„Wir sind wirklich Gartenzwerge“

Interview mit Burgtheater-Direktor Klaus Bachler über seine Intendantenkür in München, den tödlichen Stillstand in Österreich und die vermeintliche Tüchtigkeit der Wiener Staatsoper.

profil: Sie mögen den Begriff „Theatermanager“ angeblich nicht. Warum?
Bachler: Weil es nicht nur ein irreführender, sondern ein falscher Begriff ist. Management bedeutet Gewinnmaximierung, und im Theater geht es eigentlich genau um das Gegenteil: Man haut das Geld hinaus, damit es bei der Tür wieder hereinkommt. Theater heißt, Geld in Kunst umzusetzen, in Dinge, die man nicht kennt, mit denen man keine Erfahrung hat – möglichst kühn und möglichst gegen konventionelle Management-Gesetze. Theater hat viel mehr mit Wetten oder Lotterien als mit Betriebswirtschaft zu tun. Ein Manager wird deshalb auch nie einen Kunstbetrieb leiten können.
profil: Dieses Selbstverständnis entspricht allerdings kaum der job description, die für leitende Kulturmanagement-Funktionen heute allgemein vorgegeben wird.
Bachler: Richtig, besonders in Österreich. Hier geht die Tendenz immer stärker in Richtung Kaufleute mit Händlerprofil. Vielleicht fällt es mir auch nur deshalb besonders auf, weil ich schon so lange hier arbeite und diese Entwicklung miterlebt habe – und weil es einmal ganz anders funktionierte: Die Kunst- und Kulturszene war geprägt von Diskurs und Streit, vor allem aber von Lust und Begeisterung.
profil: Wo würden Sie die Zäsur ansetzen?
Bachler: In der Gesellschaft gibt es selten klare Zäsuren, außer vielleicht bei Kriegen oder Naturkatastrophen. Ganz eindeutig lässt sich jedoch sagen: Kunst und Kultur steht nicht auf der Agenda dieser Regierung.
profil: Dabei wurde vor fünf Jahren mit Franz Morak doch ein waschechter, gelernter Künstler zum Kunststaatssekretär berufen …
Bachler: Ich glaube, Morak sah sich in dieser Position von Anfang an nicht als Künstler, er hat vielmehr versucht, als Künstler Politiker zu sein oder zu werden. Das halte ich für ein großes Missverständnis. Ich habe immer den französischen Kulturminister Jacques Lang bewundert, der genau den umgekehrten Weg ging: Als Politiker wurde er zum Künstler.
profil: Vergangenen Dienstag wurden Sie in München vom bayerischen Kunstminister Thomas Goppel als nächster Intendant der Bayerischen Staatsoper präsentiert und gleich mit päpstlichen Würden gesalbt: „Habemus Intendantem!“ Sind Sie da nicht zusammengezuckt?
Bachler: Diesen Vatikan-Vergleich, zumal aus dem Mund eines Bayern, der möglicherweise noch im Ratzinger-Taumel schwelgt, kann ich gut verstehen. Schließlich bin ich selbst katholischer Herkunft, zwar nicht dem Glauben, aber dem Habitus nach. Ich vergleiche auch das Burgtheater gern mit dem Vatikan, wegen seines barocken Gestus. An der Kirche fasziniert mich das Moment der Ausschweifung. Ich habe mir selbst auch immer ausladende Herausforderungen gesucht. Ich bin ein barocker Mensch, kein Minimalist.
profil: Was wird Ihnen in München von Wien am meisten abgehen?
Bachler: Die Schauspieler. Ich habe eine sehr innige Beziehung zum Burg-Ensemble. Ansonsten bin ich ein ganz unbehauster Mensch. Ich kann morgen meine Koffer packen und woanders hingehen, ganz ohne Wehmut oder Schmerzen.
profil: Im „Kurier“ wurden Sie nach der Bekanntgabe Ihrer Bayern-Kür als „Job Hopper“ tituliert.
Bachler: Warum? Weil sich in Wien alle an ihre Posten krallen und ihre Zeit möglichst lange aussitzen! Bitte, ich werde 2008 insgesamt 17 Jahre in Wien gearbeitet und in diesem Zeitraum drei der wichtigsten Kulturinstitutionen geleitet haben. In Wahrheit kleben die Leute doch überall viel zu lange an ihrem Amt – gerade in der Kunst. Deshalb wimmelt es auch von alten Herren in solchen Positionen.
profil: Fürchten Sie nicht, womöglich selber mal so einer zu werden?
