Yellow Submarine

„Die gute Lotosblüte nimmt nur so viel Wasser, wie sie braucht“ Lu Xün

Lange Zeit war ich mit meiner Affenliebe fürs Asiatische ziemlich allein. Sie war in früher Außendienstarbeit für „trend“ gewachsen. Außendienst hieß ab den achtziger Jahren zweierlei:

  • Die USA, weil dort der PC alles bunter und wichtiger machte. Es war geboten, Silicon Valley und die Technology Highways rund um Boston wie ein Info-Hausierer abzugrasen.
  • Asien, weil es der aufstrebende Kontinent war. Die Unterhaltungselektronik war ohnehin Spitze. Die pummeligen Sprengkapseln, die man dort Autos nannte, waren unversehens ernsthafte Produkte geworden. Und Japan hatte trotz totaler Energieabhängigkeit die Ölpreishölle der siebziger Jahre überlebt.

Anfangs riss man sich gar nicht so um diese Reisen. Fliegerei und Verständigung waren mühselig, man konnte nicht mal die Zeitungen lesen. Außerdem: Eine Taxifahrt etwa vom Tokioter Flughafen Narita nach Downtown kostete 2800 Schilling. Die relativ wenigen, die sich Asien dennoch angetan haben, verspürten schon nach wenigen Reisen einen unwiderstehlichen Sog. Zunächst galt dies vor allem für Japan. Das anfängliche Nippen an Nippon wurde bald zum Liebesschluck. Wenig später galt dies auch für Rotchina, Nationalchina, Südkorea und einige der kleinen Tigerstaaten.

Bald wusste man als Reisender nicht, wo man mit seiner Begeisterung anfangen und aufhören sollte. Dieses Lebhafte, ja Wurlerte! Die grellen Städte und stillen Aquarell-Landschaften ringsum. Hinter dem tosenden Lärmvorhang einer mächtig anlaufenden Business-Maschinerie öffnete sich bald die Faszination einer gepflegten Traditionskultur. Dem dafür Interessierten wurde spürbar, dass Tiefe und Alter der europäischen Kultur hier überboten wurden.

Die Impressionen entwickelten sich umgekehrt zu den USA. Die Vereinigten Staaten sind Oberflächenaufreger. Asien regt in der Tiefe auf und an. Die Vereinigten Staaten hatte man bald durch. Abgesehen von der Kunstszene New Yorks, speziellen Städten wie New Orleans und San Francisco und den atemberaubenden Landschaften der Rockys und Arizonas blieb kaum was für die Seele. Interessanterweise gilt dies selbst für Reisende wie unsereins, die sich zu einem „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ bekennen („soziale Marktwirtschaft“ in der Sprache der Weicheier). Zu schnell wird die Grausamkeit eines ungehemmten Liberalismus offensichtlich. Lächerlich die Hektik der Wall Street Society, die sich schrill und kurzatmig von einem Quartal zum anderen hantelt.
Wie wohltuend die Andersartigkeit der erfrischenden japanischen Wirtschaft, die plötzlich wie Brausepulver aufschäumte. Es mag sinnvoll sein, dieses Andere anhand von persönlich erlebten Wirtschaftspionieren zu skizzieren, die heute bereits den Status von Legenden haben.

Akio Morita von Sony war Japans erster ökonomischer Popstar westlichen Zuschnitts. Er war weltoffen. Er sprach das erste verständliche Englisch. Er zeigt eine für Japan natürliche Verbindung von Wirtschaft und Kultur, diesfalls Musik. Morita überzeugte Herbert von Karajan von modernen Aufzeichnungstechnologien. Er überschüttete den schwierigen Dirigenten mit vielen Dollarmillionen, was zu tiefer Freundschaft führte.

Ryuzaburo Kaku, legendärer Präsident von Canon (überragend bei Digitalkameras und Druckern), wollte einen Abend lang über Kunst und Kommunismus, keinesfalls über Kameras sprechen. Er gab das Grundmuster vieler asiatischer Spitzenkräfte vor: Ganzheitlichkeit.

Kenichi Yamamoto, Mazda-Präsident, berühmt für die Reanimation zweier Toter: des Wankelmotors und der heute wieder fröhlichen Nische kleiner Sport-Roadster (MX-5). Yamamoto imponierte im Gespräch unter anderem mit sozialem Verantwortungsgefühl. Er weigere sich, sagte er, mehr als das Fünffache seiner Leute zu verdienen. Dies zu einer Zeit, als seine US-Kollegen mit ihren hemmungslosen Bonussystemen das Tausendfache verdienten.

Masatoshi Kishimoto, Olympus-Präsident, eroberte als Erster den Digitalkamera-Massenmarkt. Er verkörpert ideal die duale Seele eines asiatischen Wirtschaftsführers. Im Arbeitsgespräch war er cool, analytisch, streng, dynamisch. Am Abend das Yang zum Yin: Ausgleich in philosophischen Gesprächen inmitten eines traditionellen Umfelds, das wie ein Holzdruck von Hokusai wirkte: Teehaus, plätschernde Bergbäche, Brücken, Geishas.

Anderswo mögen sich Länder durch die Künstler und die Werbung erschließen. In Asien geht das auch über die Spitzen der Wirtschaft. Und über eine reiche Symbolik, die über allen Landschaften liegt. Undenkbar, auf der Großen Mauer bei Peking zu stehen, ohne historisch angehaucht, oder nach Tibet gereist, ohne spirituell erhoben zu sein.

Undenkbar, nicht zugleich von der wilden Leistungsfrische der Südkoreaner und der lässigen Alltagskultur aller Asiaten erschüttert zu sein: Tai-Chi und öffentliche Zeitlupen-Rock-’n’-Roll-Tänze von Greisen, vernünftige Höflichkeitsformeln und Wohnformen, die aus dem kleinsten Kubus das Maximum holen, mit weltmeisterlichen Fähigkeiten im Falten und Stapeln und einem schönen Sinn für räumliche Leere.

Wer dann noch anfällig ist für asiatische Kunst, die Gleichzeitigkeit von Bild und Kalligrafie, den erhabenen Sinn für Weißräume in ukiyo-e (Holzschnitt) und sumi-e (Tuschemalerei), wird von den Asienreisen verändert zurückkehren. Am besten nimmt er gleich noch die japanische Küche mit. Sashimi, Sushi, Tempura und Teppanyaki sind zwar sauteuer, verlängern aber das Leben. So bleibt neben der neuen Liebe Asien auch genug Zeit für die alte Liebe Europa. Nur für die USA wird es irgendwie eng.