Zentralbanken: Der letzte Tango
Über das süße Leben der Zentralbanker.

Die Affäre um den deutschen Bundesbankpräsidenten Welteke, der sich Übernachtungen in einem Luxushotel von Banken bezahlen ließ, endete mit dem Rücktritt des Delinquenten. Jetzt gerät auch Italiens Notenbank-Chef ins Schussfeld. Über das süße Leben der Zentralbanker.

Ernst Welteke, bis Freitag Chef der Deutschen Bundesbank, ist zwei Wochen nach Auffliegen seiner „Hotel-Affäre“ zurückgetreten. Auf Einladung der Dresdner Bank hatte er zwei Tage und drei Nächte im Berliner Luxushotel Adlon verbracht – mitsamt Frau, kleinem Sohn, großem Sohn und dessen Freundin. Familie Welteke lebte während dieser Tage gewissermaßen in Saus und Braus, sodass der Kurzaufenthalt die Dresdner Bank letztlich mehr als 7000 Euro kostete.

War Weltekes erste Reaktion auf das Auffliegen der Affäre noch Fassungslosigkeit ob der Tatsache gewesen, dass daran jemand etwas Unrechtes finden könne, so sah er nach zwei Wochen ein, dass ihm als Konsequenz nur noch der Rücktritt übrig blieb. Anfänglich hatte er noch wütend darauf verwiesen, dass es sich um den Silvesterabend der Euro-Einführung und eine entsprechende Feier in der deutschen Hauptstadt gehandelt habe. Er sei damals dienstlich in Berlin gewesen, betonte er wieder und wieder, habe sich mit anderen Vertretern der Finanzwelt getroffen und Pressekonferenzen gegeben. Da müssten ein paar freie Hotelnächte en famille wohl drin sein. Beim ersten Interview zur Affäre hatte Welteke auf die entsprechende Reporterfrage gereizt zurückgefragt: „Ja soll ich das etwa selber zahlen?“

In Deutschland war seit dem Auffliegen der Affäre viel passiert.

Weltekes Satz „Ja soll ich das etwa selber zahlen?“ war binnen kurzem zum geflügelten Wort geraten. Die Regierung Gerhard Schröders hatte von Anbeginn Weltekes Rücktritt gefordert, der Vorstand der Bundesbank hatte sich aber darauf beschränkt, den Präsidenten bis auf weiteres bloß zu karenzieren. Der Staatsanwalt wurde eingeschaltet. Und die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit war immer mehr angeschwollen.

Nach den ersten Veröffentlichungen wirkten die plötzlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geratenen Zentralbanker Europas so irritiert, als fühlte sich quasi die gesamte Kaste ertappt. Sie bunkerten sich ein, versuchten, sich erst mal intern neu zu orientieren: Was sollen wir künftig tun? Was gesteht uns die Öffentlichkeit zu? Was nicht?
Das Publikum war empört und fasziniert zugleich.

Kulturunterschiede. Dass Probleme wie jene, mit denen sich Welteke konfrontiert sah, auch anderswo auftauchen, liegt auf der Hand. Doch wie Länder mit einer solchen Angelegenheit umgehen, ist ganz unterschiedlich.

Der frühere sozialdemokratische Politiker und Autodidakt Welteke wird von Leuten, die ihn kannten, als Prototyp des gesellschaftlichen Aufsteigers beschrieben. Als ein ziemlich untypischer Zentralbanker. Als ein Zeitgenosse, dem stets bewusst war, dass er es „sich und der Welt bewiesen“ habe (so einer, der ihn kennt). An gelassenem Selbstbewusstsein und Augenmaß habe es ihm ein wenig gefehlt.

Antonio Fazio, Präsident der Banca d’Italia, ist da ein ganz anderer Typ. Wie der Papst wurde er auf Lebenszeit ernannt, gilt als erzkatholisch, schlau und zelebriert seine Macht wie ein Renaissancefürst. Die Zusammenschlüsse und Strukturveränderungen, die im italienischen Bankwesen stattfinden, bestimmt er maßgeblich mit – er muss sie genehmigen. Von allen europäischen Zentralbankchefs ist er am besten bezahlt – der „Economist“ schätzte seinen Bezug im Vorjahr auf gut 700.000 Dollar (US-Fed-Präsident Alan Greenspan verdiente 2003 gemäß „Economist“ als Zentralbanker bloß rund 180.000 Dollar, EZB-Chef Trichet rund 420.000 Dollar).

Die Führungskräfte der Banca d’Italia verfügen zwar – anders als jene der Bank of England – über keine hauseigene Yacht, auf die hochmögende Freunde des Hauses eingeladen werden. Sehr wohl aber pflegt der mächtige Fazio mit bankeigenem Jet durch die Welt zu reisen.

Wegen des Verdachts auf Vernachlässigung seiner Bankenaufsichtspflichten ermittelt derzeit die Justiz gegen ihn (Verdacht auf „Begünstigung von schwerem Betrug“). Dennoch stellte in Italien bisher niemand ernsthaft infrage, dass er seine Funktion auch während der Ermittlungsphase weiter aktiv wahrnehmen kann.

