Spionage

Egisto Ott, Marsaleks langer Arm nach Moskau

Ex-Verfassungsschützer Egisto Ott wird Spionage für Russland vorgeworfen. Er soll einen speziell verschlüsselten Laptop mit geheimdienstlichen Informationen für Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek nach Moskau geliefert haben. Die Behörden in Deutschland und Österreich sind höchst alarmiert.

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Egisto Ott verbrachte Ostern in einer Zelle. Der ehemalige österreichische Verfassungsschützer wurde am Karfreitag verhaftet, der Richter verhängte über ihn die U-Haft. Er soll für Russland spioniert haben und systematisch Informationen aus dem Innersten des Sicherheitsapparats gen Moskau geliefert haben. Seitdem wird Ott intensiv befragt. Eingefädelt haben soll den Verrat der flüchtige, in Russland aufhältige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek. Das beschäftigt nun auch die deutschen Behörden, die bisher die Spionageachse im Wirecard-Skandal vernachlässigt haben.

Ein gutes Jahr ist es her, dass der britische Inlandsnachrichtendienst MI5 die Wohnung von fünf Bulgaren stürmte, die im Verdacht standen, für Russland zu spionieren. Sie fanden gefälschte Ausweise, Auftragslisten – und in den tausenden Chats auf sichergestellten Handys auch Hinweise, wer dahintersteht: Der flüchtige Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek, der nach der Insolvenz seines Unternehmens von Österreich gen Minsk und von dort Richtung Moskau flüchtete. Mittlerweile ist evident, dass er im Sold russischer Geheimdienste steht – und von dort aus auch nach seinem Verschwinden sein Netzwerk an Wasserträgern steuerte. 

Marsalek und Ott: Spionage für Russland?

Die britischen Chats zeigen, dass der Österreicher Marsalek auch in seinem Geburtsland weiter aktiv war – und in engem Kontakt mit ehemaligen Verfassungsschützern stand, die schon seit einigen Jahren für ihn arbeiteten. Einer davon ist Martin Weiß, einst hochrangiger Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Er soll Marsalek bei der Flucht geholfen haben und lebt seitdem in Dubai, wohin ihn Marsalek laut diesen Chats „evakuiert“ haben will, damit er dort vor den Behörden sicher ist. 

Ott bevorzugte es, im Land zu bleiben. Gegen ihn wird seit 2017 wegen Russlandspionage ermittelt. Vor genau zwei Jahren war er schon einmal in U-Haft – man nahm ihm sein Handy ab, das auch eine Fundgrube war. Es zeigte sich: Ott war in viele Affären verstrickt, machte Personenabfragen gegen Geld. Belieferte Wirtschaftstreibende, aber auch die Politik mit Informationen, beeinflusste so U-Ausschüsse und das Interpellationsrecht. Bald war klar: Ott hat auch mit dem Verschwinden dreier Handys hochrangiger Innenministeriumsbeamten zu tun. Sie waren zur Reparatur bei einem IT-Techniker des Verfassungsschutzes deponiert worden – wo Ott früher arbeitete. Der IT-Techniker ist ein langjähriger Freund von ihm. Und genau diese Handys soll er im Sommer 2022 gegen Geld beim russischen Geheimdienst FSB abgeliefert haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Marsaleks Geldwäsche-Jungs

Aber nicht nur das: Nach Recherchen von profil, Süddeutscher Zeitung und WDR gibt es Hinweise darauf, dass Marsalek bei der Informationsbeschaffung auch auf Helfer in Deutschland zurückgriff. Sie sollen Bargeld nach Wien gebracht haben, um anschließend mehrere Handys und einen speziell verschlüsselten Laptop, mit streng geheimen – nach Verdacht der Behörden, europäischen geheimdienstlichen Informationen – nach Russland transportiert haben. Diese Laptops nutzen eine spezielle Technologie, die vor allem westliche Sicherheitsbehörden nutzen – und die nun offenbar in den Händen Russlands ist. Endadresse der Marsalek-Bestellung: Lubijanka, die Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Die Übergabe soll in der Wohnung des Ex-Schwiegersohns von Ott stattgefunden haben, der ebenfalls verhaftet, aber dann wieder freigelassen wurde. Er soll von all dem – laut seinem Anwalt – nichts gewusst haben. Ott habe einen Schlüssel für die Wohnung gehabt, der Schwiegersohn selbst sei aus beruflichen Gründen viel auf Reisen gewesen. 

Die deutschen Behörden sind jedenfalls alarmiert, denn: Im November 2022 soll auch ein sogenannter SINA-Laptop an russische Kuriere übergeben worden sein, der ebenfalls beim Schwiegersohn von Ott deponiert war. Der Laptop war mit einem speziellen Verschlüsselungsprogramm ausgestattet, das in Deutschland vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) für die Speicherung und Übertragung von Daten mit dem höchsten Einstufungsgrad „streng geheim“ zugelassen ist. 

Aus den Chats zwischen Marsalek und Orlin Roussev, dem in Großbritannien inzwischen angeklagten Bulgaren, geht hervor, dass die 20.000 Euro für den hochgesicherten Laptop über dubiose Quellen beschafft wurden. „The laundry guys confirmed: they will pick up the cash today and make it available in Berlin tomorrow“, soll Marsalek geschrieben haben. „Laundry Guys“ bedeutet so viel wie „Geldwäsche Jungs“. Später bestätigt er via Nachricht, dass 20.000 nach Berlin geschickt wurden.

Wanderten geheimdienstliche Informationen nach Russland?

Nach Informationen von SZ, WDR und profil glauben die Wiener Ermittler, dass der SINA-Laptop „der Geheimhaltung unterliegende behördliche Daten eines EU-Staates enthielt, die für den russischen Nachrichtendienst von Interesse sind“. Was sich genau sich auf dem Laptop befand und ob das Gerät womöglich sogar aus Deutschland stammt, das ist bislang noch völlig unklar. Die meisten österreichischen Behörden nutzen SINA-Geräte nach profil-Informationen jedenfalls als Workstations, also Standgeräte – aber nicht als Laptops. Der fragliche Laptop, der bei den Russen landete, könnte aus Deutschland oder dem österreichischen Verteidigungsministerium stammen.

Zuletzt hatten die deutschen Behörden Hinweise aus Österreich zu Ott und Weiß nicht besonders ernst genommen – im Gegenteil: Weiß pilgerte zur Staatsanwaltschaft in München, bekam freies Geleit, obwohl die österreichischen Behörden schon nach ihm suchten. Er diente sich dort an, wollte „auspacken“. Inhaltlich war dann nur wenig verwertbar. 

Ob Otts Befragung ergiebiger ist, wird sich zeigen – die Polit-Szene Österreichs kann sich jedenfalls anhalten, denn der Ex-Verfassungsschützer pflegte (bis auf die Grünen) eigentlich zu allen Parteien gute Kontakte.

Anna  Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.