Zukunftstrends: War of Work

Essay. Die gesamte Arbeitswelt formiert sich auf einem neuen, höheren Niveau. Gewöhnen Sie sich besser rasch daran, sagt John Naisbitt – und rät zu einem grundlegenden Umdenken.

Die bis heute wohl bekannteste Charakterisierung eines politischen Klimas in den Vereinigten Staaten stammt aus der Zeit, als Bill Clinton zum ersten Mal für das Amt des Präsidenten kandidierte. Es waren exakt vier Worte, die auf den Punkt brachten, woran ein künftiges politisches Programm gemessen würde: „It’s the economy, stupid.“

Die Stimmung des französischen und niederländischen Volkes, die hinter dem Nein zum Referendum der EU-Verfassung steht, ist zwar differenzierter zu betrachten, kann aber dennoch mit nur drei Worten zusammengefasst werden: „It’s jobs, stupid.“

Das Dilemma
Präsident Jacques Chirac und Kanzler Gerhard Schröder, ihres Zeichens selbst gesalbte Führer der Europäischen Union, waren so sehr in ihrer abgehobenen Obsession gefangen, Europa in der historischen Parade seiner Vereinigung anzuführen, dass sie dem, was sie auf diesem Weg eigentlich hätte leiten sollen, kaum Beachtung schenkten: den Sorgen der Bevölkerung.

Was sie in die Irre führte, war nicht eine falsche Zielsetzung der Europäischen Union, sondern eine der europäischen Verfassung: ein Monster von 800 Seiten, von denen die meisten in Richtung Zentralisation aus und durch Brüssel führen. Ohne dies überzubewerten: Die Konstitution der Vereinigten Staaten von Amerika umfasst auf nur zwölf Seiten alle Prinzipien, die von den Bündnisstaaten benötigt werden, um im Fluss der Zeit flexibel auf Bedürfnisse und Notwendigkeiten reagieren zu können.

Nach der Schockwelle, die nach dem Nein der Bevölkerungen Frankreichs und der Niederlande durch Europas politische Elite brandete, hörte und las man trotzdem nichts zu Überlegungen, die Konstitution der EU den Bedürfnissen ihres Volkes anzupassen, aber viel darüber, wie es gelingen könnte, ihren uneinsichtigen Bürgern letztlich doch ein Ja abzuringen.

Natürlich ist allgemein bekannt, dass die Europäische Union von einem substanziellen ökonomischen Problem geplagt wird: Auf dem europäischen Kontinent hat sich die Arbeitslosigkeit seit 1991 zwischen acht und elf Prozent eingependelt (ohne den Beitrag von Ländern wie Österreich wäre dieser Wert sogar noch ein wenig höher), während das Wachstum im Verlauf dieser 14 Jahre nur ein einziges Mal mehr als drei Prozent betrug – ein verlorenes Jahrzehnt eines realen Schrumpfens und der wachsenden Sorge der Menschen um ihre Arbeitsplätze.

Der zugrunde liegende Konflikt beruht auf einer Kluft zwischen zwei sich fundamental voneinander unterscheidenden Denkweisen: der Bereitschaft, einem Prozess zu vertrauen, oder der Unfähigkeit dazu. Tatsächlich scheint es, als würde die politische Elite kein Vertrauen in jenen demokratischen Prozess haben, aus dem heraus sich das Wesen der Europäischen Union sowie deren Selbstverständnis definieren würden.

Tatsache ist: Wessen Handeln auf Misstrauen gegenüber Prozessen beruht, der braucht stets das Wissen um den Ausgang der Dinge, ehe er bereit ist, Schritte zu setzen.

Der daraus für manche Politiker resultierende Trugschluss lautet: In weit tragenden und anspruchsvollen Agenden, wie es die europäische Verfassung zweifelsfrei ist, ist es verkehrt, der Bevölkerung Entscheidungen zu überlassen, weil dem Volk doch das dafür notwendige Verständnis fehle. Der einzige Grund, warum Chirac dennoch den Weg einer Abstimmung durch das Volk wählte, lag darin, dass er aus dem ihm ursprünglich sicher scheinenden Ja eine weitere Bestätigung seiner selbst ableiten wollte.

Das Nein der Franzosen und Niederländer geht in eine klare Richtung: Politiker müssen darauf hören, was die Bevölkerung sagt, und unter Bedacht darauf reagieren. Die Rückbesinnung auf diese ursprüngliche Anforderung an die Politik ist Teil des Reifeprozesses, der die endgültigen Formen der Europäischen Union definieren wird.

Fünfzig Jahre lang haben die Europäer, über Fortschritte und Rückschläge hinweg, darauf vertraut, dass am Ende ihres Entstehungsprozesses eine lebensfähige Union gewachsen sein würde, welche die Zustimmung aller fände. Es könnte weitere fünfzig Jahre dauern, ehe dieser Prozess tatsächlich abgeschlossen ist. Dies ist der Zeitrahmen, in dem man die gegenwärtigen Ereignisse betrachten sollte.

