Zecken: Erstmals ist eine Impfung gegen Borreliose in Sicht

Zeckenschutz - Zecken: Erstmals ist eine Impfung gegen Borreliose in Sicht

Borreliose gilt als gravierendste Zeckenkrankheit - ein Schutz davor war bisher nicht möglich. Nun wird intensiv an einer Impfung gegen die gefährlichen Bakterien gearbeitet.

Von Norbert Regiting-Tillian

Österreich ist ein Staat, den die Weltgesundheitsorganisation liebt. Besonders wenn es um den Zeckenschutz geht: Vorbildlich ist fast das gesamte Land gegen die durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) geimpft. Und das hat auch Einfluss auf die Epidemiologie: "Wir haben heute nur noch zehn Prozent der FSME-Fälle, die in Vorimpfzeiten auftraten“, sagt Herwig Kollaritsch, Professor für Hygiene und Mikrobiologie an der Medizinischen Universität Wien.

Zeckenkrankheit
Geht alles nach Plan, könnte Österreich in ein paar Jahren auch bei der zweiten, wesentlich häufiger auftretenden "Zeckenkrankheit“, der Lyme-Borreliose, zu einem Vorzeigeland werden. "Die Chancen stehen gut. Die Österreicher sind besonders für Zeckenschutz sensibilisiert“, befindet Kollaritsch.

+++ Wie sicher sind Impfungen? Und: Sind die Österreicher zu Recht Impfmuffel? +++

Neuer Impfstoff
Der US-amerikanische Pharmakonzern Baxter mit österreichischen Niederlassungen in Wien und Orth an der Donau arbeitet jedenfalls an einem neuen Impfstoff, der nach den ersten größeren Studien an 300 Personen als sicher und effektiv gilt. Treten keine gröberen Komplikationen auf, wird er 2015 in die groß angelegte "Phase III“-Studie gelangen, bei welcher der Impfstoff an 10.000 bis 12.000 Menschen getestet werden soll. Um das Jahr 2020 könnte das Vakzin auf den Markt kommen, das gegen alle weltweit bekannten Borreliosestämme wirksam sein soll. Noel Barrett, Studienleiter bei Baxter: "Wir sind zuversichtlich, dass die weiteren Studien positiv verlaufen.“

Allerdings streiten die Experten derzeit darüber, ob dieser neue Impfstoff erfolgreich sein wird. Denn schon einmal haben Pharmakonzerne, vor allem Baxters Konkurrenten GlaxoSmithKline und Pasteur Mérieux Connaught versucht, eine Borrelioseimpfung zu etablieren - mit eher desaströsem Ergebnis.

"Zeckenimpfung"
In den 1990er-Jahren entwickelten Forscher am deutschen Max-Planck-Institut eine elegante Methode, um die Bakterien im Darm der Zecke unschädlich zu machen: Während konventionelle Impfstoffe aus abgeschwächten und abgetöteten Erregern bestehen, injizierten die deutschen Wissenschafter bei ihrer Variante einer Borrelioseimpfung Antikörper, welche die Zecke während ihrer Blutmahlzeit genüsslich einschlürft. Die Borrelien, die normalerweise erst 17 bis 36 Stunden nach dem ersten Saugen über Speichel und Stechinstrument in den Wirtskörper einfließen, werden so noch in der Zecke abgetötet, weil sich die Antikörper an spezifischen Oberflächenproteinen des Bakteriums festsetzen. Scherzhaft wurde dieses Prinzip die erste wirkliche "Zeckenimpfung“ genannt.

Ökonomischer Misserfolg
Trotz des bestechend klingenden Mechanismus war den Impfstoffen allerdings kein Erfolg beschieden. Zum einen deckte das rekombinante Antigen nur Lyme-Borrelienstämme ab, die in den USA vorkamen. Für europäische Stämme bestand dagegen keine Schutzwirkung. Zum anderen wurde von amerikanischen Experten die Ansicht verbreitet, wonach Autoimmunreaktionen - vor allem Gelenksentzündungen - nach der Impfung nicht ausgeschlossen seien, was in den USA prompt eine heftige öffentliche Debatte samt dem Gespenst von Sammelklagsdrohungen hervorrief. Zwar stellten sich die Anwürfe als falsch heraus, die Impfbereitschaft fiel dennoch sehr verhalten aus. Während Pasteur Mérieux Connaught seinen Impfstoff gar nicht mehr registrieren ließ, nahm GlaxoSmithKline den seinen 2002, schon nach drei Jahren, wieder vom Markt. Simpler Grund: ökonomischer Misserfolg.

