Zeitgeist: Kein Pardon im Salon

Benimm-Fibeln, Lebensart-Kurse, Konversations-CDs: Gute Manieren, lange Zeit die Domäne von Spießern und schrulligen Aristokraten, erobern den Mittelstand. Wirtschaftskrise und Existenzängste nähren die Sehnsucht nach den guten alten Umgangsformen.

Dezent klimpert der Pianist „My Way“. In einem Séparée des Wiener Nobelrestaurants „Drei Husaren“ sind Egotrips im Geiste Sinatras jedoch nicht gefragt. Mit steinerner Miene konzentriert sich Dominik Truschner, Projektleiter in einer Logistikfirma, auf den korrekten Umgang mit seiner Serviette. Er faltet sie einmal, streicht sie mit seiner rechten Hand glatt und legt sie behutsam in seinen Schoß. Thomas Schäfer-Elmayer dokumentiert durch ein sanftes Nicken Anerkennung. Der Betreiber einer Wiener Tanzschule, die über Generationen zum Synonym für korrekte Etikette wuchs, ist zufrieden mit den Fortschritten seines Eleven im Sittenlehrgang „Bei Tisch“. Das Galadiner als Kursfinale ist jedoch für die Beteiligten von geringem Unterhaltungswert, da es die Funktion eines Fettnäpfchen-Parcours zu erfüllen hat. Da gilt es Hindernisse wie die Selektion des passenden Esswerkzeugs für den aktuellen Gang, die akkurate Handhaltung des Weinglases und, nicht zuletzt, die richtige Temperatur der Konversation zu meistern.

Das Szenario, das wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert anmutet, ist keine schrullige Rarität. Allein in Wien bieten derzeit 35 Tanzschulen, abgesehen vom korrekten Walzerdreh, Kurse zur Erlangung der Rutschfestigkeit auf dem gesellschaftlichen Parkett an. 1500-mal wurde das erst 2002 eingeführte „Gesellschaftszertifikat für Lebenskultur“ im letzten Jahr dort verliehen. Neben der sachkundigen Adjustierung eines Krawattenknopfs, gepflegten Begrüßungsritualen, den verbindlichen Small-Talk-Themen (Wetter ja, Politik nein!) und der Grundkenntnis, dass in geschlossenen Räumen ausschließlich verheiratete Damen mit Handküssen zu beglücken sind, widmen sich diese Seminare vor allem dem Sittenkodex im Berufsleben.

„Gerade in einer Zeit“, so Matthias Urrisk, Leiter des Lebenskultur-Lehrgangs in der Wiener Tanzschule Rueff, „in der durch E-Mail und Handys so viel Kommunikation im anonymen Raum vor sich geht, bekommen direkte Begegnungen eine neue Gewichtung.“

Schliff-Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem rechten Schliff eröffnet nicht nur in der Nischenbranche der Tanzschulen ganz neue Dimensionen. Institutionen wie die Schöller Bank, die Wiener Börse oder die UPC-Telekabel haben Manieren-Lehrgänge für Mitarbeiter bereits in ihre Unternehmenskultur integriert. Für einen Tagessatz von 2000 Euro bringt Benimm-Guru Thomas Schäfer-Elmayer beispielsweise Brokern bei, selbst angesichts jäh fallender Kurse die Contenance zu wahren. „Man zwingt sich wieder verstärkt zur Etikette“, so Schäfer-Elmayer, „das stärkste Motiv ist dabei sicher die Karriere.“

Dass sittliche Versiertheit bei Anstellungsgesprächen verstärkt ins Gewicht fällt, bestätigt auch der Wiener Headhunter und Wirtschaftspsychologe Othmar Hill, der in den letzten Jahren für diverse Firmen tausende von Kandidaten zu evaluieren hatte: „Ich orte schwerste soziale Defizite. Die verbale Intelligenz und die Manieren sind oft ganz und gar verkümmert. Aber jeder sollte wissen: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.“

Offensichtlich hat die Generation „dot.com“, so das Kürzel für die inzwischen reichlich lädierten New-Economy-Aufsteiger, die in den Neunzigern in Schlabber-Shirts und mit den Füßen auf dem Computertisch Millionen scheffelte, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Etikette-Verweigerung unfreiwillig ihren Teil zur Renaissance von Manieren beigetragen.

