Wohnbaustadtrat Ludwig: „Keine Zustände wie in Paris“

Der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig über Wohlstand im Gemeindebau und dringend nötige Gesetzesänderungen.

profil: Die Wohnungsmieten in Wien sind zuletzt stark gestiegen. Was haben Sie als Wohnbaustadtrat falsch gemacht?
Ludwig: Gar nichts, im Gegenteil: Im geförderten Bereich, wo ich politische Verantwortung trage, ist ja nichts teurer geworden. Wir ­haben 220.000 Gemeindewohnungen und rund 200.000 geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen. Das heißt, 60 Prozent der Wiener leben im geförderten Wohnbau.

profil: Fühlen Sie sich nur für die zuständig?
Ludwig: Nein, aber dieser hohe Anteil an geförderten Wohnungen wirkt auf den Markt preisdämpfend.

profil: Eben das funktioniert offenbar nicht mehr.
Ludwig: Im Vergleich mit Barcelona, Hamburg, Mailand und anderen Großstädten ist Wien noch immer sehr günstig.

profil: Die Wiener Wohnbaupolitik fasst den Begriff „sozial“ sehr weit. Um eine Wohnung im Gemeindebau zu bekommen, darf man derzeit als Einzelperson bis zu 3000 Euro netto pro Monat verdienen. Ist das die richtige Zielgruppe?
Ludwig: Wir stellen die soziale Durchmischung in den Vordergrund. Unser Ziel ist es, keine Zustände wie in den Pariser Vororten zu haben. Deshalb soll der soziale Wohnbau in Wien nicht nur für sozial Schwache, sondern auch für den gehobenen Mittelstand interessant sein.

profil: Dafür reicht das Angebot aber nicht. Gemeindewohnungen sind kaum noch zu bekommen.
Ludwig: Das stimmt nicht. Laut aktuellem Kontrollamtsbericht liegt die durchschnittliche Wartezeit bei 450 Tagen. Da sind aber auch statistische Ausreißer dabei – also Antragsteller, die zum Beispiel nur in einem bestimmten Bezirk wohnen wollen. Ohne solche Einschränkungen geht es schneller.

profil: Was ist falsch an der ÖVP-Forderung, dass Gemeindebau-Mieter mit höherem Einkommen mehr Miete zahlen sollen?
Ludwig: Das halte ich aus moralischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen für völlig falsch. Wir sind ja stolz und froh, wenn sich Menschen einen gewissen Wohlstand erarbeiten. Warum sollen die bestraft werden?

profil: Man zahlt ja auch höhere Steuern, wenn man mehr verdient.
Ludwig: Und was passiert, wenn jemand arbeitslos ist? Wird das dann neu berechnet, oder wie soll das ausschauen? Die berufliche Biografie ist sehr viel stärkeren Schwankungen ausgesetzt als früher. Ich wage zu bezweifeln, dass es so gerechter würde.

profil: Zwei Drittel der Wiener profitieren von den niedrigen Mieten im sozialen Wohnbau. Wer das nicht kann oder will, finanziert dieses Paradies zwar mit, muss sich aber auf dem kleinen privaten Markt mit den wirklich Reichen um den Wohnraum matchen. Ist das gerecht?
Ludwig: Bekanntlich fordere ich auch seit Langem eine Novelle des Mietrechtsgesetzes. Wir haben im Bereich der Gründerzeithäuser ein völlig intransparentes Zuschlagssystem, das die Preise in die Höhe treibt. Ich bin dafür, dieses System ganz neu und komplett transparent zu gestalten. Aber genau dagegen legt sich ja die angeblich so um Gerechtigkeit bemühte ÖVP quer.

profil: Viele Zinshausmieter haben sehr günstige Altverträge. Junge Familien müssen dagegen hohe Mieten zahlen. Wie lässt sich das ändern?
Ludwig: Wenn man bei einem neuen Gesetz Regelungen findet, dass die junge Familie wirklich weniger bezahlt, bin ich gern bereit, über Anpassungen zu reden. Es wird aber sicher nicht gehen, bei den Altverträgen die Mieten anzuheben und von der jungen Familie dieselbe hohe Miete wie jetzt zu verlangen. Deshalb dränge ich seit Jahren auf ein neues System.

profil: Soll das dann auch für Neubauten gelten?
Ludwig: Das hielte ich für sinnvoll.

profil: Wird in Zukunft mehr gebaut?
Ludwig: Wir bauen in Wien pro Jahr zwischen 5000 und 7000 geförderte Wohnungen und noch einmal 1000 bis 1500 frei finanzierte. Auf diesem sehr hohen Niveau wollen wir bleiben.

Foto: Michael Rausch-Schott für profil