Zahl der städtischen Gemüsegärtner steigt:
Selbst gezogene Tomate wird Statussymbol

Dank Ernährungs­bewusst­sein und Bioboom steigt die Zahl der städtischen Gemüse­gärtner. Die selbst gezogene Flaschent­omate wird zum Status­symbol des urbanen Trendsetters. Eine Erkundung unter Stadtbauern.

Von Sebastian Hofer

Aufregung auf Parzelle 117A: „Da hinten, bitte, wer hat denn da ausg’messen! Ganz schief ist’s, das Feld, ja wo kommen wir denn da hin!“ Herr Günther (Jeansgilet, grauer Bürstenhaarschnitt, getönte Brille, Gummistiefel) beschwichtigt mit der Autorität des 69-jährigen Feldherrn: alles korrekt hier, schaut nur schief aus, die Perspektive, Sie wissen. Und außerdem: „Gehen S’ einmal in den Wienerwald, schaun S’, ob Sie dorten was Gerades finden!“ Verlegenes Nicken auf Parzelle 117A, aha, ach so, stimmt, na gut. Herr Günther weiß, wie er seine Pappenheimer und ihre Problemchen anzupacken hat, nicht umsonst heißt er hier auch „Sheriff“.

Hier, das ist das Selbsterntefeld an der Wiener Ketzergasse, an der südlichen Peripherie von Wien, knapp an der Grenze zu Niederösterreich, zwischen Businessparks, Autohäusern und Ausfallstraßen. Seit 13 Jahren besteht die Anlage, in der urbane Hobbygärtner auf saisonweise vermieteten Parzellen Gemüse anbauen. Herr Günther, ehemaliger Koch und Restaurantleiter, ist seit dem ersten Jahr dabei. Vieles hat sich seit damals verändert, das Meiste aber erst in jüngster Zeit. Aus der beschaulichen „Gartler“-Idylle wird allmählich ein echter Massensportplatz. Noch nie waren so viele Parzellen vergeben wie heuer, erklärt Herr Günther, und er hat auch eine Theorie, war­um das so ist: „Im Herbst hat die Geschichte mit der Finanzkrise angefangen, heuer sind schlagartig 15 Prozent mehr Leute da. Natürlich hängt das zusammen.“ Könnte es sein, dass Fiona „Antoinette“ Swarovski einen Funken von Recht hatte, als sie ihren armutsbedrohten Mitmenschen empfahl, ihre Tomaten doch einfach auf der Dachterrasse anzubauen? Ganz so schlimm dürfte es nicht sein. Die Hobbygärtner von Wien wirken auf den ersten Blick nicht besonders mittellos.

Das steigende Interesse an der urbanen Landwirtschaft hat wohl andere Gründe. Regine Bruno bestätigt den Boom, der Andrang wachse tatsächlich enorm. Vor fast 20 Jahren hat sie, damals noch Mitarbeiterin der Wiener Umweltberatung, gemeinsam mit einem Landwirt aus Rothneusiedl das Selbsterntekonzept entwickelt: Auf stadtnahen Ackerflächen werden – nach streng biologischen Kriterien – rund 20 Gemüsesorten ausgesät, zum Beispiel Erbsen, Petersilie, Gurken, Salat, Zucchini, rote Rüben, Dille, Spinat. Alles Weitere bleibt den Parzellenmietern überlassen: Unkrautbekämpfung, Bodenbearbeitung, Zusatzpflanzung, Ernte. Neben dem Acker an der Ketzergasse gibt es ihn Wien noch vier weitere Selbsterntefelder, außerdem mehrere Standorte in Niederösterreich und der Steiermark (siehe Infokasten).

Ökologiegedanke. Regine Bruno sitzt unter einem Baum vor ihrem Büro in Mödling, nebenan steht ein Folienhaus, in dem sie Jungpflanzen zieht, dahinter liegt ein weiteres Selbsterntefeld. Sie betreibt Motivforschung: „Am Anfang stand sicher der Ökologiegedanke stark im Vordergrund. Vor fünfzehn Jahren gab es in Österreich ja kaum Gelegenheit, an biologisches Gemüse heranzukommen. Heute bekommt man es in jedem Supermarkt. Ich denke, dass inzwischen der Erholungsaspekt im Vordergrund steht: Die Menschen wollen ihre Freizeit sinnvoll nutzen und dabei auch Neues entdecken. Das Exotische, das Multikulti­erlebnis wird immer interessanter: Immer mehr Leute bauen auf ihren Parzellen auch Erdmandeln oder Zitronengras an.“

