Zukunftsforscher Ray Hammond im Gespräch: „Der Mensch wird unsterblich“

Abschied vom Öl. Saubere Fahrzeuge. Afrika als Strom- und Nahrungs­mittel­lieferant für Europa. Rasante technologische Entwicklung und Ausdehnung der Lebenszeit des Menschen auf mehr als 130 Jahre: Ray Hammond, Superstar unter den Zukunfts­forschern, über die Welt im Jahr 2030.

Interview: Robert Buchacher

profil: Mister Hammond, wir erleben gerade die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Werden wir derlei Dinge in Zukunft häufiger sehen?
Hammond: Ich bin auf perverse Weise froh, dass das jetzt geschehen ist. Nicht, dass ich mich über den Schaden freue, ich hoffe, er ist gering. Aber die Risiken, weiterhin nach fossilen Treibstoffen unter gefährlichen Bedingungen zu suchen, sind die Anstrengung nicht wert. Hätte man die gleiche Summe, die jetzt für Schadensbeseitigung, Entschädigungen, Gerichts- und Anwaltskosten ausgegeben werden muss, in die Forschung für erneuerbare Energien gesteckt – Sonne, Wind, Geothermie etc. –, wären wir wahrscheinlich schneller in eine nachhaltige Zukunft gegangen.

profil: Wird die Menschheit in der Lage sein, mit der Erderwärmung fertigzuwerden?
Hammond: Die Bush-Administration war überzeugt, dass wir in zwanzig oder dreißig Jahren eine Technologie haben würden, die uns entweder befähigt, das Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu eliminieren oder das Klima direkt zu beeinflussen, sodass wir die Aufheizung des Planeten reduzieren können. Diese Attitüde halte ich selbst dann für gefährlich, wenn sie zutreffen sollte.

profil: Warum sollte sie dann gefährlich sein?
Hammond: Der Klimawandel ist wie eine Krankheit, welche die Atmosphäre befällt. Und wenn Sie gerade am Anfang einer sich entwickelnden Erkrankung stehen, die sehr gefährlich werden könnte, würden Sie dann sagen: „Nein, ich tue nichts dagegen, weil in zehn oder zwanzig Jahren werden die Mediziner ein Gegenmittel finden“? Nein. Die erkrankte Atmosphäre produziert ein krankhaftes Wetter mit Extremen, die für die Menschen, für die Gesellschaft und für die Wirtschaft schlecht sind. Daher müssen wir etwas tun, um die Erderwärmung mit zwei, maximal drei Grad zu begrenzen. Und die Wissenschafter sagen uns, dass das möglich ist, wenn wir jetzt gemeinsam handeln.

profil: Aber ist an der Attitüde der Bush-Administration nicht auch etwas Wahres dran, nämlich dass ein Technologiewandel das Problem lösen könnte?
Hammond: Ja, dem stimme ich zu. Dennoch glaube ich, dass es klug ist, Maßnahmen zu ergreifen, um jetzt den Temperaturanstieg zu begrenzen. Denn nach allem, was wir wissen, könnte es einen kritischen Punkt geben, eine bestimmte Grenze, bei deren Überschreitung es noch um vieles schwieriger wird, den Temperaturanstieg zu stoppen.

profil: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass die Weltwirtschaft in eine grüne Richtung schwenkt?
Hammond: Ja, absolut. Ich war erst kürzlich in Südkorea, einer der sich am rasantesten entwickelnden Volkswirtschaften der Welt. Dort gingen nahezu alle fiskalischen Stimuli für die Wirtschaft in grüne Projekte. Südkorea ist da weltweit führend. Das ist sehr ermutigend.

profil: Gibt es Anzeichen für einen grünen Wettlauf, sodass der technologische Wandel rascher vor sich gehen könnte, als wir derzeit glauben?
Hammond: Ja, die gibt es. Heute, am Tag unseres Gesprächs, hat Australiens sozialdemokratischer Ministerpräsident Kevin Rudd sein im letzten Wahlkampf abgegebenes Versprechen, eine CO2-Steuer werde nicht vor 2013 kommen, begraben. Sie kommt noch heuer. Australien ist damit das erste Land der Welt, das so eine Steuer einführt.