Knigge-Boom. Der lautstarke Ruf nach dem guten Ton schlägt sich auch in einem Knigge-Boom auf dem herbstlichen Buchmarkt nieder. „Klasse mit Knigge“ (Redline Verlag) von Brigitte Nagiller, jahrelang Event-Managerin bei der Bank Austria, ist ein eher geschwätziges Glossar, in das vorwiegend Platitüden wie „Der Hosenanzug sieht bei der Business-Frau immer lässig und modern aus“ Eingang gefunden haben. Fundierter wirkt da der „Business-Knigge“ (Eichborn) der Berliner „Berufsstrategin“ Petra Begemann, die sich auch mit Feinheiten wie den richtigen Regeln für subtiles Networking auseinander setzt. Bei Eichborn erscheint auch das Hörbuch „Small Talk – Die Kunst des lockeren Gesprächs“, in dem man erfahren kann, dass die Fragen nach Verdienst, Körpergewicht und bereits getätigtem Alkoholkonsum nicht unter die konversationszulässigen Kategorien fallen.

Ein kulturhistorisch hochklassiges und espritgeladenes Werk ist der Band „Manieren“ aus der bibliophilen Reihe „Die Andere Bibliothek“ (ab 1. Oktober erhältlich), in dem sich der in Deutschland lebende äthiopische Prinz Assfa-Wossen Asserate der Sittengeschichte quer durch die Jahrhunderte und über die Kontinente annimmt.

Der deutsche Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796) kommt in seiner konsequenten Rezeption als Urvater aller Umgangsfibeln übrigens fälschlich zum Handkuss. Der einstige Hofjunker und Kammerherr hatte mit seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahre 1788 nicht, wie landläufig angenommen, die Bibel aller Benimm-Breviere verfasst, sondern ein von der Philosophie der Aufklärung durchdrungenes soziologisches Handbuch, das als visionärer Vorläufer der Lebenshilfe-Literatur verstanden werden kann. Dass Knigge vor allem von der regelresistenten 68er-Generation als Inbild für verklemmtes Spießertum diffamiert wurde, hätte den Freidenker und Menschenrechtler, der ob seines Weltbilds von seinen aristokratischen Mäzenen verstoßen worden war, unziemlich gegrämt.

Die Aversion der Apo-Bewegung gegen Manieren und die damit verbundenen Moralvorstellungen hatten ihren Ursprung in der Traumatisierung durch den Nationalsozialismus, der das Konzept kleinbürgerlicher Sittsamkeit mit seinem Überwachungs- und Gewaltregime pervertiert hatte. Nur durch den totalen Bruch mit den überkommenen Normen konnte die notwendige Distanz zu einem Establishment hergestellt werden, dessen Gedankengut noch vom Zucht- und Ordnungswahn der NS-Zeit infiziert war.

Benimm-Satire. Die Thematisierung von Manieren hatte lange höchstens satirische Beweggründe. Loriot, dessen liebstes Angriffsziel die treudeutsche Biederkeit darstellt, parodierte beispielsweise die Benimm-Breviere der Fünfziger mit seiner Absurditäten-Fibel „Der große Ratgeber“, um „die Fragen zu beantworten, die aus falscher Scham nie erörtert wurden“.
Als die Bier- und Holzfürstin Gloria von Thurn & Taxis 2002 den von hoheitlichen Umgangsformen unbeleckten Pöbel in dem Bildband „Unsere Umgangsformen“ aufforderte, von „äußerlichen Extravaganzen“, überquellenden Aschenbechern und der Tischansage „Na, Mahlzeit!“ abzusehen, sorgte sie allenfalls für unfreiwilligen Unterhaltungswert.

Dass die Kinder der Etikette-Verweigerer „jetzt in gestylten Parkettwohnungen mit Antikmöbeln leben und Stil und Manieren ganz ausdrücklich zu ihrem Markenzeichen erheben“, so Florian Illies in seinem Bestseller „Generation Golf“, hat auch mit dem Gezeitensystem von Generationenprotest zu tun. In diesem wohltemperierten Backlash manifestiert sich die Rebellion gegen die ultraliberale Rotzigkeit der Eltern.