Und wo Zitronengras wächst , kann Jamie Oliver nicht weit sein. Tatsächlich hat der britische TV-Koch und Schutzheilige aller bourgeoisen Bohemiens den Gartlertrend schon früh erkannt und mediengerecht genutzt: In seiner Sendung „Jamie at Home“, erstausgestrahlt im August 2007, predigte Oliver mit dem ihm eigenen Enthusiasmus („fantastisch!“) die Freuden des Eigenanbaus. Alte Weisheit, schick verpackt: Selbst gemacht schmeckt’s doch am besten. Gärtnern ist das neue Kochen. Die selbst ge­zogene Flaschentomate fungiert längst als urbanistisches Statussymbol, der boboeske Distinktionsgewinn steigt, wenn statt Aperol-Spritz ein eigenes Gemüsefeld bestellt wird. Eine U-Bahn oder ein Parkplatz sollte halt in der Nähe sein.

Könnte es sein, dass der urbane Ackerbau so etwas ist wie der Manufactum-Katalog des Lebens, eine Reise zurück zum (luxuriös verbrämten) Ursprung, zum handgemacht Exotischen? Gibt es sie noch, die guten Dinge, und sehen sie wirklich so aus wie Fleischparadeiser und Kartoffelkäfer? Die Frage ist kompliziert, und sie ist alt. Schon Henry David Thoreau hat sie sich gestellt, der Urvater aller modernen Aussteigerfantasten, der sich anno 1845 in eine einsame Hütte am See zurückzog und zwei Jahre dort hauste, ganz allein mit sich und seinem Notizblock. Unter dem Stichwort „Das Bohnenfeld“ notierte Thoreau in seinem Zurück-zur-Natur-Klassiker „Walden“: „Was diese stetige kleine Herkulesarbeit bedeuten soll, weiß ich nicht. Ich fing an, meine Reihen, meine Bohnen zu lieben, obwohl ihrer so viele mehr waren, als ich brauchte. … Wozu ich sie aber pflanzte, das weiß nur der Himmel. … Was soll ich von den Bohnen lernen, oder was sie von mir?“

Amateure und Profis. Zu lernen gibt es tatsächlich einiges am Selbsternteacker. Die Kundschaft ist bunt an der Ketzergasse, es arbeiten Kopftuch- neben Umhängetaschenträgerinnen, Zwiebel- neben Zitronengrasbauern, Pensionisten neben Studenten. Amateure und Profis sind leicht zu unterscheiden: Erstere erkennt man am verlegenen Grinsen, dem unschlüssigen Im-Boden-Stochern und dem scheuen Blick zur Nachbarparzelle, die Profis an der korrekt abgesteckten Tomatenplantage, am Hochbeet und am Folientunnel. Herr Günther, der Selbsternte-Sheriff, regiert über ein Ehrfurcht erweckendes Gartlerparadies: üppige Vegetation, wo anderswo noch der nackte Acker hervorblitzt, hüfthohe Stauden, wo daneben erst die Keimblätter sprießen. 450 Kilogramm Gemüse holt er pro Saison aus seiner Parzelle, seine Erdäpfel wiegen 70 Deka (das Stück), seine Kohlrabi sechs Kilo. Das Meiste verschenkt er: „Wenn ich wo auf Besuch bin, nehme ich keinen Blumenstrauß mit, sondern einen Buschen Mangold.“

Schnell lernt der unbedarfte Städter , was hier alles möglich wäre, wie Garteln wirklich geht. Außerdem lernt er: Kartoffelpflanzen gehören unter Erdhaufen (im Fachjargon: anhäufeln), schwarze T-Shirts sind beim sommerlichen Unkrautzupfen eher unangebracht, in der Gärtnersprache heißt Unkraut politisch korrekt eigentlich Beikraut und: „Fladern“ tun immer die Ausländer. Behaupten zumindest die Parzellennachbarn: „Die gehen durch, wenn keiner da ist, und ernten alles ab.“ Mehr seien sie auch geworden, da sind sich die Parzellennachbarn sicher. Die Vorurteile des normalen Alltags machen am Gartentor offenbar auch nicht Halt. Obwohl Herr Günther das Gegenteil behauptet: „In der Sekunde, in der Sie beim Türl hereinkommen, vergessen Sie hinter sich die ganze Welt.“ Und wenn die Ausfallstraßen noch so rauschen.

