Wolfgang Kulterer, früherer Vorstand der Hypo Alpe-Adria Bank, im Interview

Wolfgang Kulterer, ehemals Vorstand der mittlerweile notverstaatlichten Hypo Alpe-Adria, über „Zäsuren“ in der Untersuchungshaft, die Interventionen des verstorbenen Landeshauptmanns Jörg Haider und den „sinnlosen“ Ehrgeiz, Wiener Banker zu ärgern.

Interview: Michael Nikbakhsh, Ulla Schmid

profil: Sie sind am 11. November nach drei Monaten U-Haft gegen eine Kaution von 500.000 Euro auf freien Fuß gesetzt worden. Wer hat das Geld aufgebracht?
Kulterer: Dahinter steckt eine sehr berührende Erfahrung. In der Sekunde, als meine Verhaftung publik wurde, haben einfache Leute, Nachbarn von mir, bei meinem Anwalt Ferdinand Lanker angerufen und nachgefragt, wohin sie Geld überweisen sollen. Das Geld stammt nicht von Geschäftspartnern, es ist kein Geld von mir persönlich, es handelt sich um Freunde und entfernte Verwandte.

profil: Haben Sie seitens der Justiz Auflagen bekommen?
Kulterer: Ich habe meinen Pass und meine Papiere zurückerhalten, jedoch versichert, Österreich nicht zu verlassen. Ich hatte ohnehin nie die Absicht zu flüchten. Ich werde versuchen, die nächsten zwölf Monate gemeinsam mit meinem Anwalt zu nutzen, meine Verteidigung vorzubereiten.

profil: Sie hatten sich nach Ihrem Ausscheiden aus der Hypo Alpe-Adria 2007 geschäftlich in England niedergelassen. Ruhen diese Aktivitäten jetzt?
Kulterer: Ich musste wegen der enormen Publizität um meine Person alles aufgeben. Ich habe alle meine Mandate verloren, darunter auch den Vorstand in der Flick-Stiftung.

profil: Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?
Kulterer: Derzeit habe ich kein Einkommen. Als ehemaliger Banker, der in Österreich nicht unbekannt war, verliert man in dieser Situation jede Bonität. Die Banken haben die Kreditrahmen für meine landwirtschaftlichen Firmen gekürzt. Daher war ich gezwungen, Substanz zu verkaufen, damit ich die Kosten, die im letzten Jahr aufgelaufen sind, bestreiten kann.

profil: Die Justiz leitete just aus dem Verkauf von Immobilien und Grundstücken Fluchtgefahr ab.
Kulterer: Das war eine völlige Fehlinterpretation. Die Justiz nahm an, ich wolle mich aus Österreich absetzen. Das Gegenteil war der Fall. Ich hatte in Wien bereits ein Büro und eine Wohnung angemietet, und die Umzugswagen waren bestellt.

profil: Wie haben Sie die U-Haft erlebt?
Kulterer: Das ist ein einschneidendes Erlebnis. Über die ersten 48 Stunden im so genannten Polizeianhaltezentrum möchte ich nicht sprechen. Danach wurde ich in die Justizanstalt Klagenfurt überstellt. Die ersten Tage dort waren emotional extrem belastend, ich habe gar nicht kapiert, was da los ist. Ich habe mir gesagt: Es kann doch nicht sein, dass ich vier Jahre nach meinem Ausscheiden aus der Bank in Haft genommen werde und als Einziger verantwortlich gemacht werden soll. Ich habe mich schließlich zusammengerissen, viel Sport betrieben und begonnen, Akten zu studieren.

profil: Und das hat geholfen?
Kulterer: Man muss sich zusammenreißen, sonst fällt man in ein tiefes Loch. Ich bin von sehr weit oben nach sehr weit unten gefallen. Ich habe 25 Jahre mit Ehrgeiz und Energie für andere etwas aufgebaut. Zuerst zehn Jahre bei Raiffeisen, dann 15 Jahre bei der Hypo. Ich habe ein Leben für die Hypo gelebt und mein eigenes dabei vergessen. Nun werde ich die nächsten Monate oder Jahre dafür verwenden, meine Unschuld zu beweisen. Fast neunzig Tage in U-Haft sind eine Zäsur, die man sich nur schwer vergegenwärtigen kann. Ich fragte mich jeden Tag: Was habe ich falsch gemacht, was habe ich mir zuschulden kommen lassen?

