Wir 68er

Von einer Rasse, die es nicht gibt, die aber wichtig war.

Diese Kolumne hat zum Ziel, die Existenz einer homogenen „68er-Generation“ und eines „Werteverfalls“ anzuzweifeln.

Erzbürgerliche, christliche Vordenker hausieren dieser Tage mit der Theorie, die so genannten „68er“ seien vom Teufel gesandt worden. Sie ernten damit Applaus, verdienen viel Geld, man kauft ihre Bücher im Dreier-Pack. Die Stammtische raunen wieder von einer „Rückkehr alter Ordnungen“. Sagen nun nicht auch Denker und Buchautoren, darunter echte Professoren, was man immer schon dachte?

Besondere Jahre sind meistens Heimsuchungen. Am gefährlichsten schien bisher das Jahr 1984, dem George Orwell (1903–1950) den Titel seines Science-Fiction-Bestsellers widmete. Als 1984 wirklich kam, diskutierten alle, ob wir wirklich den totalen Überwachungsstaat hätten. Die Meinungen klangen verblüffend moderat, klug, gut unterfüttert, nicht das übliche Schwarz-Weiß und Hopp-oder-tropp.

Dieses hebt dafür jetzt, zum 40. Geburtstag des Revolutionsjahres 1968, umso heftiger an. Die Kritiker legen schon zu Jahresbeginn los. Sie warten nicht einmal bis zum Mai, dem Monat der heftigsten Unruhen. Mit vorauseilendem Eifer beschreiben sie, wie 1968 war und was es brachte.

Das bisher Gelesene lässt das Schlimmste befürchten. Waren die Autoren wirklich dabei, als es in Paris und Frankfurt krachte? Oft hat man den Eindruck, sie hätten das nur in der Zeitung gelesen. Da weiß ja selbst ich Genaueres, obwohl ich ein schlechter Zeuge bin. Ich war als feiger Fotograf dabei. Meine Bilder brachten mit Recht keinen Sou. Barrikaden bestieg ich erst dann, wenn die Kämpfe drei Gassen weiter waren. Brandsatzwerfende Revoluzzer und wasserwerfende Polizisten fotografierte ich aus respektvoller Distanz mit einem billigen 135er-Tele. Allerdings verbrachte ich viele Diskussionsnächte mit Aufständischen.

Die Vermutung, sie seien ideologisch durchdrungen gewesen, ist lächerlich. Das galt nur für die Spitzen rund um Daniel „Dany le Rouge“ Cohn-Bendit und Rudi Dutschke. 90 Prozent waren Mitläufer.

Sie hatten vage Parolen im Kopf. Ihre politische Freude lag im Schock der Väter, dieser langweiligen, autoritären Unterdrücker – und im Schock der Mütter, die unter den parallelen Sekundärzielen litten: der sexuellen Befreiung, der ersten Frauenbewegung der Neuzeit, den Statussymbolen Trinken & Kiffen. 1968 war für die meisten Beteiligten eine abenteuerlich verschärfte Version des ewigen Kampfes der Junglöwen gegen die Altlöwen.
Aus der Warte der Anführer gab es ein heute vergriffenes, atmosphärisch dichtes Buch von Cohn-Bendit: „Wir haben sie so geliebt, die Revolution“. Aus der Warte der Mitläufer kenne ich keines.

Wenn ich Bekannte jener Zeit, die heute zwischen Ende 50 und Mitte 60 sind, nach ihren Erinnerungen frage, kommen Wörter wie „Diktatur“, „Autoritätszerschlagung“, „Freiheit“ und „Sartre“ kaum vor. Sie sind heute brave Familienväter. Sie erinnern sich bei einem Glas vom Beaujolais, den sie damals kennen lernten, eher an einen Joint im Bois de Bologne, am Frankfurter Hauptbahnhof oder im Vondel-Park zu Amsterdam. Und an die daran befestigte Juliette, Heidi und Annegret. Ein feiner, wilder Schreck durchfährt sie in der Erinnerung. An eine Wirkung der 68er-Revolution, die sie traumverloren mittrugen, glauben sie eher nicht.

1968 ist ihnen weder Grundlage einer Glaubensgemeinschaft noch Grundlage einer Wirkungsgemeinschaft. Im zweiten Punkt irren sie.

Entweder haben jene zahlreichen Kassandras Recht, die wie ZDF-Journalist Peter Hahne (Erfolgsbuch „Schluss mit lustig“) in der damaligen, antiautoritären Befreiung das Böse sehen. Oder jene, die in ihr das Gute sehen, beispielsweise Christian Rickens mit seinem Buch „Die neuen Spießer“ (Verlag Ullstein), Untertitel: „Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“.

Meine Empfehlung geht in jeder Hinsicht (Stil, Begründung, Besonnenheit, wissenschaftlicher Background) in Richtung Christian Rickens, 37, der in München und an der London School of Economics Wirtschaftswissenschaften studierte. Er greift in seinem Buch unter anderem die Erkenntnisse von Helmut Klages auf, der sich an der Uni Speyer auf den Soziologiebegriff Werte spezialisierte. Dessen Studien fielen „überraschend positiv aus; sie widersprechen dem Lamento des Werteverfalls auf das Nachdrücklichste“.

Rickens: „Es gibt nach Ansicht der seriösen Soziologie keinen allgemeinen Werteverfall – wohl aber einen Wertewandel. Dieser Wandel verläuft nach Klages’ Ansicht genau in die richtige Richtung: Er macht die Menschen fit für das Leben in der Moderne. Die Werte, nach denen wir leben, haben sich zusammen mit den Begleitumständen unseres Lebens verändert und verändern sich weiter.“

Anhand der überzeugenden Beispiele des Buchs „Die neuen Spießer“ darf man sagen: Die Werte wandelten sich besser als die einstigen Wertewandler.