Bachler: Alt werde ich ganz sicher. Ausschlaggebend für meine Entscheidung war auch, dass München offener ist als Wien. In Wien weiß jeder, wie es geht, die Vorurteile sind sehr groß, und im Musiktheaterbereich gehen keine Impulse von hier aus.
profil: Das klingt fast so, als würden Sie Wien jetzt schon nicht mehr vermissen.
Bachler: Die Vorstellung, in drei beziehungsweise vier Jahren wegzugehen, ist mir im Moment tatsächlich nicht unangenehm. Hier gefällt mir vieles überhaupt nicht. Die Budgetdiskussionen sind dabei gar nicht das Primäre. Das Hauptproblem ist das mangelnde Interesse, die mangelnde Begeisterung vonseiten derer, die letztlich die Kulturpolitik verantworten. Diese Einstellung setzt sich ins Gesellschaftliche fort: Der Kanzler beherrscht die hohe Kunst des Schweigens, und ich habe das Gefühl, dass dieses Schweigen mittlerweile das ganze Land ergriffen hat. Man schweigt in der Politik, man schweigt in der Kultur, man schweigt im ORF und in den anderen Medien. Im Jahr 2000 dachten wir, auch hier im Burgtheater, nun werde ein Ruck durchs Land gehen, hin zu mehr Wachheit und mehr Auseinandersetzung. Das Gegenteil ist eingetreten. Es wird zwar immer wieder Aufgeregtheit erzeugt, aber nur eventmäßig und für zwei Minuten, damit sich das Schweigen dann noch bleierner über alles legen kann. Das ist für mich in Österreich im Moment das Unangenehmste und Bedrückendste, diese Gummiwand-Situation.
profil: Hat Ihr Abgang also auch etwas Resignatives?
Bachler: Resignation entspricht nicht meinem Naturell. Es drängt mich einfach nicht, länger zu bleiben. Hier hat man nichts mehr vor, es geht nur noch um die Erhaltung und nicht um die Erweiterung des Status quo. Das Einzige, was in der Luft liegt, ist Schwere. Ein bestimmtes Klima wird immer auch erzeugt, in einem Theater, in einem Unternehmen – und eben auch in einem Staat. Darum geht es vor allem, nicht um Budgets.
profil: Budgets können durchaus auch eine symbolische Bedeutung haben. Welche Bedeutung hat in Ihren Augen die Tatsache, dass die Grundsubvention etwa für das Burgtheater seit zehn Jahren faktisch nicht mehr angehoben worden ist?
Bachler: Wie gesagt: Kunst und Kultur stehen nicht auf der Agenda dieser Regierung. Andererseits ist es plötzlich ein Thema, dass Kunst Geld kostet. Die Agrarsubventionen, die ein Vielfaches ausmachen, sind kein Thema. Das kann man nur als politische Absicht werten. Jeder, auch der Finanzminister, weiß, dass man über die Kunst keine Budgets sanieren kann. Eine besondere österreichische Groteske ist es außerdem, dass die Bundestheater mit der Ausgliederung quasi zu einem Konzern wurden, aber nicht als solcher agieren dürfen, denn in den Konzern wird ständig von außen hineinregiert, wieder aus sehr österreichischen Gründen.
profil: Der Konzern, von dem Sie sprechen, ist die Bundestheaterholding mit ihren drei Häusern, wobei zwei davon, Burgtheater und Volksoper, chronisch negativ bilanzieren, während die Staatsoper traumhafte Gewinne einfährt, zuletzt 9,6 Millionen Euro. Können Sie dieses Mysterium erklären?
Bachler: Das ist überhaupt kein Mysterium! Hier landen wir wieder beim großen Schweigen: In diesem Land sagt einfach niemand die Wahrheit. Intern weiß inzwischen jeder, dass bei der Ausgliederung damals die Subventionen nicht gesetzeskonform aufgeteilt wurden. Laut Gesetz hätten zur Bedarfsberechnung die Isteinnahmen zugrunde gelegt werden sollen, bei der Staatsoper wurden jedoch die viel niedrigeren Solleinnahmen zugrunde gelegt.
profil: Das heißt im Klartext, dass die Staatsoper mehr Subventionen erhält, als ihr eigentlich zustünden, und deshalb so hohe Gewinne ausweisen kann?
Bachler: Im Klartext ja.
profil: Wie konnte das passieren?
