Zivilisationsleiden:

Bluthochdruck, Diabetes, Rückenleiden, Krebs: Viele der epidemischen Zivilisationskrankheiten haben eine kaum beachtete Ursache – die massive Kluft zwischen den steinzeitlichen Genen des Menschen und seinem heutigen Lebensstil. Die Lösung? Eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien der Biologie.

Homo sapiens – Krone der Schöpfung? Keine Spur, sagt der an der Universität Wien lehrende deutsche Evolutionsbiologe Karl Grammer. Er hält den Menschen für einen „Pfusch, der durch historische Zufälligkeiten entstanden ist“. Eine ganze Reihe von daraus resultierenden Hypotheken schleppe der Mensch bis heute mit sich herum. Zwar schaffte er es durch seine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit, nahezu alle Lebensräume des Planeten zu erobern und sich auf neue Nahrungsangebote einzustellen – aber stets um den Preis eines Kompromisses, der ebenso Vorteile wie Nachteile brachte.

So war es beispielsweise von Vorteil, dass der Mensch bei seinem Exodus von Afrika nach Europa vor etwa 47.000 Jahren allmählich seine dunkle Hautfarbe verlor. Durch die hellere Haut können Sonnenstrahlen besser eindringen, die benötigt werden, damit der Organismus das lebensnotwendige Vitamin D produzieren kann. Nachteil: Die weiße Haut ist viel empfindlicher und daher anfälliger für Hautkrebs. Immerhin kann man sich inzwischen gegen schädliche UV-Strahlung schützen, etwa in Form von Sonnencreme.

Doch ein Bereich blieb bei der Entwicklung der modernen Zivilisation weitgehend ausgeblendet: unsere ererbten steinzeitlichen Gene, die sich über eine Zeitspanne von Jahrmillionen entwickelt haben. Ausgelegt für ein Dasein als Jäger und Sammler, gerät dieses genetische Erbe zunehmend in Konflikt mit dem modernen Lebensstil. Die Folgen: Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall, Rücken- und Gelenksprobleme, Plattfüße, Zahnfehlstellungen, Kurzsichtigkeit, Krebs und psychische Erkrankungen.

Laut Daten des Gesundheitsministeriums machen diese Zivilisationsleiden heute etwa 77 Prozent der gesamten Krankheitslast aus. Der deutsche Evolutionsmediziner Detlev Ganten plädiert daher für eine Rückbesinnung auf unsere steinzeitlichen Wurzeln: „Der Mensch ist in einer Art Schlaraffenland gelandet, in dem ihm die gebratenen Hühner in den Mund fliegen. Das muss nicht, aber es kann uns krank machen, weil wir nicht mehr im Einklang mit unserer Biologie leben.“

Wie Ganten versuchen immer mehr Forscher, dem evolutionären Erbe auch im Gesundheitsbereich Rechnung zu tragen – mit teils erstaunlichen Erfolgen. So verordnet beispielsweise der Wiener Internist Paul Haber, der ein privates Trainings- und Beratungsinstitut betreibt, seinen Patienten ein spezielles Bewegungsprogramm, dazu eine Ernährung mit wenig Fleisch, reichlich Vollkorngetreide, Nüssen, Frischobst und -gemüse aus dem Biogarten.

Über Hunderttausende von Jahren lebte der Homo sapiens in kleinen, nomadisierenden Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. Erst mit der Sesshaftwerdung vor etwa 10.000 Jahren bildeten sich allmählich agrarische Gesellschaften mit größeren Sippen, die Getreide zu ihrem Hauptnahrungsmittel erkoren, was erst nach Ende der Eiszeit möglich war. Großtiere wie das Mammut, die sich nicht an das wärmere Klima anpassen konnten, starben aus. Dadurch konnten sich kleinere Säugetiere stärker verbreiten, die der Mensch als Nutztiere verwendete, wie Rinder, Ziegen und Schafe.

