"Zugemüllt mit falschen Informationen“

Die Gewalt- und Stressforscherin Rotraud Perner über Date Rape und das österreichische Dilemma bei Sexualdelikten.

Interview: Angelika Hager

profil: Was das Bewusstsein für sexuelle Übergriffe betrifft, scheint Österreich ein echtes Entwicklungsland zu sein.
Perner: Es ist haarsträubend. Wissensvermittlung im Bereich Sexualität und Sexualdelikte findet kaum bis gar nicht statt. Das Dilemma beginnt mit der Nichtexistenz einer professionellen Sexualpädagogik. In den Schulen gibt es nur "Heile-Welt-Aktionen“ wie den Film "Sex we can“, wo überhaupt nicht die dunklen Seiten von Sexualität thematisiert werden. Ich habe im vergangenen Sommer die Unterrichtsministerin darauf hingewiesen und Mangelbehebung angeboten, die Antwort einer Fachbeamtin lautete nur: "Wir sind eh so gut.“

profil:
Wie würde eine solche zeitgemäße Sexualpädagogik aussehen?
Perner: Das sollte schon im Biologieunterricht beginnen. Die Männer wissen doch gar nicht, wie Frauen sexuell funktionieren, wie ihre Erregungskurven ablaufen. Gleichzeitig sind alle mit den falschen Informationen zugemüllt, die aus dem Internet und der Pornoindustrie gespeist sind. Es fehlen die Vorbilder. Das einzige Modell, auf das Jugendliche zurückgreifen können, ist die animalische Dramaturgie, die sie aus Pornofilmen kennen. Lehrer müssten auch darauf geschult werden, wie sie mit sexuellen Übergriffen unter den Schülern umgehen, ohne zu dämonisieren, aber auch ohne zu verharmlosen. Es muss früh klargemacht werden: Ein Date beinhaltet kein Einverständnis für Sex. Und Männer sollten wissen: Habe ich einmal mit einer Frau geschlafen, bedeutet das nicht, dass ich ihr auch vertrauen kann. Das kennt man ja eigentlich schon aus den James-Bond-Filmen.

profil:
Sie haben in den neunziger Jahren auch Kriminalbeamte zum Thema "Wahrheitsfindung bei Vergewaltigungen“ geschult. Wie schätzen Sie das Kompetenzniveau der Ermittler ein?
Perner: Mittlerweile hoch - die wissen, was sie tun. Die Technik lehnt sich an die Methodik der Psychotherapie an. Die Kriminalbeamten sind technisch geschult, wie sie mit dem "Falscherinnerungssyndrom“, das manchmal bei Opfern auftritt, wenn sie unter Druck stehen, umgehen. Das heißt nicht, dass diese Opfer vorsätzlich lügen, sondern dass sie die Gewalttat in ihrer Erinnerung so verändern, dass sie nicht die Selbstachtung verlieren. Schlimm finde ich, dass beim Berufsstand der Richter keinerlei Ausbildung existiert, was Sexualität und Sexualdelikte betrifft. Nur die, die eine Mediationsausbildung haben, besitzen entsprechende Erfahrung. Und das ist die Minderheit. Verheerend ist auch das Niveau von Gerichtsgutachten. Bei der Lektüre solcher Gutachten denkt man oft, dass sich seit den siebziger Jahren nichts getan hat.

profil:
Hat sich die Bereitwilligkeit der Opfer, Sexualdelikte zur Anzeige zu bringen, erhöht?
Perner: Männer haben inzwischen kapiert, dass Frauen nicht mehr die armen Hascherln sind und ein Angriffs- und Verteidigungsrepertoire besitzen. Da hat sich durch die öffentlichen Debatten einiges verändert. Trotzdem glaube ich: Ein echtes Vergewaltigungsopfer, das nicht reflektiert und selbstbewusst ist, scheut sich vor einer Anzeige, weil es sich schämt. Die Phasen, die eine solche Traumatisierung nach sich zieht, sind ja sehr unterschiedlich: Knapp danach kommt es zu einer Dissoziation, die ein bis zwei Stunden dauert und bedeutet, dass man im wahrsten Sinn außer sich ist, danach folgen eine modifizierte Erinnerung, die einen davor bewahren soll, die Selbstachtung völlig zu verlieren, Depressionen, und dann erst setzen die Rachegefühle ein. Letztere Phase kann aber mit einer Verzögerung von Monaten oder auch Jahren eintreten. Deswegen ist die Notruf-Arbeit so extrem wichtig.

profil:
Wie realistisch ist das antifeministische Klischee, wonach Frauen Vergewaltigungen aus Rache vortäuschen?
Perner: Das kommt natürlich auch vor, genauso wie Vergewaltigungen an Männern. Was Verletzungen betrifft, die Frauen angeblich von Männern zugefügt wurden, die aber Selbstverletzungen sind, ist die Täuschungsmöglichkeit gering. Das finden die Ermittler in der Regel sehr schnell heraus.

Rotraud A. Perner ist Gewalt- und Stressforscherin, Missbrauchsspezialistin und Erfinderin der PROvokativpädagogik. Sie bildete auch Kriminalbeamte für die Ermittlung von Sexualdelikten aus und verfasste zahlreiche Bücher zum Thema Gewalt und Missbrauch.