: Wir wollen zu viel vom Glück?
Schmid: Viel zu viel. Das Glück ist schön, und ich genieße es, wo immer es geht. Aber wir sind immer dann am glücklichsten, wenn wir das Glück auch wieder gehen lassen können, ohne böse darüber zu sein, dass es uns verlässt. Das Glück muss atmen können.

profil: Es gibt also einen Unterschied zwischen einem sinnerfüllten und einem glücklichen Leben?
Schmid: Genau so ist es. Wir können einverstanden sein mit dem Leben als Ganzes und uns sagen, dass Glück und Unglücklichsein dazugehören, weil sie nur zusammen Sinn ergeben. Wenn wir nur glücklich sein wollen, werden wir in den Zeiten des Unglücklichseins nicht mehr gut leben können.

profil: Sie selbst kennen solche Zeiten sehr gut. Ihr erstes Buch ging aus einer tiefen persönlichen Krise hervor.
Schmid: Ich habe, noch zu Zeiten meines Philosophiestudiums, versucht, theoretisch die absolute Klarheit über das Leben zu bekommen. Theoretisch, wohlgemerkt. Ich wollte das Leben im Denken verstehen und dachte, dann erledige sich das mit dem Leben schon von allein. Das hat sich als furchtbarer Irrtum erwiesen. Ich habe in dieser Zeit sämtliche Beziehungen vernachlässigt, nicht nur die Beziehung zu anderen Menschen, auch die Beziehung zu meinem eigenen Körper. Ich habe sehr wenig gegessen, kaum noch etwas getrunken und hielt das alles für nebensächlich. Außerdem überzeugte ich mich in dieser Zeit von der kompletten Sinnlosigkeit des Lebens. Das ging so weit, dass ich mit der Rasierklinge in der Hand dastand.

profil: Der Selbstmord als existenzialistische Lösung à la Camus?
Schmid: Ganz genau.

profil: Sind Sie heute ein anderer Mensch als damals?
Schmid: Es gibt keine Identität. Identität heißt, sich selbst gleich zu bleiben. Das gibt es nicht. Es gibt nur permanente Veränderung. Den Sinn unseres Lebens beziehen wir ja gerade daraus, dass wir die Veränderungen in unserem Leben zu uns selbst in Beziehung setzen. Wobei nicht ganz klar ist, wer in diesem Fall „wir selbst“ sind. Das Ich ist keine feste Größe, sondern eine Variable.

profil: Aber Sinn stiftet nach Ihrer Theorie doch erst die Beziehung zu anderen.
Schmid: Die Beziehung zu sich selbst ist die Grundlage für alles Weitere. Jedes Du kann sich mir entziehen, und zwar jederzeit. Das ist den Menschen in modernen Beziehungen nicht immer ganz klar. Der andere ist nicht beliebig verfügbar. Nicht mehr.

profil: Muss Selbstgewissheit gelernt werden? Sind Lehrer und Eltern gefragt?
Schmid: Zweifellos ist das etwas, das gelehrt werden kann. Deshalb gehört das auch in die Pädagogik, etwa in den Ethikunterricht. Eltern sollten ihre Kinder dazu anzuleiten, sich selbst stärker wahrzunehmen, mehr Klarheit über sich selbst zu bekommen.

profil: Was bedeutet das konkret?
Schmid: Das beginnt mit ganz grundlegenden Fragen: Welche Gefühle bemerke ich bei mir, welche Interessen habe ich, was finde ich anregend, was ekelerregend, was mag ich, was nicht? Alles, was mich näher charakterisiert, bringt mich in stärkere Beziehung zu mir selbst. Moderne Menschen kommen nicht umhin, sich selbst irgendwann einmal zu definieren – mit gewissen Grenzen, wohlgemerkt. Wir können uns nicht nach Belieben definieren. Ich kann nicht behaupten, ich sei großzügig, wenn ich von meinen Anlagen her ein geiziger Mensch bin.

profil: Aber ich kann an mir arbeiten.
Schmid: Wir können uns nicht beliebig verändern. Aber einige Festlegungen müssen wir selbst treffen. Auch das unterscheidet uns vom vormodernen Menschen. Wir sind für uns selbst verantwortlich, wir müssen von uns aus bestimmen: Wer sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben? Was sind meine Ideen, meine Träume und Sehnsüchte? Was halte ich für schön?

profil: Aber genau diese Festlegungen überfordern offenbar sehr viele Menschen.

