Willkommen in Cinderellahausen!

„Sex and the City“. Das Leben, ein Ralph-Lauren-Spot. Angelika Hager über den Film nach der Serie, der Carrie und Co direkt ins Neo-Biedermeier führt.

Es ist ein ganz normaler Tag im Leben eines in die Jahre kommenden New Yorker Mädchens: morgens ein Fotoshooting für „Vogue“, wo die mittlerweile erfolgreiche Buchautorin Carrie Bradshaw „very much Jackie O.“ in Brautkleidern posiert, deren Stückpreis dem Jahres-Haushaltsbudget einer Mittelstandsfamilie entspricht. Erste kleine Verärgerung: Jede puerto-ricanische Perle in Manhattan weiß, dass die „Vogue“-Feldmarschallin Anna Wintour eher tot über dem Gartenzaun hängen würde, als ein Vierzig-plus-Geschöpf mit großer Nase als Park-Avenue-Prinzessin zu inszenieren.

Mittags lässt Vivienne Westwood schon einmal den opulentesten Fummel des Shootings als Geschenk mit persönlicher Widmung per Botendienst vorbeikarren. Und abends, nach einer kräfteraubenden Shopping-Pirsch auf der Fifth Avenue – die Frisur sitzt noch immer –, macht „Mister Big“ seiner zukünftigen Braut das schönste Geschenk, das ein Mann einer Frau machen kann: einen eigenen begehbaren Kleider- und Schuhschrank im neuen Heim – so groß wie ein Turnsaal und magisch indirekt beleuchtet von einem sicher nicht unschwulen Lichtkünstler. Versteht sich nahezu von selbst, dass sich dieser Konsumschrein in einer Park-Avenue-Zimmerflucht befindet, in der man bequem ein Gokart-Rennen veranstalten könnte.

Es ist ein großer, symbiotischer Moment, als Carrie unter Bigs liebevollen Blicken ihr neues Paar blitzblaue Manolos auf das Schuhregal hängt. Ach ja, auch Mr. Big, heute John, dürfte seine Peter-Panik überwunden haben. Er scheint erwachsen und dementsprechend farblos. Männer heiraten ja bekanntlich, wenn sie müde sind. Dem Himmel sei Dank hält diese Entwicklung nicht lange an, sonst wäre der Film, der wie fünf aneinandergehängte Episoden wirkt, noch langweiliger.

Willkommen in Cinderellahausen! Einem Ort, wo das Glück, so wie es sich die Amis nun einmal vorstellen, in einer Überdosis vorhanden ist. Und zwar so, dass man richtig Sodbrennen bekommt. Ein Ort, der den Polyesterkleider an weißen Turnschuhen tragenden Damen aus dem Mittel­westen, die täglich viermal in riesigen Bussen um 110 Dollar auf den noch immer florierenden „Sex and the City“-Touren zu Manolo Blahnik, Tiffany’s und einer überdesignten Soho-Bar auf verwässerte Cosmopolitans gekarrt werden, mit Sicherheit zusagt. Bedient er doch das Prinzip Eskapismus wie ein Jackie-Collins-Roman oder ein Klippendrama von Rosamunde Pilcher – so platt wie sicher. Bei den mit den „Sex and the City“-Damen gereiften TV-Konsumentinnen wie Ihnen und leider auch mir macht sich jedoch bereits in Minute sieben ein großes Vermissungserlebnis breit. Wo – verdammt – ist das schnoddrige, unvernünftige, rebellische, trinkfreudige und politisch so erfrischend inkorrekte Bobo-Mädchen mit der wilden Mähne geblieben, das für alle Widrigkeiten des Lebens immer nur eine gültige Antwort hatte: die Pointe? Ein Mädchen, das beim Anprobieren eines affigen Hochzeitskleids einen juckenden Hautausschlag entwickelte, mindes­tens dreimal die Woche mit einem gröberen Damenschwips zu liegen kam, bei keiner Bank einen Kredit erwirken konnte, ihr Geld ausschließlich in ihrem Kleiderschrank hängen sehen wollte und sich Männer, die ihr den Atem raubten, aus dem Herzen riss?

Hat Carrie Bradshaw in Form von Sarah Jessica Parker in ihrer Abwesenheit ihre Vormittage zu oft mit „Reich und schön“-Folgen totgeschlagen? Oder ein Scientology-inspiriertes Brainwash-Programm von ihrer wertkonservativen ­Busenfreundin Charlotte verpasst bekommen? Oder wählt der Drehbuchautor und Regisseur Michael Patrick King, der im Frühstadium von „Sex and the City“ Frauen das Recht einräumte, sich ungestraft zwischengeschlechtlich wie Männer zu benehmen, inzwischen republikanisch?

In jedem Fall benimmt sich unsere frühere TV-Ikone feministischer Selbstbestimmung von hohem Hedonismus-Faktor in ihrer Kinoexistenz wie ein Abziehbild aus einem Ralph-Lauren-Spot. Und ihre Freundinnen ergänzen sie in diesem deprimierenden Spiel der Leblosigkeit nahtlos: Charlotte, die lebendige Bankrotterklärung jeglicher weiblicher Emanzipationsbestrebungen und seit jeher die uninteressantes­te Figur in diesem Quartett, wirkt wie die Protagonistin einer Belangsendung von John McCain – mit einem kleinen Angelina-Jolie-Moment in Form eines chinesischen Adoptionsmädchens. Ihr höchster Akt der Rebellion: das Tragen eines gepunkteten Kleids. Samantha hat Männer noch immer „am liebsten nackt und mit einem großen Schwanz“ (yawn, yawn) und agiert wie das weibliche Pendant zu einem alternden Playboy à la Flavio Briatore – mit dem Unterschied, dass sie sich statt eines schnittigen Autos ohne Dach einen abartigen Schoßhund zulegt, der ständig Designercouchkissen rhythmisch schändet. Wechsel- und frustrationsbedingt futtert sie wenigstens wie ein Firmling. Nur das beklagte Übergewicht von 15 Pfund ist nirgends sichtbar. Auch das ist deprimierend.

