Zum 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe:
Eine Würdigung des Schreckensspezialisten

Am 19. Jänner jährt sich der 200. Geburtstag des US-Klassikers Edgar Allan Poe. Wolfgang Paterno über die ungebrochene Aktualität des Schreckensmagiers.

Als der Schriftsteller Edgar Allan Poe im März 1831 aus der Militärakademie West Point austrat, war er zuvor von über hundert seiner Kameraden mit erheblichen Barmitteln ausgestattet worden. Mit dem Geld, so lautete die Order der Kadetten, sollte ein Band mit während der Dienstzeit entstandenen Poe’schen Spottgedichten auf unliebsame Vorgesetzte finanziert werden. Kurz darauf verschenkte der Jungautor, als Resultat einer gezielten Zweckentfremdung, ein Bändchen mit dem schlichten Titel „Poems“, eine Sammlung verrätselter Lyrikproben, die der Poet seinen Finanziers widmete: „To the U.S. Corps of Cadets“.

Das Delikt des Betrugs für höhere Zwecke stellte für den Autor offenbar einen juristischen Sonderfall dar: Bereits vor zwei Jahrhunderten trat Edgar Allan Poe als Pionier einer Idee auf, die sich erst im ausgehenden 20. Jahrhundert durchzusetzen begann: Kunst darf (beinahe) alles. „Mein Leben ist eine Grille gewesen – Impuls – Leidenschaft – Sehnsucht nach Einsamkeit – Verachtung aller gegenwärtigen Dinge, bei ernstestem Verlangen nach der Zukunft“, notierte der zeitlebens von Depression, Alkoholproblemen und nervöser Unrast gepeinigte Autor einmal.

Die wissenschaftlichen Expertisen zum Werk Edgar Allan Poes (geboren am 19. Jänner 1809, unter nach wie vor nicht restlos geklärten Umständen im Oktober 1849 gestorben) füllt Bibliothekswände; die schriftstellerischen Verdienste des Erzählers sind in jeder Enzyklopädie verzeichnet. Der Meister und Magier des literarischen Schauderns zählt zu den Ahnherren der Fantastik, er gilt als bedeutender Theoretiker der short story und Erfinder der Detektivgeschichte – Poes Rechercheur Dupin ermittelt erstmals in dem 1841 publizierten Werk „Doppelmord in der Rue Morgue“, in dem ein entlaufener Orang-Utan grausame Morde begeht.

Als Hauptwerke werden in Lexika Verse mit berühmten Textzeilen (der Rabe im gleichnamigen, 1845 veröffentlichten Gedicht beherrscht nur ein einziges Wort: „Nevermore“), Kurzgeschichten („Der Fall des Hauses Ascher“, „Der Goldkäfer“, „Die Maske des roten Todes“, „Sturz in den Maelstrom“) sowie der maritime Katastrophenbericht „Arthur Gordon Pym“ von 1837, Poes längster Prosatext, angeführt.

Nicht zuletzt begründete und professionalisierte der US-Romancier das damals so gut wie nicht existente Genre der Literaturkritik. „Jede Broschüre – ein Wunder! Jedes steifgebundne Buch – ein epochales Ereignis“, höhnte Poe seine Kollegen, die sich als Wahrer des Guten und Schönen in der Disziplin Belletristik verstanden – die Beschäftigung mit neuen Büchern verstand Poe hingegen, ein so streitbarer wie polemisch begabter Rezensent, als wissenschaftliche Tätigkeit.

„Edgar Allan Poe ist deutschen Lesern vertrauter als jeder andere amerikanische Klassiker“, formuliert der Berliner Anglistikprofessor Hans-Dieter Gelfert in seiner unlängst veröffentlichten Poe-Biografie (C. H. Beck Verlag): „Jugendliche lesen ihn der Spannung wegen; Erwachsene kehren zu ihm zurück, weil sie hinter der Spannung etwas Tieferes spüren; und Literaturwissenschaftler zitieren ihn regelmäßig, wenn es gilt, dem Beginn der Moderne einen Namen zu geben.“

Als Ausdruck des rein Klassischen und Kanonisierten scheint das Werk des Dichters – zumindest seine besten Texte, weniger die Brotarbeiten – tatsächlich schwer vorstellbar. Die Erzählung „Das verräterische Herz“ erschien erstmals 1843 in der Zeitschrift „The Pioneer“. Nicht nur die narrative Selbstentblößung des dämonischen Ich-Erzählers, der unter den Dielen seiner Wohnung die zerstückelte Leiche eines alten Mannes versteckt, klingt so, als ob sie kürzlich entstanden wäre: „Wahrhaftig! – reizbar – sehr, fürchterlich reizbar warn meine Nerven gewesen, und sie sind es noch; doch warum meinen Sie, ich sei verrückt? Das Leiden hat meine Sinne geschärft – und keineswegs zerrüttet oder abgestumpft.“

