Zeitgeschichte: Cola rot-weiß-rot

Mit der Ausstellung „Die Sinalco-Epoche“ erinnert das Wien Museum an die Ess- und Trinkgewohnheiten der Nachkriegsjahrzehnte. Dabei wird vor allem eines deutlich: Auch auf kulinarischem Feld rang die junge Republik um Souveränität und nationales Selbstbewusstsein.

Es war das erste Weihnachtsfest der Zweiten Republik. Zum Feiern war niemandem zumute. Im Radio sprach Bundeskanzler Leopold Figl, und sein Trost war schwach: „Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“

Ob beabsichtigt oder nicht: Schon damals, wenige Monate nach dem Ende des Weltkriegs, in der Geburtsstunde des neuen, befreiten Österreich, setzte Figl eine Marke, die in den kommenden Jahrzehnten dauerhaft spürbar bleiben sollte, aller Not und Entbehrung zum Trotz: Über allem habe „dieses Österreich“ zu stehen – oder zumindest der Glaube daran. Und es sollte sich als prophetisch erweisen, dass Figl diesen Glauben mit dem ganz alltäglichen Bedarf – Kohle, Kerzen und, vor allem, Brot – in Zusammenhang brachte. Denn der schwierige Kampf um ein neues Nationalbewusstsein, die Hinwendung zu einem positiven Bild von „diesem Österreich“ wurde, von den späten vierziger Jahren an, nicht zuletzt auch auf kulinarischem Gebiet ausgetragen.

Wie dieser Kampf vonstatten ging, macht nun eine Ausstellung im Wien Museum deutlich: „Die Sinalco-Epoche. Essen, Trinken, Konsumieren nach 1945“. Zeitgenössische Alltagsgegenstände, Küchengeräte, Werbetafeln und Zeitungsartikel zeigen, wie aus dem Elend der „Trümmerzeit“ langsam ein neuer Nationalstolz wachsen und sich ganz ausdrücklich in den Ess- und Trinkgewohnheiten der Österreicher manifestieren konnte. Die viel beschworene „Insel der Seligen“ – auf den Speiseplänen der fünfziger und sechziger Jahre war sie omnipräsent.

Anno 1945 standen derlei ideologische Erwägungen den meisten Österreichern freilich fern. Zunächst galt es, ganz ohne weltanschauliches Geplänkel den unmittelbaren Bedarf zu stillen. Was mehr schlecht als recht gelang. Die Lebensmittelzuteilungen der Alliierten konnten kaum ein Drittel des tatsächlichen Bedarfs decken. Der Rest musste selbst herbeigeschafft werden, durch Plünderungen, in der Schattenwirtschaft, durch Tausch und in verzweifelten Beschaffungsaktionen. Lebensmittel wurden – durchwegs von Frauen und Kindern, die mit „Hamsterrucksäcken“ oder Handwägen aufs Land marschierten – bei Bauern gegen die letzten Habseligkeiten getauscht oder sonstwie „organisiert“.

Die Zahlungen der Marshallplanhilfe waren noch nicht in Sicht, die ersten Care-Pakete sollten erst Monate später eintreffen. Bescheidenheit und Verzicht gerieten zu Tugenden der Stunde, und es wurde zur obersten Maxime jeder Hausfrau, eisern zu sparen und noch aus den notdürftigsten Zutaten ein Mahl für ihre Familie zu „zaubern“. Der spätere Fernsehkoch Franz Ruhm verfasste damals die Broschüre „166 Kochrezepte für 1946“, die unter anderem mit Gerichten wie „Allerlei vom Trockenei“ bestach.

Doch schon in dieser Zeit des Mangels und der Not zeichnete sich der weitere, ideologisch gefärbte Verlauf ab. Denn die amerikanischen Besatzer verstanden es ungleich geschickter als ihre östlichen Alliierten, durch kulinarische Aufmerksamkeiten die Bevölkerung für sich – und damit für ihren „way of life“ – zu gewinnen.