profil: Gibt es auch in der Obama-Administration Anzeichen für einen „Change“ in Richtung Grün?
Hammond: Ich bin optimistisch, dass die USA nach den Midterm Elections im November in der Klima­frage die Führungsrolle übernehmen werden. Ich weiß aus der Lektüre von Obamas Büchern, dass er das Problem versteht. Er zeigt sich sensibel in Umweltfragen, obwohl er an wirtschaftliches Wachstum glaubt. Die beiden Dinge sind nicht unvereinbar.

profil: Die Amerikaner haben aber auch viel mehr Vertrauen in ihre Wissenschaft und sind überzeugt, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse ihre Probleme lösen werden.
Hammond: Aber während Länder wie Deutschland und Österreich in den achtziger und neunziger Jahren in vielen grünen Bereichen führend waren, war das in den USA überhaupt kein Thema. Die Bush-Administration hat kaum etwas zur Bildung der Menschen in diesen Fragen beigetragen. Es beginnt erst jetzt. Die Amerikaner liegen Dekaden hinter Europa zurück. Denken Sie an die US-Autoindustrie, die kann sich nicht mehr rasch genug ändern. Der Öl- und Benzinpreis wird beim notwendigen Wandel klarerweise der treibende Faktor sein.

profil: Werden wir im Jahr 2030 noch immer am Ölhahn hängen?
Hammond: Erstens: Das Öl wird nie zur Neige gehen, weil es, lange bevor die Vorräte knapp werden, zu teuer sein wird, um es in den Tank zu füllen. Das Öl wird „edlen“ Zwecken vorbehalten sein – petrochemischen Produkten und Kunststoffen. Etwa zehn Prozent des jährlich weltweit geförderten Öls gehen derzeit in die Petrochemie, aber diese zehn Prozent repräsentieren den gleichen Dollarwert wie die restlichen 90 Prozent, die verbrannt werden. Daher ist der Wertgewinn bei den zehn Prozent, die in die Petrochemie fließen, enorm. Und das ist die Art, wie man Öl nutzen sollte.

profil: Um daraus Plastik zu erzeugen?
Hammond: Ja, weil man aus Plastik wertvolle Produkte herstellen kann, die am Ende ihrer Lebensdauer nicht verloren sind, weil man immer mehr Plastik rezyklieren und wiederverwerten kann.

profil: Aber nach wie vor landen Millionen Tonnen von Plastik in der Umwelt und belasten vor allem die Ozeane.
Hammond: Das ist in der Tat ein gravierendes Problem. Wir müssen Maßnahmen treffen, dass Plastikgegenstände nicht sorglos weggeworfen werden und als Müll die Umwelt verschmutzen. Inzwischen gibt es auch schon verrottbare Kunststoffarten. Aber entscheidend ist, dass wir, anstatt 90 Prozent des Öls zu verbrennen, uns so schnell wie möglich alternativen und nachhaltigen Energiequellen zuwenden.

profil: Werden unsere Fortbewegungsmittel im Jahr 2030 andere Antriebsarten nutzen als heute?
Hammond: Ja, alle außer Flugzeugen, wo das aus heutiger Sicht nicht geht. Im Jahr 2030 wird es zwar noch immer einige diesel- oder benzingetriebene Oldtimer auf den Straßen geben, aber wahrscheinlich werden alle neu zugelassenen Fahrzeuge Elektro- oder Hybridfahrzeuge oder auch schon Wasserstofffahrzeuge sein. Keiner wird ein benzingetriebenes Auto kaufen. Schon im Jahr 2020 werden alle neuen Fahrzeuge viel „sauberer“ sein als heute.

profil: Und Energie jenseits der Fortbewegung: Werden wir im Jahr 2030 weltweit mehr Atomkraftwerke haben als heute?
Hammond: Ja, Atomkraft hilft uns beim Übergang. Prinzipiell bin ich gegen Atomenergie, aber nicht aus Umweltüberlegungen oder aus Furcht vor Terroristen oder einem Super-GAU – AKWs sind ­ziemlich sicher –, sondern wegen der ungewissen Kosten. Wenn Sie versuchen herauszufinden, was eine nuklear erzeugte Energieeinheit wirklich kostet, kommen Sie zu keinem Ergebnis. Der Grund dafür ist, dass wir die Kosten der Endlagerung an künftige Generationen weiterreichen. Daher ist Atomenergie nicht effizient. Aber ich denke, wir haben ein Energieloch und benötigen Atomenergie als Brücke, bis wir fest auf dem Boden alternativer Energien stehen.