Poes schriftstellernde Nachkommen im Horror- und Schreckenssegment haben den Grad der Drastik in Darstellung und Stoffwahl inzwischen ins Monströse gesteigert – Blutfontänen, Eingeweidebeschau, Multiorganversagen: Leichen pflastern den Weg. Die zumeist klassisch aus Exposition, Konflikt, Auflösung sowie retardierenden Elementen bestehenden Erzählungen Poes wirken dagegen, zumindest auf den ersten Blick, wie der Museumsvitrine entnommen. Der US-Erzähler vermisst in seinen Texten allerdings kollektive Angstzustände – die gegenwärtige literarische Panik-Meterware definiert Horror als letztlich willkommenen Kitzel, als Ablenkungsmanöver gegenüber den routinemäßigen Abläufen des Alltags. „Diese Kompliziertheit, diese Komplexität!“, schwärmte einst Popstar Lou Reed. „Diese Psychologie! Was für ein Kerl! Seine Texte sind für mich wie ein wunderbarer Traum.“

Ein Musterbeispiel des subtilen Schreckens ist der 1839 veröffentlichte Text „Der Fall des Hauses Ascher“. Die Schilderung eines apokalyptischen Untergangs leitet der Literat mit den unheilvollen Worten ein: „Einen geschlagenen Tag lang, starr, trüb, tonlos & tief im Herbst des Jahres, war ich allein, zu Pferde, unter dem bedrückend lastenden Wolkenhimmel, durch einen ungewöhnlich öden Strich Landes dahingeritten.“ In der Erzählung „Berenice“ ist der Ich-Erzähler besessen von den Zähnen seiner Cousine, mit „grauser Oberherrlichkeit“ wird er vom Weiß im Mund gepeinigt: „Elend ist mannigfach. Die irdische Erbärmlichkeit vielgestaltig. Dem Regenbogen gleich überspannt sie den weiten Horizont.“ Nach dem Ableben der Verwandten bricht er dem Opfer seiner Monomanie das Gebiss heraus – am Ende des Textes sieht sich der vom Wahn angekränkelte Berichterstatter mit einem Bild des Grauens konfrontiert, als er die Schachtel mit den Beißinstrumenten zu Boden fallen lässt: „32 kleine, weiße, wie Elfenbein wirkende Stückchen, die sich übers Parkett weg zerstreuten, guck, hierhin & dorthin.“ In der Humoreske „Ein verbrauchter Mann“ (1839) erscheint schließlich ein Brigadegeneral namens A. B. C. Smith, der als kriegslüsterner Maschinenmensch charakterisiert wird – der Körper des Militärs gleicht einer Ansammlung künstlicher Teile: Bein- und Armprothesen, Glasaugen, selbst Zunge und Gaumen müssen dem Heeresbediensteten von einem Diener eingesetzt werden.

Immer wieder erweist sich Poe als genauer Chronist des kalkulierten, kalten Entsetzens. Viele der vor über 150 Jahren entstandenen Textstücke wirken wie Begleitlektüren in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise: Das Gefühl der Unsicherheit, des drohenden Kontrollverlusts, die Erwartung der Katastrophe herrschen in diesen Erzählungen vor. Alltägliches kehrt sich in Fremdes, Unbekanntes, Bedrohliches; die Menschen sind Treibgut im Mahlstrom der Geschichte: Ein Mann verliert über Nacht seinen Odem („Der Atemverlust“), einer neugierigen, nervös veranlagten Spaziergängerin wird, als sie einen Glockenturm besucht und ihren Kopf durch einen Spalt nach draußen steckt, durch den langsam sich nähernden Minutenzeiger das Haupt abgetrennt: „Ich spürte durchaus kein Bedauern, den Kopf, welcher mir zuletzt solche Verlegenheiten bereitet, endgültig von meinem Leibe scheiden zu sehen.“

In der gegenwärtig häufig bemühten Disziplin der Krisenprognose leistete Poe ebenfalls Pionierarbeit. In der Groteske „Disput mit einer Mumie“ wird der Leiter eines Forscherteams während der Untersuchung eines einbalsamierten Leichnams unverhofft in ein Gespräch mit der einbandagierten Gestalt verwickelt: „,Aber was wir am allerwenigsten begreifen können‘, sagte Doktor Pononner, ‚ist, wie es zugeht, dass Sie in Ägypten gute 5000 Jahre tot & begraben sein konnten; und heute trotzdem quicklebendig hier sitzen, und dabei noch so erfreulich glänzend aussehen.‘“ Comte Allamistakeo, der ins Leben zurückgekehrte Langzeittote, stellt irritiert fest, wie wenig sich seit seinem Ableben geändert hat. In der Fabel „Die Unterredung zwischen Eiros und Charmion“ (1839) ist die Erde schließlich unrettbar dem Untergang geweiht: „Dann kam ein dröhnender, allübertönender Laut, als wie aus Seinem Mund selbst; derweil die ganze hangende Masse des Äthers, in ­welchem wir lebten, in einer riesigen Stichflamme aufbarst, zu einem Feuergebild, für dessen unendlichen Glanz und ­allversengende Hitze die Engel selbst im hohen Himmel der reinen Erkenntnis nicht Wort noch Namen mehr haben. So endete alles.“

Bibliothek des Bedrohlichen
Zum Auftakt des Jubiläumsjahres bringt der Insel Verlag die bislang nur antiquarisch erhältliche, aus den 1960er Jahren datierende und mit ­federführender Beteiligung von Arno Schmidt und Hans Wollschläger übersetzte Poe-Werkausgabe neu heraus; im Mare Verlag erscheint zudem eine philologisch sensationell aufbereitete Ausgabe von „Arthur Gordon Pym“.