Stangenwald. „Selbsternte ist besser als Psychiatrie“, sagt Emin Senay, 55. Er stammt aus Istanbul und lebt seit 28 Jahren in Wien. Psychiatriebedürftig ist er zwar nicht, aber gestresst: Er macht Fahrtendienste, die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, aber lang. „Ich komme hierher, um Spaß zu haben. Wenn ich Stress habe und hierherkomme, ist nachher alles weg.“ Seit fünf Jahren hat Emin hier eine Parzelle, längst gehört er zu den Profis am Platz: Der geheimnisvolle Stangenwald auf seinem Ackerabschnitt ist, wie fortgeschrittene Gartler sicher wissen, ein Tomatenspalier. Das Stroh am Boden dient der Düngung, die blauen Absperrschnüre der Absperrung. Konzentriert zupft Emin am Un-, pardon: Beikraut. Er weiß genau, was er tut.

Michaela Neßlböck schwankt noch ein wenig, für die 30-jährige biomedizinische Analytikerin ist es die erste Saison als Selbsternterin. Gemeinsam mit drei Arbeitskolleginnen bestellt sie eine Parzelle, es läuft für den Anfang nicht schlecht: „Es schaut schöner aus als gedacht. Aber uns ist die Ernte ohnehin nicht so wichtig wie die Erfahrung, in der Natur zu arbeiten. Man bekommt einen Bezug dazu, wie etwas wächst.“ Anders gesagt: „Das Garteln macht glücklich.“ Herr Günther, nie um einen Kommentar verlegen, zaubert ein angeblich chinesisches Sprichwort aus dem Hut: „Willst du einen Tag lang glücklich sein, speise gut. Willst du ein Jahr lang glücklich sein, verliebe dich. Willst du dein Leben lang glücklich sein, werde Gärtner.“

Tatsächlich erzeugt der urbane Gemüseanbau eine umfassende Form von Zufriedenheit. Wem bei aller Arbeitsteiligkeit im Job der Blick aufs Ganze fehlt, wer Projekte immer nur häppchenweise erlebt, eine Teilbesprechung hier, einen Halbabschluss da, der erhält im Gemüsegarten Zugang zur Vollkommenheit: vom Keimblatt bis zur Erbsenschote, alles aus einem Guss, alles aus einer Hand. Dazu kommt, dass die Gärtnerei mit einem anderen Belohnungssystem operiert als der typische Arbeitsalltag: Dort arbeitet man auf zwei erfreuliche Ereignisse im Jahr hin (Urlaub, Weihnachten), hier wird man regelmäßig mit Erfolgserlebnissen belohnt: Ein neuer Keimling geht auf, irgendwo bricht die Blüte aus, die Paprika röten sich.

Gärtnern ist aber auch eine Übung in Geduld. Pflanzen sind grausame Geschöpfe: wachsen, wo sie nicht wachsen sollten, knicken ab, wo sie nicht abknicken sollten, bringen nicht den Ertrag, den sie bringen sollten. Man leidet als Hobbygärtner, aber man leidet gern. Und man leidet gemeinsam. Außerdem wird einem im Selbsternteland die größte Mühe ohnehin abgenommen: Ackern und Aussaat sind inklusive, die Bewässerung auch. Man bräuchte im Grunde auch gar nicht vorbeizukommen, das Biotop reguliert sich von selbst. Zur Not übernimmt Herr Günther das Gröbste: „Es soll ja niemand frustriert sein, wenn was nicht aufgeht.“

Bauernsozialismus. Auch sonst herrscht hier eine ungewohnte Art des Zusammenlebens. Der typische Wiener macht neue Erfahrungen: Gespräche mit Nachbarn, spontane Hilfsbereitschaft, freundliches Grüßen. Gießkannen und Rechen werden gemeinschaftlich benutzt, man hilft sich aus, gibt sich Tipps. Es herrscht eine Art Bauernsozialismus mit kleingärtnerischem Antlitz. Für die Selbsternte-Erfinderin Regine Bruno ist das ein wesentlicher Punkt: „Viele Leute müssen sich erst daran gewöhnen, dass man mit einem Nachbarn rücksichtsvoll umgeht. Aber ein Selbsterntefeld ist keine Schrebergartensiedlung, wo der Zaun ja oft das Wichtigste ist.“

Hier, an der südlichen Peripherie von Wien, knapp an der Grenze zu Niederösterreich, zwischen Businessparks, Autohäusern und Ausfallstraßen, wird nebenbei auch so etwas wie Demokratie geübt, nicht als treuherzige Wir-ändern-die-Welt-Utopie, sondern ganz konkret. Und was sagt Herr Günther dazu? „In der Gärtnersprache gibt es einen wichtigen Satz: Wenn du einen Stein schmeißt, kommt er irgendwann zurück.“

Fotos: Michael Rausch-Schott