profil: Die da wären?
Hammond: Jeden Tag gibt es auf diesem Planeten genug Energie von der Sonne, um unseren Bedarf zu decken. Bis jetzt mussten wir diese Energie nur nicht entsprechend nutzen, weil wir den bequemen und billigeren Weg beschritten haben, die Energie von fossilen Trägern aus dem Boden zu ge­winnen. Jetzt müssen wir die Energie nehmen, die uns die Sonne gibt.

profil: Was halten Sie von dem deutschen Sonnenkraftwerksprojekt „Desertec“ in der Sahara?
Hammond: Einfach fantastisch!

profil: Wird das der Beginn einer groß angelegten Nutzung der Sonnenenergie in Afrika sein, um damit Europa zu versorgen?
Hammond: Auf jeden Fall. Vor hundert Jahren hatte der Übergang vom Gleichstrom zum Wechselstrom die lokale Verteilung der Elektrizität erleichtert, dadurch wurde es aber auch schwerer, den Strom über lange Distanzen zu leiten. Indem wir riesige Solarspiegel in der Sahara positionieren und die Energie mithilfe von Gleichstromkabeln ohne großen Verlust auf dem Grund des Mittelmeers nach Europa transportieren, können wir eventuell ganz Südeuropa mit Strom versorgen. Die Energie ist da, sie wird uns tagtäglich von der Sonne geliefert.

profil: Solche Riesensonnenkraftwerke in Afrika könnten aber Ziel von Terroristen sein.
Hammond: Terroristen werden nichts unversucht lassen, um unsere Wirtschaft zu treffen. Aber diese Kraftwerke sind so groß, dass sie vielleicht eine von vielen Leitungen in die Luft jagen können. Das wird uns nicht sehr treffen.

profil: Warum denken Sie bei dieser neuen Art von Stromversorgung nur an Südeuropa?
Hammond: Diese Länder werden die ersten sein. Dann werden Gleichstromkabel die Energie über ganz Europa verteilen, sogar bis hinauf nach Skandinavien, denn beim Stromtransport über solche Leitungen ist der Energieverlust gering. Wenn Sie Wechselstrom von Österreich nach Deutschland leiten, kommen vielleicht 30 Prozent der Energie an, bei Gleichstromleitungen sind es 90 Prozent.

profil: Aber diese Leitungen zu bauen wird sehr kostspielig sein.
Hammond: Wir reden über Kabel, nicht über Gaspipelines. Kabel sind verhältnismäßig billig. Und wir haben zehn bis zwanzig Jahre Zeit, aber wir müssen damit beginnen.

profil: Könnte das Beispiel Länder wie Spanien, Griechenland, Türkei, Israel etc. dazu animieren, eigenen Solarstrom in großem Stil zu erzeugen?
Hammond: Nicht nur zu erzeugen, sondern sie könnten damit beginnen, ihn zu exportieren. Wussten Sie, dass diese Länder nahezu keine Energie exportieren? Es gibt keinen wirklichen Exportmarkt für Energie in Europa.

profil: Die Kernfusion ist keine Option?
Hammond: Die Kernfusion wird sicher kommen. Die Frage ist, wann. In Frankreich wird derzeit die erste Großversuchsanlage gebaut. Ich hoffe, dass es um das Jahr 2020 eine Reihe von professionell designten Reaktorprojekten geben wird. Aber wir können uns darauf nicht verlassen, dass das passieren wird. Daher müssen wir in der Zwischenzeit Nuklear-, Wind-, Solar-, Geothermie-, Wellenkraftwerke – alles Mögliche – nutzen.

profil: Als einen zentralen Motor für die Zukunft betrachten Sie die Beschleunigung der technologischen Entwicklung. Was meinen Sie damit konkret?
Hammond: 1964 hatte Gordon Moore im berühmten Moore’schen Gesetz postuliert, dass sich die Leistung der Computer alle paar Jahre verdoppelt. In den späten achtziger Jahren sagte er, die Verdoppelung geschehe alle 18 Monate. Um das Jahr 2000 waren es etwa 14 Monate, jetzt sind es etwa zwölf Monate. Diese Selbstbeschleunigung bedeutet, dass wir in den nächsten acht Jahren, zwischen 2010 und 2018, den gleichen Umfang technologischer Entwicklung erleben werden wie in den vergangenen zwanzig Jahren. Wenn Sie an das Jahr 1990 zurückdenken: Wie viele Flachbildfernseher hatten Sie in Ihrem Haus, wie viele Airbags in Ihrem Auto? Wie sah 1990 Ihr Handy aus?

