Wozu Schönheit?

Schönheit ist kein sinnloser Luxus, sondern ein universelles evolutionäres Lebensprinzip. Sie signalisiert Gesundheit, gute Gene und bedeutet enorme Startvorteile für Partnerwahl und Sozialprestige. Das sagt die Wissenschaft.

Von Bert Ehgartner

„Schönheit ist komplett undemokratisch“, erklärt Karl Grammer, Professor am Department für Anthropologie der Universität Wien. „Eigentlich müsste sie verfassungsmäßig verboten werden, weil sie uns ungleich macht.“

Tatsächlich haben es schöne Menschen in fast allen Lebensbereichen leichter. Sie bekommen bessere Noten in der Schule, schaffen leichter mündliche Prüfungen und verdienen mehr Geld bei gleicher Leistung. Eine Erhebung der Federal Reserve Bank of St. Louis hat das Phänomen kürzlich in konkrete Zahlen gefasst: Attraktive Menschen verdienen um fünf Prozent mehr als der Durchschnitt, das hässlichste Drittel lag um neun Prozent darunter. Vor Gericht fassen attraktive Menschen geringere Strafen aus, solange es sich nicht um Heiratsschwindler handelt. Und wenn ein hübscher Erwachsener in eine Wiege schaut, halten vier Monate alte Babys länger Augenkontakt und lächeln häufiger als bei einem hässlichen Menschen.

Unser Begriff von Schönheit erscheint wie ein Rucksack unkontrollierbarer Empfindungen, den wir aus Milliarden Jahren der Evolution mit uns schleppen. Sogar Pflanzen verwenden das Mittel Schönheit, um mit klaren Farbcodes Insekten anzulocken. Symmetrie im Muster des Federkleids signalisiert Vögeln, dass ein potenzieller Partner gesund ist und über eine gute genetische Ausstattung verfügt. Bei den Menschen waren das Erkennen und die Bewertung von Schönheit evolutionär gar so bedeutsam, dass sich ein eigenes, dafür zuständiges Schaltzentrum im Gehirn entwickelt hat, das autonom arbeitet, ohne dass wir die Angelegenheit verstandesmäßig zuordnen oder bewerten könnten. Ein fremdes Gesicht wird binnen Sekundenbruchteilen in der Amygdala analysiert, einer Gehirnregion, die bislang vorwiegend mit Emotionen wie Angst oder der Bewertung von Situationen verknüpft wurde. Was wir als „schön“ empfinden, wird instinktiv auch als „gut“ angesehen. „Wir haben im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte Präferenzen entwickelt, die heute noch wirken“, sagt Grammer. „So wie bei unseren Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel oder die geeignete Wohnumgebung gilt das auch für die Wahl geeigneter Sexualpartner.“ Die Kriterien für Schönheit zeigen dabei alle in die gleiche Richtung: „Auf einem schönen Körper sitzt in der Regel ein schönes Gesicht – und der Körper riecht auch noch gut.“

Grammer konnte dieses Verdikt mithilfe einer Studie erhärten, bei der er mehr oder weniger hübsche Frauen aufforderte, T-Shirts mitzubringen, in denen sie die Nacht zuvor geschlafen hatten. Die Frauen durften keine Kosmetika oder Parfums verwenden. Dann mussten männliche Versuchsteilnehmer den Geruch der Shirts bewerten und unabhängig davon die Schönheit ihrer Trägerinnen. „Der Zusammenhang war frappierend“, berichtet Grammer.

Der Begriff von Schönheit zeigt auch keineswegs besondere kulturelle Spezifika, wie Charles Darwin einst angenommen hatte. „Es ist gewiss nicht wahr, dass es im Geiste der Menschheit irgendeinen allgemeinen Maßstab der Schönheit in Bezug auf den menschlichen Körper gibt“, schrieb der Vater der Evolutionstheorie. Und irrte, wie sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher zeigte.

Michael Cunningham, Psychologe an der University of Louisville, Kentucky, konnte als Erster durch Studien belegen, dass es universelle Schönheitskriterien gibt, die für Menschen überall auf der Welt gleichermaßen gelten. Der Forscher hatte Testpersonen unterschiedlicher ethnischer Herkunft – Frauen und Männer – gebeten, die Gesichter von Frauen – wiederum unterschiedlicher ethnischer Abstammung – nach ihrer Attraktivität zu beurteilen. Dabei stellte sich heraus, dass Angehörige verschiedener Kulturen dieselben Merkmale als attraktiv bewerten. Dabei handelt es sich vor allem um Charakteristika, die sexuelle Reife signalisieren.