Kein tödlicher Verlauf
Dass es der Pharmakonzern Baxter nun nach Ablauf des Patentes mit einer verbesserten, aber im Prinzip doch sehr ähnlichen Impfmethode erneut versuchen will, ließ im Fachmagazin "Lancet“ Kommentatoren die besorgte Frage aufwerfen, ob die Zeit für eine neuerliche Impfung bereits reif sei. Denn, so meint der amerikanische Borreliose-Forscher Paul Lantos: "Borreliose kommt nur in bestimmten Endemiegebieten vor, verläuft nicht tödlich und ist, weil gut behandelbar, keine chronische Krankheit.“ Warum also erneut das ökonomische Wagnis eingehen?

FSME-Impfung
Hier jedoch kommt der Erfolg der FSME-Impfung ins Spiel. Denn auch wenn es noch zu früh sei, Aussagen über den europäischen Markt zu treffen, so räumt auch Lantos ein, könne man doch sehen, dass im Windschatten der FSME-Impfung auch die Borreliose-Immunisierung erfolgreich sein könnte. Experten wie Tropenmediziner Kollaritsch sehen nicht zuletzt eine spezifisch psychologische Komponente in Europa und vor allem in Österreich wirken. Durch die jahrzehntelange Sensibilisierung für die FSME-Impfung und die Borreliose-Aufklärung "fürchten sich viele vor der Krankheit“. Für die Einführung einer neuen Impfung sei dies an und für sich "ein guter Boden“.

Hinzu gesellt sich noch ein Umstand: Auch wenn Praktiker in den letzten Jahren viel über die Borreliose dazugelernt haben, kommt es noch immer zu Fehldiag-nosen, falschen Behandlungen und damit verbundenen Ärzteodysseen. Zwar endet Borreliose im Regelfall nicht tödlich. Schmerzhaft und heimtückisch kann das Leiden aber allemal sein. Nur in gut der Hälfte der Fälle ist die Bakterieninfektion nach einem Zeckenbiss gut durch eine sich ausdehnende Hautrötung rund um die Einstichstelle zu erkennen. In allen anderen Fällen können sich die Krankheitserreger, zunächst auch vom Immunsystem unbemerkt, im Körper einnisten.

Vielfältige Symptome
Die dabei auftretenden Symptome sind von unglaublicher Vielfalt. Die Entzündungen befallen nach der Haut vor allem das Nervensystem. Borrelien verursachen sehr schmerzhafte Nervenwurzelentzündungen, sie können Bandscheibenvorfälle imitieren und (Gesichts-)lähmungen, Herzmuskelentzündungen sowie Entzündungen großer Gelenke herrvorrufen.

"Ist man mit der Klinik und Labordiagnostik nicht vertraut, dann können auch Laborergebnisse Verwirrung stiften“, sagt Gerold Stanek, Professor am Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. "Vor allem, wenn der Patient an Allgemeinbeschwerden leidet und in seinem Blut Antikörper nachgewiesen werden.“ So manche Tests, die in Speziallabors angeboten werden, wollen Borreliose dort entdecken, wo mit gewöhnlichen Bluttests nichts (mehr) nachgewiesen werden kann. Diese Testmethoden seien fragwürdig, sagt Stanek, denn sie entsprechen "nicht evidenzbasierter Medizin.“

Traditionelle Präventionsmaßnahme
Die Interpretation dieser Ergebnisse fällt ebenfalls schwer. Dies führe dazu, dass auch "falsch positive Test-ergebnisse“ mit vierwöchigen Antibiotikatherapien behandelt werden, "weil alte und neue Infektionen nicht richtig unterschieden werden“, warnt Jochen Viebahn, ein in Deutschland auf die Borreliosebehandlung spezialisierter Mediziner.

Solange es noch keine Impfung gebe, so Herwig Kollaritsch, sei eine traditionelle Präventionsmaßnahme jedenfalls immer noch die beste: "Nach einem Ausflug in der Natur sollte man sich gegenseitig auf Zecken absuchen“, rät Kollaritsch. "Ganz abgesehen davon, dass das einen gewissen Reiz haben kann, ergibt es auch medizinisch Sinn.“

Killer-Applikation
Das Prinzip des neuen Impfstoffes: Im Organismus gebildete Antikörper erkennen die krankheitserregenden Borrelien bereits in der Zecke. Sie machen diese unschädlich, bevor sie von dieser während der Blutmahlzeit in den Wirtskörper eingeflößt werden können. Die neue Impfung wirkt auf sechs Untergruppen von Borrelien-Oberflächenproteinen ("Outer surface protein A“, kurz OspA 1 bis OspA 6 genannt). Damit zielt die Impfung auf so gut wie alle wichtigen Borrelien-Stämme in Eurasien und den USA.