profil: Da hatte ich noch kein Handy, es gab nur diese riesigen, fünf Kilo schweren Autotelefone.
Hammond: Und nach den acht Jahren wird die gleiche Menge an technologischer Entwicklung innerhalb von fünf Jahren stattfinden, dann in drei Jahren und so weiter.

profil: Was bedeutet das für die Medizin? Werden wir imstande sein, die Lebensspanne des Menschen deutlich auszuweiten?
Hammond: Ich glaube, wir werden im Lauf dieses Jahrhunderts in der Lage sein, die Lebenszeit des Menschen nahezu unbegrenzt auszudehnen. Der Mensch wird unsterblich. Ich meine das völlig ernst. Derzeit können wir erwarten, dass wir das achtzigste oder neunzigste Lebensjahr in weitgehender Gesundheit erleben. Etwa um 2030, 2040 können wir erwarten, dass wir ein Alter von 100, 110 bei guter Gesundheit und nicht bettlägerig erleben. Später im Jahrhundert könnten es dann 120, 130 Jahre sein und darüber.

profil: Wie soll das gehen?
Hammond: Die Stammzellenmedizin wird es ermöglichen, kranke Organe zu ersetzen. Ich weiß allerdings nicht, ob wir tatsächlich so lange leben wollen. Ich bin mir vor allem nicht sicher, ob wir psychologisch darauf vorbereitet sind, weit über 100 Jahre alt zu werden. Oder wird die Medizin in der Lage sein, auch die Psyche zu regenerieren und zu verjüngen? Ich bin da skeptisch.

profil: Ist das nicht eine Frage der Gehirnchemie und der Gehirnmoleküle, die wir mit Nanotechnologie nachbauen könnten?
Hammond: Vielleicht, ich weiß es nicht, und niemand weiß es, weil wir nie zuvor in dieser Situation waren. Auch wenn ich sicher bin, dass es theoretisch möglich wäre, die Lebenszeit des Menschen nahezu unbegrenzt auszudehnen, bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen das tatsächlich wollen. Selbst wenn es der Wissenschaft gelingt, das Altern auszuschalten, wäre das wirklich eine gute Idee, wenn wir ohnedies ein Problem mit der Bevölkerungs­explosion und mit begrenzten Ressourcen haben?

profil: Die Wissenschaft wird das aber ausprobieren wollen.
Hammond: Natürlich müssen wir experimentieren, aber wir müssen auch die moralische und ethische Seite diskutieren. Ich bin nicht automatisch der Meinung, dass das eine gute Sache ist. Aber offenbar kommen wir zu einem neuen Punkt der menschlichen Evolution.

profil: Sie sprechen immer von der Bevölkerungsexplosion. Aber wie soll das gehen, wenn die Frauen nicht nur in den hoch entwickelten, sondern auch in immer mehr Schwellen- und Entwicklungsländern weniger Kinder haben?
Hammond: Wir halten derzeit bei einer Erdbevölkerung von 6,8 Milliarden Menschen. Die UN sagen voraus, dass wir im Jahr 2030 etwa 8,2 Milliarden haben werden, im Jahr 2050 könnten es zwischen neun und zwölf Milliarden sein. Aber die UN sagen auch, dass sich der Zuwachs dann beträchtlich verlangsamen wird. Die Ausbreitung von Wohlstand und Bildung sind die Hauptfaktoren, die zu dieser Verlangsamung führen. In dem Moment, wo junge Frauen lesen und schreiben lernen, übernehmen sie die Kontrolle über die Zahl ihrer Geburten. Und das ist auch der Moment, wo sich das Bevölkerungswachstum verlangsamt.

profil: Werden wir in der Lage sein, so viele Menschen auf dem Planeten zu ernähren?
Hammond: Ich erwähne die Bevölkerungsexplosion als Hintergrund, vor dem sich Entwicklungen abspielen. Aber ich bin nicht so alarmiert wie manche andere Leute, was unsere Fähigkeit anlangt, für diese Menschen Wasser und Nahrung bereitzustellen. Ich glaube, das wird uns gelingen.

