Yin und Yang

Klostermann gegen Hedonist: Herbert Lackner über Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer, deren Schicksale sich 2006 auf wundersame Weise wendeten.

Gab es nun Wein und Kuchen, wie profil damals vermeldete, oder doch „Gute-Nacht-Kräutertee aus selbst gezogenen Pflänzchen“, wie der „Standard“ inzwischen herausgefunden haben will? Woran die beiden Herren sich an jenem späten Jännerabend des Jahres 2003 auch immer labten – so nahe waren sie einander nie zuvor und nie mehr danach gekommen. Wolfgang Schüssel hatte Alfred Gusenbauer während der auch damals quälend langen Koalitionsverhandlungen beim traditionellen „Sauschädelessen“ von Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad getroffen, danach hatten sich die beiden in Schüssels Privatwohnung in Wien-Hietzing zurückgezogen. Zu Wein oder Kräutertee.

Die Episode blieb folgenlos. Wenige Wochen später schloss Schüssel abermals mit der FPÖ ab.

Diesmal scheint Gusenbauer selbst der Griff zum Telefon Überwindung zu kosten. Schüssel wiederum lehnte die Idee des Bundespräsidenten kühl ab, wenigstens zu einem Abendessen à trois zusammenzukommen.

Man bleibt auf Distanz, als könnte die Dramatik der Stunde bei zu intimer Nähe die Fassade des zivilisierten, bisweilen sogar amikalen Umgangs rissig werden lassen. Denn längst ist man per Du, Schüssel nennt den Sozialdemokraten manchmal fast liebevoll „Don Alfredo“, Gusenbauer wiederum wird in diesen Tagen nicht müde, bei seinen Schilderungen der Verhandlungsmühen stets auf den „immer korrekten Ton“ zwischen ihm und dem Bundeskanzler hinzuweisen.

Freilich: Dass Gusenbauer die Rückeroberung der Stimmenmehrheit für die Roten gelingen würde, das kann Schüssel auch fast drei Monate nach dem denkwürdigen 1. Oktober 2006 noch nicht wirklich fassen. Er ist beleidigt, gekränkt, verletzt.

Erst einmal hatte ein regierender Kanzler die relative Mehrheit verloren: 1970, als Josef Klaus von der politischen Ausnahmeerscheinung Bruno Kreisky niedergerungen wurde. Aber Schüssel verlor gegen Gusenbauer, von dem Schüssels Mannschaft immer gehöhnt hatte, er möge der ÖVP bitte recht lange erhalten bleiben; ein chancenloserer Wappler werde nicht so bald nachkommen.

Anders als viele seiner Parteifreunde hat Schüssel Gusenbauer nie unterschätzt – dieses political animal, wie er selbst eines ist, profund gebildet, auch in komplexen Sachfragen stets auf Augenhöhe.

Und doch ganz anders. Schüssel und Gusenbauer – so ähnlich sie einander als Berufspolitiker auch sein mögen – trennt mehr als der Altersunterschied von 15 Jahren oder die politische Couleur. Hier stehen sich zwei Männer mit völlig anderen Lebensentwürfen gegenüber.

Dabei kam keiner der beiden aus einer wohlhabenden Familie: Gusenbauers kürzlich verstorbener Vater war Bauarbeiter in Ybbs, der Vater Schüssels – er hatte die Familie verlassen, als der Sohn drei Jahre alt war – versuchte sich nicht übermäßig erfolgreich als Sportjournalist. Er starb Mitte der achtziger Jahre. Schüssels Mutter war mäßig verdienende Handarbeitslehrerin, Gusenbauers Mama schuftete in einer Putzbrigade. Der begabte Wolfgang Schüssel wurde erst auf Initiative einer tiefgläubigen Tante ins Wiener Schottengymnasium eingeschrieben, Alfred Gusenbauer kam nur deshalb nicht in die Hauptschule, weil der aufmerksame Direktor der Volksschule die Eltern drängte, den talentierten Sohn nach Wieselburg ins Gymnasium zu schicken.