profil: Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt vermeint, eine Antwort zu haben. Laut Anklageschrift wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten der steirischen Airline Styrian Airways 2005 einen unbesicherten Kredit über zwei Millionen Euro gewährt, auf schlichten Zuruf von Jörg Haider.
Kulterer: Zunächst: Ich war nicht Vorstand der Tochter Hypo Österreich, die den Kredit gewährt hat. Ich war Vorstandsvorsitzender der Konzernmutter Hypo Alpe-Adria Bank International. Die Kreditvergabe über zwei Millionen Euro lag in der Kompetenz des Österreich-Vorstands. Dazu ist Folgendes festzuhalten: Die Weiterführung der Fluglinie und deren Anbindung an Klagenfurt war politisch erwünscht, in Kärnten ebenso wie in der Steiermark. Obendrein war das Land Kärnten der größte Einzelaktionär und hatte Styrian kurz zuvor mit drei Millionen Euro aus Landesgeldern kapitalisiert. Zweifellos war Styrian Airways ein Sanierungsfall. Deshalb habe ich von Herrn Haider auch eine Ausfallshaftung verlangt, die er mir zugesichert hat. Mehrfach habe ich diese Garantie eingefordert, doch sie hat sich ständig verzögert.

profil: In der Anklageschrift wird auf einen Aktenvermerk Bezug genommen. Demzufolge hätten Sie Ihren Leuten die Anweisung gegeben, den Kredit zu vergeben, mit der Bemerkung, „man müsse eben in den sauren Apfel beißen und blanko vergeben“.
Kulterer: Das heißt aber nicht, dass ich auf die Garantie verzichten wollte. Das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Es gab am 14. November 2005 ein Gespräch mit dem Landeshauptmann in Velden, wo ich Haider direkt gefragt habe, was denn nun mit der Garantie für Styrian sei. Diese müsse ausgestellt werden. Darauf meinte Haider: Die bekommt ihr schon, aber ich habe im Moment noch Kommunikationsschwierigkeiten mit der Frau Schaunig (Gaby Schaunig-Kanduth, damals SPÖ-Vorsitzende, Anm.), und ich brauche dazu einen Regierungsbeschluss. Ich habe vehement auf diese Patronatserklärung gedrängt, dafür gibt es Zeugen. Jeder andere Chef einer Landesbank, der von seinem Landeshauptmann mit solch einer Situation konfrontiert wird, würde sagen: Okay, dieser Kredit geht in Ordnung.

profil: Dieser Kredit ging aber eben nicht in Ordnung. Im März 2006 war die Styrian pleite. Die Hypo Alpe-Adria musste zwei Millionen Euro in den Wind schreiben.
Kulterer: In letzter Konsequenz war die Styrian eine öffentliche Finanzierung mit einer Haftungszusage des Landes Kärnten und der fixen schriftlichen Vereinbarung mit dem Land Steiermark, von Klasnic (Waltraud, der damaligen Landeshauptfrau, Anm.) und Voves (Franz, damals Stellvertreter Klasnics, Anm.), dass sie der Airline weiteres Kapital im Frühjahr 2006 zuführen werden. Auf Basis dieser Sicherheiten hätte keine Bank dieser Welt die Kreditvergabe abgelehnt. Ich würde es als Bank auch genauso wieder machen.

profil: In gewisser Weise haben Sie es ja genauso wieder gemacht. Wenige Wochen nach der Pleite der Airline gewährte die Hypo dem Privatdetektiv Dietmar Guggenbichler einen unbesicherten Kredit über 150.000 Euro, ebenfalls auf Zuruf Haiders.
Kulterer: Guggenbichler war insofern ein Sonderfall, als Haider mich direkt angerufen und gesagt hat: Der hat finanzielle Schwierigkeiten, aber der bekommt bei mir einen Job, und vielleicht braucht ihr ihn auch. Herr Guggenbichler hatte nicht unerhebliche Schulden gegenüber der Finanz, daher war klar, dass er in der Vergangenheit auch entsprechende Einkünfte haben musste. Auch die Bonitätsauskünfte waren in Ordnung. Der Kredit wurde auf eine Laufzeit von fünf Jahren endfällig vergeben, und bis zu meinem Ausscheiden war dieser nicht überzogen. Den Akten konnte ich allerdings entnehmen, dass Guggenbichler 2009 in Konkurs gegangen ist. Es ist für mich doch sehr verwunderlich, dass ausgerechnet diese zwei einzigen Fälle, wo der Name Haider vorkommt, jetzt zur Anklage kommen.