Inzwischen konnte Verhaltensbiologe Grammer Cunninghams Befund durch eine eigene Studie bestätigen. Dabei wurden Angehörige eines südafrikanischen Stammes sowie Wiener Studenten gebeten, die Attraktivität von Japanerinnen zu bewerten. Die Ergebnisse zeigten den gleichen universellen Trend wie die Cunningham-Studie: Was nach afrikanischem Geschmack als schön gilt, wird auch von Österreichern als attraktiv angesehen. „Für Männer ist das äußere Erscheinungsbild das primäre Kriterium der Partnerwahl“, sagt Grammer. „Solange die Frauen nett und verständnisvoll sind, spielt ihre Schönheit eine größere Rolle als die Persönlichkeit.“

Umgekehrt ist das Urteil weit weniger eindeutig:
wenn Frauen die Schönheit von Männern bewerten. Erwartungsgemäß gelten größere, breitschultrige Typen als attraktiver. Bei der Gesichtsform fällt das Urteil der Frauen – abhängig vom aktuellen Hormonstatus – ambivalent aus. Aufgefordert, auf einer Skala von relativ femininen Gesichtern mit schmalem Kinn, zierlicher Nase und großen Augen am einen Ende bis zu stark maskulinen Typen mit markantem Unterkiefer, großer Nase und schmalen Augen am anderen Ende, zu wählen, tippten die meisten Frauen in die Mitte.

Das ändert sich schlagartig, sobald sich Frauen in der fruchtbarsten Phase ihres Monatszyklus befinden: Dann fällt ihre Wahl auf eher maskuline Testosteron-Bomber. Eine aktuelle Studie der Psychologen Kristina Durante und Norman Li von der University of Texas in Austin ergab, dass Frauen unter dem Einfluss dieses Hormonhochs eine deutlich erhöhte Bereitschaft für Seitensprünge und riskantes Sexualverhalten zeigen.

Dieser Doppelstandard, den Frauen in der Partnerwahl anlegen, ist eine typisch menschliche Eigenschaft. Dauerhafte Lebenspartner werden weniger nach ihrem Aussehen, sondern eher nach ihrem Status und Charakter gewählt. „Wohlhabende Männer waren immer relativ selten, und deshalb konkurrieren die Frauen um sie“, erklärt der Münchener Evolutionsbiologe Josef Reichholf. Darin liege die Wurzel für das Bedürfnis von Frauen, sich entprechend attraktiv zu machen. „Das beginnt bei den jungen Mädchen und läuft weiter bis über die fortpflanzungsfähige Phase hinaus.“ Anders als bei den meisten Tierarten gelten beim Menschen nicht die Männer, sondern die Frauen als das „schöne Geschlecht“. Schönheit und sexuelle Attraktivität erhöhen die Chancen einer langjährigen Partnerbindung. „Und das ist notwendig, weil Menschenbabys wie Frühgeburten zur Welt kommen und viele Jahre lang umsorgt werden müssen“, erklärt Reichholf.

Besonders attraktive Männer gelten in diesem Sinne als weniger verlässlich. „Die wissen, dass sie jederzeit andere Frauen kriegen können und investieren von ihrer Seite wenig in eine Beziehung“, sagt Grammer. „Deshalb haben sich die Frauen um­orientiert und nehmen eher die weniger männlichen Typen, die selber wissen, dass sie weniger attraktiv sind, und sich deshalb viel stärker um die Familie kümmern.“ Individualität und Vertrautheit bilden hier die Basis für eine langjährige Bindung und für das, was wir Liebe nennen.