Beide besuchten regelmäßig die Kirche und ministrierten auch. Schüssel wurden Disziplin und Stehvermögen von den Benediktinern im Schottengymnasium eingetrichtert: Ora et labora! Gusenbauer lernte sie in der Strenge einer Arbeiterfamilie, die um ein besseres Leben für die Kinder rang. Sein Vater habe immer die absolute Leistungsorientierung gepredigt, erzählte Gusenbauer später. Als er kurz nach seiner Wahl zum SPÖ-Vorsitzenden von einer „solidarischen Hochleistungsgesellschaft“ schwärmte, verstand er die in seiner Partei hochwallende Aufregung nicht.

Wolfgang Schüssels spätere Sozialisierung, sein Heranreifen zum Politiker, erfolgte vor allem in kirchlichen Organisationen. Andere marschierten gegen den antisemitischen Wirtschaftsprofessor Taras Borodajkewycz oder den Vietnamkrieg, Schüssel lebte den zeitgeistigen Protest in kecken Jazzmessen und in Karikaturen im Blatt der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) aus. Über die Arbeit in einer idealen KSJ-Gruppe schrieb der 22-jährige Schüssel: „Mündig müssen sie werden, deine höheren Schüler, sodass jeder von ihnen selbst wieder eine Gruppe führen könnte. Wenn ein Führer das nicht schafft, hat er versagt.“ Alfred Gusenbauer hatte mit 15 Ernst Fischers Buch „Was Marx wirklich sagte“ gelesen, mit 24 schrieb er: „Die Sozialistische Jugend wird nicht romantisch in die Welt schauen, sondern aus der Kampferfahrung der Völker, aus Siegen und Niederlagen lernen.“

Das liest sich einigermaßen anders als bei Schüssel.

Religion spielt in Alfred Gusenbauers Leben keine primäre Rolle mehr: Er schätzt das soziale Engagement der Kirche und deren wichtige Rolle in den Entwicklungsländern.

In Wolfgang Schüssels Leben dagegen sind Kirche und Katholizismus eine bestimmende Kraft geblieben. Noch heute zieht er sich jeden Sommer für eine Woche ins Kloster Seckau in der Steiermark zurück. Seit gut 25 Jahren trifft sich dort ein kleiner Freundeskreis, meditiert oder singt Choräle. Texte aus dem Alten Testament werden gelesen, man diskutiert über Themen wie den aristotelischen Tugendbegriff. Gewohnt wird in kargen Klosterzellen.

Aber was, außer Schweigedisziplin und Gelassenheit, kann ein Politiker aus klösterlicher Abgeschiedenheit in seine hektische Welt mitnehmen?

Sein Lieblingstext, erzählte Schüssel 1995, kurz nach seiner Wahl zum ÖVP-Obmann, sei das Buch Kohelet, eines der „Bücher der Lehrweisheit“ aus dem Alten Testament. Geschrieben hat die Verse ein Prediger im dritten vorchristlichen Jahrhundert. Einige von Kohelets Zeilen wurden vom amerikanischen Polit-Folk-Sänger Pete Seeger in den fünfziger Jahren dem Song „Turn! Turn! Turn!“ implantiert, mit dem die Byrds 1965 die internationalen Charts anführten: „Alles hat seine Stunde, für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben; eine Zeit für den Krieg, eine Zeit für den Frieden.“ Das passte in die sanften Hippie-Jahre. Freilich: Die anderen Texte Kohelets weisen den alten Israeliten eher als weltmüden Pessimisten aus. Reichtum und Wohlergehen, Prunk, Pracht und viele Weiber: „Das alles ist Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne.“ Und an anderer Stelle: „Besser der Gang in ein Haus, wo man trauert, als der Gang in ein Haus, wo man trinkt.“ Lebensgenuss bringe keine Erfüllung, meint Kohelet.

Was interessiert Schüssel an diesem trübsinnigen Lustfeind? Er möge den Text, „weil er existenzialistisch ist, weil er relativiert und wie die Yin-Yang-Philosophie modern anmutet“, erklärte Schüssel 1995 Christa Zöchling für ihr Porträt des neuen ÖVP-Obmanns in profil.

Fest steht, dass Wolfgang Schüssels Lebensführung weit mehr im Einklang mit Kohelets Predigten steht als jene von Alfred Gusenbauer.

