Wissenschaftsgeschichte: Johannes Kepler - Per aspera ad astra

In einem Mitte Mai in den USA erscheinenden Buch wird eine spektakuläre These aufgestellt: Der berühmte Astronom Johannes Kepler habe seinen Mentor Tycho Brahe vergiftet, um dessen empirischen Datenschatz an sich zu reißen.

Jeder bessere Prag-Reiseführer vermerkt das in der gotischen Teynkirche nahe dem Altstädter Ring zu besichtigende Grabmal des Tycho Brahe (1546–1601). Der aus Dänemark stammende Kaiserliche Mathematiker und Astronom am Hofe Rudolfs II. in Prag war der wohl berühmteste Himmelsforscher seiner Zeit. Fast vier Jahrzehnte lang katalogisierte er systematisch empirische Daten zu astronomischen Phänomenen. Auf diese Weise schuf er einen unermesslichen, höchst präzisen Wissensschatz und zählt daher neben Galileo Galilei und Johannes Kepler zu den Begründern der modernen Wissenschaft.

Das Relief auf dem etwa 160 mal 80 Zentimeter großen Grabdeckel aus rotbraunem Marmor zeigt einen geharnischten Ritter, der mit der Linken einen Schwertknauf, mit der Rechten einen Globus umfasst – gleichsam ein Mensch zwischen zwei höchst unterschiedlichen Zeitaltern: hier das Schwert als Symbol für die ausklingende Zeit der Mystik und der Glaubenskriege; dort der Globus als Symbol der aufblühenden Naturwissenschaften. Das Antlitz des steinernen Ritters wird durch einen überlangen Schnurrbart akzentuiert, der heute plötzlich wieder eine zentrale Rolle spielt.

Vier Jahrhunderte lang barg das marmorne Grab mit dem Leichnam auch das Geheimnis um den jähen Tod des großen Forschers am 24. Oktober 1601. Schon damals kursierten Gerüchte, Tycho Brahe sei wahrscheinlich vergiftet worden, aber niemand wusste, womit oder von wem. Es gab weder Hinweise auf ein bestimmtes Gift noch auf einen möglichen Täter. 400 Jahre später will das deutsch-amerikanische Autorenehepaar Joshua und Anne-Lee Gilder das Geheimnis um Brahes Tod nun lüften: In einem am 18. Mai im amerikanischen Doubleday-Verlag erscheinenden Buch mit dem Titel „Heavenly Intrigue“ (Himmlische Intrige) behaupten die beiden, Brahe sei tatsächlich vergiftet worden. Der Tat hauptverdächtig sei kein Geringerer als Brahes Assistent Johannes Kepler: Dieser könnte seinen Mentor vergiftet haben, um an dessen aufgrund von Himmelsbeobachtungen erstellten empirischen Datenschatz heranzukommen, ohne den Keplers Theorien wertlos gewesen wären.

Auf diesen höchst spekulativ erscheinenden Stoff stießen die Gilders, wie sie sagen, erst im Zug ihrer Recherchen zu einer anderen „faszinierenden Geschichte“: Sie hätten ursprünglich ein Buch über den Beginn der modernen Wissenschaft schreiben wollen, in dem Kepler und Brahe eine zentrale Rolle spielen sollten. Denn, so der frühere Journalist, mehrfache Buchautor und ehemalige Redenschreiber von US-Präsident Ronald Reagan, Joshua Gilder, zu profil: „Beide, Kepler und Brahe, bilden eine Brücke zwischen Mittelalter und Neuzeit.“ Indem Brahe verlässliche, überprüfbare empirische Daten sammelte, wie es keiner in diesem Ausmaß vor ihm getan hatte, und indem Kepler diese Daten nutzte, um Jahre nach Brahes Tod seine revolutionären Planetengesetze zu erstellen, wuchsen beide über das platonische Denken ihrer Zeit hinaus.

Harnsperre. Die genauen Umstände von Brahes Tod avancierten erst nach und nach zum zentralen Recherchegegenstand der Gilders. Nach der offiziellen Version, wie sie Kepler in seinen Notizen wiedergab und wie sie auch von zwei Ärzten kolportiert wurde, starb Brahe an einem Blasen- oder Nierenleiden, elf Tage nachdem er am 13. Oktober 1601 ein Bankett im Hause des Prager Barons von Rosenberg besucht hatte. Den ganzen Abend lang hatte er es verabsäumt, seine Blase zu entleeren. Nach seiner Heimkehr war er dazu nicht mehr in der Lage. Er zeigte offensichtliche Symptome einer Harnsperre und kollabierte unter heftigen Unterleibsschmerzen. Erst nach fünf schlaflosen Nächten unter Fieber und unerträglichen Schmerzen produzierte er blutigen Harn, um nach einer Phase des Deliriums erst am zehnten Tag wieder zu sich zu kommen. Nach mündlicher Ordnung seines Nachlasses, einer ruhigen letzten Nacht und dem Satz: „Ich habe nicht umsonst gelebt“ sei er friedlich gestorben.

