Zeitgeschichte: 1073 Liter Wein - Das Geheimnis der sechs Wiener Flaktürme

Die sechs Wiener Flaktürme erinnern als gigantische Monumente bis heute an den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Eine Gruppe von Künstlern hat im Leitturm Arenbergpark zahlreiche Fundstücke geborgen, die das Leben – und Sterben – in den NS-Verteidigungsbauten dokumentieren.

Beklemmend. Unheimlich. Möglichst schnell wieder raus!“, ist der erste Gedanke, und doch hantelt man sich weiter, die Treppen hinauf, entlang der weiß auf Beton gestanzten Befehle „Mutter und Kind“ und „Rasch gehen“. Tropfendes Wasser hört sich hier an wie Lärm. Es rinnt aus mehr als dreißig Meter Höhe, von der obersten Plattform des Flak-Leitturms im Wiener Arenbergpark: Von dort aus wurden im Zweiten Weltkrieg anfliegende Bombergeschwader geortet, heute stehen hier Sendeanlagen von Handybetreibern, dezent in der ursprünglichen braunen Tarnfarbe gestrichen.

Man wird im Inneren der Flaktürme das beklemmende Gefühl nicht los, als sei noch die Angst der 16-Jährigen zu riechen, die seinerzeit als so genannte „Luftwaffenhelfer“ eingesetzt wurden – oder der Frauen und Kinder, die, dicht aneinandergedrängt, in den undurchdringlichen Betonwänden Schutz vor den Bomben suchten. „Immer wieder starben dort kleine Kinder wie die Fliegen“, erinnert sich eine Frau, die als Sechsjährige im Flakturm Arenbergpark Unterschlupf fand: „Die Zeit vergeht, aber die wunde Seele bleibt.“ Dem Luftwaffenhelfer Wolfgang Matlas wurde der Durchhaltebefehl des Kommandanten auf dem Flak-Gefechtsturm gegenüber beinahe zum Verhängnis. Sowjetische Soldaten erschossen bei der Erstürmung des Turms am 7. April 1945 jeden Soldaten. „Die Toten hingen an den Geschützen, uns Junge prügelten sie die Stiegen hinunter“, erzählt Matlas.

Unter dem Staub von sechzig Jahren, angesengt, von Ratten angefressen, von Militaria-Jägern übersehen, hat sich im Flak-Leitturm im Arenbergpark eine kleine Hinterlassenschaft des Lebens aus den letzten Kriegsmonaten und -tagen erhalten. Es sind erwartbare Fundstücke, wie rasch vor Kampfende noch abgerissene Uniformteile, aber auch viele bizarre Relikte – französische Puderdosen oder aufmunternde Briefe von den Tennispartnern in Berlin an die Kameraden in Wien: „Es gibt noch Unentwegte, die hier in Lankwitz eisern die Stellung halten.“ Die Nachricht an den Untergefreiten Harald H. von Fanny, geschrieben in den letzten Kriegstagen, am 3. April 1945, endet mit den Worten: „Viel Soldatenglück“.

Nicht zuletzt aber auch handelt es sich um Dokumente der Verlogenheit des NS-Regimes: Während die Menschen draußen ausgebombt wurden und darbten, orderte man für die Flakmannschaften in Wien reichlich Wein: 1073 Liter allein im Februar/März 1944. So die Rechnungen, die der Oberzahlmeister abstempelte.

In den Mannschaftsbaracken rund um den Turm hungerten indes die Kinder in Uniform: „Italienische Kriegsgefangene bettelten uns um Erdäpfelschalen an … später war ich auch froh, Erdäpfelschalen zu bekommen“, beschrieb Ernst Kreuziger, als Schüler eingezogener Luftwaffenhelfer, die Versorgungslage. Für die Mannschaftsküche wurden Spenden gesammelt. Auf einer der penibel geführten Listen trug sich auch Helmut Qualtinger, damals 16-jähriger Luftwaffenhelfer, ein: Er gab am 11. Mai 1944 eine Reichsmark.

Kriegsgefangenenlager. Mit Staubmasken vor dem Gesicht und Beleuchtung aus der angezapften E-Leitung der Sendeanlage hat nun eine Gruppe junger Künstler und Forscher im düsteren Flakturm eingesammelt, was bisher niemanden weiter zu interessieren schien. Unter Bergen von zerfetztem Papier fand sich ein ganzer Aktenordner an internen Abrechnungen und Disziplinarmaßnahmen („Dem Obergefreiten Hans M. fehlt eine Unterhose … Der Verlierer hat fahrlässig gehandelt“), der in der Hast vor den in den Turm stürmenden russischen Soldaten wohl nicht mehr wie befohlen vernichtet werden konnte.

Die Architektin Ute Bauer hat die bisher präziseste Nachforschung publiziert („Die Wiener Flaktürme“, Phoibos Verlag, 2003). Im Turm fand sie Unterlagen, die sie in den Archiven in Österreich und Deutschland vergeblich gesucht hatte: „Überall ist von Kriegsgefangenen beim Flakturmbau die Rede, Zahlen haben wir jetzt neben alten Strohsäcken entdeckt“, schreibt Bauer. Das Luftgaukommando III/IV Wien erstellte im Juni 1943 einen „Abrechnungsnachweis für Kriegsgefangenenlager“ über beträchtliche 118.648,69 Reichsmark, was heute einer halben Million Euro entspräche.