Denn selbst wenn die meisten der heutigen Staatschefs Vertrauen in diesen Prozess hätten und auf die Bedürfnisse und Ängste der Bevölkerung eingingen, so scheint ihnen dennoch das Verständnis der ökonomischen Kernprobleme und daraus resultierenden Notwendigkeiten abhanden gekommen zu sein.

Altes Denken
Alte Denkmuster beruhen auf der Anschauung, dass es als Aufgabe von Regierungen zu betrachten ist, sowohl Kündigungen zu verhindern als auch, falls notwendig mittels staatlicher Auftragserteilung, Arbeitsplätze zu schaffen.

Auf seinem Weg in die Vollbeschäftigung verfolgte Japan diese Politik mit derartiger Überzeugung, dass das Land heute zum Beispiel über die höchste Anzahl an Brücken pro Einwohner verfügt, die nun über Flüsse, Bäche, Rinnsale führen.

Europa braucht neues Denken. Ohne eine Reformierung des europäischen Sozialprogramms und seiner Arbeitsmarktpolitik wird die Arbeitslosigkeit nicht zurückgehen, und die Wettbewerbsfähigkeit Europas in der Weltwirtschaft wird sinken. Mehr noch, ohne Reformen wird es nicht mehr lange dauern, bis das Sozialsystem nicht mehr leistbar sein wird.

Zwar stand dieses Thema während der vergangenen fünf Jahre, die ich nunmehr in Europa lebe, unaufhörlich im Zentrum der medialen Berichterstattung und der Lippenbekenntnisse von Politikern. Doch nur wenig geschieht. Vielmehr liegt das Scheitern der politischen Führung der Union darin, dass sie sich nicht offen genug mit dieser Problematik auseinander setzt und die Bevölkerung durch Schönfärberei über die Notwendigkeiten im Unklaren lässt.

Dies wohl nicht zuletzt aus Unwissenheit. Sind die Regierungen doch abgesehen von den allgemein berechenbaren Bereichen wie etwa dem Gesundheitswesen und der Altersvorsorge keinesfalls in der Lage, die notwendigen „neuen“ Arbeitsplätze zu prognostizieren, da heute nicht absehbar ist, mit welchen Daten der Wandel die Weltwirtschaft konfrontieren wird. Also klammern sie sich an alte Denkmuster. Doch sie tun dies auf unser aller Kosten.

Neues Denken
Das neue Denkmuster sagt, dass nur Unternehmergeist, strukturiert von unten nach oben, neue Unternehmen und Arbeitsplätze begründen kann.

In einer dynamischen Wirtschaft gehen ständig Arbeitsplätze verloren. In den USA werden pro Jahr rund sechs Prozent aller Stellen abgebaut – und es ist auch erlaubt, sie abzubauen. Gleichzeitig wird jedoch ein achtprozentiger Stellenzuwachs, also ein Nettogewinn an Jobs von zwei Prozent pro Jahr, erreicht. Diese Drehung entspringt der Anpassung an Veränderung.

Als Aufgabe von Regierungen ist es daher zu betrachten, ein Klima zu schaffen, in dem Unternehmergeist atmen und am Wandel wachsen kann. Dies erreicht man etwa zum einen durch den Abbau bürokratischer Hindernisse, die sich der Schaffung neuer Unternehmen in den Weg stellen, und zum anderen durch steuerliche Vorteile wie das Aussetzen der Steuer im ersten Jahr nach Gründung eines Unternehmens. Tatsächlich neigt das europäische System jedoch eher dazu, Unternehmergeist zu ersticken – und dies just in einer Zeit, in der es ihn am meisten braucht.

Warum Jobs sterben
Tatsächlich ist jenes Denken, das in der Zeit der industriellen Revolution herrschte, bis heute in Europa weit verbreitet. Speziell in Deutschland und Frankreich. Auf die Autoindustrie bezogen, bedeutet dieses Denken beispielsweise, dass europäische Autos unter allen Umständen in Europa herzustellen sind. Selbst wenn dies zur Folge hat, die Produktion staatlich subventionieren zu müssen.

Da sich der Staat dies in Krisenzeiten nicht leisten kann, müssen die Unternehmen lernen, eigenständig im globalen Wettbewerb zu bestehen. Gelingt ihnen dies nicht, werden sie schon bald Geschichte sein.

