„Wir alle gingen durch die Hölle“:
Acht Jahre in Gaddafis Geiselhaft

Acht Jahre lang war die Bulgarin Snezhana Dimitrova in der Geiselhaft des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Ein Gespräch über Folter, Isolationshaft und die Angst vor dem Tod.

profil: Müssen Sie zwei Jahre nach Ihrer ­Befreiung noch oft an Libyen denken?
Dimitrova: Ich musste mich Gott sei Dank nicht von Libyen lösen, denn für mich war die Freilassung wie das Erwachen aus dem Koma. Ich versuchte, das alles nicht als Wirklichkeit wahrzunehmen: acht Jahre ­Gefangenschaft als ein langer Albtraum. Das hat mich vermutlich gerettet.

profil: Diese acht Jahre haben Sie nicht verändert?
Dimitrova: Doch, natürlich. Die psychische Belastung kann man sich kaum vorstellen. Ich bin jetzt noch selten allein in der Stadt unterwegs. Als ich heute Morgen die Wohnung verlassen wollte, traute ich mich beinahe nicht auf die Straße.

profil: Weil Sie Angst vor Menschen ­haben?
Dimitrova: Es ist wirklich wie nach dem ­Erwachen aus dem Koma. Ich muss wieder bei null anfangen, Schritt für Schritt in mein altes Leben zurückfinden.

profil: Können Sie noch lachen?
Dimitrova: Aber ja! Ich lache viel, weine aber nur mehr selten. Geweint habe ich in den acht Jahren in Libyen genug, ich will keine Träne mehr vergießen.

profil: Weshalb gingen Sie im Winter 1998 nach Libyen?
Dimitrova: Mir ging es wie den meisten Bulgaren: Wir litten unter Wirtschaftskrise und Hyperinflation. Als Krankenschwester konnte ich in Bulgarien 30 Dollar im Monat verdienen, in Libyen hingegen 130 Dollar.

profil: Wie wurden Sie in Libyen aufgenommen?
Dimitrova: Was Gaddafi für Libyen bedeutet und dass er allgegenwärtig ist, merkte ich erst in der Haft. Aber sehr bald nach meiner Ankunft musste ich erkennen, dass alles anders als bei uns war. Im Krankenhaus durften die Eltern jederzeit ein und aus gehen, die Männer durften in den Krankenzimmern rauchen. Kritik wurde uns verboten. Schon damals wusste man von 250 Kindern, die Aids hatten – bevor wir noch angekommen waren.

profil: Kam Ihre Verhaftung überraschend?
Dimitrova: Die sechs Wochen vor meiner Verhaftung waren schon sehr seltsam. Diese unglaublich schlechten Bedingungen im Krankenhaus! Hätte ich das Geld für ein ­Ticket gehabt, wäre ich sofort nach Hause geflogen. Ich hatte eine Ahnung, dass ­irgendwas geschehen werde. Aber natürlich nicht das.

profil: Sie wurden im Spital verhaftet?
Dimitrova: Wir waren gerade unterwegs zur Nachtschicht. Zuerst wurden uns die Augen verbunden und die Hände gefesselt. Dann mussten wir in einen Bus steigen und wurden nach Tripolis gebracht. Eine Nacht und einen Tag waren wir unterwegs.

profil: Erfuhren Sie sofort, warum Sie verhaftet worden waren?
Dimitrova: Erst als die Folterungen begannen, sagten sie zu mir, während sie mich schlugen: „Gib zu, dass du die Kinder mit Aids infiziert hast. Oder sag, wer es war.“ Für mich war sofort klar, dass wir nur verlieren konnten, egal, was wir antworteten. Deshalb habe ich den Mund nicht mehr aufgemacht.

profil: Welche Zeit war die schlimmste?
Dimitrova: Die ersten 45 Tage. Wir bekamen nur Wasser zu trinken, hatten keine Zahnbürsten, durften nicht duschen und mussten dieselbe Kleidung tragen, in der wir verhaftet worden waren. Als ich danach zum ersten Mal duschen durfte, musste mir eine Wächterin helfen, weil meine Hände von den Schlägen so wund waren. Sie verwendete statt Seife Bleich- und Spülmittel.

profil: Waren Sie alle sechs in einer Zelle?
Dimitrova: Nein, wir waren isoliert.