profil: Sind Sie da so sicher? War es nicht vielmehr so, dass Jörg Haider jederzeit und nach Belieben in die Bank hineinregieren konnte.
Kulterer: Haider hat sich auf alles, was in Kärnten erfolgreich war, draufgesetzt und versucht, dies für sich zu vermarkten. Ich habe Haider oft kritisiert und ihm gesagt: Wenn du jetzt neben Kindergeld, Heizkostenzuschuss und Führerscheintausender auch noch einen Großmutterbonus erteilst, werden wir sehr bald pleite sein. Das hat zu einem Eklat geführt.

profil: Was wurde denn da konkret an Sie herangetragen?
Kulterer: Ich habe eine ellenlange Liste von Wünschen, die ich nicht erfüllt habe. Da wäre zum Beispiel die Rogner-Gruppe. Für alle Projekte, die Rogner (Robert Rogner, Bau- und Tourismusunternehmer, Anm.) irgendwo initiierte, intervenierte Haider massiv. Dann kam er mit Feriendörfern, Schmerzkliniken oder Fußballsponsoring.

profil: Und dem Schlosshotel -Velden.
Kulterer: Das war nicht Haiders alleinige Idee. Velden war ein Strategieprojekt, von dem ich persönlich auch überzeugt war. Nachdem wir die Skiregion Nassfeld mit der Hypo prächtig entwickelt hatten, war ich der Meinung, dass Kärnten auch eine Sommerattraktion für die Touristen braucht. Die Wahl fiel auf Velden. Wir haben nur leider zu spät damit begonnen, das falsche Management ausgewählt, und dann kam auch noch die Wirtschaftskrise hinzu.

profil: Wie darf man sich Ihr Verhältnis zu Jörg Haider vorstellen?
Kulterer: Ich bin 1992 Hypo-Vorstand geworden, und zwar gegen den Willen von Jörg Haider (dieser war damals Klubobmann im Parlament, Landeshauptmann war Christof Zernatto, Anm.). Haider schimpfte damals über die schwarz-rote Packelei, weil der Raiffeisen-Mann Kulterer plötzlich in die Hypo kommt. Nachdem Haider 1999 Landeshauptmann geworden war, gab es permanent Konflikte, weil er andauernd intervenierte, vorzugsweise im Personalbereich. Aber bei uns ist traditionell jede politische Einflussnahme, egal von welcher Seite, ignoriert worden. Haider war fuchsteufelswild, hat sich aber nicht durchgesetzt. In die Vorstandserweiterung 2000 war Haider gar nicht eingebunden, er hat das erst im Nachhinein erfahren und war stinksauer. 2004 erschien dann in der „Kleinen Zeitung“ ein Kommentar, wonach es eh wurscht sei, wer den Landeshauptmann stelle, der heimliche Herrscher sitze eh am Alpe-Adria-Platz 1 (Konzernsitz der Hypo in Klagenfurt, Anm.). Haiders Reaktion: Zwei Monate später berief er den Aufsichtsratsvorsitzenden Herbert Koch über Nacht ab. Denn auch Koch war neutral und ließ sich nichts dreinreden. Weshalb Haider meinte: Da setzen wir wen anderen hin, wir müssen Kulterer disziplinieren.

profil: Dessen ungeachtet gelten Sie bis heute als Haiders Banker.
Kulterer: Das verstehe ich nicht. Es gab nie eine persönliche Freundschaft zwischen uns. Ich war nicht einmal bei ihm eingeladen und er nicht bei mir.

profil: Sie waren nie im Bärental?
Kulterer: Ich weiß nicht mal, wo das liegt.

profil: Das wirkt jetzt gar ein wenig distanziert. Der Landeshauptmann und der Landesbankchef können in der Praxis wohl nicht ohne einander.
Kulterer: Klar, aber Haider hat immer versucht, Druck zu machen. Ich bin dennoch überzeugt davon, dass der Einfluss der Landeshauptleute auf die jeweiligen Hypos in anderen Bundesländern sehr viel stärker ausgeprägt war und ist als in Kärnten.