Zunächst tippten die Ärzte auf einen Stein und einen Blasenriss als Ursache. Allerdings war schon zu dieser Zeit bekannt, dass man die Harnsperre durch das Einführen eines Katheters überwinden, die Blase entleeren und das Problem auf diese Weise in den Griff bekommen kann. Aber eine solche Therapie findet in den von den Buchautoren durchforsteten Dokumenten keinerlei Erwähnung. Und für eine erst sehr viel später als mögliche Ursache bekannt gewordene Prostatavergrößerung erscheint Tycho Brahe mit seinen 54 Jahren doch noch relativ jung. Jedenfalls gab es von Anfang an Spekulationen über einen mutmaßlichen Tod durch Gift.

Diese Gerüchte kamen auch auf, weil die Symptome jenen nach einer Vergiftung mit Pflanzengift oder mit Schwermetallen durchaus vergleichbar waren. Das Motiv für einen Giftmord, so hieß es, könnte politischer oder religiöser Natur gewesen sein. Denn sowohl der katholische Klerus als auch der Adel hatten den Einfluss, den der protestantische Forscher Tycho Brahe auf den schwachen Kaiser Rudolf II. in Prag ausübte, mit wachsendem Argwohn beobachtet.

Die erste forensische Untersuchung des Todesfalles Brahe wurde jedoch erst Jahrhunderte später vorgenommen. Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1991 wurde am Grabmal des Tycho Brahe eine kleine staatsamtliche Feier abgehalten: Der Direktor des tschechischen Nationalmuseums überreichte dem neu ernannten dänischen Botschafter in Prag eine kleine Schachtel als Geschenk. Sie enthielt ein Stück Leichentuch und einige Barthaare. Laut einer beigelegten Notiz stammten die Reliquien von einer Graböffnung, die 1901 anlässlich des 300. Todestages von Tycho Brahe vorgenommen worden war. Die Stadtväter wollten damals das Grabmal renovieren und ließen bei dieser Gelegenheit auch das Gerücht überprüfen, wonach der Leichnam im Jahr 1620 entfernt worden sei, nachdem die Katholiken in Böhmen die Macht übernommen hatten. Das beschädigte Grab enthielt die mumifizierten Überreste eines männlichen Leichnams, höchstwahrscheinlich jenen des Tycho Brahe, erkennbar an dem fehlenden Nasenstück, das Brahe bei einem Raufhandel zu Studienzeiten eingebüßt hatte. Bei dem zweiten in dem Grab entdeckten, mumifizierten Leichnam handelte es sich vermutlich um Tychos Ehefrau Kristine Barbara, die Tycho um einige Jahre überlebt hatte.

Auf Initiative des Direktors des Ole Römer Museums in Kopenhagen, Claus Thykier, wurden die Barthaare an das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Kopenhagen zur Analyse übermittelt, um die hartnäckigen Gerüchte über eine allfällige Vergiftung zu verifizieren. Mithilfe eines Atomabsorptionsspektrometers wurden die Haare auf mögliche Arsen-, Blei- oder Quecksilberspuren hin untersucht. Das Ergebnis präsentierte Bent Kämpe, Chef des Labors für forensische Chemie an der Universität Kopenhagen und 1993 dänischer Delegierter auf der Konferenz der International Association of Toxicologists (TIAFT) in Leipzig: Demnach wurde Brahes Urämie durch eine hundertfach erhöhte Quecksilberdosis hervorgerufen. Die beschriebenen akuten Symptome nach dem Bankett stimmten laut Kämpe damit überein.

Schlagartig krank. Dass – diese erste – Dosis nicht tödlich wirkte, führen die Buchautoren vor allem darauf zurück, dass Brahe nach allen ihnen bekannten Dokumenten „kerngesund war, bevor er schlagartig erkrankte“. Erst eine zweite, am Abend des zehnten Krankheitstages verabreichte Giftdosis habe zu Brahes Tod geführt, wie eine weitere, im Jahr 1996 an der schwedischen Universität Lund durchgeführte Analyse der Haarwurzeln belege.

