Wirtschaftsstandorte: Der Feel-Good-Faktor

Österreich behauptet sich im EU-Vergleich besser, als es der Wahrnehmung seiner Bürger entspricht. Doch im Standortwettlauf der EU-Staaten spielt Psychologie eine immer größere Rolle.

Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, bezeichnete jüngst in einem Interview seine Landsleute als „Heulsusen“. Das Interview wurde in englischsprachigen Blättern zitiert, wo man den Begriff mit „Cry Babies“ übersetzte.

„Cry Babies“ gefällt dem international renommierten Volkswirt sogar noch besser als „Heulsusen“. Er findet, die englischsprachige Formulierung klinge ein wenig „netter“. Und schließlich wolle er seine Landsleute ja nicht beleidigen, sondern bloß aufrütteln: „Ich schimpfe ja nicht auf Leute, denen es schlecht geht und die deshalb weinen“, sagt Walter. Er kritisiere jene, die es ohnehin ganz komfortabel hätten, sich aber, dem allgemeinen Lamento über die flaue Wirtschafts- und Finanzlage folgend, in ihr Schneckenhaus zurückziehen und dort mit verschränkten Armen auf bessere Zeiten warten. Unternehmer zum Beispiel, die gut verdienen, die Investitionschancen hätten, die aber nicht investieren.

Norbert Walter trifft einen Nerv. Denn die Wirtschaft verdient in vielen Branchen sehr anständig – aber sie investiert relativ wenig. Es ist eine Frage der allgemeinen Stimmung. Auch in Österreich.

Bei Lektüre großer europäischer, vornehmlich deutscher Zeitungen fällt in jüngster Zeit ein deutlicher Wandel in den Analysen und Kommentaren ins Auge: Beherrschten bis vor Kurzem strenge Aufrufe zu Lohnverzicht, zum Gürtel-enger-Schnallen und zur Abkehr von bisherigen Annehmlichkeiten die wirtschaftspolitische Debatte Kontinentaleuropas, so ist neuerdings die Erkenntnis eingesickert, dass damit allein wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen sei. „Seit einigen Jahren steigen die Löhne in Deutschland jetzt schon langsamer als bei fast allen Konkurrenten, langsamer auch als die Produktivität“, heißt es beispielsweise in der britischen „Financial Times“ („FT“). Wachstum und neue Jobs habe das aber kaum gebracht. Eine Antwort könne laut „FT“ darin liegen, „dass die bisherige Diagnose falsch war“.

Bringt nichts. Vielleicht nicht falsch, aber zu kurz gegriffen. Rein rechnerisch hat der Höhenflug des Euro alle Kostenvorteile, die durch die bisherigen Kostensenkungen und Strukturmaßnahmen in Deutschland wie in Österreich erreicht wurden, jedenfalls für die Exportwirtschaft wieder weggefressen. Innerhalb Europas fehlt es an Nachfrage. Und das, was die Hohepriester der reinen Lehre vom Gürtel-enger-Schnallen als Folge dieser Maßnahmen vorhergesagt haben, dass sich nämlich nach dem Wegfall der Unternehmensbelastungen auch in Kontinentaleuropa so was wie „fröhlicher neuer Wirtschafts-Darwinismus Marke USA“ („Die Zeit“) ausbreiten werde, fand bisher schlicht nicht statt.

Norbert Walter zählt die Vielzahl der Maßnahmen auf, die die Standortqualität des für Europa wichtigsten Wirtschaftsraums – Deutschland – inzwischen qualitativ verbessert haben, und meint: „Es ist schwer verständlich, warum ein Land, das seine strukturellen Fehler erkannt und zu einem großen Teil abgestellt hat, sich darüber nicht freut. Warum es die neuen Chancen nicht offensiv aufgreift. Warum es nicht investiert.“ Diese Reaktion sei für ihn nicht nachvollziehbar: „Vor diesem Phänomen stehe ich wie der Ochs vorm Berg.“

Beim Thema „Verbesserung des Standorts Europa“ ebenso wie jener der diversen Länderstandorte geht es also mittlerweile nicht nur um ökonomische Zahlen und Fakten, sondern zunehmend auch um das gesellschaftliche Klima. Um Massenpsychologie gewissermaßen. Deren Bedeutung zeigt sich auch in den Ergebnissen der so genannten Eurobarometer-Umfragen, in denen das Meinungsklima in den einzelnen EU-Staaten erhoben wird: Die Bürger der am stärksten wachsenden EU-Staaten, nämlich Dänemark, Schweden und Finnland, empfinden doppelt so hohe Lebenszufriedenheit wie jene in den Tristesse-Ländern des Kontinents. Die Skandinavier betrachten Globalisierung und rasanten gesellschaftlichen Wandel als Chance, während sich die Bürger am Kontinent davor mehrheitlich fürchten.