Coca-Cola, Kaugummis und Lucky Strikes waren so begehrt, dass sie auf den Schwarzmärkten als Zahlungsmittel galten. Die Sowjetarmee hingegen handelte zuallererst pragmatisch – und stieß damit nicht unbedingt auf ungeteilte Sympathie: Die berüchtigte „Maispende“ etwa, in den ersten Tagen nach Kriegsende ausgegeben, mochte gut gemeint gewesen sein – als die hungernde Bevölkerung die Käfer bemerkte, welche die gelieferten Erbsen befallen hatten, hielt sich die Begeisterung jedoch in Grenzen. Nach Anlaufen der Lebensmittelbewirtschaftung klagten nicht wenige Wiener bitter über ihr „Pech, in der Russenzone zu leben“.

Zwischen Ost und West. Der Kalte Krieg begann sich abzuzeichnen. Er schmeckte auf der einen Seite nach Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Ersatzkaffee. Auf der anderen standen echter Bohnenkaffee und, mit etwas Glück, sogar Schokolade. Dass die Auswirkungen dieses Ungleichgewichts auf die Entwicklung der Zweiten Republik nicht zu unterschätzen sind, unterstreicht auch der Wiener Historiker Franz X. Eder, der sich ausführlich mit den Konsumgewohnheiten der Nachkriegszeit auseinander gesetzt hat: „Man darf nicht vergessen, dass Österreich in der Nachkriegszeit zwischen zwei Welten lag, zwischen Ost und West. Die Auseinandersetzung um die Amerikanisierung oder Sowjetisierung Österreichs wurde zwar auch auf politischer Ebene ausgetragen, der eigentliche ideologische Kampf um die Herzen und Hirne der Menschen hatte jedoch viel mehr mit dem konkreten Alltag und da eben auch mit der Ernährung der Menschen zu tun – mit der Coca-Colonisierung.“

Die Vorteile des kapitalistischen Systems waren in dieser Zeit für jeden greif- und schmeckbar. Die Freiheit war dunkelbraun und perlte auf der Zunge. Spätestens mit dem Anlaufen der Marshallplanhilfe festigte sich die Hinwendung Österreichs zum Westen. Und doch: Der weit verbreitete Glaube „an dieses Österreich“ verhinderte den schrankenlosen Durchmarsch des amerikanischen Lebensstils. So, wie auf politischer Ebene ein Re-Austrifizierungsprozess eingeleitet wurde, so stemmte sich auch auf den Speiseplänen das genuin Österreichische der Verwestlichung entgegen. Spätestens mit dem beginnenden Aufschwung in den frühen fünfziger Jahren, als Nahrungsmittel nicht mehr nur der reinen Bedarfsstillung dienten, sondern Ausdruck eines neuen Lebens- und Zeitgefühls wurden, begann das Wettrüsten im Lebensmittelregal.

Im Frühjahr 1950 etwa, in Wien waren soeben das Gänsehäufel wiedereröffnet und am Graben die erste Neonreklame angebracht worden, präsentierten die „PEZ-Girls“ die gleichnamigen Bonbonboxen (vollmundig als „Präzisions-Automaten“ beworben) – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um ein „österreichisches Spitzenerzeugnis“ handle. Traditionsunternehmen wie Meinl bewarben ihre Markenprodukte gern mit dem Hinweis „Wieder da – in Friedensqualität!“ und vollzogen damit schleichend den Anschluss an die Zeit vor dem Anschluss. Oder, wie es Heimito von Doderer formulierte: „Die Wiederherstellung von 1945 hat den Anschluss an die Tiefe der Zeiten vollzogen.“

Als der Dichter dies zu Papier brachte, war das Wirtschaftswunder längst im Schwung: Die Produktivität stieg von Jahr zu Jahr, die Wochenarbeitszeit sank kontinuierlich, die Haushaltsbudgets wuchsen (siehe Tabelle), das lange Ersehnte – Fleisch, Obst, Kaffee – konnte endlich regelmäßig und in guter Qualität erstanden werden. Gleichzeitig frönte man mit Lust der unbändigen Quantität. Im November 1957 titelte die „Große Österreich-Illustrierte“: „Es geht uns gut!“ Der Grund für den

Befund: „Die Tische biegen sich, und die Geschäftsleute haben alle Hände voll zu tun.“ Zu Weihnachten 1959 erschien gar eine Karikatur, die einen wählerischen Kunden beim Weihnachtsbaumverkäufer zeigt: „Hätten Sie nicht etwas Besseres, vielleicht in Eiche oder Mahagoni?“ Gleichzeitig kamen auch immer exotischere Produkte auf den Markt, verströmten das Flair des Internationalen. Die Illustrierten trugen das ihre dazu bei und schwärmten wort- und bildreich von den fernen Ländern. Auf den Werbetafeln sprossen die Palmen, und bald kam auch die echte Südfrucht nach Österreich: die „Ananas aus Caracas“, praktisch verpackt in der schmucken Konservendose.