Bis dahin hatten die Menschen nur Muttermilch zur Verfügung, nun konsumierten sie auch die Milch ihrer Haustiere. Während Babys den Milchzucker problemlos aufspalten können, haben Erwachsene bis heute damit Probleme, weil sie nicht genug Lactase bilden, ein Enzym, das den Milchzucker aufspaltet. Allerdings genossen die Steinzeitmenschen nur einen Bruchteil der heute konsumierten Milchmengen, die bei vielen Menschen zu Verdauungsproblemen führen.

Da der Körper selbst nicht in der Lage ist, den vielen Milchzucker aufzuspalten, müssen Bakterien diese Arbeit übernehmen. Sie erzeugen jedoch Gase, die Folge ist ein schmerzender Blähbauch. Das Resultat heißt Lactoseintoleranz, an der mittlerweile an die 70 Prozent der Weltbevölkerung leiden. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums laborieren in Österreich rund 1,6 Millionen Menschen an Verdauungsproblemen, an denen neben der Lactose- auch die Fructoseintoleranz schuld ist.

Hauptursache ist Fruchtzucker, der in Form von Maissirup vor allem zum Süßen von Softdrinks, aber auch von Milchprodukten verwendet wird. Zwar benötigt der Mensch Gemüse und Früchte, die reich an lebenswichtigem Vitamin C sind, da der Körper dieses selbst nicht erzeugen kann. Denn unsere Ur-Urahnen genossen übermäßig viele Früchte, sodass ihr Organismus evolutionsbedingt die Eigenproduktion von Vitamin C einstellte. Ein Vitamin-C-Mangel führt jedoch zu Skorbut, einer Erkrankung, die tödlich verlaufen kann. Im 18. Jahrhundert war dies die Todesursache Nummer eins in der Seefahrt, da es auf den Schiffen kaum Vitamin-C-haltige Speisen gab.

Ein Zuviel an Fructose kann aber genauso zu Problemen führen. „Viele glauben, dass Fruchtzucker etwas Gesundes ist, in Wahrheit jedoch ist unser Körper nicht dafür konzipiert, so große Mengen davon aufzunehmen“, erklärt der Gastroenterologe Ludwig Kramer, Abteilungsleiter am Krankenhaus Wien-Hietzing. Der heutige Mensch verträgt problemlos eine Tagesration von fünf Gramm Fructose, doch durch die massenhafte Verwendung von Maissirup konsumiert er durchschnittlich 20 Gramm pro Tag. Das führt zu ähnlichen Problemen wie bei der Lactoseintoleranz.

Mit dem Ackerbau und der damit erfolgten Nahrungsumstellung auf Weizen ergab sich ein neues Gesundheitsproblem, wie der deutsche Krebsforscher Johannes Coy erklärt: „Krebs ist eine Krankheit, die erst mit der Hochkultur aufkam.“ Die ersten Krebsfälle sind aus dem Zwischenstromland überliefert, dem Mutterland antiker Hochkulturen. Die dort lebenden Menschen verwendeten zunehmend zu Mehl vermahlenen Weizen, ein Trend, der sich in den vergangenen hundert Jahren weiter verstärkte, als der Konsum an weißem Mehl, geschältem Reis und vor allem Zucker nochmals kräftig anstieg. Auffallend ist, dass heute 19 Prozent der Weltbevölkerung in Wohlstandsländern leben, aber 46 Prozent aller bösartigen Neuerkrankungen auf diese Länder entfallen.

Die Folgen des gestiegenen Konsums an konzentrierten Kohlenhydraten lassen sich am Beispiel des Insulins festmachen: Das Hormon benötigt der menschliche Organismus, um Energie in Form von Blutzucker (Glucose) in die Zellen zu transportieren. Zirkuliert über längere Zeit zu viel Zucker im Blut, was durch Bewegungsmangel noch zusätzlich begünstigt wird, können die Muskelzellen diese Energie in der Ruhephase nicht mehr verwerten, der Zucker wird in Fett umgewandelt. Auf Dauer wird der Mensch immer dicker und der Körper resistenter gegen Insulin, weshalb die Bauchspeicheldrüse immer mehr von diesem Hormon produzieren muss.