profil: Es ist schwer zu glauben, dass Haider über all die Jahre einen Banker erduldete, der nicht nach seiner Pfeife tanzte …
Kulterer: Wir hatten eine gesunde Distanz. Wir hatten einmal im Monat miteinander zu tun, nicht öfter. Habe ich mich länger nicht gemeldet, beschwerte er sich sofort. Ein Kontakt zu Haider war aufgrund seiner Position als Landeshauptmann und Eigentümervertreter logisch und zwangsläufig notwendig. Sie dürfen dabei die Größe der Bank in Relation zur Größe des Landes nicht vergessen. Spätestens ab 2002 hat der Schwanz mit dem Hund gewedelt.

profil: Wenn Sie damit sagen wollen, dass die Bank mehr Einfluss auf das Land hatte als umgekehrt, dann liegt das wohl auch ein wenig daran, dass das Land Kärnten der Bank generöse Ausfallshaftungen von rund 20 Milliarden gewährt hatte, wodurch die Hypo massiv expandieren konnte. Im Fall einer Pleite hätte Kärnten diesen Betrag aber nie stemmen können, weshalb die Hypo 2009 auch verstaatlicht werden musste.
Kulterer: Das stimmt so nicht. Die Haftung wäre im Fall eines Konkurses erst nach Abzug aller Vermögenswerte schlagend geworden, eine klassische Ausfallshaftung also.

profil: Gut, aber das chronisch verschuldete Kärnten hätte nicht mal einen Bruchteil dieser Haftungen zahlen können. So gesehen waren die Bürgschaften stets auch eine Bedrohung für die Republik.
Kulterer: Das ist völlig klar. Faktum ist aber auch, dass ich mir die Probleme, die zur Verstaatlichung geführt haben, nicht umhängen lasse. Als die Bank 2009 vom Staat aufgefangen wurde, war ich vier Jahre nicht mehr dabei.

profil: Aber es gab doch schon zu Ihrer Zeit Probleme. Zwischen 2006 und 2007 stieß die Nationalbank im Zuge einer Prüfung auf Unregelmäßigkeiten im Kreditportefeuille. Schon zu Ihrer Zeit sollen reihenweise Kredite ohne ausreichende Sicherheiten, Bonitätsprüfungen und Risikokontrollen vergeben worden sein. Das wurde 2009 auch im Gutachten von PricewaterhouseCoopers aufgegriffen. Es gab also in jedem Fall schon damals Handlungsbedarf.
Kulterer: Die Bank wurde ab 2006 monatelang auf den Kopf gestellt, durch die Nationalbank, die FMA, Wirtschaftsprüfer und Investmentbanken. Da wurde monatelang alles auf den Kopf gestellt. Das führte auch dazu, dass die Bayerische Landesbank vor der Übernahme der Hypo zusätzlich 250 Millionen als Risikovorsorge verlangte und diesen Betrag letztlich auch als Kaufpreisreduktion erhielt. Wenn mir heute jemand sagt, die Bayern hätten beim Einstieg 2007 nicht alle Informationen vorliegen gehabt, kann ich nur lachen.

profil: Das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers setzte den verschleppten Wertberichtigungsbedarf 2009 aber deutlich höher an.
Kulterer: PWC hat das Kreditportfolio an zwei Stichtagen im Juni 2008 und 2009 verglichen. In diese Zeit fällt der Ausbruch der weltweiten Finanzkrise. Es ist ja wohl klar, dass sich das Kreditportfolio bei allen Banken auf der Welt dramatisch verschlechtert hat. Man hat die krisenbedingten Abschläge direkt eingerechnet. Keine österreichische Bank, die in Zentral- und Osteuropa tätig ist, hätte eine Bewertung nach diesen Kriterien überlebt. Das war der Totenschein für die Hypo, und wäre es für jede andere Bank auch gewesen.

profil: Das erklärt aber nicht, warum Sie nicht selbst die Reißleine gezogen haben, als Sie noch den Vorstandsvorsitz innehatten.
Kulterer: Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Ja, wir hatten 2006 Hausaufgaben. Ich habe ein Risikokontrollsystem eingeführt und dessen Umsetzung, auch für die Hypo Leasing, gefordert. Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass meine Nachfolger dies nicht umgesetzt haben. Ich verstehe bis heute auch nicht, warum die BayernLB sich nach Übernahme der Bank nicht an die Beseitigung der bestehenden und ihnen bekannten Problemfälle gemacht, sondern mit Vollgas weiter expandiert hat. Die sind da sehenden Auges neue Risken eingegangen. Nach meinem Abgang aus dem Vorstand 2006 bis zur Verstaatlichung 2009 ist das kommerzielle Kreditvolumen um zwölf Milliarden Euro angewachsen. Wenn mir jetzt einer sagen will, das Wachstum in der BayernLB-Ära war ohne zusätzliches Risiko – dann habe ich vom Bankgeschäft nie etwas verstanden.