Die globale Wirtschaftskrise und die damit verbundenen existenziellen Verunsicherungen beschleunigen die Restauration eines Wertekonservatismus, den das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unlängst unter der Titelzeile „Die neuen Werte: Ordnung, Höflichkeit, Disziplin und Familie“ zusammenfasste.

„Früher haben s’ bei uns in den Tanzstunden noch Stinkbomben geworfen“, so Tanzschulbetreiber Schäfer-Elmayer fast bedauernd. „Heute nehmen die Schüler alles todernst. Nicht einmal das kleinste Späßchen wird mehr gemacht.“

Schulbenimm. In der oft zitierten Shell-Jugendstudie gaben immerhin 70 Prozent der Jugendlichen an, dass „Fleiß, Ehrgeiz und Höflichkeit“ in ihren Lebensentwürfen an vorderer Stelle rangieren. Als der saarländische CDU-Kultusminister Jürgen Schreier aufgrund des ständigen Lehrerlamentos Anfang September den Schülern seines Bundeslands kurzerhand Benimm-Unterricht verordnete, initiierte er bundesweit eine Debatte, die im fraktionsübergreifenden Konsens endete, dass die antiautoritäre Kuschelpädagogik der siebziger Jahre nicht mehr zeitgemäß sei. Jetzt soll bundesweit eine Pädagogen-Arbeitsgruppe „Benimm-Bausteine“ entwickeln, auf welche die Lehrer zurückgreifen können.

Rehabilitierung. Der Ruf nach der Rehabilitierung alter Werte stieß kurioserweise bei den Schülern durchaus auf offene Ohren. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Infratest“ an den deutschen Schulen hätten 77 Prozent der befragten Schüler nichts dagegen, zivilisierte Umgangsformen zu pauken.

Auch in Österreich ist die neue deutsche Anstandswelle schon angekommen. Der freiheitliche Kärntner Landesschulratspräsident Heiner Zechmann erklärte, dass die im Saarland angezettelte „Groß-Koalition gegen die Unhöflichkeit“ auch im hiesigen Unterrichtsprinzip dringend verankert gehöre. Die konservative Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer mochte dem Vorschlag bislang nicht näher treten. Unter dem Eindruck der breiten Empörung über die Kürzung der Unterrichtsstunden und ihrer unglücklichen Party-versus-Kinder-Polemik wollte sie wohl durch eine Benimm-Offensive nicht noch weitere Angriffsflächen bieten. Der Wiener Etikette-Guru Thomas Schäfer-Elmayer beklagt sich, dass mehrere Briefe an das Bildungsministerium, in denen er „Arbeitskreise zwecks Know-how-Transfer für die Lehrer“ angeboten habe, unbeantwortet geblieben seien.
Wie schwer Sittsamkeit und Politik offenbar zu vereinen sind, zeigt ein Blick über die österreichischen Landesgrenzen. Im Parlament des Kosovo prügelten sich vergangenen Mai zwei Abgeordnete spitalsreif; im türkischen Plenarsaal mussten schon Waffen sichergestellt werden; in der jordanischen Volksvertretung wurde gar einem Abgeordneten von einem Oppositionsvertreter ein Ohr abgebissen. Dagegen wirken die Verbalscharmützel im heimischen Nationalrat wie Impressionen aus einem Mädchenpensionat.

Doch auch in der europäischen Hocharistokratie, einstmals Epizentrum für streng geregelte Umgangsformen, sind die Sitten inzwischen leidlich verkommen. Ernst August von Hannover etwa, berüchtigt für seine eher hemdsärmeligen Manieren, rechtfertigt sich schulterzuckend: „Ein bisschen Dampfablassen kann ja nun wirklich nicht schaden.“
Ein recht bürgernaher Gedanke insofern, als seine entfernte Tante Elizabeth, im Brotberuf Königin von England, ihre Etikette-Hörigkeit angeblich so weit treibt, „dass sie sich bei einem schlecht geschossenen Fasan“, so ein Palast-Insider, „dem sie den Hals umzudrehen gedenkt, noch nach dessen wertem Befinden erkundigt“.

„Die Gefahr bei Leuten, die allzu gute Manieren haben“, gibt der amerikanische Satiriker und Publizist P. J. O’Rourke in seinem Brevier „Modern Manners – An Etiquette Book For Rude People“ zu bedenken, „ist, dass sie sie oft als Ablenkungsmanöver für einen schlechten Charakter missbrauchen.“