Zielsetzungen: Schöpfung 2.0

Das Forschungsimperium des Craig Venter und wie er in Zukunft sogar künstliches Leben erschaffen will.

Unter dem Dach der im Vorjahr gegründeten Venter Science Foundation in Rockville, unweit von Washington, sind drei ge-meinnützige Institute zusammengefasst, die über ein Stiftungsvermögen von insgesamt 140 Millionen Dollar verfügen: Das 1992 von Venter gegründete Institute for Genomic Research widmet sich der Sequenzierung von Genomen. 1995 konnte das Institut erstmals das Erbgut eines Lebewesens vollständig entziffern: Haemophilus influenzae, eine Mikrobe, die bei Kleinkindern zu Mittelohr- und Hirnhautentzündungen führt.

Ein zweites Institut ist das Center for the Advancement of Genomics, welches sich mit sozialen Konsequenzen der Gentechnik und Verbesserungen der Gesundheitsvorsorge befasst. Das Institut erkundet außerdem die genetischen Komponenten von Krankheiten und arbeitet an neuen Sequenziertechniken, die es ermöglichen sollen, jedermanns Genom für nur 1000 Dollar zu buchstabieren.
Die dritte gemeinnützige Einrichtung, das Institute for Biological Energy Alternatives, beherbergt Venters ehrgeizigstes Projekt: Mit synthetisch hergestellten Mikroorganismen, die etwa Wasserstoff produzieren sollen, will er die globale Energiekrise lösen.

Erste Etappe ist dabei der Erwerb von spezifischem Basiswissen über Zusammenhänge des Lebens, auf denen Venter in der Folge aufbauen will. Sein Plan sieht vor, in einem ersten Schritt in einer Mikrobe mit sehr kleinem Erbgut Gen für Gen der Reihe nach auszuschalten. Jeder DNS-Informationsstrang, der bei dem Einzeller die Lichter ausgehen lässt, gilt als Kandidat, zum genetischen Basis-Set des Lebens zu gehören. Über die Anzahl der dazu erforderlichen Gene sind sich die Forscher noch nicht einig. Im Frühjahr haben Mikrobiologen vom Institut National de la Recherche Agronomique in Paris gezeigt, dass die Bodenmikrobe Bacillus subtilis mit nur 271 Genen auskommt. Mit deutlich weniger Bausteinen dürfte auch kein anderes Lebewesen auskommen.

Aber eine Mikrobe nur auszuschlachten, bis sie gerade noch mit Mühen ihren Stoffwechsel aufrechterhält, ist einfach im Vergleich zu der von Venter beabsichtigten Schaffung künstlichen Lebens. Denn dazu müssen die Forscher das Chromosom erst Stück für Stück zusammenbauen – zu einem Strang mit mehreren hunderttausend Basenpaaren. Vor allem wissen die Forscher eines nicht: wie sie den Motor des Lebens starten sollen. Doch Venter bleibt stets Optimist: „Mich würde es nicht wundern, wenn die Maschinerie einfach anläuft.“
Hubertus Breuer

Doch die Karte des Genoms hat die Arzneientwicklung bislang kaum beschleunigt, und Medikamente, die auf genetische Defekte abzielen – wie das Brustkrebsmittel Herceptin –, sind selten. Denn selbst wer ein Gen kennt, kann auch mit den avanciertesten Computern kaum errechnen, welche dreidimensionale Form das dazugehörige Eiweiß im Körper entfaltet. Doch diese Form ist für die Funktion eines Eiweißes ausschlaggebend. Bis heute sind die Molekularbiologen vor große Rätsel gestellt: Ein Gen sagt über die räumliche Eiweißstruktur in etwa so viel aus wie ein Wollfaden über ein Strickmuster. In zehn Jahren mag das entschlüsselte Erbgut erste Früchte tragen. Bis dahin, sagt Jerry Karabelas, früherer Chef der Pharmazeutikasparte des Pharmakonzerns Novartis, sehe er allerdings nur „Daten, Daten überall, aber kein einziges Medikament“.