Bachler: Die Aufschlüsselung wurde teilweise von Leuten vorgenommen, die damals schon im „Konzern“ arbeiteten. Das ist das ganze Mysterium. Das Einzige, was in der Öffentlichkeit ankommt, ist die vermeintlich große Tüchtigkeit der Wiener Staatsoper – und das pittoreske Hin- und Hergeschrei zwischen Opern- und Burgtheaterdirektor.
profil: Wenn diese Tatsachen intern bekannt sind, warum sagt dann zumindest nicht intern jemand die Wahrheit?
Bachler: Die wurde von unserer Seite immer wieder gesagt, nur – und jetzt bin ich wieder bei der Kultur des Aussitzens – wurde es nicht aufgenommen, weil es andere Interessen und Verbindlichkeiten und Koalitionen und Seilschaften gibt. Im Kunststaatssekretariat hat man übrigens grundsätzlich Verständnis für unsere Situation, aber keine Lösung.
profil: Kunststaatssekretär Franz Morak zeigte diese Woche auch Verständnis für Ihre Entscheidung, nach München zu wechseln, ebenso wie der Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der allerdings hofft, dass die Entscheidung „nicht mit der Kulturpolitik beziehungsweise der restriktiven Finanzpolitik des Bundes zusammenhängt“.
Bachler: Warum hofft er das?! Bleiben wir bei der Wahrheit: Natürlich weinen mir die hiesigen Entscheidungsträger keine Träne nach. Warum? Weil ich, ganz unösterreichisch, in dieser Stadt immer ein einsamer Wolf gewesen bin. Ich habe keine Koalitionen und keine Seilschaften gesucht, weder in politischer noch in gesellschaftlicher Hinsicht. Ich habe mich gewissermaßen mit dieser Stadt nie eingelassen. Man hat mich aufgrund meiner Erfolge zwar immer respektiert, aber immer auch ein wenig scheel angeschaut, weil ich das Gesetz des Handelns immer in meiner Hand behalten habe. Damit bleibt man in einer Stadt der Verhaberung zwangsläufig ein Außenseiter.
profil: Merkt man es eigentlich, wenn man das Gesetz des Handelns nicht mehr in der Hand hat?
Bachler: Ich glaube, ich merke es. Obwohl man mir nachsagt, ein Taktiker und Stratege zu sein, bin ich in Wahrheit ein ganz intuitiver Mensch. Ich habe ein sehr fein ausgeprägtes Sensorium dafür, wann es gefährlich wird.
profil: Stéphane Lissner, Musikchef der Festwochen, wird derzeit für seinen Dreiecksspagat zwischen Wien, Mailand und Aix-en-Provence kritisiert. Sie selbst werden in der Saison 2008/09 immerhin an zwei Fronten zugleich agieren, am Burgtheater und an der Bayerischen Staatsoper.
Bachler: Das letzte Jahr ist immer ein Übergangsjahr. Ich hoffe, meinem Nachfolger einen feineren, klügeren und letztlich entspannteren Übergang zu bereiten, als ihn mir mein Vorgänger seinerzeit bereitet hat. Diese Zweigleisigkeit halte ich für verantwortbar. Tatsächlich ist meine Situation überhaupt nicht mit jener von Lissner zu vergleichen: Ich löse mich lediglich von einer Tätigkeit in eine andere hinein. Als ich von der Volksoper an die Burg wechselte, war das genau so. Im Übrigen finde ich die Lissner-Diskussion verlogen. Sie dokumentiert vor allem eines: Neid und Kleingeisterei, die in diesem Land immer stärker hochkommen. Man sollte den Mann daran messen, was er konkret leistet. Ich persönlich würde mir Lissners Pensum nicht zumuten, dafür sind mir meine Konzentration und meine Lebensqualität zu wichtig, aber ich würde Lissner nie dafür kritisieren. Ich gönne auch Herrn Grasser seine Capri-Aufenthalte von ganzem Herzen, solange ich weiß, was er mit der Arbeitslosigkeit und mit dem Budget in Österreich vorhat. An diesem Wissen zweifle ich jedoch.
profil: Können Sie sich vorstellen, bei der Findung Ihres Nachfolgers konsultiert zu werden?
