INVESTIGATIV

Kiews Konsul: Iranische Millionen und beste Connections

Was ein Honorarkonsul aus St. Pölten mit einem späteren ukrainischen Minister, sanktionierten Iranern und einem Hotel in Georgien zu tun hatte. Und wie er sich mit der US-Justiz 14 Millionen Dollar aufteilte.

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Es ist ein Haus mit Geschichte: Nicht nur, weil es sich bei dem Gebäude in der Münzwardeingasse im 6. Wiener Gemeindebezirk um ein architekturhistorisches Juwel des 19. Jahrhunderts handelt, sondern auch wegen bestimmter Personen, die dort in jüngerer Zeit Spuren hinterlassen haben. Spuren, die von der Ukraine über die Karibik bis nach Österreich führen, die vom Iran über Korea nach Georgien reichen, die nebenher noch einen Schlenker über Alaska und die Vereinigten Arabischen Emirate nehmen, nur um letztlich an einem besonders unvermuteten Ort zu enden – im beschaulichen St. Pölten.

Ein guter Ausgangspunkt beim Entwirren dieser babylonischen Länder- und Städteverwirrung ist eben jenes heute sechsstöckige Haus in Wien Mariahilf, das sich der innovative Möbelfabrikant und k.u.k. Hof-Kunsttischler Bernhard Ludwig um das Jahr 1890 herum erbauen hat lassen. Ludwig – unter anderem Einrichter des Arbeitszimmers von Kaiser Franz Joseph in der Wiener Hermesvilla – lebte und wirkte selbst in dem Gebäude. Das Interieur ist bis heute in wichtigen Teilen erhalten. Im ersten und zweiten Stock finden sich Wohnräumlichkeiten mit wertvollen Holzdecken und Vertäfelungen sowie ein besonders herausragend gestalteter „Grüner Salon“. Im Jahr 2012 erstellte ein Sachverständiger ein Gutachten über den Bauzustand. Geradezu schwärmerisch hielt er fest: „Das 1. und 2. Geschoß stehen besonders unter Denkmalschutz, da die Innenausstattung in ihrer Art, Kunsttischlerhandwerk auf höchstem Niveau und Vollendung, sicher kaum ein zweites Mal in Wien zu finden sind.“

400 Quadratmeter Luxus

Damals stand gerade ein Eigentümerwechsel an. Ein gewisser Marc-Milo Lube – Investmentexperte, Berater und Netzwerker – kaufte die Räumlichkeiten in den beiden Stockwerken gemeinsam mit seiner Frau und hegte den Plan, diese auf Hochglanz zu bringen. Aus den bisher zwei Wohnungen auf jeweils einer Etage sollte durch eine Innentreppe eine einzige, rund 400 Quadratmeter große Luxusbleibe entstehen. Die Lubes zogen selbst dort ein. An dieser Adresse sollte in der Folge jedoch noch eine weitere spannende Persönlichkeit auftauchen. Jemand, der später immerhin ein Ministeramt bekleiden würde.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit fungiert Lube seit Oktober 2021 als Honorarkonsul der Ukraine in Niederösterreich. Amtssitz: St. Pölten. profil stieß im Rahmen eines internationalen Investigativprojekts namens „Shadow Diplomats“ auf den Unternehmer. Die Recherchen, an denen Journalistinnen und Journalisten aus 46 Ländern beteiligt waren, wurden vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) und der US-amerikanischen Investigativplattform Propublica koordiniert. Ziel war unter anderem das Ausleuchten der – mitunter durchaus bemerkenswerten – Geschäfte der ehrenamtlichen Teilzeitdiplomaten. Lube stach dabei insofern ins Auge, als sein Name in einem Gerichtsakt in den USA auftaucht. Dazu später mehr. Betont sei jedoch bereits jetzt , dass damit keinerlei strafrechtlicher Vorwurf gegen den Unternehmer und Konsul verbunden war oder ist.