Allein Miranda, der toughen Anwältin, scheint etwas Irdischheit vergönnt. Dementsprechend verbittert kommt sie auch rüber. Sie begeht das größte No-no, das man im „Sex and the City“-Kosmos, gleich nach Kleidergröße 40 und dem Tragen von Pradas aus der Vorjahreskollektion, begehen kann: Sie lässt ihr Schamhaar fröhlich vor sich hinwuchern und schlüpft dennoch todesmutig in einen Badeanzug. Angesichts dieser Form der Barbarei darf sie sich nicht wundern, dass der Sex in der Ehe mit Barkeeper Steve, der noch immer mit der Aura eines unausgeschlafenen Kuscheltiers enerviert, auf Nouvelle-Cuisine-Format geschrumpft ist. Klar und allzu männlich, dass der Typ irgendwann fremdgeht. Aber in der Light-Version des Schmerzes für die Betrogene: ein One-Night-Stand, ohne Gesicht und ohne emotionale Konsequenzen. Das reuetriefende Geständnis des Vorzeige-Softies und notorischen Losers ruft jedoch nicht die erwartete Empathie für all die Ehrlichkeit hervor. Miranda, die in ihrem Vorleben mit ganzen Straßenzügen von New York zugange war und ihren Sohn Brady einem „mercy-fuck“ mit dem damals an Krebs erkrankten Steve verdankt, benimmt sich anlässlich dieses Fehltritts wie eine Kampfmatrone der katholischen Liga zur Wahrung von Zucht und Ordnung. Ganze lähmende zweieinhalb Stunden muss Steve um Verzeihung winseln und kriegt von Miranda nichts als moralinsaures Es-ist-etwas-zerbrochen-mein-Vertrauen-ist-zerstört-Gelaber. Mirandas Erzählstrang ist exemplarisch für die beklemmende Neo-Biedermeier-Atmosphäre, die sich durch den gesamten Film zieht.

Alles, wogegen und wofür die Heldinnen der TV-Serie „Sex and the City“ sechs Staffeln lang gekämpft haben, scheint in dem nachfolgenden Spielfilm mit der Delete-Taste aus ihrer Lebensideologie gelöscht zu sein. Denn als die Mädchen-Combo vom innovationshungrigen US-Paysender HBO 1998 erstmals auf Ausstrahlung geschickt wurde, hatte sie Exkursionen in bislang vom Mainstream-Fernsehen unberührte Tabuzonen zu bewältigen. Zum einen bemurmelten die vier bei Caffè Latte und Obstsalat in der Endlosschleife Themen wie die neuesten Dildo-Modelle, Schwanzlängen, Analverkehr und „Yogasms“ (= Sex mit dem Yogalehrer) und pflegten in der Neigungsgruppe Zwischengeschlechtlichkeit einen genauso skrupellosen, egomanischen und moralfreien Zugang wie die Herren. Das war neu, schockierend und provokativ. Und beruhigend, denn diese Frauen kamen für ihre Unverfrorenheit verhältnismäßig straffrei davon. Unter der Oberfläche der sexuellen Freizügigkeit hatten die vier Inselbewohnerinnen jedoch noch eine andere Mission zu erfüllen: Sie führten der Marketingassistentin in Hongkong und der Lehrerin im Sauerland vor, dass Männer im Leben einer Frau nicht die Funktion einer Erlösungsfantasie besitzen dürfen und Beziehungen im 21. Jahrhundert so nuancenreich, kompromissfrei und unkonventionell sein können wie nie zuvor. Die Erkenntnis, dass sich mit der Poten­zierung der Möglichkeiten auch die Möglichkeiten des Scheiterns vervielfacht haben, nahmen die Damen gelassen – wenn auch mit Unterstützung von tüchtig Cocktails.

„Wie definiert man in einer Welt, in der man Dates ohne Sex haben kann und vögeln kann, ohne zu daten, eine Beziehung?“, stellt Carrie ihrem Ex und inzwischen mit einem ess­gestörten Model verheirateten Mr. Wrong eine rhetorische Frage. Zu jenem Zeitpunkt lebte sie mit Big in der dritten Staffel eine launige Nachmittags-Amour-fou ohne Verpflichtungen. Damals durfte Carrie noch Carrie sein; inzwischen arrangiert sie mit Sicherheit die Manolos nach Farben in ihrem Garderoben-Turnsaal und wirft sich schon einmal roséfarbenes Lippgloss für jenen Moment an, in dem sich der Schlüssel in der Tür dreht, Big von seinen turbokapitalistischen Beutezügen heimkehrt und ein Liebling-wie-war-dein-Tag?-Küss­chen dringend fällig ist. Doch diesen Sittlichkeitsverfall werden wir – hoffentlich – nicht mehr mit ansehen müssen.