Schüssel lebt mit seiner Frau in einer Siebziger-Jahre-Wohnung, die nach Angaben von Vertrauten ein wenig an eine schon längere Zeit nicht mehr renovierte Studentenbude gemahnt. Alfred Gusenbauer logiert in einer geschmackvollen Bleibe in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert am pittoresken Wiener Spittelberg. Die Schüssels verbringen seit Jahrzehnten den Sommerurlaub im kreuzbraven Sankt Gilgen. Gusenbauer bevorzugt Spanien, Korsika oder die Toskana, wo er gern Wiener Freunde besucht, die ein uraltes Haus in den Weinbergen gemietet haben. Wolfgang Schüssel trinkt am liebsten Bier und manchmal einen Schnaps dazu; sein Weinregal steht nach Angaben von Besuchern auf der Toilette. Alfred Gusenbauer bevorzugt, wie allgemein bekannt, edle Tropfen; gemeinsam mit einem Freund mietet er seit Jahren einen alten Keller im Weinviertel zur fachgerechten Lagerung seiner guten Flaschen.

Wolfgang Schüssel geht Samstagvormittag gern auf die Wiener Marswiese zum Kicken; Alfred Gusenbauer schlendert gern über den Naschmarkt, um ein paar Spezialitäten zu verkosten. Einer der besten Freunde Wolfgang Schüssels ist der Arzt Erwin Rasinger. Einer der besten Freunde Alfred Gusenbauers ist der Chef der Ladenkette Wein & Co, Heinz Kammerer. Wolfgang Schüssel lässt sich höchst selten bei den gesellschaftlichen Anlässen in Wiens Nächten blicken; Alfred Gusenbauer ist nach Einbruch der Dunkelheit eine fixe Größe. Als profil vor der Wahl 2002 beiden Spitzenkandidaten in einem Word-Rap die Frage stellte: „Was hilft, wenn gar nichts mehr hilft?“, antwortete Schüssel: „Ein Gebet.“ Gusenbauers Replik: „Der Ribiselkuchen meiner Mutter.“

Die ÖVP versuchte immer wieder, die Lebenslust des SPÖ-Chefs politisch zu instrumentalisieren. Andreas Khol vor einigen Jahren in profil: „Im Europarat stieß er zur Toskana-Fraktion des internationalen Sozialismus, für den Champagner ein Getränk der Arbeiterklasse ist, wenn er von seinen Funktionären getrunken wird.“

Champagner? Der wird nicht mehr das Lieblingsgetränk des SPÖ-Chefs, auch wenn ihn die ÖVP noch so oft damit anschüttet.

Alfred Gusenbauer – das übersieht Khol – hat sich im Lauf seiner Karriere einfach der Welt angepasst, in der er heute lebt, und er hat die Veränderungen der Welt meist angenommen. Schon Mitte der achtziger Jahre, als Obmann der Sozialistischen Jugend, entsorgte er das traditionelle SJ-Blauhemd in der Mottenkiste – damals noch ein Sakrileg! Der Wille, sich durch das Aussehen vom Bürgertum zu unterscheiden, sei kleinbürgerlicher Linksradikalismus, hatte Gusenbauer organisationsinternen Skeptikern entgegengehalten.

Fotos aus jener Zeit zeigen ihn in Business-verträglichem Outfit, meist sogar im legeren Anzug mit offenem Hemd. Später gab er sich modisch gewagter. Ein Erinnerungen an Mao Tse-tung evozierendes Sakko, in dem er in den ersten Tagen nach seiner Designation zum SPÖ-Vorsitzenden steckte, führte zu heftigen Debatten über Mode und Politik. Seither gibt sich Alfred Gusenbauer wieder konservativer.

Wolfgang Schüssel war genau umgekehrt vorgegangen: Mit fortschreitender Karrieredauer hatte er sich äußerlich immer stärker von seiner Umgebung abgesetzt. Provokation oder einfach der Drang, wahrgenommen zu werden? Als Schüssel 1975 Erhard Busek als Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes nachfolgte, war sein neuer Chef, der legendäre Wirtschaftskammer-Präsident Rudolf Sallinger, nicht ganz sicher, ob solche Garderobe organisationsverträglich sei. „Vom Erscheinungsbild her hat mir Schüssel mit seinen karierten Hemden und den poppigen Anzügen eigentlich gar nicht gefallen. Aber altmodische Bürokraten hatten wir ja schon genug“, erzählte Sallinger viele Jahre später in einem „trend“-Interview.

