Zeitenwende

Die Begeisterung der Welt für Obama ist nicht Ausdruck einer optischen Täuschung.

Als zur Jahrhundertwende George W. Bush gewählt wurde, da meinte so mancher, viel werde sich nicht ändern – was nicht ganz unverständlich war, präsentierte sich der texanische Republikaner doch als „mitfühlender Konservativer“, der sich – so die These – von einem realpolitisch agierenden Demokraten wie Bill Clinton nicht grundlegend unterscheiden werde. Der Blick in Bushs Beraterstab ließ aber schon damals erahnen, was dann grausame Wirklichkeit wurde. Bush an der Macht bedeutete einen fundamentalen Bruch mit der bisherigen amerikanischen Politik. Wieder melden sich die als Oberrealisten posierenden Beobachter des internationalen Geschehens zu Wort: Wahrscheinlich werde der Republikaner John McCain ohnehin das Rennen machen, aber selbst ein Sieg von Barack Obama im kommenden November ließe in Amerika letztlich alles beim Alten. Sie mokieren sich über die „europäische Fangruppe des charismatischen Herstellers rhetorischen Windgebäcks“, wie es der „Presse“-Leitartikler formuliert. Und attestieren dem europäischen Zeitgeist, der für Obama weht, Opfer einer optischen Täuschung zu sein.

„Weg mit dem Cowboy, her mit Change & Hope, und wir können Amerika wieder lieben“: Diese Sicht der Dinge sei naiv, meint etwa Josef Joffe, der allseits anerkannte Amerika-Kenner und Herausgeber der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Auch unter einem Präsidenten Obama blieben die USA das, was sie seit Langem sind: die hegemoniale Supermacht, die als solche den „zutiefst anti­amerikanischen Europäern“ von vornherein suspekt sei. Die europäischen Obama-Schwärmer würden bitter enttäuscht werden. „Das tröstliche Bild, wonach nicht Amerika, sondern George W. Bush das Problem sei“, werde sich als Trugbild herausstellen, prognostiziert Joffe.

Ist das wirklich so? Um es vorwegzunehmen: Ganz im Gegenteil. Nicht die europäischen Freunde des schwar­zen Senators von Illinois dürften die Illusionisten sein, die scheinbaren Realisten werden sich, sollte der ins Weiße Haus einziehen, wieder einmal getäuscht haben. Eine US-Präsidentschaft Obamas wäre ein veritables Kontrastprogramm zu dem, was die Welt die vergangenen acht Jahre erleiden musste. Noch sind Obamas weltpolitische Vorstellungen nicht allzu genau bekannt, einige Eckpfeiler aber schon sichtbar: Nach einer Ära, in der die US-Außenpolitik weitgehend militarisiert wurde, hat Obama die deklarierte Absicht, die Diplomatie wieder in ihr Recht zu setzen. Das heißt nicht, dass die militärische Stärke nie ausgespielt werden würde oder dass unter Obama die amerikanischen Soldaten in den heimischen Kasernen blieben. Aber er wird wieder verstärkt auf die „soft power“ der USA setzen. Der unsinnigen Bush-Doktrin, man dürfe mit Feinden nicht reden, hat Obama eine klare Absage erteilt. Gerade auch mit „Schurken“ müsse verhandelt werden. Dazu sei er bereit.
E Der geradezu viszeralen Abscheu von Bush und Co vor internationalen Institutionen und Verträgen setzt Obama die Rückkehr Amerikas zu einer Politik des Multilateralismus entgegen. Unter Bush erlebte Amerika einen Rückfall in die Barbarei: Guantanamo, Abu Ghraib, die Legalisierung der Folter. All dem würde unter Obama sehr schnell ein Ende bereitet werden.

Das alles scheint auf den ersten Blick nicht viel mehr zu sein als die Wiederherstellung der Normalität der US-Weltpolitik, wie sie vor dem Jahr 2000 betrieben wurde. Gemessen an der Verrücktheit, mit der Bush und seine Leute auf der internationalen Bühne agierten, ist das aber sehr viel. Und umso wichtiger, als sich die Welt in den vergangenen Jahren gewaltig verändert hat. Zwar bleiben die USA in vielen Bereichen die eindeutig führende globale Macht, einen Niedergang Amerikas erleben wir nicht wirklich. Aber die anderen holen auf: China, Indien, Brasilien steigen zu Großmächten auf, werden selbstbewuss­ter. Mit Europa ist mehr denn je zu rechnen. Russland will wieder eine eigenständige Rolle spielen. Und immer mehr Teile der Welt werden in den Prozess der Globalisierung einbezogen. Das sind neue Realitäten, mit denen das Bush-Amerika mit seiner abgeschmackten und arroganten Politik des „Mit uns oder gegen uns“ nicht zurechtkam und ­-kommt. So hat sich die globale Führungsmacht in eine nie da gewesene internationale Isolation manövriert.

Obama scheint sich aber politisch auf diese veränderte globale Situation einstellen zu können. Nicht nur das: In seiner Person verkörpert er – als Sohn eines afrikanischen Vaters und einer amerikanischen Mutter, der in Indonesien und Honolulu aufgewachsen ist und chinesische Verwandte hat – geradezu diese neue bunte und dynamische Welt des 21. Jahrhunderts. Der bewusste Multikulti-Politiker Obama im Weißen Haus: Das durchbräche sinnfällig die bisher herrschende weltpolitische Farbenlehre, wonach Weiß oben steht, Schwarz, Braun und Gelb aber unten zu finden sind. Eine Zeitenwende.

Wenn Obama heute die Herzen der ganzen Welt zufliegen, dann nicht nur deshalb, weil er so ganz anders als ­George W. Bush ist, sondern auch, weil die Leute spüren, dass da ein neues, hoffnungsvolles Kapitel der Geschichte aufgeschlagen werden könnte. Josef Joffe mag Recht haben: Der Antiamerikanismus sitzt tief. Man muss aber dazu sagen, dass die Ära Bush diesem Ressentiment Bestätigungen wie nie zuvor verschafft hat. Mit Obama als Nachfolger wäre freilich diese Hochzeit des Antiamerikanismus zu Ende. Die Welt würde langsam wieder lernen, Amerika zu lieben. Und es gibt genug an den USA, was es wert ist, geliebt und bewundert zu werden.