Wohin fällt der Dollar?

Führen Bush und Greenspan die USA in den nächsten Boom oder die Weltwirtschaft in eine handfeste Krise?

Warren Buffett, zweitreichster Mann der USA, mag seine Heimatwährung nicht“, resümierte Franz C. Bauer vergangene Woche in seiner profil-Kolumne „Geld & Markt“ die Meinung des wahrscheinlich erfolgreichsten Spekulanten der Gegenwart zum Dollar: Wenn die USA ihr Handelsbilanzdefizit nicht in den Griff bekämen, drohe US-Notenbank-Präsident Alan Greenspan der Absturz.
Buffetts kaum minder erfolgreicher Kollege George Soros scheint ähnlich zu denken: Wie Buffett borgt er sich in den USA spottbilliges Geld und investiert es überall in der Welt – nur nicht in den USA.
Beide Männer sind offenbar überzeugt, dass sich a) die US-Wirtschaft keineswegs in einem so großartigen Zustand befindet, wie George W. Bush und FED-Chef Alan Greenspan glauben machen wollen, und dass sie b) die aufgenommenen Kredite mit noch weit billigeren Dollars zurückzahlen werden.
Wenn beides zutrifft, dann liest es sich ähnlich wie die Voraussetzungen für eine Weltwirtschaftskrise. Denn der Aufschwung, den es in Asien kräftig und selbst in Europa zaghaft gibt, lebt von der Überzeugung, dass die US-Lokomotive schon wieder unter Volldampf fährt. Wenn ihr stattdessen der Treibstoff ausgehen sollte, knirschen auf der ganzen Welt die Räder.

Haben Sie trotzdem keine Angst, denn erstens verstehe ich nichts von Wirtschaft, sondern war immer nur ein „politischer“ Journalist, zweitens war ich seit jeher ein übertriebener Pessimist: Seit Jahren will ich nicht glauben, dass man immer mehr für Rüstung ausgeben und immer weniger an Steuern einnehmen kann, obwohl George W. Bush es doch bereits die zweite Amtsperiode vorführt. Noch schlimmer: Es fehlt mir sogar der Glaube an die Weisheit von Alan Greenspans Minimierung der Zinsen zur Maximierung des Wirtschaftswachstums. Vielmehr meine ich altmodisch europäisch, der Preis des Geldes hätte den Sinn, sicherzustellen, dass es richtig (gewinnbringend) investiert wird, statt wie seinerzeit in viel zu teure „New Economy“-Aktien oder jetzt in viel zu teure Immobilien zu fließen.
Aber ich lese allenthalben, dass Greenspan das Patentrezept zum ewigen Wirtschaftswachstum gefunden habe, und muss mich dieser höheren Einsicht wohl unterwerfen.
Nur ganz selten lese ich in nationalen oder internationalen Medien Texte, die meinen Pessimismus stützen. Zu diesen pessimistischen Propheten zählt der Wiener Finanzwissenschafter Professor Erich Streissler, der schon vor Jahren sinngemäß behauptet hat, was Buffett und Soros jetzt behaupten: dass die Verschuldung der USA ein untragbares Ausmaß erreicht habe, das zu einer drastischen Abwertung des Dollars führen müsse. Während die beiden aus dieser Analyse aber nur vornehme Zurückhaltung bei ihren Investitionen in US-Werte ableiten, sagt Streissler den USA seit gut fünf Jahren eine handfeste Rezession mit entsprechenden Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft voraus.
Diese Rezession ist bis heute ausgeblieben, und daraus schließen die Optimisten, dass sie auch nie kommen wird, während die Pessimisten schließen, dass sie nur umso heftiger ausfallen wird.

Weltweit überwiegen die Optimisten. Auch mein Kollege Bauer zitiert in seinem Text sogleich den Fondsmanager Johann Köck, der bei der Kapitalanlagegesellschaft der Bank Austria auf einer großen Menge von Dollar-Papieren sitzt und überzeugt ist, dass es „nicht im Interesse der Asiaten“ liege, dass der Dollar viel weicher würde.
Hoffentlich lesen das die „Asiaten“, denn noch versuchen sie, ihre gewaltigen Dollar-Reserven zu vermindern, und auch Indien schichtet Dollars in Euro und Yen um. In meiner laienhaften Vorstellung von Wechselkursen muss das den Dollar in nächster Zeit noch weit tiefer schicken, als er schon liegt, aber ich bin schließlich kein Fondsmanager.
Sollte der Dollar tatsächlich noch massiver fallen, müsste Alan Greenspan nach gängiger Volkswirtschaftslehre die Zinsen massiv anheben, um zu verhindern, dass er völlig abstürzt (und womöglich als Weltwährung von Euro und Yen abgelöst wird). Eine solche massive Anhebung der Zinsen aber bedeutete, dass erstens der US-Aktienmarkt, der seit 2000 sowieso schon die Hälfte seines Wertes verloren hat, noch einmal drastische Einbußen erlitte, dass zweitens der private US-Konsum, der den derzeitigen „Aufschwung“ trägt, einbräche und dass drittens Millionen bis über beide Ohren verschuldete Amerikaner ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen könnten.
Denn nachdem die Amerikaner die Dollars, die ihnen Greenspan so billig zur Verfügung gestellt hat, bis 2000 vornehmlich in Aktien investierten, haben sie sie jetzt, nach dem Platzen der Aktienblase, vornehmlich in Immobilien investiert, die man in den letzten Jahren praktisch ohne jedes Eigenkapital erwerben konnte. Das hat dazu geführt, dass die Immobilienpreise, so wie seinerzeit die Aktienkurse, jede Bodenhaftung verloren haben (dass es nach der Aktienblase nun eine Immobilienblase gibt) und dass US-Haushalte im Durchschnitt mit mehr als einem Jahreseinkommen verschuldet sind.
Zu minimalen Zinsen geht das. Wenn die Zinsen hingegen angehoben werden müssen, um den Dollar zu stützen, werden Millionen Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können, was nicht ohne Auswirkungen auf das amerikanische Bankwesen bleiben dürfte. Womit wir exakt bei Streisslers Horrorszenario wären. Hoffen wir also, dass er (mit Soros und Buffett) weiterhin Unrecht hat.