Zehn Stockwerke hohe Wasserwände

Durch Erdbeben ausgelöste Tsunamis sind wissenschaftlich gut untersucht. Doch offenbar gibt es auch Riesenwellen, die anscheinend ohne Ursache entstehen.

15. April 2005, Karibik: Das 294 Meter lange Kreuzfahrtschiff „Norwegian Dawn“ ist mit 2200 Passagieren in stürmischer See unterwegs nach New York. Frühmorgens kracht es plötzlich. Passagiere flüchten mit Schwimmwesten aus überfluteten Kabinen. Eine mehr als 20 Meter hohe Riesenwelle, die bis ins zehnte Schiffsdeck hinaufreichte, hatte Fenster eingeschlagen und 62 Kabinen überflutet. Ein Whirlpool wurde vom Deck in den Ozean gespült, Kabinenmöbel wurden aus den Wänden gerissen. Es gab zahlreiche Kurzschlüsse, einige Passagiere wurden durch Glassplitter verletzt.

14. Februar 2005, vor Sardinien: Das Kreuzfahrtschiff „Grand Voyager“ wird von einer Riesenwelle außer Gefecht gesetzt.

22. Februar 2001: Der riesige Luxusliner „MS Bremen“ begegnet einer Wasserwand von der Höhe eines zehnstöckigen Gebäudes. Alle Instrumente fallen aus, es gibt keinen Strom mehr. Das Schiff ist manövrierunfähig und gerät in 40-prozentige Schräglage.

Lange wurden Erzählungen von Seeleuten über 20 bis 40 Meter hohe Riesenwellen für Seemannsgarn gehalten. Doch seriöse Berichte sowie Satellitenmessungen zeigten, dass die Riesenwellen auf hoher See – die übrigens nichts mit den Tsunamis der Küstenbereiche zu tun haben – tatsächlich existieren. Nach dem bisher verwendeten, mathematischen „linearen Wellenmodell“ dürfte es solche Riesenwellen eigentlich gar nicht geben. Der Mathematiker Al Osborne entwickelte mittels der Schrödinger-Gleichung ein nicht lineares Modell, bei dem Wellen unter instabilen Bedingungen sozusagen Energie ihrer Nachbarn aufsaugen können. Die Nachbarwellen werden kleiner, die Hauptwelle riesengroß. „Zunächst hielten wir das für absurd“, sagt Osborne. Als 1995 eine Bohrinsel vor Norwegen von einer Riesenwelle getroffen wird, ist jedoch klar, dass die Rechnung stimmt. Diese seltenen instabilen nicht linearen Wellen sind sehr steil, als ob die riesige Wasserwand gleich brechen würde. Erst die genaue Erforschung, wo und unter welchen Bedingungen diese Ozeanungeheuer entstehen, deren Existenz noch vor zehn Jahren angezweifelt wurde, wird helfen, Schiffe vor diesen seltenen, aber äußerst gefährlichen Situationen zu schützen.