Die Ukraine-Connection

Zunächst stellte sich bei den Recherchen die Frage, welche Beziehungen Lube eigentlich zur Ukraine hat. Honorarkonsul wird schließlich nicht jeder. Und siehe da: Diese Beziehungen sind nicht nur sehr gut, sondern in mancher Hinsicht durchaus enger, als man es im geschäftlichen Bereich üblicherweise erwarten würde.

profil-Recherchen zufolge war an Lubes so luxuriöser wie ehrwürdiger Adresse in der Münzwardeingasse ein Mann namens Oleksiy Chernyshov behördlich gemeldet. Chernyshov ist Ukrainer und zählt mittlerweile zur absoluten Polit-Elite seines Landes. Im Oktober 2019 ernannte ihn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Vorsitzenden der Regionalverwaltung von Kiew, im März 2020 stieg er zum Minister für die regionale Entwicklung der Ukraine auf. Seit November 2022 ist Chernyshov nun CEO des staatlichen Gaskonzerns Naftogaz – ein strategisches Schlüsselunternehmen für das im Krieg befindliche Land.

Das Offshore-Konstrukt

Vor seinem Wechsel in die Politik war Chernyshov als Geschäftsmann tätig – und dabei über eine Firma mit Sitz in der Wiener Innenstadt mit Lube verbunden. Bei dieser „VI2 Partners GmbH“ fungierten beide als Geschäftsführer: Lube ab Juli 2014, Chernyshov ab November 2016 (im Firmenbuch waren übrigens beide mit der bewussten Adresse in der Münzwardeingasse eingetragen – Chernyshov im ersten Stock, Lube im zweiten). Lube legte diese Funktion erst drei Tage vor seinem Amtsantritt bei der Regionalverwaltung von Kiew im Jahr 2019 zurück.

Was hat es nun mit dieser – mittlerweile gelöschten – Firma auf sich? Die VI2 präsentierte sich im Internet als unabhängiges Investmentunternehmen mit Büros in Wien und Kiew, das von Chernyshov und Lube gegründet worden sei. Während Lube bei der Gründung im Jahr 2014 tatsächlich 50 Prozent der Firmenanteile übernommen hatte, tauchte Chernyshov allerdings nie formell als Gesellschafter der VI2 auf. Den zweiten Hälfteanteil hielt ursprünglich hingegen eine Firma namens „Standing Assets S.A.“ mit Sitz auf den British Virgin Islands und Direktorinnen aus Zypern – eine klassische Offshore-Konstruktion. Als Chernyshov später als Minister seine Vermögensverhältnisse für das Jahr 2020 offenlegte, wurde als tatsächliche wirtschaftliche Berechtigte der Karibikfirma eine gewisse Swetlana Chernyshova angeführt, offenbar die Ehefrau des Politikers. Chernyshov trat sein Ministeramt am 4. März 2020 an. Nur einen Tag vorher war die Standing Assets S.A. bei der VI2 ausgestiegen und hatte ihren Hälfteanteil an Lube abgetreten.

Die Klage in den USA

Dabei ging ausgerechnet 2020 ein besonders bemerkenswertes Geschäft der VI2 in die heiße Phase. Ein Geschäft, das Jahre zuvor gestartet worden war und demnach im Laufen war, als auch Chernyshov in der Wiener Firma saß – für das sich nun allerdings die US-Justiz brennend interessierte.

Anfang Juni 2020 brachte die US-Staatsanwaltschaft beim Bezirksgericht in Anchorage im Bundesstaat Alaska eine Klage ein mit dem Ziel, umgerechnet rund 20 Millionen US-Dollar zu beschlagnahmen. Das Geld stammte aus einer Anzahlung, die drei Iraner beziehungsweise deren Firmen rund zehn Jahre vorher geleistet hatten, als sie versuchten, ein Sheraton-Hotel in der georgischen Hauptstadt Tiflis zu erwerben. Der Deal kam nicht zustande. Die Hotel-Besitzerin – eine Tochterfirma der staatlichen Investmentbehörde des Emirats Ras al Khaimah (RAKIA) – behielt die Anzahlung jedoch ein.