In der Tierwelt suchen die Weibchen ihre Partner hingegen klar nach dem Prinzip der Schönheit und Vitalität aus. Ein dem Menschen ähnliches Verhalten lässt sich am ehesten bei Vögeln erkennen, ­deren Sinne – so wie die menschlichen – eher auf Optik und Akustik ansprechen und nicht – wie etwa bei den Hunden – auf den Geruchssinn. Während die Vogelweibchen ihre Energie in die Entwicklung des Nachwuchses stecken, investieren die Männchen in die Schönheit als Zeichen ihrer Gesundheit und ihrer guten Erbanlagen. „Das Gelege einer Pfauenhenne enthält dieselbe Menge an Proteinen, die vom Hahn in seinem Prachtgefieder getragen wird“, erklärt Reichholf. „Es besteht auch aus den gleichen Stoffen.“

Die harmonische Schönheit des Federkleids ist aber nur eines der Auswahl­kriterien. Mindestens ebenso begehrt ist Stärke. In der Balzzeit liefern sich Birkhähne heftige Kämpfe. Die unscheinbaren Weibchen beobachten die Hahnenkämpfe interessiert – aber versteckt – aus dem Gebüsch.

Herausragende Schönheit ist nicht notwendig, es genügt, wenn das Prachtgefieder der Norm entspricht. Als Favoriten für die Partnerwahl erweisen sich hingegen jene, die einen festen Platz in der Mitte des Getümmels behaupten können und damit ihre Stärke demons­trieren. Jene Tiere, die sich abdrängen lassen und dann zögerlich am Rand verweilen, sind bei den Hennen unten durch.

Dabei geht es gar nicht um den persönlichen Schutz, den ein kräftiger Partner gewähren könnte. Denn nach der Paarung suchen die Hähne ohnehin gleich das Weite und beteiligen sich gar nicht an der Brutpflege. Die Weibchen bewerkstelligen die Aufzucht der Jungen allein und achten bei der Wahl ihrer Sexualpartner einzig und allein darauf, an ihre Nachkommen möglichst gesunde Gene weiterzugeben.

Damenwahl ist quer durch die Arten die Regel.
Diese Form der sexuellen Selektion, eine der wesentlichen Triebfedern der Evolution, half Charles Darwin, bestimmte Phänomene zu interpretieren, die sein Hauptprinzip der natürlichen Selektion zu widerlegen schienen. So war das Prachtgefieder – etwa des Pfauenhahns – schwer mit der Anpassung an sein Lebensumfeld zu erklären.

Auffälliges Balzverhalten
– oft auch im Verein mit knallbunten Signalfarben – findet sich bei zahlreichen Arten. Weil liebeskranke Männchen oft genug zur Beute von Räubern werden, kam bald die These auf, dass auch dieses extrem riskante Verhalten Ausdruck eines gefinkelten Selektionsprozesses sein könnte. Denn Tiere, die es schaffen, eine eindrucksvolle öffentliche Show abzuziehen, welche die begehrten Weibchen durch Schönheit und Kraft beeindruckt, und dabei dennoch nicht aufgefressen zu werden, mussten doch tatsächlich die genetisch wertvollsten Freier sein. Das israelische Biologenpaar Amotz und Avishag Zahavi führte für dieses Phänomen den Fachbegriff des „Handicap-Prinzips“ ein. Schönheit und Wagemut wären demnach der Wetteinsatz am Partnermarkt. Wer dumm und unvorsichtig das Protzen übertreibt, den holen die Geier.

„Reste dieses Prinzips finden sich ja auch bei den jungen Burschen, die mit schnellen Autos vor den Mädchen angeben und im Versuch, einander zu übertrumpfen, ihr Leben riskieren“, sagt Reichholf.

Möglicherweise hat diese Vorliebe der Damenwahl auch einige Arten in evolutionäre Sackgassen geführt. Bekanntes Beispiel dafür sind die eiszeitlichen Riesenhirsche, die mit einer Schulterhöhe von etwa zwei Metern die Größe eines heutigen Elchs erreichten. Trotz ihres geringeren Gewichts entwickelten sie enorme Geweihe von 3,60 Meter Spannwei-
te. Da der imposante Kopfschmuck wie bei heutigen Hirschen jährlich abgeworfen wurde und neu aufgebaut werden musste, bedeuteten die protzigen Stirnwaffen eine ungeheure Investition an Energie. Als sich das Klima und damit die Vegetation änderte, gelang es den Tieren anscheinend nicht mehr, die nötigen Futtermengen aufzutreiben. Immerhin benötigte der Aufbau des Geweihs vier Kilogramm Phosphat und noch einmal die doppelte Menge an Kalzium. Die Riesenhirsche starben vor rund 7600 Jahren aus.