profil: Wie lange wurden Sie gefoltert?
Dimitrova: Die ersten drei Monate wurden wir immer wieder gefoltert. Danach war die Anklageschrift fertig, und wir wurden nur mehr psychisch unter Druck gesetzt.

profil: Ist das Schlimmste an der Folter der Schmerz oder das Gefühl der völligen Hilflosigkeit?
Dimitrova: Körperliche Schmerzen gehen vorbei. Man vergisst sie wieder. Aber der psychische Schmerz bleibt ein Leben lang. Ganz zu Beginn der Torturen dachte ich noch: Das ist ein großes Missverständnis, das wird schnell vorbei sein. Das war ein Irrtum.

profil: Sahen Sie Ihre Folterer und kannten ihre Namen?
Dimitrova: Uns wurden immer die Augen verbunden. Dennoch konnten wir die Folterer danach, vor Gericht, an ihren Stimmen, ihrer Art zu sprechen und ihrem ­Geruch wiedererkennen. Ich habe damals gelernt, meiner Intuition zu vertrauen.

profil: Kann ein Mensch durch Folter ­gezwungen werden, die Wahrheit zu sagen?
Dimitrova: Das kann ich ausschließen. Folter kann jedoch eine Lüge legalisieren. Das war in unserem Fall so. Drei aus unserer Gruppe gestanden unter Folter, dass die ganze Gruppe die Infizierungen organisiert habe. Aufgrund dieser Lüge wurden wir alle zum Tod verurteilt. Ich kannte die drei zuvor gar nicht, dennoch behaupteten sie von mir, ich hätte Kinder absichtlich infiziert. Bei den späteren Verhören bekam ich immer wieder gesagt: „Es ist egal, was du uns erzählst, wir haben ja die Geständnisse, dass du dabei warst.“ Folter führt also nicht zur Wahrheit, sondern zur Lüge, weil man den Schmerz nicht mehr ertragen kann.

profil: Können Sie verstehen, dass Ihre Mitgefangenen unter den Qualen der Folter zu Lügnern wurden?
Dimitrova: Ich weiß, durch welche Hölle sie gegangen sind. Wir alle gingen durch diese Hölle. Ob ich ihnen nun verzeihe oder nicht, ändert nichts an der Geschichte. Manche ertragen Schmerz länger, andere kürzer. Ich kann sie verstehen.

profil: Sie können verstehen, aber nicht verzeihen?
Dimitrova: Zu einer der drei hatte ich während der Gefangenschaft ein angespanntes Verhältnis. Oft sagte ich ihr: „Wenn du Reue zeigst, wird es auch für dich einfacher.“ Erst kurz vor unserer Befreiung entschuldigte sie sich. Ich bin heute noch glücklich, dass es zu dieser Aussprache kam. Ich konnte ihr verzeihen und habe heute engen Kontakt zu ihr.

profil: Gab es auch für Sie Momente während der Folter, in denen Sie dachten: Ich schaffe es nicht mehr, ich erzähle alles, was die hören wollen?
Dimitrova: Niemals. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich mich als schwach empfunden, doch dann überschritt ich eine Schwelle und sagte mir: Du bist unschuldig, sie sind die Bösen. So kam ich mit der Situation klar.

profil: Spielten Ermittler und Folterer in Gaddafis Inszenierung mit, oder glaubten sie wirklich an Ihre Schuld?
Dimitrova: Sie führten nur Befehle aus. Ein einziges Mal zeigte jemand in den ersten Wochen menschliche Regungen: Als ich wieder einmal so zusammengeschlagen wurde, dass ich auf dem Boden lag und mich nicht rühren konnte, kam ein Mann mit Tränen in den Augen und sagte: „Ich weiß, dass du unschuldig bist, aber ich kann dir nicht helfen.“

profil: 2004 wurden Sie zum Tod verurteilt. Glaubten Sie damals, dass die Libyer Ernst machen würden?
Dimitrova: Keinen einzigen Tag glaubte ich daran. Angst vor dem Tod hatte ich nur während der Folterungen. Während des Prozesses war mir klar, dass das Spiel einfach weiterging.

profil: Ihnen war klar, dass dieses Spiel nur Gaddafi persönlich entscheiden konnte?
Dimitrova: Das war uns allen klar. Wir hatten ja nach einiger Zeit Fernsehen und ­Radio in den Zellen und wussten, wie unser Fall in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.