Der Verdacht

2014 setzten die USA die drei Iraner auf ihre Sanktionsliste. Letztlich gelangten die US-Behörden zu dem Verdacht, dass diese mitgeholfen hatten, Gelder der iranischen Zentralbank, die auf einem Konto in Korea geparkt waren, unter Umgehung bestehender Sanktionen loszueisen und zu waschen. Insgesamt sollen mehr als eine Milliarde US-Dollar aus Korea ausgeschleust worden sein. Ein Teil davon – so der Verdacht – sollte in den Hotel-Deal in Georgien fließen. Nun, Mitte 2020, wollten die USA das Geld einziehen.

Von diesem Vorhaben war nicht nur die RAKIA betroffen, bei der das Geld lag, sondern überraschenderweise auch Lubes VI2 Partners GmbH in Wien. Gemäß US-Staatsanwaltschaft hatte die VI2 nämlich die Forderung der Iraner beziehungsweise derer Firmen auf Rückgabe der Anzahlung erworben und diese 2016 bei Gericht in Tiflis geltend gemacht. Einem Bericht der Plattform „Politico“ zufolge soll Lube mit einem der Iraner per E-Mail Kontakt gehabt haben.

Der Millionen-Deal mit den USA

Eine Beschlagnahme der Gelder durch die USA wäre naturgemäß ganz und gar nicht im Interesse Lubes gelegen. Doch es fand sich eine wahrhaft salomonische Lösung für den Gesamtbetrag, der inklusive Zinsen mittlerweile auf 26 Millionen Dollar angewachsen war: RAKIA durfte sechs Millionen Dollar und die geforderten Zinsen behalten. Die US-Regierung und die VI2 teilten sich ihrerseits die verbliebenen 14 Millionen Dollar brüderlich. Anfang Jänner 2021 langten die sieben Millionen Dollar der VI2 auf dem Konto der US-Anwälte des Wiener Unternehmens ein.

Was dann mit dem Geld geschah, ist ein Geheimnis. Die VI2 wurde wenige Monate später in die Liquidation geschickt. Lube betont auf profil-Anfrage, es seien „zu keinem Zeitpunkt“ Sanktionen umgangen worden oder aus der Transaktion „irgendwelche Einnahmen, Profite oder sonstige Zahlungen zu sanktionierten Personen oder mit ihnen verbundenen Personen/Unternehmen“ geflossen. Ebenso seien Chernyshov aus der Einigung mit den USA „keine Einnahmen oder Profite zugeflossen“. Ein Naftogaz-Sprecher teilte ebenfalls mit, das weder Chernyshov noch dessen Frau Provisionen oder Profite aus dem Deal mit den USA gezogen hätten. Zu diesem Zeitpunkt war die „Standing Assets S.A.“ auch nicht mehr Miteigentümerin der VI2.

„Wunsch des Außenministeriums“

War Chernyshov eigentlich darin involviert, dass Lube 2021 Honorarkonsul der Ukraine wurde – etwa zur Belohnung für gute Geschäfte und die noble Meldeadresse in Wien? Lube teilt dazu mit: „Ich wurde 2021 auf Wunsch des Außenministeriums der Ukraine zum Honorarkonsul in Niederösterreich bestellt, um die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Beziehungen zwischen Niederösterreich und der Ukraine auszubauen. Seither bemühe ich mich intensiv und erfolgreich, Hilfsaktionen für die Ukraine zu organisieren und zu koordinieren.“

An wen die VI2 das Geld aus dem US-Vergleich nun tatsächlich weiterüberwiesen hat, ließ Lube auf profil-Anfrage unbeantwortet. Ebenso, zu welchem Preis die Forderung ursprünglich erworben wurde. Es war freilich nicht der einzige Millionen-Deal, den der nunmehrige Honorarkonsul in der jüngeren Vergangenheit über die Bühne gebracht hat. Im August 2022 verkauften er und seine Frau die nicht nur historisch wertvolle Luxus-Bleibe in der Münzwardeingasse. Der Preis laut dem im Grundbuch hinterlegten Kaufvertrag: 4,45 Millionen Euro.

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).