profil: Und zwar wie?
Hammond: Ich glaube, dass die Meerwasserentsalzung mittels Solarenergie erheblich dabei helfen kann, Bewässerungssysteme zu schaffen und Trinkwasser bereitzustellen. Wir haben uns aber noch nicht wirklich mit der Frage befasst, inwieweit wir die unendlichen Flächen Afrikas als Farm der Welt nutzen könnten.

profil: Dazu bedürfte es aber riesiger Bewässerungssys­teme.
Hammond: Ich war kürzlich in Südaustralien, wo die Wasserknappheit ein ernstes Problem ist. Die dortigen Gärtner zeigten mir eine riesige Meerwasserentsalzungsanlage, die zur Gänze mit Sonnenenergie betrieben wird. Und diese Anlage versorgt die Stadt Adelaide. Und das könnte man genauso in kleinem Maßstab an vielen Orten Afrikas machen, für 300, 400 Be­wohner.

profil: Das heißt, Sie sind überzeugt, dass wir auch in der Lage sein werden, zwölf Milliarden Menschen mit Wasser und Nahrung zu versorgen.
Hammond: Ja, ich bin optimistisch. Ich habe mir angeschaut, wie viel Land für die Landwirtschaft zur Verfügung stünde, ohne Land
zu zerstören, ohne Siedlungsgebiete zu zerstören etc. Wie viel Land ist gegenwärtig entweder ungenutztes Brachland oder kann nicht genutzt werden, weil es keine funktionierende Bewässerung gibt. Ergebnis: Wir könnten die Agrarflächen der Erde nahezu verdoppeln.

profil: Wie schaut es mit der ­Fischerei aus, werden wir die meisten Fischarten ausrotten?
Hammond: Womit wir noch nicht begonnen haben, ist die richtige Aufzucht in großem Stil. Wir züchten Fisch, und wir produzieren Setzlinge für die Fischfarmen, aber ich denke, wir müssen damit beginnen, die Bestände durch die Ausbringung von Setzlingen in großem Stil wieder aufzufüllen. Und dann müssten wir in internationalen Abkommen festlegen, welche Meeresgebiete wir wie lange nicht befischen. Die Fläche der Ozeane macht zwei Drittel des Planeten aus, aber wir müssen sie wie riesige Fischfarmen nutzen und sie nachhaltig bewirtschaften. Nur herauszufischen, was zufällig noch drinnen ist, entspricht dem Denken des 20., aber nicht dem des 21. Jahrhunderts.

profil: Glauben Sie, dass wir im Jahr 2030 eine bessere Welt haben werden?
Hammond: Der Grund, warum ich optimistisch bin, ist, weil die Geschichte mich das lehrt. Wenn Sie sich die Grafiken über die Entwicklung der Menschheit, sagen wir in den vergangenen 200 Jahren, ­anschauen, werden Sie sehen, dass die Kurve für die Lebenserwartung und den Gesundheitszustand der Menschen mit Ausnahme einiger sehr schlimmer Zeiten wie Erster und Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Stalinismus, Rote Khmer etc. kon­tinuierlich nach oben geht. Ich habe keinen Zweifel, dass dieser Trend immer weiter und weiter ­gehen wird. Mit einer Einschränkung: Der Zukunftsforscher kann keine Ereignisse vorhersagen. Ein solches Ereignis könnte ein Vulkanausbruch sein …

profil: … der die Erde auf Jahre abkühlt …
Hammond: … oder eine schreckliche neue Krankheit, Pandemie. Das bedeutet, ich kann die Zukunft nicht vorhersagen. Ich kann nur versuchen, einige Trends zu identifizieren, die wichtig genug sind, um im Zusammenspiel sehr wahrscheinlich die Zukunft zu beeinflussen. Ich erfinde nichts, und vieles, was ich sage, ist Ihnen vielleicht bekannt. Aber meine Arbeit besteht darin, die Dinge zusammenzufügen und zu extrapolieren, sodass sie ein wahrscheinliches Bild von der Zukunft ergeben. Die Zukunft wird nie so sein, wie ich sage, dass sie wahrscheinlich sein wird. Aber sie wird in der Nähe einiger von jenen Dingen liegen, die ich identifiziert habe. Sie werden aber erst im Jahr 2030 sagen können, von welchem Wert meine heutigen Aussagen waren.