Travnicek auf Reisen. Mit dem wachsenden Lebensstandard wurden in den späten fünfziger Jahren auch die ersten Ferienreisen ins Ausland erschwinglich. Die Zeitgenossen von Qualtingers Travnicek wurden mobil, urlaubten an der Adria und brachten neue Genüsse mit nach Hause: Spaghetti, Cevapcici und Zigeunerspieß erlebten ihr Debüt diesseits der Alpen.

Zugleich erwies sich der Lokalpatriotismus als erstaunlich modernisierungsresistent. Denn auch wenn das Neue und Exotische begierig aufgesaugt wurde, so blieb es doch weiterhin die (gern erfüllte) Pflicht des guten Bürgers, „österreichisch“ zu konsumieren. Hin- und hergerissen zwischen den Versprechungen des umfassenden Konsums, der Freiheit in Warenform und dem Bedürfnis nach einer eigenen Identität, einem Nationalgefühl und umfassender Souveränität, fühlte man sich wie Travnicek, dem im Adriaurlaub die bezeichnenden Worte entfuhren: „Her’n S’ ma auf mit dem Süden. In der Bahn is’ ja noch gangen. Da hab ich kalte Schnitzeln mitg’habt von z’ Haus. Und an Erdäpfelsalat im Glasl. Aber da herunt … Diese Chevu, Cheva … wollen s’, dass ich essen soll … Na dö Hundstrümmerln.“ Die simple Lösung: Man blieb auch im Urlaub unter sich, traf die Nachbarn von daheim in Caorle wieder oder nahm, mit Beginn der Campingwelle, Heim und Herd quasi mit auf Reisen.

Aber auch zu Hause, im Lebensmittelgeschäft, wurde gern der typisch österreichische Mittelweg gewählt. Als am 27. Mai 1950 in Linz der erste österreichische „Selbstbedienungsladen“ eröffnet wurde, war dies, zum einen, ein Vorbote der neuen, „amerikanischen“ Art des Einkaufens, der ungehinderten Konsum- und Wahlfreiheit. Dass es sich bei besagtem Laden um einen (nach genossenschaftlichem Prinzip geführten) „Konsum“ handelte, verdeutlicht, wie weit man bereit war, den amerikanischen Weg des umgehemmten Marktliberalismus mitzugehen.

Auch im Marktregal bemühte man sich um nationale Eigenständigkeit. Bestes Beispiel: „Taxi-Cola“, im Herbst 1958 von einem Konsortium österreichischer Limonadenhersteller kreiert, um der übermächtigen Coca-Cola-Konkurrenz mit einem lokalen Produkt zu trotzen. Vergeblich: „Taxi-Cola“ verschwand ebenso schnell vom Markt wie seine Geistesverwandten „Austro-Cola“, „Sinalco-Cola“, „Chabeso-Cola“, „Bio-Cola“ oder „Fru-Cola“. Einzig „Almdudler“, mit reschem Trachtenpärchen seit den fünfziger Jahren voll auf der Heimatschiene werbend, hat sich bis heute gegen die internationale Limonaden-Übermacht behaupten können.

Während beim Traum- und Feindbild USA die Zeit immer schneller zu laufen schien, Mobilität, Geschwindigkeit und Fortschritt unaufhaltsam vorwärts drängten, bemühte man sich in der noch jungen Alpenrepublik in erster Linie um beschauliche Harmonie und gemütlichen Konsens. Das Idyll der harmonischen Familie wurde beschworen (wobei die wenige Jahre zuvor kriegsbedingt noch höchst selbstständigen Frauen wieder ins strenge Korsett der liebenden Gattin, Mutter und Köchin gezwängt wurden), politisch arrangierte man sich in Sozialpartnerschaft und Proporzsystem, und auch in der Welt des Konsums wurde der österreichische Weg beschritten: Der freizeitlichen Beschleunigung, die ihren mechanischen Ausdruck in Automatenbuffets und den neuen Espressomaschinen der Mailänder Firma Gaggia fand, wurde die mythologisch-landestypische Gemütlichkeit entgegengesetzt.