Der Physiker Jan Pallon bediente sich dabei der so genannten PIXE-Methode. Dabei werden die Atome der Probe durch die Bestrahlung mit hochenergetischen Protonen zur Aussendung einer charakteristischen Röntgenstrahlung angeregt. Dadurch ist es beispielsweise möglich, den genauen Verlauf der Quecksilberkonzentration im Blut während der letzten 74,5 Lebensstunden zu bestimmen. Da Haare mit dem Exitus ihr Wachstum einstellen, kann man vom Todeszeitpunkt an „zurückrechnen“. Demnach stieg die Quecksilberkonzentration in Brahes Blut 13 Stunden vor seinem Tod dramatisch auf das Vierzigfache an. Das entspräche einer Zeit zwischen acht und neun Uhr abends, jener Tageszeit, zu der sich Brahe üblicherweise schlafen legte.

Pallon fand in Brahes Haarwurzeln außerdem erhöhte Kalziumwerte, was darauf hindeutet, dass Brahe am Vorabend seines Todes Milch getrunken haben könnte. Milch ist ein von Giftmischern gerne verwendetes Getränk, weil es den Geschmack von Quecksilberchlorid überdeckt und die Wirkung des Giftes leicht verzögert. In den 17 Stunden davor lag der Quecksilberwert hingegen beständig bei null, ein Hinweis darauf, dass zu dieser Zeit das Quecksilber der ersten Vergiftung bereits abgebaut war.

Diese Schlussfolgerung wiederum deckt sich mit den Berichten des Brahe-Freundes und Arztes Jessenius Jessen: „Am Abend vor seinem Tod ließen die Symptome seines Leidens nach, sodass er etliche Dinge mit großer Erleichtung und Klarheit regeln konnte.“ Mündlich überantwortete Brahe seinen Nachlass den gesetzlichen Erben, einschließlich seiner astronomischen Datensammlung, die Kepler so dringend benötigt hätte, um seine Planetentheorien zu beweisen.

Eingeständnis. Dieses Testament, so mutmaßen die Buchautoren, hätte Kepler dazu motivieren können, Brahe durch die Verabreichung einer zweiten Giftdosis endgültig zu beseitigen. Zur Untermauerung dieser These zitieren sie folgende Passage aus einem von Kepler 1605 verfassten Brief an den britischen Astrologen Christoph Heydon: „Ich bestreite nicht, dass ich, als Tycho tot war und seine Erben entweder abwesend oder wenig geschult waren, die verbliebenen Beobachtungsdaten an mich riss, gegen den Willen der Erben.“

Das allein belegt noch keinen Mord. Aber auch dafür wollen die Autoren des Buches genügend Indizien gefunden haben, etwa mit Zitaten aus Briefen an Keplers einstigen Tübinger Lehrer Michael Mästlin, die verdeutlichen, wie wichtig ihm die Verfügbarkeit über Brahes Daten war.

Auch für die Verfügbarkeit des Gifts – Quecksilberchlorid – bietet das Buch der Gilders eine Erklärung an: Demnach war Brahe auch Alchimist, der sich eingehend mit der Herstellung von Heilmitteln befasste. Quecksilber spielte dabei eine wichtige Rolle, man verwendete es zu jener Zeit beispielsweise zur Behandlung der Syphilis, und Quecksilberchlorid war ein Zwischenprodukt des Herstellungsprozesses. Kepler, der Brahe bei dieser Tätigkeit gern zusah, hatte als einziger noch verbliebener Assistent Brahes auch Zugang zum Labor.

Um diese Thesen noch weiter zu garnieren, werden in dem Buch Passagen aus der Selbstanalyse zitiert, die Kepler noch in seiner Grazer Zeit verfasst hatte. Darin beschreibt er seinen „hündischen“ Charakter sowie seine „Begierde zum Täuschen und Betrügen“. Vereinzelte in deutschen Medien erschienene Berichte über den Inhalt des Gilder-Buches strafte die Kepler-Kommission bei der bayrischen Akademie der Wissenschaften, höchste Instanz der Kepler-Forschung, vorerst mit Schweigen. Der Kepler-Forscher Helmut Grössing, Wissenschaftshistoriker an der Universität Wien, hält die Mordthese für „reichlich abstrus. Aber wir kennen das Buch noch nicht. Man muss sich das anschauen, und dann muss die Kepler-Kommission darauf reagieren.“