„Wir sind die demokratische Avantgarde“

Interview. Die kirgisische Außenministerin Rosa Otunbajewa über ihre Revolution vom Frühjahr und das jüngste Massaker in Usbekistan.

profil: In Georgien fand die „Rosenrevolution“ statt, in der Ukraine die „orange Revolution“. Wie heißt die kirgisische?
Otunbajewa: Im Endeffekt nannten wir sie die Tulpenrevolution. Aber es hätte eigentlich die Jurtenrevolution werden sollen. Wir wollten nach der geschobenen Parlamentswahl große Jurten (Nomadenzelte, Anm.) am Hauptplatz unserer Hauptstadt Bischkek aufbauen, zwanzig oder dreißig Stück für die Leute aus allen Ecken Kirgisiens, und wir wollten so lange demonstrieren, bis Präsident Askar Akajew seine Residenz verlässt. Aber nachdem unsere Reihen mit Steinen angegriffen wurden, dauerte alles nur 15 Minuten: Die Demonstranten besetzten am 24. März das Weiße Haus, Akajew floh per Helikopter.
profil: Im Unterschied zu Georgien und der Ukraine, wo hunderttausende Menschen auf die Straße gingen, waren es in Bischkek nur wenige tausend.
Otunbajewa: Nein, am Ende unserer Revolution waren es 50.000 im ganzen Land. Akajew erzählt bis heute, dass die Menge nur aus Drogensüchtigen bestand und dass er, der aufrichtige Demokrat, aus Angst vor Blutvergießen geflohen sei. Aber wenn man sich die Gesichter auf den Fotos anschaut, sind das völlig normale junge Leute, die keine Jobs und kein Stück Land haben. Sie waren so wütend, dass sie gegen die Polizei vorgingen, wir konnten sie nicht stoppen. Es war gar nicht unser Plan, das Weiße Haus einzunehmen.
profil: Wie war es möglich, dass das Akajew-Regime so schnell zusammenbrach?
Otunbajewa: In ganz Zentralasien gibt es nirgends eine derart lebendige Zivilgesellschaft wie in Kirgisien, ihr Beitrag zur Revolution war sehr wichtig. Der Westen und vor allem die USA haben dazu in den letzten zehn Jahren viel beigetragen. Auch ein Verlagshaus wurde mit amerikanischem Geld gebaut, was uns sehr geholfen hat. Dadurch hatten wir neben Radio Liberty zumindest zwei Zeitungen, die auf unserer Seite standen, während alle fünf Fernsehsender von der Regierung kontrolliert wurden. Außerdem ist es mir gelungen, die zersplitterte Opposition unter einen Schirm zu bringen. Am 29. Dezember 2004 haben die vier wichtigsten Wahlblocks ein Abkommen gegen Akajew unterzeichnet.
profil: Sind Sie jetzt immer noch geeint?
Otunbajewa: Die meisten Blocks haben sich wieder aufgelöst, aber meiner, der Vaterlandsblock, besteht noch. Meine amerikanischen Freunde haben gemeint, das hört sich heutzutage so altmodisch an. Aber ich habe ihnen gesagt, wir sind in einer Phase, wo wir eine Vaterlandspartei haben sollten, das klingt sehr süß in unseren Herzen.
profil: Sie hatten also amerikanische Berater?
Otunbajewa: Nein, das war nur ein Brief, wir haben unsere Revolution selbst gemacht. Wir hatten überhaupt keine Berater und Geldspenden wie die Ukrainer. Weder die Institute der Republikaner und Demokraten noch die Soros-Stiftung (des US-Milliardärs und Philanthropen George Soros, Anm.) haben uns geholfen. Worüber ich klarerweise sehr sauer war. Und Aktivisten aus Osteuropa wurden am Flughafen abgefangen, damit sie das Virus der Demokratie nicht verbreiten. Ich habe während der Revolution meine persönlichen Mittel verwendet, um zu reisen, um Flugblätter zu drucken, Zeitungen zu kopieren. Nicht einmal mit Georgien, wo ich mehr als zwei Jahre als UN-Diplomatin gearbeitet habe, hatte ich Kontakt. Trotzdem wurde ich, als ich im vergangenen Herbst meine revolutionäre Tätigkeit in Bischkek begann, als georgische Spionin mit Koffern voller US-Dollar bezeichnet. Vielleicht wurde aus diesem Grund mein Haus mit Dollarzeichen besprüht. Auch eine Granate wurde auf meinen Balkon geworfen. Das war der Versuch des Regimes, mich einzuschüchtern, damit ich mich wie ein braves Mädchen verhalte.
