© AFP/APA/Miguel MEDINA

Venedig-Tagebuch I
09/02/2021

Babythriller und Familienoper: Starker Start der 78. Filmfestspiele am Lido

Auf den Eröffnungsfilm, Pedro Almodóvars jüngstes Liebeschaos-Melodram, folgte Jane Campions meisterlicher Psycho-Western „The Power of the Dog“.

von Stefan Grissemann

Dramatisch geht es auf der Leinwand zu, chaotisch am Festivalgelände: Das 78. Filmfest in Venedig hatte gestern, an seinem Eröffnungstag, mit exzellenten Werken aufzuwarten, drohte sich zugleich aber in organisatorischen Problemen zu verstricken, die nur der nervenberuhigenden spätsommerlichen Sonne wegen nicht in offene Tätlichkeiten seitens demoralisierter Festivalbesucher:innen ausuferten: Staus und Schlangen bildeten sich, begleitet von massiven Verzögerungen, vor allen Checkpoints und Kinoeingängen, und das elektronische Ticketreservierungssystem, auf das man aus Contact-Tracing-Gründen vor jedem Kinobesuch verbindlich zugreifen muss, schillerte in allen (Fehl-)Farben eines überlasteten Systems. Nach der sehr entspannten Festivalausgabe 2020, das mit effizienten Anti-Covid-Maßnahmen punkten konnte, wollte man heuer offenbar alles genau so machen wie vergangenes Jahr, hatte die Rechnung aber nicht mit gefühlt doppelt so vielen internationalen Gästen gemacht.

All jenen, die es trotz der vielen logistischen Hürden in die Kinos schafften, spendete nur die hohe Qualität der ersten Weltpremieren Trost. Die Eröffnung bestritt man mit „Madres paralelas“, dem neuen Film des spanischen Postmodernisten Pedro Almodóvar: Als die Parallelmütter des Titels treten darin die langjährige Almodóvar-Komplizin Penélope Cruz sowie die junge Milena Smit in Szene: Das anfängliche Routinedrama zweier im Krankenhaus vertauschter Babys entwickelt der Melo- und Thriller-Meister in eine an Kippeffekten und gesellschaftspolitischen Interventionen reiche Beziehungsstudie weiter.

Aber während Almodóvar in aller Souveränität bei seinen bewährten Erzähl- und Stilmitteln blieb, wagte sich seine neuseeländische Kollegin Jane Campion viel tiefer noch in die Zwielichtzonen der menschlichen Psyche. Ihr Meta-Western „The Power of the Dog“, die Netflix-Adaption eines 1967 erschienenen Romans von Thomas Savage, erzählt in gewaltigen Bildern und mit wagemutigem Ensemble von einem ungleichen Brüderpaar, das in Montana 1925 gemeinsam eine Ranch führt. Als der ruhige, in eine bürgerliche Existenz drängende Bruder (Jesse Plemons) eine Ehefrau (Kirsten Dunst) mit erwachsenem Sohn (Kodi Smit-McPhee) nach Hause bringt, dreht der sich als hartgesottener Cowboy gerierende Bruder (Benedict Cumberbatch) durch.

Campion seziert in ihrem ersten Kinofilm seit 12 Jahren (zwischendurch drehte sie die Serie „Top of the Lake“) die Konfusion der Gefühle unter dem Druck von Verdrängung und Triebaufschub, als vieldeutige Erzählung von toxischer Männlichkeit und gegenstrategischer Queerness. Wenn „The Power of the Dog“ zeitweise auch an den exzentrischen Monumentalismus des US-Regisseurs Paul Thomas Anderson erinnert, so liegt dies auch am Soundtrack. Der britische Musiker Jonny Greenwood, der seine Popkarriere als Mitglied der Band Radiohead mit einer Laufbahn als einer der gefragtesten Filmkomponisten der Gegenwart zu vereinen weiß, hat Campions Film mit starken, avancierten Klangtexturen veredelt: Neue Musik für eine psychologisch und ästhetisch diffizile Familienoper. Ein erstes Meisterwerk dieses Festivals.

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