Zwar sank die Zahl der traditionellen Kaffeehäuser zwischen 1955 und 1965 um ein Drittel, doch wurden Tradition und Moderne am Ende gütlich vereint: Die alten Karlsbader Kaffeemaschinen wurden ersetzt, die Plüschsessel und Zeitungshalter aber blieben erhalten, und der Dichter und Hawelka-Verehrer H. C. Artmann konnte 1958 im „Neuen Kurier“ mit Genugtuung feststellen: „… bis auf die Espressomaschine ist alles beim Alten geblieben. Die tapezierten Wände, die roten Plüschbänke, (…) ja sogar ein bedeutender Teil der Gäste passten eher in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als in unsere gehetzte, mond- und raketennarrische.“ Fazit: „Es wäre nicht Wien, wenn nicht aus dem, was noch kein Kaffeehaus ist, eines würde!“

Es wäre nicht Österreich, wenn nicht auch das neue Medium, das seit dem 1. August 1955 sendende Fernsehen, seinen Beitrag zur kulinarischen Beschaulichkeit geleistet hätte. Schon kurz nach Sendebeginn, am 6. Februar 1956, nahm die legendäre „Fernsehküche“ ihren Betrieb auf. Nach der fünfjährigen Ära des ersten Fernsehkochs, Franz Ruhm, trat ebendort das prägende Dreigestirn der heimischen Tele-Küche, Helmuth Misak, Hans Hofer und Ernst Faseth (siehe Interview Seite 99), seinen Dienst an. Dass jeder der drei Küchenchefs mit seinem individuellen Stil eine andere Seherschicht ansprach (Misak die eher bodenständige, Faseth die gutbürgerliche und Hofer den Mittelstand), war durchaus Ausdruck einer Art kulinarischer Sozialpartnerschaft: Man teilte den Herd, sorgte für Ausgleich – und befriedigte das Harmoniestreben der Zuseher. Und sei es mit Schnitzel Hawaii.

Differenzierung. Dass, Jahre später, ganz ähnliche Kombinationen unter dem Deckmantel der Fusion-Küche auch die gehobene Gastronomie erobern sollten, konnte damals niemand ahnen. Eines aber zeichnete sich bereits ab: Spätestens nach den Unruhen der ausgehenden sechziger Jahre begann Österreich allmählich zu sich selbst zu finden – allen Ungereimtheiten und unaufgearbeiteten Problemen zum Trotz. Auch dem „Fremden“ konnte man damit, innerhalb gewisser Grenzen, gelassener begegnen. Für den Speiseplan der Zweiten Republik bedeutete dies eine langsame Abwendung vom Ideologischen.

Zur Eröffnung der ersten Wiener McDonald’s-Filiale 1977 etwa regten sich zwar durchaus noch kritische Stimmen. Mit weltanschaulich-politischen Bedenken hatten diese jedoch kaum zu tun – vielmehr war es der aufkommende Gesundheitskult, der dem Burger-Lieferanten zu schaffen machte. Die große Mehrheit aber scherte sich wenig um gastronomische Details: Mal wurden Big Macs gejausnet, mal Leberkässemmeln, mal eben Debreziner. Später komplettierten Falafel und Döner das Bild einer friedlichen Koexistenz des Ungesunden. Dem ernährungsbewussteren Österreicher wiederum war in der Zwischenzeit längst klar geworden, dass, erstens, die italienische Küche nicht bloß aus Pizza und Pasta bestand, und dass, zweitens, Italien nicht immer gleich Italien ist. Denn was dem Trentiner schmeckt, muss in Sizilien noch längst nicht gut ankommen. Langsam, aber sicher vollzog sich ab den siebziger Jahren ein steter Differenzierungsprozess: Man lernte die feinen Unterschiede zu schätzen. Zumindest auf kulinarischem Gebiet.

Von Sebastian Hofer