profil: Bekamen Sie jemals ein Mitglied der Familie Gaddafi zu Gesicht?
Dimitrova: Seine Tochter besuchte einmal das Gefängnis. Aber wir sahen sie nur aus der Ferne.

profil: Spielte Gaddafis Sohn Saif al-Islam tatsächlich eine positive Rolle?
Dimitrova: Nur seinetwegen wurden wir aus dem Gefängnis in ein normales Haus verlegt, wo ich endlich wieder in einem Bett schlafen konnte und normales Essen bekam. Das kann ich nicht vergessen. In meinem Buch danke ich deshalb Saif al-Islam und seiner Stiftung.

profil: Im Mai 2005 besuchte Sie der bulgarische Staatspräsident in Libyen …
Dimitrova: … ich erinnere mich aber lieber an die Gespräche mit den Vertretern der EU. Bulgarien ist ein kleines Land. Es hat das gemacht, wozu es die Kraft hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Aber viele andere haben mitgeholfen: Journalisten und nichtstaatliche Organisationen, die Europäische Union. Allein hätte Bulgarien das auf keinen Fall geschafft.

profil: Warum wollen Sie nicht über den ­Besuch von Staatspräsident Georgi Parwanow sprechen?
Dimitrova: Es war enttäuschend. Er konnte uns keine Hoffnung geben.

profil: Wäre es besser gewesen, er wäre ­damals nicht gekommen?
Dimitrova: Wir wurden von vielen Leuten besucht. Und jedes Mal spürten wir ganz genau, ob jemand wirklich helfen oder nur ein Foto mit uns haben wollte. Zuletzt verhandelten die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und die damalige Frau des französischen Präsidenten, Cécilia Sarkozy, 48 Stunden lang, ohne zu schlafen. Sie sagten, dass sie Tripolis nur mit uns Krankenschwestern an Bord verlassen würden. Sie hatten offenbar die richtigen Argumente.

profil: Haben Sie mit Ferrero-Waldner auf dem Flug von Tripolis nach Sofia gesprochen?
Dimitrova: Selbstverständlich. Das war der glücklichste Moment meines Lebens. Wir fielen uns in die Arme, küssten uns. Menschen, die einander nicht kannten, fühlten sich plötzlich zusammengehörig, wie in einer Familie. In dieser Stimmung war gar nicht mehr viel Platz zum Reden. Es reichte schon, dass wir zusammen lachten und weinten. Das war ein so emotionaler Moment – wenn ich nur daran denke, muss ich wieder weinen. Ihre Gesichter werde ich nie vergessen. Madame Sarkozy und Frau Ferrero-Waldner waren für mich die Gesichter der Freiheit.

profil: Konnten Sie das Gefühl der Hoffnungslosigkeit in der Gefangenschaft ­irgendwie unterdrücken?
Dimitrova: Ich habe im Gefängnis sehr viel geweint. Die libyschen Wächterinnen sagten mir dann: „Es lohnt sich nicht, du bekommst nur Kopfschmerzen, aber änderst gar nichts. Dein Schicksal liegt nicht in deinen Händen.“ Ich habe mir das zu Herzen genommen, ich bin jetzt nicht mehr so emotional wie früher, ich reagiere gelassener auf Schwierigkeiten. Meine einzige Aufgabe in Libyen war zu überleben. Das habe ich geschafft.

profil: Wie soll sich ein Staat, dessen Bürger gefangen gehalten werden, in einer solchen Situation verhalten?
Dimitrova: Das Wichtigste ist, dass die ­Gefangenen nicht vergessen werden. Die Medien sollen jeden Tag über sie schreiben. Das gibt den Gefangenen ein Gefühl der Stärke. Die bulgarische Kampagne „Ihr seid nicht allein“ war in ganz Europa und in den USA bekannt. Sie gab uns sehr viel Kraft. Wir erhielten Kartons voller Postkarten aus der ganzen Welt, zu Weihnachten, zu Neujahr, auch zu anderen Feiertagen. Wir konnten im Fernsehen das Abschlusskonzert der Kampagne für uns in Sofia sehen. Diese vielen Bulgaren, die sich zu unserer Unterstützung versammelten – das rührte mich zu Tränen. Damals sagte ich zu den anderen: Vielleicht waren diese acht Jahre doch nicht ganz vergebens.

Interview: Bernhard Odehnal, Sofia