Eine der entscheidenden Anforderungen an Wettbewerbsfähigkeit besteht darin, mit zunehmend weniger Mitarbeitern zunehmend mehr zu produzieren: Mehr Arbeit wird von weniger Menschen geleistet. Was die gegen diese Entwicklung Sturm laufenden Mitarbeiter und deren Gewerkschaften nicht erkennen wollen, ist, dass ihre Unternehmen ohne Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit zugrunde gehen, was wiederum bedeutet: keine Arbeit für alle von ihnen.

Eine neue Solidarität hingegen würde bedeuten, dass Menschen akzeptieren, dass Stellen nicht zuletzt geopfert werden müssen, um ein Unternehmen grundsätzlich am Leben zu erhalten. Doch sind wir ehrlich: Dies wird nicht geschehen.

Das Grundproblem, denke ich, liegt darin, dass im Allgemeinen nicht verstanden wird, dass Profit zu machen eine lebenserhaltende Bedingung ist, ja, eine notwendige Voraussetzung, um im Wettbewerb bestehen zu können. Viele Leute scheinen der Ansicht zu sein, ein Unternehmen könne zwischen Profit und der Aufnahme neuer Mitarbeiter wählen, obwohl dies Geld kostet. In Wahrheit besteht der Trick jedoch darin, so viele Mitarbeiter wie nötig einzustellen und dennoch jenen Gewinn zu erwirtschaften, der das Überleben sichert. Unternehmen sind keine Jobmaschinen.

Spielfeld Weltwirtschaft
Zu den Schrecken der Globalisierung und denen der EU-Erweiterung gesellt sich ein weiterer: Outsourcing. Das umfasst nicht nur das Auslagern von billigen Arbeitskräften aus den Produktionsbetrieben, das bereits seit zwei Jahrzehnten im Gange ist, sondern auch das Outsourcing von Talent und Schlüsselqualifikation. Diesen Prozess nenne ich die „Mass Customization of Talent“. Er wird das Bild der Arbeitswelt von Grund auf verändern. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was dies bedeutet, bietet der Sport den perfekten Einblick in die Welt der „High Qualification“.

Als Real Madrid vor ein paar Jahren weit gehend als das beste Fußballteam der Welt angesehen wurde, zählte sein Team gerade einmal zwei spanische Spieler. Europäische Fußballteams sind weithin dafür bekannt, geradezu notorisch mehr Ausländer im Team zu haben als heimische Spieler. Amerika ist in dieser Hinsicht auf dem besten Weg, Europa nachzufolgen. Am Eröffnungstag der laufenden US-Baseball-Saison stammten 27 Prozent der Spieler auf dem Feld aus dem Ausland.

Diese Personalpolitik breitet sich zunehmend auch auf die Arbeitswelt aus. Der amerikanische Fernsehboss Howard Springer wurde vor Kurzem zum Vorstand von Sony ernannt. Er spricht nicht Japanisch und wird sein Büro in den USA beibehalten. Radiologen in Indien wiederum analysieren Röntgenaufnahmen amerikanischer Patienten – via Internet. Es reduziert die Kosten des Gesundheitswesens und erhöht die Leistungsfähigkeit der Versorgung. Würde jemand dagegen etwas einzuwenden haben? Ja natürlich, die amerikanischen Radiologen. Doch das Spielfeld, auf dem die Globalisierung des 21. Jahrhunderts mit dem Ziel einer Erhöhung der Produktivität stattfindet, ist eben die Weltwirtschaft.

Dieses Outsourcing globalen Talents ist jedoch keine Einbahnstraße – oder sollte es nicht sein. Einerseits werden Europäer von asiatischen Unternehmen und Institutionen rekrutiert, andererseits werden wir in nicht allzu langer Zeit erstaunt sein, wie viel Talent aus Asien nach Europa kommen wird.

Die Verantwortung, in diesem Wettstreit der Qualifikation zu bestehen, wird in den Händen des Einzelnen liegen. Doch auch eine Regierung, die Bildung nicht als ökonomische Priorität Nummer eins erkennt, wird aufs Spiel setzen, dass sie ihre größten Talente verliert und in Zukunft auf der Reservebank sitzt. Denn was den globalen Arbeitsmarkt betrifft, formiert die Welt sich derzeit auf einem neuen, höheren Level. Gewöhnen Sie sich daran.

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John Naisbitt, 75, gilt als weltweit renommiertester Zukunftsforscher und als der Pionier seiner Disziplin. International bekannt wurde der in Utah geborene Amerikaner durch sein 1982 erschienenes Buch „Megatrends“, von dem in 57 Ländern rund neun Millionen Stück verkauft wurden. Vor seiner Tätigkeit als Autor und Zukunftsforscher hatte John Naisbitt Positionen im Management der Unternehmen IBM und Eastman Kodak inne und fungierte als Berater der US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Er ist mit der österreichischen Publizistin Doris Naisbitt verheiratet und lebt heute mehrheitlich in Wien. Den vorliegenden Text verfasste er exklusiv für profil.