Bachler: Selbstverständlich, das hat man mir auch schon angekündigt. Ich bin ja durchaus interessiert an der Zukunft des Burgtheaters. Man darf sich andererseits selbst nicht zu wichtig nehmen. Gerade unser Beruf ist doch ins Wasser geschrieben. Sobald der Vorhang fällt, ist es vorbei, aber solange es noch ein paar Menschen gibt, die den „Don Carlos“ gesehen haben, ist alles in Ordnung. Doch auch die werden sterben, und damit hat sich die Sache erledigt.
profil: Das klingt nun wieder sehr fatalistisch-altersweise.
Bachler: Nein, ich denke, es klingt lebenshungrig. Ich sage nur, dass man sich in einer Position wie meiner vor dem Bedeutungsvirus schützen muss. Man darf seine Funktion nicht mit seiner Person verwechseln. Das Burgtheater wird es weiterhin geben, mit mir oder ohne mich. Das ist nicht Resignation, das ist ein Faktum, dem man sich zu stellen hat. Deshalb finde ich diese Popanze und Machtzombies in der Politik und in der Kultur so unerträglich. Leider gibt es immer mehr davon. Was meine Arbeit am Burgtheater betrifft, so habe ich mir nichts vorzuwerfen: Wir sind trotz unserer Größe im Begriff, der modernste und flexibelste Theaterbetrieb überhaupt zu werden. Wir haben alles gemacht, was man in diesem Haus machen kann, alles verändert, was in Richtung Dienst an der Kunst geht. Verglichen mit der betrieblichen Situation des Burgtheaters, befindet sich die Staatsoper noch im 19. Jahrhundert.
profil: Werden Sie es in der verbleibenden Zeit noch einmal so richtig böse krachen lassen – nach dem Motto: Denen zeig ich’s jetzt, ich hab ja nichts mehr zu verlieren?
Bachler: Nein, ich mache in der Regel nur dann meinen Mund auf, wenn ich glaube, etwas zu sagen zu haben. Ich bin, wie gesagt, kein Stratege. Das Einzige, was mich im Leben interessiert, ist, authentisch zu sein. Nur dann macht mir mein Leben Spaß. Deshalb habe ich auch keine Angst. Als ich nach Wien kam, wurde ich gefragt, was mich an Kolumbien reizt. Meine Antwort: Dort sieht man die Waffen gleich.
profil: Zur Abwechslung eine kleine Spekulation: Gesetzt den Fall, Sie würden zum Kunststaatssekretär ernannt – welche Akzente würden Sie setzen?
Bachler: Zunächst einmal müsste man natürlich Kunstminister sein – man dürfte sich nicht mit einem Staatssekretärsposten abgeben, gerade in einem solchen Land! Die Aufgabe wäre ganz klar: motivieren, die Kunst wichtig machen, die Gesellschaft öffnen, einen Diskurs entfachen, entschiedene Akzente setzen gegen die tödliche Windstille und Bewegungslosigkeit in Österreich. Es wären echte, extreme Statements gefragt, denn nur so kann man Bewegung erzeugen. Relevante Dinge lassen sich nicht planen, man kann sie nur anstoßen. Die Bayern haben das übrigens kapiert. Dagegen sind wir wirklich Gartenzwerge.
profil: Was hindert Ihrer Ansicht nach die Herren Morak oder Mailath-Pokorny daran, so entschieden zu agieren?
Bachler: Ich bin kein Psychoanalytiker. Letztlich ist alles, was man im Leben tut, persönlichkeitsabhängig. Man kann aus den schwierigsten Situationen etwas machen, wenn man es persönlich will.
profil: Ergo: Die Probleme, von denen wir gesprochen haben, sind letztlich personeller und weniger struktureller Natur?
Bachler: Das kann man so sagen. Natürlich gibt es auch strukturelle Probleme, aber die großen Veränderungen werden immer von Personen angestoßen. Warum gab es eine Phase, in der Österreich einen hohen außenpolitischen Stellenwert hatte? Das lag doch nicht an Österreich, sondern an Bruno Kreisky und seiner Persönlichkeit. Es geht darum, dass die Dinge identifizierbar sind.
profil: Was Sie sich für die Zukunft des Burgtheaters wünschen, kann man erahnen. Umgekehrt gefragt aber: Was wäre in Ihren Augen das schlimmste Zukunftsszenario für die Burg?
Bachler: Eine Verjosefstädterung, denn diese beinhaltet für mich auch diesen Stillstand, in jeglicher Hinsicht, dieses Sicheingemeinden ins Österreichische, ins Nichtoffene, bis hin zur Vermoderung.

Interview: Sven Gächter