profil: Es gibt nun den Vorwurf, Sie hätten drei Millionen in einem Koffer von der Hypo-Tochter in Liechtenstein abgeholt.
Kulterer: Das war nicht mein Konto. Das war ein normales Kundengeschäft. Aber ohne Entbindung vom Bankgeheimnis kann ich dazu nichts sagen. Die Justiz kann aber anhand der Kontodaten jederzeit überprüfen, wer der Kunde war. Das Geld ist jedenfalls ordnungsgemäß beim Kunden angekommen.

profil: Die Justiz geht mittlerweile davon aus, dass die Hypo Alpe-Adria nicht nur riskant veranlagt hat, sondern auch in kriminelle Machenschaften am Balkan und in Liechtenstein verwickelt war. Was haben Sie sich vorzuwerfen?
Kulterer: Nichts. Es gibt eine Aussage von Herrn Peschorn (Wolfgang, Chef der Finanzprokuratur des Bundes, Anm.), wonach mein Name in keiner wie auch immer gearteten Verbindung zu jedweder krimineller Struktur steht. Das wurde mir auch von der Staatsanwaltschaft bestätigt. Es gibt von mir keine verdeckte Firma, Stiftung oder Anstalt in Liechtenstein oder irgendwo sonst. Wenn ich mir einen Vorwurf machen muss, dann diesen, gewissen Leuten zu sehr vertraut zu haben. Ich muss heute davon ausgehen, dass mir gegenüber Dinge intern nicht korrekt dargestellt wurden.

profil: Was wollen Sie damit andeuten?
Kulterer: Mir wurden im Kreditgeschäft Akten zur Zweitunterschrift vorgelegt, die ich mit heutigem Wissen niemals unterfertigt hätte.

profil: Wer hatte die Erstunterschrift?
Kulterer: Das waren die für das Kreditwesen zuständigen Vorstände. Bis 2006 war das Günther Striedinger, danach Josef Kircher.

profil: Aber es waren doch Sie, der Strie-dinger 2000 in den Vorstand der Bank geholt hat.
Kulterer: Das stimmt. Ich habe Striedinger forciert und ausgebildet. Er war schon in der Hypo, als ich 1992 kam. Ein unglaublich fleißiger, ambitionierter Mitarbeiter. Er war dann auch die treibende Kraft am Balkan …

profil: … und er steht heute im Verdacht, an krummen Geschäften der Bank privat partizipiert zu haben. Er soll eine Reihe von Stiftungen und Gesellschaften in Liechtenstein gegründet haben, unter Beteiligung des früheren kroatischen Vizeverteidigungsministers Vladimir Zagorec.
Kulterer: Ich kann zu den Untersuchungen gegen Striedinger nichts sagen, weil mir dazu seitens der Justiz nichts vorgeworfen wird. Dort, wo mir Kreditfälle vorgehalten wurden, die ich mit unterschrieben habe, hatte ich kein Problem, diese zu argumentieren. Wenn die interne Dokumentation der Bank aber falsch war, dann wäre ich wohl getäuscht worden. Aber das Problem hätte dann ein anderer.

profil: Es ist unstrittig, dass die Bank innerhalb weniger Jahre überproportional gewachsen ist. Und zwar so schnell, dass die Kontrollstrukturen nicht Schritt halten konnten.
Kulterer: Das war und ist mir bewusst. Wir hätten schon 2003 eine Aufrüstung durch internationale Bankmanager gebraucht. Wir haben mit Topleuten verhandelt, aber diese wären nur gegen entsprechende Gage nach Klagenfurt gekommen. Das wäre unter 500.000 pro Jahr plus Bonus nicht möglich gewesen. Das wollten meine Eigentümer nicht mittragen. Es war ein Fehler, dass ich mich da kleinkriegen hab lassen.

