Wir sind nicht von da

Helmut A. Gansterer über das Exotische an Alfred Worm

„Es ist nicht alles eins.“
Ernest Hemingway über seinen Roman „Haben und Nichthaben“

Killt der Klimawandel die Kreativen? Wahrscheinlich ja, wenn sich in kurzer Zeit ein Drittel der Freunde verabschiedet. Allein in Österreich etwa Reinhard „Tram“ Tramontana, Wolfi Bauer, Adi Frohner, Helmut Voska, Gerhard Bronner und jetzt Alfred Worm.
Ich versuche, in dieser Sonnenfinsternis einen Weg zu finden. Es mag sinnvoll sein, ihnen so nachzurufen, wie sie es gerne gehabt hätten. Das heißt: mit Erlebnissen, die in anderen Nachrufen fehlen müssen, und einer nützlichen Botschaft, die in Erinnerung bleibt. So wie praktisch gestern bei Gerhard Bronner (siehe „Bronner light“ in „trend“ 2/2007, Seite 19) und bei Helmut Voska (siehe „China-Seide“ in profil 6/2007, Seite 64). Auch Alfred Worm, der in profil entdeckt wurde, dort unter anderem den Bauring- sowie den AKH-Skandal enthüllte und zuletzt „News“-Herausgeber war, macht dieses Vorhaben leicht. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll.

Am besten so: Wir sind dankbar, dass die MitarbeiterInnen von profil und „trend“ an den Universitäten des Landes gern gehört werden. Die WU Wien, die Uni Wien, die Donau-Uni Krems, die Linzer WU und die Klagenfurter Alpen-Adria-Uni sind besonders rührig. Ein Spezialfall ist das Publizistikinstitut der Uni Wien. Dort will man ein dünnes Loch ganz tief bohren: Wie man erfolgreich Journalist wird.
Ich erinnere mich an herzliche Streitgespräche mit Institutsgranden wie Wolfgang Langenbucher, Franz Michael Bogner und Holger Rust. Sie stimmten schließlich zu, manche ihrer gelehrten Prioritäten anders zu reihen. In meiner „Hierarchie der Eigenschaften eines guten Journalisten“ kam man ohne Erwähnung von Alfred Worm nicht aus.
Erstens: natürliche Intelligenz, Augenmaß, Hausverstand. Worm witterte wie Wild. Zweitens: spezielle Intelligenz in der Bewertung von Schriftstücken und Gesprächen. Bei manchen Paragrafen und Sätzen schrillte bei ihm ein metaphysischer Wecker, der nur den besten Enthüllern genetisch geschenkt ist. Drittens: Verknüpfungsgabe, gebunden an, viertens, elementaren Sachverstand in mindestens zwei Sachbereichen. Speziell im Umfeld Bautechnik-Medizin-Betriebswirtschaft war Alfred Worm Weltspitze. Fünftens: Wahrheitsliebe. Der Leser muss wichtiger sein als nette Interviewpartner und Inserenten. Sechstens: Verantwortungsbewusstsein für die Macht des gedruckten Wortes. Worm war schon erwachsen und charakterlich skrupulös, ehe er die Medienmacht für seinen Gerechtigkeitssinn nützte.

An dieser Stelle werden Publizistikstudenten nervös. Wo bleibt das Schreiben? Viele studieren dieses Fach ja, weil sie Dante, Rilke und Reich-Ranicki in sich fühlen. Antwort: Das Gern-Schreiben und Gut-Schreiben kommt erst danach. 90 Prozent können das eh, irgendwie. Der Rest lässt sich mit Chefredakteuren, die geduldig lehren, leichter erlernen als das andere.

Alfred, den ich mir jetzt gerne auf der siebenten Wolke vorstelle, wird in seiner Wahrheitsliebe entzückt sein, wenn ich sage, dass er anfangs nicht schreiben konnte. Er war nur authentisch. Man darf sagen: Er schrie nach Gerechtigkeit. Zur Zeit des Bauring-Skandals brachte mir einer der profil-Schlussredakteure ein Worm-Manuskript in das „trend“-Stockwerk und bat um Hilfe. Ich schlug es auf und gleich wieder zu. Der Schnellleseblick hatte einen radioaktiven Satz geortet: „Und jetzt aufgepasst, liebe Leser!“
Man ahnt: Diese Erinnerung ist Grundlage meiner Bewunderung für seinen kühlen, geradlinigen und sachlichen Stil, den er mithilfe seiner Intelligenz gewann. Bald hatte er einen schnelleren Zug zum Tor als die meisten von uns.

Immer wieder gut: sein Instinkt. Route 128 nordwestlich von Boston. Wir suchen The Mill, das damals schönste Backstein-Industriegebäude. Wir interviewen Ken Olsen, Boss des damals zu den Besten der Branche gehörenden Computerherstellers Digital Equipment Corporation (DEC). Olsen ist furchterregend wie der Rächer in Bergmans Film „Die Jungfrauenquelle“. Seine Mittelcomputer werden, wie er glaubt, auch PCs und Mainframes killen. Alfred bleibt cool: „Alter Narr, Hybris, todgeweiht.“ Tatsächlich wird DEC bald danach von Compaq geschluckt und Compaq von Hewlett-Packard, wo Alfred und ich die wahrscheinlich letzten Fremden sind, die dem legendären Pionier Mr. Hewlett die Hand geben dürfen. HP-Chef war damals Mr. Young. Ah, gute Reisen mit Alf.
Keine Worm-Schwächen also? Nicht, dass ich wüsste, abgesehen vielleicht von Nevada. Er liebte Spielerorte wie Reno und Las Vegas. Sie waren ihm Erholung. Er genoss sie auch als Intelligenzbeweis, indem er nie mehr verlor als gewann. Er scheiterte lediglich an einer Highway-Patrol. Wir waren in Hightech-Recherche in einem Ford überirdisch schnell unterwegs. Echte Aliens. Ich war Pilot. Er schob mich beiseite, als wir gestoppt wurden. Er wusste, er würde den Polizisten biegen. Gekünstelt steirisch bellte er:
„WI A NOT FROM HIA, WI A JUROPIENS, FEMILIER ONLI WISS DSCHÖRMEN AUTOBAHNS.“ Der Bulle zerriss den Strafzettel und schrieb einen doppelt so hohen.
Apropos steirisch: Er liebte Franz Ringel als Maler und malte selber gut. Diese Welt versteckte er hinter dem Bart.