Wirtschaft: Russisches Roulette

In Russland tobt ein Machtkampf zwischen der Politik und den Mächtigen der Wirtschaft. Die Folgen: frei fallende Aktienkurse und verunsicherte Investoren.

Der russische Aktienmarkt erlebte den schwärzesten Tag des Jahres. Nach der Festnahme von Michail Chodorkowski, dem Haupteigentümer und Geschäftsführer des Ölkonzerns Yukos, und der Beschlagnahmung von 44 Prozent der Yukos-Aktien vergangenen Donnerstag brach in Russlands Finanzwelt das Chaos aus. Panikverkäufe bestimmten das Verhalten der Anleger. Der Aktienkurs von Yukos Oil, dem nach der Fusion mit Sibneft Oil viertgrößten Ölkonzern der Welt, fiel um über 20 Prozent. Der Russian Trade Index (RTX) sackte um über zehn Punkte ab. Der Rubelkurs und die russischen Staatsanleihen gaben ebenfalls deutlich nach. Die Moskauer Börse unterbrach daraufhin den Handel.

Die russische Wirtschaft wächst bereits im fünften Jahr in Folge, heuer voraussichtlich um sechs Prozent. Die wichtigsten Handelsgüter sind Gas und Öl. Die gewaltigen Rohstoffreserven des russischen Riesenreiches ziehen westliche und asiatische Länder magisch an, bei der Suche nach einer Alternative zu Energieimporten aus dem politisch instabilen Nahen Osten. Mit einem Anstieg um mehr als siebzig Prozent seit Jahresbeginn gehört der RTX zu den stärksten Aktienindizes weltweit. Aufgeheizt wurde der Markt vor allem durch die Fusionsdynamik am Ölsektor.

So hat im August die russische Kartellbehörde der Fusion von Yukos mit dem Ölkonzern Sibneft zugestimmt. Im September kündigte Shell an, sein Engagement in Russland kräftig auszuweiten. Unterdessen haben auch die beiden US-Ölkonzerne Exxon, der Öl-Weltmarktführer, und Chevron Texaco ihr Interesse am fusionierten Yukos-Sibneft-Konzern bekundet. Das hat den Aktienmarkt beflügelt – immerhin haben Öltitel einen Anteil von 60 bis 70 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung und geben damit die Stoßrichtung vor. Zirka 30 Prozent des russischen Staatshaushaltes werden auf dem Energiesektor und vor allem mit Öl lukriert.

Schwarzes Gold. Die Abhängigkeit vom Öl könnte den Anlegern schon bald zu schaffen machen: Die OPEC hat kürzlich beschlossen, die Förderquoten zu senken, um dem allgemeinen Preisverfall, ausgelöst durch eine sinkende Nachfrage, entgegenzuwirken. Trotzdem erwarten Analysten einen weiteren Preisverfall des Rohöls. Nach Berechnungen der Crédit Suisse First Boston würde eine Ölpreisänderung von nur einem Dollar pro Barrel zwei Milliarden Dollar mehr oder weniger für den russischen Haushalt bedeuten. Laut Experten waren allein die hohen Rohölpreise für das rasche Wirtschaftswachstum der letzten Jahre verantwortlich.
Mit der Inhaftierung von Michail Chodorkowski und der Beschlagnahmung der Kontrollmehrheit seiner Aktien hat Präsident Putin Russlands ohnehin schwache Wirtschaft (das Bruttoinlandsprodukt der Atommacht entspricht jenem der Niederlande) einem überaus hohen Risiko ausgesetzt, da Investoren nachhaltig abgeschreckt werden könnten. Für die russische Wirtschaft wäre das fatal, weil sie von Kapital und Know-how ausländischer Investoren abhängig ist.

Die Einschätzung eines Finanzstrategen der Securities Commerzbank in London: „Der Yukos-Konflikt konterkariert die positive Entwicklung und bedeutet ganz klar einen großen Vertrauensverlust. Damit steigen die Risikoprämien für den russischen Aktienmarkt, folglich fallen die Preise. Es wird Zeit brauchen, um diesen Schaden zu reparieren.“ Die Fusionsgespräche zwischen Yukos und Exxon beziehungsweise Chevron Texaco sind seit Chodorkowskis Verhaftung ausgesetzt. Nach Berichten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben andere ausländische Investoren ihre geplanten Investitionen in Russland bereits storniert.

Fatale Folgen. Präsident Putin selbst versuchte den Schaden noch am Tag von Chodorkowskis Verhaftung zu begrenzen und versicherte, der Kreml wolle die Privatisierungen der neunziger Jahre nicht rückgängig machen – eine Aussage, der nach der Beschlagnahmung der Aktienmehrheit von Yukos kaum jemand mehr Glauben schenken dürfte. Der Schock in der Finanzwelt über die autoritären Methoden des Präsidenten im Fall Yukos sitzt tief.

Schon 1998 hatte Russland sich international als Investorenparadies mit hohen Renditen und scheinbar geringem Risiko zu profilieren versucht. Eine dramatische Finanzkrise war die Folge. Deren Wiederholung, schrieb die „Financial Times“, würde die Chance auf das stärkste Wirtschaftswachstum seit dem Zweiten Weltkrieg zunichte machen.

Ob die Euphorie der Investoren in die russische Ökonomie verfrüht war, kann erst dann abgeschätzt werden, wenn klar wird, ob der Fall Yukos ein politischer Einzelakt gegen einen missliebigen Oligarchen war oder Ausdruck einer allgemeinen Tendenz hin zu einem autoritären Regime.