Schmid: Jo mei.
profil: Da muss man durch?

Schmid: Was wäre denn die Alternative? Soll der Papst wieder via Dorfpfarrer durchgeben, wer man zu sein hat? Die würden das bestimmt gern machen und hätten ja auch einige Erfahrung darin. Aber ich bin sicher, dass sie selbst vor genau demselben Problem stehen. Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen: Ich bin Gottes Kind.

profil: Das würde einem aber viel Ärger ersparen.
Schmid: Wollen wir alle modernen Errungenschaften aufgeben? Die Befreiung von lästigen Beziehungen? Wollen die Frauen wieder Untertan sein? Ich glaube, niemand hat ein Interesse daran. Was ich vorschlagen möchte, wäre eine Art andere Moderne.

profil: Wie soll die aussehen?
Schmid: Ich frage mich: Was war denn modern, was zum Problem geworden ist? In erster Linie war das die Befreiung von Konventionen, Traditionen und Institutionen. Nun aber sind wir zu frei, um mit dieser Freiheit zurechtzukommen. Andersmodern wäre, dieser Freiheit wieder Formen zu geben, also mich nicht nur von Beziehungen zu befreien, sondern Beziehungen aus Freiheit auch wieder einzugehen und festzuhalten. Die moderne Freiheit besteht darin, dass ich meine Beziehungen jederzeit wechseln kann. Andersmodern wäre es, auf diese Freiheit aus eigenen Stücken zu verzichten. Nicht, weil Gott mir das vorgibt. Nicht, weil es die Tradition gebietet. Nicht, weil es die Konvention so will. Sondern nur, weil ich das sage.

profil: Und warum sollte ich das tun?
Schmid: Eben aus der Einsicht heraus, dass Sinn nur aus dauerhaften Beziehungen entstehen kann. Das wäre aber nur ein Beispiel für eine andere Moderne. Es ließen sich zahllose weitere ergänzen. Modern war zum Beispiel auch der Schwerpunkt auf die Ökonomie unter Außerachtlassung der Ökologie. Andersmodern wäre die Einsicht, dass die Grundlage aller Ökonomie und allen Lebens die Ökologie ist. Wir haben allen Grund, auf diese Natur achtzugeben und sie nicht zu verletzen.

profil: Im Grunde weiß das jeder. Warum sind wir trotzdem einsame, unglücklich befreite Umweltzerstörer?
Schmid: Menschen brauchen Erfahrungen. Das wissen alle Eltern, die ihren Kindern predigen, wie sie leben sollen. Und die Kinder machen das Gegenteil. Im Grunde hört dieses Kindsein niemals auf. Menschen können zur Einsicht kommen, was sie machen sollten, aber sie machen das Gegenteil. Ich glaube, das gehört zum menschlichen Leben dazu. Menschliches Leben bedeutet, alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten austesten zu müssen. Die Menschen spinnen, aber das ist ihr
Job.

Zur Person
Wilhelm Schmid, 59
Der gebürtige Schwabe lebt als ­freier Philosoph und Autor in Berlin und lehrt Philosophie an der Universität Erfurt. In seinen Büchern ­(Gesamtauflage: über 400.000 Stück) und Vorträgen beschäftigt sich der vierfache Vater vor allem mit den grundlegenden Fragen des ­geglückten Lebens. Zuletzt erschienen im Suhrkamp-Verlag die Bücher „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“ (2012), „Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt“ (2011) sowie, ganz aktuell: „Dem Leben Sinn geben“

Wilhelm Schmid: Dem Leben Sinn geben. Suhrkamp Verlag, 475 Seiten, EUR 23,60