Möglicherweise hat sich der Geschmack der Weibchen im Lauf der Jahrtausende auch geändert. Heutige Hirschkühe bevorzugen in der Regel jenes Männchen, das im Kampf mit Herausforderern auf dem Brunftplatz dominiert. Das Geweih muss symmetrisch, aber nicht unbedingt groß sein. So genannte Mordhirsche, die aufgrund einer Unregelmäßigkeit ihrer Stirnwaffe besonders gefährliche, lange Spieße ausbilden und ihre Gegner damit töten, verschmähen sie.

Beim Menschen ist Schönheit nicht, wie man vielleicht denken würde, eine Sonderleistung der Natur. Im Gegenteil: Wir empfinden Menschen umso attraktiver, je mehr sie dem Durchschnittsideal nahekommen. Entdeckt hat dieses Phänomen vor bereits mehr als 130 Jahren der britische Eugeniker Sir Francis Galton. Er war von der Idee besessen, das prototypische Gangstergesicht darzustellen, und besorgte sich Bilder von Männern, die schwerer Verbrechen beschuldigt wurden. Dann versuchte er daraus einen Durchschnitt zu komponieren.

Zu seinem Entsetzen bemerkte er, dass seine zur Abschreckung gedachte Gangstervisage immer hübscher wurde. Deshalb verwarf er seine Bemühungen und veröffentlichte eine These, nach der ein Gesicht mit Durchschnittsproportionen immer hübscher ist als ein Einzelgesicht. „Ganz hat er damit allerdings nicht die Wahrheit getroffen“, sagt Grammer. „Denn immer noch finden sich fünf Prozent der Menschen, die auf ihre individuelle Art so hübsch sind, dass sie das Durchschnittsgesicht an Attraktivität übertreffen.“

Mittlerweile lässt sich Schönheit mit moderner Technik auch quantifizieren. 52 Messpunkte definieren eine Gesichtsform als „sexy“ oder „unsexy“. Wichtigste Kriterien für Attraktivität bei beiden Geschlechtern sind dabei „ein schmales Gesicht“, „volle Lippen“, ein „weiterer Augenabstand“ und „höhere Wangenknochen“. Bei den als besonders attraktiv empfundenen weiblichen Körperproportionen stehen in den Augen der Männer wiederum die Kriterien der Gesundheit und Fruchtbarkeit im Vordergrund. Die meisten Männer bevorzugen größere Busen. Eine umfassende Studie des Psychologen Deventra Singh von der University of Texas in Austin ergab für Frauen ein optimales Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,67 bis 0,80 als Optimum für weibliche Attraktivität. Eine breitere Taille wurde dabei von den männlichen Versuchsteilnehmern mit Treue und Freundlichkeit assoziiert, eine Wespentaille als Attribut für höhere Aggressivität und Ehrgeiz.

Wie sich die Partnerwahl außerhalb derartiger Laborexperimente im realen Leben niederschlägt, untersuchten Biologen der Universität Montpellier in einer im vergangenen September veröffentlichten Arbeit. Beim Vergleich der individuellen Vorlieben mit der tatsächlichen Partnerwahl ergaben sich zwischen Männern und Frauen charakteristische Unterschiede. Während nämlich die Männer ihre individuellen Vorstellungen von Attraktivität relativ häufig umsetzen und ihr bevorzugtes Frauenbild auch tatsächlich zum Partner wählen, ergab sich bei den Frauen eine recht krasse Diskrepanz. Darin, so vermuteten die Autoren, spiegelte sich wieder der Spagat zwischen sexuell attraktiven und verlässlichen Männern.

Auch die Annahme, dass schöne Frauen und Männer besonders fruchtbar sind, hält einem Reality-Check nicht stand. Bei einer am Department für Psychologie der Universität Helsinki durchgeführten Studie wurden die Daten von mehr als 2000 Männern und Frauen der Geburtsjahrgänge 1937 bis 1940 ausgewertet. Dabei verglichen die Wissenschafter die Attraktivität der Personen anhand von Fotos, die zu ihrem 18. Lebensjahr aufgenommen wurden, mit der Anzahl ihrer späteren leiblichen Kinder. Im Schnitt lag die Kinderzahl bei 2,63.

