Russisches Eldorado

Das kleine Zypern ist der größte Auslandsinvestor in Russland. Das hat spezielle Gründe

Von Tessa Szyszkowitz

Neben der größten Yacht der Welt, dem englischen Fußballclub Chelsea und einer privaten Boeing 767 könnte Roman Abramovich noch etwas richtig Herziges besitzen: eine zypriotische Staatsbürgerschaft. Denn Zypern schenkt großen Investoren gerne zum Dank einen Pass – immerhin ein EU-Pass. Abramovich aber ließ seinem Partner den Vortritt, und so wurde Alexander Abramov 2010 wegen seiner Verdienste um die Insel Zypriot. Abramovich & Abramov haben Zypern in der Tat eine Menge gebracht: Ihre Anteile am internationalen Stahlriesen Evraz zum Beispiel halten sie über ­„Lanebrook Limited“, eine Investitionsfirma, die 2006 in Zypern gegründet wurde.

Rund 23 Milliarden Euro haben Russen angeblich in Zypern geparkt – oft, um es in Russland weiterzuinvestieren. So wurde, nach Zahlen der Russischen Zentralbank, das kleine Zypern mit 880.000 Einwohnern das Land, von dem aus die meisten Auslandsinvestitionen in Russland getätigt werden.

„Wenn die zypriotische Generalstaatsanwaltschaft sich früher um den Geldwäscheverdacht gekümmert hätte, wäre es nicht zum jetzigen Chaos gekommen“, behauptet Bill Browder, der Chef des Londoner Investmentfonds „Hermitage Capital“. Er hat mehrfach versucht, in Zypern ein Verfahren wegen Verdachts auf Geldwäsche in Gang zu bringen. Browder behauptet, dass 24 Millionen Euro aus einem ganz spezifischen Betrugsfall über zypriotische Konten gespült wurden.

Korrupte Beamte des russischen Innenministeriums hatten sich die Firmenstempel von Browders russischen Firmen 2007 angeeignet, sich als Besitzer eintragen lassen und dann vor der Steuerbehörde behauptet, die Firmen hätten 180 Millionen Euro zu viel Steuern bezahlt, und deren Rückzahlung gefordert. In einer Vereinbarung mit der Chefin der Steuerbehörde wurden die 180 Millionen Euro tatsächlich ausgezahlt. Der russische Anwalt Sergej Magnitzky, der den Betrug aufgedeckt hatte, wurde verhaftet und starb 2009 in einem Moskauer Gefängnis. Das gestohlene Geld wurde auf internationale Konten verteilt. Ein Teil lief angeblich über Wien. Eine Untersuchung dazu wurde eingestellt. Ein weiterer Teil landete in Zypern: 24 Millionen Euro. Auch dort kam es nicht zum Prozess.

Der zypriotische Finanzminister Michalis Sarris begab sich vergangene Woche auf Betteltour nach Moskau. Präsident Wladimir Putin genießt es, dass er zu Hilfe gerufen wird, weil der „Euro-Bolschewismus“ – wie die Russen die gemeinsame europäische Währungspolitik gerne nennen – nicht funktioniert. Der russische Staat will aber nicht wieder wie 2011 mit einem Sonderkredit von zweieinhalb Milliarden Euro helfen. Dieses Mal will sich der Kremlherr in Naturalien bezahlen lassen.

Etwa mit einem Zugang des russischen Staatsgiganten Gazprom zu den zypriotischen Gasreserven, die erst unlängst entdeckt wurden – die allerdings umstritten sind, weil die Türkei auf einen Teil Anspruch erhebt. Russland könnte aber noch ein anderes Interesse daran haben, sich in die Insel einzukaufen: Der bisher einzige russische Militärstützpunkt am Mittelmeer, Tartus, ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Denn Tartus liegt in Syrien und dürfte ein ungemütlicher Ort für Russen werden, wenn das Regime von Bashar al-Assad fällt. Ein einfacher Ausweg: die russische Flotte gegenüber nach Larnaca oder Limassol zu verlegen.
In „Limassolgrad“, wie die Stadt schon heute wegen der vielen russischen Einwohner heißt, würden sich Putins Matrosen zumindest gleich zu Hause fühlen.