profil: Sie hätten natürlich auch früher auf die Bremse steigen können, um nicht ganz so schnell zu wachsen.
Kulterer: Das Wachstum war nicht das Problem, sondern vielmehr, dass das Land Kärnten als Eigentümer nicht bereit war, die Eigenkapitaldecke aufzustocken. Damit war die Risikotragfähigkeit der Bank stark eingeschränkt. Diese politische Entscheidung hatte auf mich und die Bank starken Einfluss. Daher wollte ich meinen Vertrag auch nicht verlängern.

profil: Warum?
Kulterer: Ich fühlte mich wie ein Hamster im Laufrad. Ich habe dieses Gefühl aber verdrängt. Ich habe meine Familie geopfert, meine Ehe ging in Brüche, rundherum war alles, was Leben bedeutet, kaputt, denn es gab nur noch ein Leben, und das war die Hypo. Der Fehler war weiterzumachen. Es ist ein Teufelskreis. Man läuft einer Geschichte nach, und zum Schluss weiß man nicht mehr, warum eigentlich. Ich war in dieser Situation nicht mehr in der Lage, zurückzuschauen und zu sagen: Es gibt noch etwas anderes im Leben, als der große Star zu sein, die größte Bank aufzubauen und entsprechende Anerkennung zu bekommen. Ich lief den falschen Zielen nach.

profil: Warum sind Sie nicht ausgestiegen?
Kulterer: Ende 2004 kamen die Swap-Verluste des Leiters der Treasury-Abteilung, Christian Rauscher, zum Tragen kommen und ich wollte die Bank in dieser schwierigen Situation nicht im Stich lassen. Ich wollte dieses Problem unbedingt lösen. Für mich persönlich wäre jedoch ein Rücktritt klüger gewesen.

profil: Aber Sie haben es doch in all den Jahren genossen, der Stachel im Fleisch der Wiener Großbanken zu sein. Die prunkvolle Niederlassung im Zentrum Wiens, am Stock-im-Eisen-Platz, war doch eher Machtdemonstration als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Kulterer: Ich wusste, wir müssen näher an Wien heran. Aber damit war ich fünf Jahre zu spät dran. Ich hätte Netzwerke knüpfen, Freunde und Zugänge finden sollen. So war es ein isolierter Kampf. Aber Sie haben Recht: Ein Ehrgeiz, die Wiener zu ärgern, war dabei. Sinnloser Ehrgeiz.

profil: 2006 hatten Sie die willkommene Möglichkeit auszusteigen. Nach Auffliegen der Swap-Affäre 2006 leitete die Finanzaufsicht ein Geschäftsleiterqualifikationsverfahren ein, um das es monatelange Auseinandersetzungen gab. Aber statt das Haus zu verlassen, wechselten Sie mit 1. Oktober 2006 an die Spitze des Aufsichtsrats, wo Sie ein weiteres Jahr verweilten. Kamen Sie von der Bank nicht los?
Kulterer: Ich wusste, dass wir die Bank nach dieser Swap-Geschichte dringend kapitalisieren mussten. Ich wollte eigentlich auch nicht in den Aufsichtsrat, habe mich aber in letzter Konsequenz dem Wunsch der Mitarbeiter und der Eigentümer gebeugt. Ich hätte kein Problem gehabt, dem Land Kärnten oder der Grazer Wechselseitigen abzusagen. Ich fühlte mich den Mitarbeitern gegenüber verantwortlich und glaubte, es machen zu müssen (das war Schwachsinn). Wenn ich damals gegen einen Baum gefahren wäre, hätte es auch ohne mich weitergehen müssen. Ich lebte in dem Irrglauben, die Bank retten zu müssen.

profil: Wieso hat sich Jörg Haider trotz aller Verwerfungen damals in aller Öffentlichkeit so schützend vor Sie gestellt?
Kulterer: Haider meinte, wir würden das nur schaffen, wenn ich kurzfristig vorne bleibe. Als er dann aber öffentlich meinte, der Kulterer geht für ein Jahr in den Aufsichtsrat und kommt danach wieder in den Vorstand, hat er das nicht ohne Hintergedanken gesagt. Ich wollte keine Rückkehr in den Vorstand, die FMA hätte dies auch nicht genehmigt. Damit hatte Haider sein Ziel, mich loszuwerden, erreicht.


Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in der kommenden Ausgabe, die am 6. November erscheint.