Zwei Tage nach der Aufdeckung der Affäre Welteke berichteten italienische Medien kurz, dass Fazio und seine Frau auf Einladung von Cesare Geronzi, dem Chef der Bankengruppe Capitalia, eine Pilgerreise im von Geronzi gemieteten Luxusjet nach Lourdes und ins spanische Santiago de Compostela unternommen hätten. Mehr noch als die Dresdner von der Bundesbank ist die Gruppe Capitalia in wichtigen Fragen vom Wohlwollen der italienischen Zentralbank abhängig.

„Ethik“. Der unterschiedliche Umgang mit vergleichbaren Affären ist tatsächlich frappant. Die Deutsche Bundesbank verfiel nach Auffliegen der Affäre auf die schrullige Idee, einen so genannten „Ethik-Berater“, der sich „im Moralischen auskennt“ („Frankfurter Rundschau“), anzustellen, damit so etwas nicht mehr passiert. In deutschen Blättern erscheinen anlassbezogen tiefsinnige Essays über den „Verlust von Normen“, in denen darüber geklagt wird, dass „die Demokratie eine leichtsinnige Wesensseite besitzt“ („Die Welt“).

Die Italiener stattdessen gehen eher amüsiert über ihre Affäre Fazio hinweg. Damit reagieren sie ähnlich, wie es die Franzosen auf gerichtliche Erhebungen gegen Jean-Claude Trichet, den früheren Präsidenten der Banque de France und jetzigen Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), taten. Gegen Trichet hatte der Verdacht bestanden, Betrügereien bei der Großbank Crédit Lyonnais gedeckt zu haben. Er wurde im Vorjahr freigesprochen. Trichet, als feinsinnig-elitär bekannt, schätzen seine Landsleute nicht nur in seiner fachlichen Rolle. Sie mögen und bewundern auch seine Neigung zu Grandeur und französischem Pomp – ein Wesenszug, der mit platter Großspurigkeit ganz und gar nichts zu tun hat. Auch bei Trichet wurde während der Zeit seiner Verwicklung in das Gerichtsverfahren keine ernst zu nehmende Stimme laut, die forderte, dass er sein Amt zurücklegen möge.

Dass die Streiche der reichen Zentralbanker gerade jetzt – jedenfalls in Deutschland – auf so heftigen öffentlichen Unmut stoßen, ist kein Zufall. Dass Zentralbanken wie eine Art Nebenregierung agieren, ist zwar ein bekanntes Phänomen. Weil sie in dieser Rolle aber nun vehement von der Politik besonders unpopuläre Aktionen einfordern – ein noch stärkeres Zurückstutzen des Sozialstaats, noch rigorosere Deregulierung auf den Arbeitsmärkten –, nimmt ihnen die Öffentlichkeit ihre eigenen Luxuseskapaden gerade jetzt ganz besonders übel.

Diesen heiklen Zusammenhang kennen auch die von den Zentralbankern mit Mahnungen gequälten Politiker. Wobei diese in ihrer Budgetnot noch dazu als Bittsteller bei den Zentralbankern auf der Matte stehen: Sie wollen niedrigere Zinsen und etwas Geld – zum Beispiel durch den Verkauf von Währungsgold. Die Zentralbanker aber erwiesen sich bisher als taub.

Vor dem Hintergrund dieser gespannten Atmosphäre zwischen den nationalen Regierungen und den jeweiligen Zentralbanken erscheint es nicht ganz unplausibel, wenn deutsche Blätter schreiben, Weltekes Hotelrechnung sei „politisch an die Öffentlichkeit gespielt“ worden.

In Österreich spielt sich übrigens das süße Leben der Zentralbanker recht unspektakulär ab. OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher gilt unter den EU-Zentralbankern als weniger „farbig“ als Trichet oder Fazio. Er liebt Gesellschaftsevents, aber Aktionen à la Welteke würden seinem Naturell einfach „in keinster Weise entsprechen“, heißt es in Wien. Ganz kostenbewusster Manager, reist er etwa zu EU-Meetings mittels Linienflug an – auch dann, wenn andere gecharterte Businessjets benutzen. Als beispielsweise der informelle Rat der EU-Finanzminister 2002 im spanischen Oviedo tagte und etliche Bankpräsidenten privat auf der Direttissima dort einschwebten, harrte Liebscher am Flughafen Madrid seines Anschlussflugs an den Veranstaltungsort.

Auch Gertrude Tumpel-Gugerell, der ehemaligen OeNB-Vizegouverneurin, die im Vorjahr zur EZB-Vorstandsdirektorin avanciert und in Frankfurt mittlerweile allseits anerkannt ist, wären Weltekiaden wesensfremd. Wenn sie allwöchentlich im Flieger nach Wien pendelt, findet man sie, ganz unprätentiös, in der Economy-Klasse.

Und das nicht nur, weil sie sich diese wöchentlichen Flüge selber zahlt.