profil: Warum wollten Sie Akajew eigentlich loswerden?
Otunbajewa: Die Menschen hatten von Akajew nach 14 Jahren als Präsident genug. Sie hassten ihn, weil wir – laut dem Ranking von Transparency International – eines der korruptesten Länder der Welt sind. Der Kindergarten ist in unserer Gesellschaft wahrscheinlich der einzige Ort, wo nicht bestochen wird. Außerdem gibt es keine Jobs. Mehr als 700.000 Kirgisen arbeiten deshalb schon im Ausland, vor allem in Russland und Kasachstan. Und die meisten davon sind aus dem Süden, aus dem Fergana-Tal, wo es zu wenig Land und zu wenig Wasser gibt.
profil: Im Fergana-Tal, das sowohl auf kirgisischem als auch auf usbekischem und tadschikischem Staatsgebiet liegt, soll es auch islamistische Terroristen geben.
Otunbajewa: Ich kann nicht sagen, ob das stimmt oder nicht. Es ist auf alle Fälle ein sehr problematisches Gebiet, eine Transitroute für den Drogenhandel aus Afghanistan und wahrscheinlich auch für Waffen und Islamisten. Mit Letzteren hatten wir nur 1999 und 2000 Probleme, als sie aus Afghanistan einsickerten.
profil: Mit dem Hinweis auf Islamisten hat der usbekische Präsident Islam Karimow jedenfalls unlängst ein Massaker an Demonstranten in Andischan, nahe der kirgisischen Grenze, gerechtfertigt.
Otunbajewa: Was dort passiert ist, ist Usbekistans interne Angelegenheit, ich kann das nicht wirklich kommentieren. Wir haben in den Grenzgebieten eine fragile Beziehung mit den Usbeken, die Situation ist angespannt. Als Nachbarland tun wir unser Bestes für die knapp 500 Flüchtlinge, die aus Andischan auf unser Territorium geflohen sind.
profil: Aber Sie wissen vielleicht, wie es zu dem Aufstand gekommen ist.
Otunbajewa: Der Grund war die schwierige wirtschaftliche Lage. Wie wir wissen, hat Karimow die Geschäftsleute in Andischan als religiöse Extremisten bezeichnet. Er hat einige Male betont, dass die Leute, die für die Freilassung festgenommener Geschäftsleute demonstrierten, von unserer Revolution inspiriert seien: Sie haben gesehen, dass in Kirgisien die Menschen für ihre Rechte kämpfen und schlussendlich auch gewinnen können. Das war die Lehre aus unserer Revolution.
profil: Wie steht es eigentlich um die Beziehungen Kirgisiens zu Russland? Die Revolutionen in Georgien und der Ukraine hatten ja ein stark antirussisches Element.
Otunbajewa: Wir haben sehr gute Beziehungen. Vor der Revolution reiste ich nach Moskau und bat die russischen Politiker, sich nicht wie in Georgien und der Ukraine einzumischen, nicht ein sterbendes Regime zu unterstützen. Und tatsächlich beobachteten sie nur. Es hat geholfen, dass sich auch der amerikanische Botschafter herausgehalten hat.
profil: Trotzdem scheinen die USA und Russland um Einfluss in Ihrem Land zu wetteifern: Kirgisien ist der einzige Staat der Welt, in dem beide Mächte Militärbasen unterhalten.
Otunbajewa: Ja, wir haben eine amerikanische und eine russische Basis, beide in der Nähe von Bischkek. Damit können wir leben. Kirgisien ist strategisch wichtig auf dem Weg nach China, und außerdem sind wir die demokratische Avantgarde für Zentralasien. Wir würden auch gern mit der EU zusammenarbeiten. Aber ich habe das Gefühl, dass unsere Liebe nicht erwidert wird, weil wir ökonomisch nicht interessant sind. Den Amerikanern liegt wenigstens auch die Demokratie am Herzen.

Interview: Sebastian Heinzel, Otmar Lahodynsky