Bei Frauen ergab sich dabei ein signifikanter Zusammenhang zwischen Attraktivität und Fruchtbarkeit, allerdings war dieser nicht linear. Das Viertel mit den hübschesten Frauen brachte es nämlich nur auf sechs Prozent mehr Nachwuchs als die Gruppe der mäßig oder wenig attraktiven. Als deutlich fruchtbarer erwies sich das zweite Viertel in der Attraktivitätsskala. Diese Frauen hatten um immerhin 16 Prozent mehr Kinder.

Anders die Männer. Hier unterschieden sich die oberen drei Viertel gar nicht. Das letzte Viertel der ausgesprochen hässlichen Männer stürzte hingegen mit einem Minus von 13 Prozent deutlich ab.

Während die Schönheitsideale heute weitgehend international gültig sind, haben sich im Lauf der verschiedenen Zeitalter beträchtliche Abweichungen im Schönheitsbegriff ergeben. Ein markantes Beispiel bildet die Venus von Willendorf mit ihrem großen Busen und dem extrem breiten Becken. „Diese Figur hatte aber schon zu ihrer Zeit sicher mehr mit Fruchtbarkeit zu tun denn mit Schönheit“, vermutet Evolutionsbiologe Reichholf. „Als schön galten in einer Gesellschaft, die mehr als zwei Millionen Jahre nomadisch lebte, immer wohlproportionierte Körper mit langen Beinen und grazilem Gang.“ Wahrscheinlich, so Reichholf, hatte der Steinzeitkünstler seine Venus als reines Fruchtbarkeitssymbol im Sinne einer Amme entworfen.

Graduelle Anpassungen des Begriffs vollkommener Schönheit ergaben sich auch in jüngerer Vergangenheit. Marilyn Monroe, das absolute Sexsymbol der fünfziger Jahre, wäre mit ihrer Kleidergröße von 40 bis 42 nach heutigen Begriffen definitiv mollig und hätte sich in einer der heutigen TV-Schönheitswettbewerbe von schlanken Vorbildern wie Heidi Klum wohl heftige Kritik eingehandelt. Das Ideal des vollbusigen rundlichen Typs wurde von einer asketischen Schlankheit verdrängt. „Hier drückt sich ein puritanisches Leitbild der Gesellschaft aus“, erklärt die Motivforscherin Helene Karmasin. „Die Werte, die heute geübt werden sollen, sind Disziplinierung, Selbstverantwortlichkeit und Leistungsbereitschaft.“ Und die werden eben eher von einer gertenschlanken, aktiven Person vermittelt als von einem übergewichtigen Couch-Potato.

Zudem lässt sich an einem für viele unerreichbaren Ideal auch prächtig verdienen. Nicht nur bei der Ernährung, sondern auch in der Kosmetik- und Gesundheitsindustrie gilt das Streben nach Schönheit als Motor eines Milliardenmarkts. „Für einen schönen Körper brauchen Sie mehr als nur Geld“, sagt Karmasin, und das gelte besonders für Menschen im höheren Lebensalter.

Die Messlatte für das, was als schön gilt, wird demnach immer weiter angehoben. Zur Optimierung steht eine Heerschar von Experten bereit. Vom Personal Coach über Schönheitschirurgen und Zahnkorrektur bis zum „Brazilian Waxing“ im Beauty-Salon. Eine Brustvergrößerung oder Nasenkorrektur als Geschenk zur Volljährigkeit hat längst den Nimbus des Außergewöhnlichen oder Obszönen verloren. Die Hälfte aller deutschen Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren führt regelmäßig eine Intimrasur durch. Der Männeranteil liegt nur knapp darunter.

In der Umfrage eines Lifestyle-Magazins gaben drei Viertel der befragten ­Jugendlichen an, dass Mädchen, die sich „unten“ nicht rasieren, definitiv eklig seien. Dieser Trend zieht auch gleich Scham­lippen-Operationen nach sich. In einer Untersuchung, die in Deutschland, Bel­gien und Italien durchgeführt wurde, ­gaben 61 Prozent der Frauen an, dass sie mit dem Aussehen ihrer Vagina nicht ­zufrieden sind. Als Ideal gilt die babyglatte Haut, die außer nach Parfum nicht mehr riecht. „Dass es überhaupt noch Reste von tierischer Herkunft gibt“, sagt Karmasin, „wird zunehmend als degoutant empfunden.“

Lesen Sie im profil 18/2011 ein Interview mit dem Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf über den Sonderfall Mensch und den Konkurrenzkampf der Frauen.