Ein Teufelskreis, der in eine Diabetes-Typ-2-Erkrankung mündet, an der aktuell bereits zwischen 500.000 und 600.000 Österreicher leiden. Der steigende Blutzuckerwert führt zu einer Reihe von Folgeerkrankungen wie Arteriosklerose, Nervenschäden, gestörter Wundheilung, Sehkraftverlust, Nierenschäden, Herzkrankheiten und Schlaganfall. Eine im Jahr 2010 veröffentlichte Studie, bei der Daten von mehr als 125.000 Probanden ausgewertet wurden, ergab, dass Typ-2-Diabetiker ein 25-fach erhöhtes Krebsrisiko aufweisen. Krebsforscher Coy: „Der Übergang von der Tumorzelle in die aggressive, metastasierende Krebszelle ist zuckerabhängig. Da der Herzmuskel keinen Zucker vergärt, gibt es nur ganz selten Herzkrebs.“

Die häufigsten Krebserkrankungen, nämlich Brust- und Prostatakrebs, haben jedoch noch eine ganz andere Ursache. In den westlichen Ländern erkrankt fast jede zehnte Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Im Gegensatz zu ihrer Urahnin ist sie jedoch aufgrund der üppigen Nahrung weitaus fruchtbarer und menstruiert durchschnittlich 450-mal, dagegen kam eine Frau in der Steinzeit auch aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung nur auf 160 Zyklen.

Dazu kommt, dass Frauen in den hochentwickelten Ländern heute zwar früher geschlechtsreif werden, jedoch immer später und weniger Kinder bekommen. Sie stillen ihre Kinder auch seltener und weniger lang, als das früher der Fall war. Dadurch zirkulieren im weiblichen Körper deutlich mehr Sexualhormone, die der Körper nicht benötigt. Das, so sagen Experten, sei die wesentliche Ursache für die hohe Brustkrebsrate, weil das Östrogen wie ein Dünger für Krebszellen wirke.

Eine aktuelle, im Fachjournal „Cancer Research“ publizierte kanadische Studie kam außerdem zu dem Schluss, dass Brustkrebspatientinnen, die mehr konzentrierte Kohlenhydrate zu sich nahmen, ein erhöhtes Rückfalls- und Metastasenrisiko aufweisen, wie es Krebsforscher Coy seit Jahren prophezeit.

Ähnlich ist die Situation beim Prostatakarzinom. Der Steinzeitmann war schon aufgrund seiner deutlich geringeren Lebenserwartung bei Weitem nicht so lange und häufig sexuell aktiv wie der moderne Mann. Das intensivere sexuelle Vergnügen heutiger Männer oft bis ins Alter hat aber auch eine Schattenseite: Da die Vorsteherdrüse ständig mit Testosteron versorgt wird, besteht auch bei ihr ein erhöhtes Krebsrisiko. Mit 4900 jährlichen Fällen oder einem Viertel aller Krebsarten beim Mann ist das Prostatakarzinom die häufigste bösartige Erkrankung bei Männern in Österreich.

Die Liste gesundheitlicher Nachteile, welche aus unserem steinzeitlichen Erbe und dem heutigen Lebensstil resultieren, ist beliebig erweiterbar:
Aufgrund der besseren Zubereitung der Nahrung hat sich das Gebiss allmählich zurückgebildet. Es bietet kaum noch Platz für Weisheitszähne, weshalb es oft zu Fehlstellungen der Zähne kommt und eine Regulierung nötig wird.

Plattfüße wären durch vermehrtes Barfußgehen vermeidbar. Rücken- und Gelenksbeschwerden resultieren aus Übergewicht, Bewegungsmangel und überwiegend sitzender Tätigkeit. Weil das Sehen beim Lesen und der Monitorarbeit nur noch in der Nähe trainiert wird, kommt es vermehrt zu Kurzsichtigkeit. Bluthochdruck entsteht nicht nur durch Übergewicht, Fehlernährung und Bewegungsmangel, sondern auch durch den hohen Salzgehalt von Nahrungsmitteln.

