"Zum Mond, zum Mars und darüber hinaus":
Wiener 'TTTech' rüstet Raumfähre Orion

Zehn Jahre nach seiner Gründung gehört das ­Wiener High-Tech-Unternehmen TTTech zu den gefragtesten Softwareausrüstern im Luftfahrtbereich. Nun hat die NASA sogar Steuerungssysteme für eine Raumfähre geordert.

Freitag, 16. Juli 1999. Um 21.40 Uhr erlischt auf den Radargeräten der US-Flugraumüberwachung das Signal einer Piper Saratoga mit der Kennung N9253N vor der Südküste des Bundesstaats Massachusetts. An Bord der einmotorigen Maschine befinden sich zu diesem Zeitpunkt John Fitzgerald Kennedy jr., Sohn des 1963 ermordeten US-Präsidenten, seine Frau Carolyn und deren Schwester Lauren. Flugziel ist der Familiensitz der Kennedys auf der Insel Martha’s Vine­yard, wo eine Cousine von JFK junior am nächsten Tag heiraten soll. Doch keiner der drei Insassen kommt jemals auf der Hochzeit an. John F. Kennedy jr., der selbst am Steuer des Flugzeugs sitzt, verliert bei schlechter Sicht die Kontrolle über die Maschine, die Piper Saratoga stürzt in den Ozean.

Der Crash fordert drei Menschenleben. Der tragische Tod des beliebten Kennedy-Sprösslings löst in den USA eine Diskussion über die Sicherheit von Kleinflugzeugen aus. Die Folge: Amerikanische Flugzeugbauer investieren gezielt in die Entwicklung moderner Steuerungssysteme. Davon profitiert auch ein kleines Technologieunternehmen mit gerade einmal fünf Angestellten und dem wenig klangvollen Namen TTTech Computertechnik AG mit Sitz in der Wiener Schönbrunner Straße. Heute, knapp zehn Jahre später, beschäftigt TTTech mehr als 200 Arbeitnehmer in Niederlassungen in Deutschland, Italien, Japan, Korea und den USA. Zu den Auftraggebern zählen Luftfahrtunternehmen, Automobilkonzerne und die NASA. Die US-Raumfahrtbehörde hat kürzlich bei der Wiener Technologieschmiede ein Steuerungssystem für ein spektakuläres Projekt geordert. Läuft alles nach Plan, dann fliegt in wenigen Jahren die Raumfähre Orion mit Software aus der Wiener Technologieschmiede ins All.

Glück im Unglück. „Nach dem Absturz der Kennedy-Maschine hat es zahlreiche Anfragen aus den USA gegeben. Seitdem sind wir in der Luftfahrtbranche sehr gut vernetzt“, so Markus Plankensteiner, Marketingchef von TTTech. Von einem Flug zum Mond war Ende der neunziger Jahre bei dem Spin-off der Technischen Universität Wien allerdings noch lange nicht die Rede. Das Unternehmen wurde 1998 von Hermann Kopetz, Professor für technische Informatik an der TU, und seinem damaligen Assistenten Stefan Poledna gegründet. Schon im universitären Betrieb hatten die beiden zahlreiche Forschungsprojekte im Bereich Datenkommunikation für Automobilunternehmen geleitet. Mit der Unternehmensgründung sollten aus der universitären Forschung endlich auch serienreife Produkte entwickelt werden. Die Herausforderung: die von zahlreichen Sensoren und Endgeräten eingehenden Daten in einer Steuerungseinheit möglichst schnell und effektiv zu ordnen und abzuwickeln. „Das ist, wie wenn Sie auf einer Party mit 20 Leuten ein Gespräch führen wollen. Nur wenn einer nach dem anderen spricht, können Sie etwas verstehen“, erklärt Gründer Stefan Poledna. Gerade in sicherheitsrelevanten Bereichen wie der Luftfahrt ist ein reibungsloser und möglichst schneller Ablauf von Datenströmen wichtig. Nach ersten Jahren der Forschung und Entwicklung hat sich das Wiener Unternehmen mittlerweile als Software-Zulieferer etablieren können: Für den Airbus A-380 entwickelte TTTech ein System zur Kabinendruckregulierung, dem französischen Technologiekonzern Thales wurden Elemente für Signalsteuerungsanlagen für Bahnhöfe zugeliefert, die Turbinen der nächsten Generation des Kampfjets F-16 werden von maßgeschneiderter TTTech-Software gesteuert. Auch die Boeing 787 „Dreamliner“ enthält Komponenten von TTTech. „Und wir legen Wert auf die Feststellung, dass wir nichts mit der Verzögerung des Auslieferungstermins zu tun haben“, so Poledna. Mit dem Automobilkonzern Audi verbindet das Wiener Unternehmen mehr als nur eine Partnerschaft. Seit dem Jahr 2001 gibt es eine technologische Kooperation, seit beinahe zwei Jahren hält die Audi AG knapp unter 25 Prozent an TTTech.