Sechzehn der Betongiganten ließ das Nazi-Regime insgesamt errichten. Berlin, Hamburg und Wien bekamen Flaktürme, in der Propaganda des zuständigen Reichsministers Fritz Todt sollten sie Deutschland „total unangreifbar“ machen. Die sechs Türme in Berlin sprengten die Alliierten nach Kriegsende 1946 und 1947, in Hamburg blieben zwei übrig, einer davon wurde an private Investoren verkauft, die ihn in ein Medienzentrum mit Diskothek umwandelten.

In Wien stehen noch alle sechs Türme: bedrohlich, faszinierend, rätselhaft – sie sind Stoff für alle möglichen Fantasien, denn kein einziger der Flaktürme wird bis heute als das ausgewiesen, was sie allesamt sind: Monumente des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges.

Der militärische Effekt der Flak-Abwehr Wiens war gering – zwischen August 1943 und März 1945 wurden 135 angreifende Flugzeuge abgeschossen, das war etwa ein Prozent der Bomber-Geschwader.

Der für die Türme verwendete Beton erreichte seine Endfestigkeit rund dreißig Jahre nach dem Bau, also Mitte der siebziger Jahre. Im Gefechtsturm im Augarten ließen die Sowjets eine Probesprengung durchführen, Metall-Armierungen wurden für den Wiederaufbau abtransportiert, der Innenraum zwischen den fünfzig Meter hohen Betonwänden ist halb eingestürzt, Eisentrümmer hängen rostig durch, über-all klebt Taubenkot. Sie habe sich wie in einem Science-Fiction-Thriller gefühlt, so Landeskonservatorin Barbara Neubauer über ihre kürzliche Nachschau im Turm.

„Objekt 6“. Der Funkleitturm im Arenbergpark ist als Einziger bis heute im Wesentlichen unangetastet geblieben. Der Gefechtsturm gegenüber wird vom Museum für Angewandte Kunst Wien unter dem Namen CAT (Contemporary Art Tower) bespielt. Pläne sehen einen Ausbau um zwanzig Millionen Euro vor. Der Flakturm auf dem Areal in der Stiftskaserne, offiziell „Objekt 6“, ist militärische Sperrzone, seine Verwendung als Katastropheneinsatzzentrale für die Bundesregierung unterliegt der Geheimhaltung. Sein Pendant im Esterházypark wurde zum „Haus des Meeres“ umfunktioniert. Für den höchsten der Wiener Flaktürme im barocken Augarten hat die frühere Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer den negativen Bescheid des Denkmalamtes gekippt – im halb eingestürzten Turm sind der Einbau einer Datenanlage und ein vierstöckiger Aufbau mit Panoramablick samt externem Lift geplant.

„Schießdome“. Unter dem Staub im Leitturm Arenbergpark fand sich auch Briefpapier des Architekten Friedrich Tamms, „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ und Entwerfer der Türme in Berlin, Hamburg und Wien. 1972 verlieh ihm die Technische Hochschule Wien den Ehrendoktortitel. Die Bauarbeiter der von Tamms als „Schießdome“ bezeichneten Flaktürme lebten in umzäunten Baracken.

Die sechs Wiener Türme wurden erst nach jenen in Berlin und Hamburg gebaut, da Österreich erst ab 1943 von der US-Bomberflotte erreichbar war – nachdem in Italien Stützpunkte zur Verfügung standen. Der Bau dauerte von Dezember 1942 bis Jänner 1945. Der tägliche Materialbedarf für die Baustelle im Arenbergpark betrug 250 Tonnen Zement und 200 Kubikmeter Kies. Die Anlieferung besorgte eine eigens angelegte Feldbahn, für die Linie wurden mehrere Wohnhäuser kurzerhand abgerissen. Die Baustellen waren großräumig abgeriegelt und blieben der örtlichen Bevölkerung versperrt.

Seit Ende der Vorwoche ist auch der Leitturm Arenbergpark wieder geschlossen. Während die Künstlergruppe für den Auszug aufräumte, wurde vom Magistrat 34 schon Rattengift ausgelegt.

Unter den aus dem Dreck und Schutt geborgenen Fundstücken ist auch eine wüste Hetzschrift gegen Juden, die ein Unbekannter in den Turm mitgebracht hatte. Als der Flakturm Ende 1943 fertig gestellt und vom Personal bezogen wurde, lebten in Wien nur noch wenige Juden. Die Züge, mit denen 48.000 von ihnen in die Vernichtungslager in den Osten gebracht wurden, gingen vom Aspang-Bahnhof weg.

Der letzte große Deportationstransport fand im Oktober 1942 statt. Bald darauf rollten in den Bahnhof Züge mit Baumaterial für die Flaktürme.

Von Marianne Enigl