Mit der vermehrten Aufnahme tierischer Fette gelangen große Mengen einfach gesättigter Fettsäuren in den Körper, was den Anteil des gefäßschädigenden LDL-Cholesterins in die Höhe treibt.

Allergien werden durch übermäßige Hygiene begünstigt, weil Kinder nicht mehr im erforderlichen Maß mit Mikroben in Kontakt kommen, um Antikörper bilden zu können. Babys sollten bei der Geburt mit den im mütterlichen Vaginal- und Analbereich angesiedelten Keimen in Berührung kommen. Das stärkt ihre Darmflora und ihre Immunabwehr. Babys, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, entwickeln zwei Wochen lang keine Darmflora, ein Umstand, der im Verdacht steht, die Entwicklung von Allergien zu begünstigen.

Laut Schätzungen von Anthropologen haben seit dem Exodus des Homo sapiens aus Afrika rund 80 Milliarden Menschen auf unserem Planeten gelebt. 99 Prozent davon waren Jäger und Sammler, deren Lebensweise unser genetisches Erbe geformt hat. Der Organismus des Jägers war auf Kampf und Flucht eingestellt. Dazu ­bedurfte er einer sekundenschnellen Be­reitstellung von Energiereserven, eines ­abrupt ansteigenden Blutdrucks, einer massiven Ausschüttung von Stresshormonen, um die erforderliche körperliche Leistung augenblicklich abrufen zu können.

Das Stresshormon Cortisol sorgt für erhöhte Alarmbereitschaft und höheren Blutdruck, während das Immunsystem ­hinunterreguliert wird, um mehr Energien für den Ernstfall zur Verfügung zu ­haben.

Heute ist Stress jedoch vorwiegend psychischer Natur und eher im Berufs- und Beziehungsleben anzutreffen als in Gestalt eines hungrigen Wolfs in der Wildnis. Der Steinzeitmensch baute seinen Stress durch körperliche Aktivität ab – indem er beispielsweise vor der Gefahr davonlief. Der moderne Mensch muss andere Formen des Stressabbaus pflegen, wie etwa regelmäßigen Ausdauersport, um Schäden durch lang anhaltende Stressbelastung zu entgehen. Nicht abgebauter Stress erhöht neben der Krebs- auch die Gefahr von psychischen Erkrankungen.

Das tägliche Bewegungspensum unserer Urahnen lag bis zu zehnmal höher als das eines heutigen Durchschnittsmenschen. Im Mittel legten die Steinzeitmenschen tägliche Fußwege zwischen 20 und 30 Kilometer zurück, das entspricht 30.000 bis 36.000 Schritten. Heute kommt ein Manager, der im Auto zur Arbeit fährt, auf gerade einmal 3000 Schritte pro Tag, eine Hausfrau mit Kindern auf 13.000, selbst bewegungsreiche Berufe wie der des Postboten bringen es auf kaum mehr als 18.000 Schritte pro Tag. Das ergab eine Studie des deutschen Gesundheitsministeriums.

Eine bewusste Ernährung und aus­reichend Bewegung braucht der Mensch für seine körperliche und psychische ­Gesundheit, wie Evolutionsmediziner
Detlev ­Ganten erklärt: „Es erscheint jedoch vielen Menschen seltsam, wenn der Arzt ­Bewegung empfiehlt.“ Den meisten fehlt das Bewusstsein dafür, wie sehr der heute praktizierte Lebensstil unserer Biologie zuwiderläuft. Sie verlassen sich auf die Repa­raturmedizin, wollen einfach Tabletten schlucken und munter weiter völlern.

Doch Mäßigung lohnt sich: Ganten führte mit Kollegen eine Studie in Deutschland durch, bei der acht Jahre lang mehr als 23.000 Personen beobachtet wurden. Jene, die mindestens dreieinhalb Stunden pro Woche körperlich aktiv, normalgewichtig waren und sich gesundheitsbewusst ­ernährten, zeigten eine um 78 Prozent geringere Krankheitsanfälligkeit.

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