Beinahe zeitgleich übernahm die Schweizer Private-Equity-Gesellschaft Aeris rund 16 Prozent der Anteile. Mit den strategischen Investoren kamen 24 Millionen Euro in die Kasse. „Eine gute Eigenkapitalausstattung ist in unserer Branche wichtig“, so Plankensteiner. Immerhin sei das Unternehmen zuletzt fünfmal unter den 500 wachstumsstärksten der Europäischen Union gelistet gewesen. Der Jahresumsatz bewegte sich zuletzt bei rund 16 Millionen Euro. „Bis jetzt standen Entwicklung und Investition im Vordergrund, daher haben wir nur geringe Gewinne geschrieben. In den kommenden Jahren gehen aber viele Produkte in Serie, da dürfte sich die Ertragslage ändern“, so Plankensteiner. Der Marketingchef redet gerne über seinen Job. Dabei darf er eigentlich nicht viel sagen. Mitunter kommt es sogar vor, dass Journalisten kurz vor Redaktionsschluss gebeten werden, eine Story doch nicht zu schreiben. Dann hat ein Auftraggeber plötzlich eine Informationssperre verhängt. Auch das jüngst angelandete Projekt genießt höchste Geheimhaltung. Die NASA plant für das Jahr 2014 einen bemannten Flug ins Weltall.

Destination: „Mond, Mars und darüber hinaus“, wie es in einem Slogan der US-Raumfahrtbehörde heißt. Ab 2014 soll die Raumfähre Orion die Nachfolge des Space­shuttle-Programms antreten. Für das Jahr 2015 ist die erste bemannte Mondlandung der Orion geplant, fünf Jahre später sollen Astronauten sogar ihren Fuß auf die Oberfläche des Mars setzen. TTTech soll eine Art elektronisches Nervensystem mit dem Namen „TTEthernet“ für die Orion liefern. Recht viel genauer darf Markus Plankensteiner auch schon gar nicht werden. Offiziell hat die NASA nur die Herausgabe eines vier Seiten umfassenden Folders autorisiert. Darin erfährt man nicht viel mehr als: „TTEthernet ist eine der fortgeschrittenen Technologien, die bei Orion zur Anwendung kommen.“ Immerhin. Diskretion ist man bei TTTech in der Zusammenarbeit mit der NASA aber ohnehin gewohnt. Bei Meetings müssen alle Entwickler ohne US-Staatsbürgerschaft regelmäßig bei ­bestimmten Themen den Raum verlassen. Aus Sicherheitsgründen. „Dann gehen wir einen Kaffee trinken und kommen wieder, sobald ein Thema auf der Agenda steht, mit dem wir uns befassen“, erzählt Plankensteiner. Es sei ohnehin schon ein enormer Vertrauensbeweis, dass man die NASA öffentlich als Auftraggeber anführen dürfe.

Aber auch die Liste der bekannt gegebenen Kooperationspartner und Kunden ist mit Namen wie Airbus, Boeing, Honeywell und Lockheed Martin prominent besetzt. Und im Fall des deutschen Autoherstellers Audi hat man den Auftraggeber gleich auch als Aktionär an Bord. „Im nächsten Audi A8 sind wir auch vertreten“, so Poledna. An der Geheimhaltung ändert aber auch dieses Naheverhältnis nichts: „Wir dürfen nicht sagen, mit welcher Anwendung.“

Von Josef Redl