Als Außenminister stach Schüssel auf den Familienfotos nach den EU-Konferenzen mit grellbunten Mascherln und einer Brille mit roter Fassung schrill heraus. Eine „Zeitgeistmischung aus Armani, Boss und Trussardi“ sei ihr im Ministerbüro entgegengekommen, schrieb Marga Swoboda damals in einem Schüssel-Porträt für die „Wienerin“. Der in Modefragen entschieden anders tickende Funktionärskader der ÖVP akzeptierte das exzentrische Äußere des Obmanns leicht verstört. Hörbar herumgemäkelt wurde daran immer dann, wenn bei Wahlen etwas schiefgelaufen war.

Gleich zu Beginn seiner Kanzlerschaft zog sich Schüssel gründlich um: Niemand hat ihn seither in leuchtend grünem Sakko oder mit einer albernen Masche gesehen. Er wollte ein Staatsmann wie alle anderen sein. Auf den nach dem Februar 2000 aufgenommenen Familienfotos bei EU-Gipfeln muss man Schüssel manchmal sogar suchen.

Seit sieben Jahren stehen sie einander nun gegenüber – länger als jedes andere rot-schwarze Rivalenpaar in der Geschichte der Zweiten Republik: Schärf gegen Raab hatte es vier Jahre lang gegeben, Mock gegen Kreisky ebenfalls vier Jahre. Das waren die bisherigen Rekordpaarungen.

Gusenbauer gegen Schüssel ginge im Februar ins achte Jahr. Vorher werden wohl andere Entscheidungen fallen.

Doch die lange Auseinandersetzung zehrt an den Nerven. Bei allem Bemühen, ärgere Entgleisungen zu verhindern, sind kleine Gehässigkeiten offenbar unvermeidlich. Anlässlich der „Kanzlerdebatte“ vor der Wahl etwa ließ Alfred Gusenbauer sein Gegenüber mehrere Minuten lang allein im Studio warten und kam erst Sekunden vor Sendungsbeginn. Demonstrativ blieb Schüssel in seinem Sessel kleben, als Gusenbauer ihm die Hand reichte.

Während der Eurofighter-Debatte in der ersten Sitzung des Nationalrats schien sich Schüssel auf der Regierungsbank Notizen zu machen, als Alfred Gusenbauer am Rednerpult die Einsetzung des Untersuchungsausschusses begründete. Durch die Teleobjektive der Fotografen in der Presseloge ließ sich erspähen, dass Schüssel einfach Männchen und Flugzeuge kritzelte.

Schon 2003 hatte Peter Pelinka in seiner Schüssel-Biografie befunden, Schüssel habe gegenüber früher „wohl funktionsbedingt viel an Lockerheit verloren, sein Lächeln wirkt seltener bubenhaft, sein Führungsstil einsamer“. Seit dem 1. Oktober hat sich dieser Eindruck verstärkt. Noch traut ihm seine Partei zu, die Wahlniederlage am Verhandlungstisch abzufedern, noch fürchten die Sozialdemokraten seinen Fintenreichtum. Wolfgang Schüssel steht damit unter starkem Druck – fast so wie damals zur Jahreswende 1999/2000, als er nach einer verheerenden Wahlniederlage für seine Partei doch noch das Kanzleramt holte.

Alfred Gusenbauer kostet, ganz Hedonist, die Lage aus, diese Vorlust, einen Schritt vor dem Kanzleramt zu stehen.

Möglicherweise bleibt Wolfgang Schüssel selbst dann sein Gegenüber, wenn er schon drinnen sitzt. Der Kanzler werde als ÖVP-Klubobmann in der Politik bleiben, wurde in den vergangenen Tagen im Parlament getuschelt. Schüssel als oppositionelle Speerspitze gegen Alfred Gusenbauer, den Kanzler einer roten Minderheitsregierung? Dann würde der Ton wohl rauer. Für einen allfälligen Abbruch der Verhandlungen hat Kollege Rainer Nikowitz in einem seiner profil-Dramolette jedenfalls schon eine passende Verabschiedungsformel geprägt:

Gusenbauer: Tschüssel!
Schüssel: Du mi a!