Mut zum Widerstand: Preisträger Mohammad Rasoulof („There Is No Evil“) wurde zugeschaltet
Mut zum Widerstand: Preisträger Mohammad Rasoulof („There Is No Evil“) wurde zugeschaltet

© APA/AFP

Kultur
03/01/2020

Berlinale-Tagebuch (IV): Die Festivalpreise

Ein Bär für die Dissidenz – und ein kleiner Sieg für Österreichs Filmkunst.

von Stefan Grissemann

Ethik und Ästhetik sind im Kino schwer voneinander zu trennen. Der Goldene Bär der 70. Berlinale ging daher am Samstagabend an einen Film, der – rein künstlerisch betrachtet – sicher nicht zu den stärksten Arbeiten des diesjährigen Wettbewerbs gehörte, in seinem Mut zum Widerstand gegen ein totalitäres Regime aber tatsächlich einsam herausragte: „There Is No Evil“ des Iraners Mohammad Rasoulof ist ein aus vier Kurzfilmen kompiliertes Epos, das sich mit der Todesstrafe auseinandersetzt – und mit jenen, die sie exekutieren müssen.

Rasoulof selbst konnte seinen Preis nicht abholen, da die iranischen Behörden dem unliebsamen Künstler den Pass abgenommen hatten. Er macht trotz Arbeitsverbot unerschrocken weiter, gibt in fernmündlichen Interviews Auskunft über Zensurbedingungen und Haftstrafen für regimekritische Kunstschaffende in seiner Heimat – und gießt seine Dissidenz in unmissverständlich agitatorische Filme wie „There Is No Evil“.

Nicht weniger kämpferisch erschien – wenn auch diese Filmemacherin persönlich nicht annähernd so viel riskiert wie Rasoulof – Eliza Hittmans „Never Rarely Sometimes Always“, ein amerikanisches, formal souverän realisiertes Teeneger-Abtreibungsdrama, das mit dem Großen Preis der Jury, einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Als besten Regisseur würdigte man den Koreaner Hong Sang-soo, der „The Woman Who Ran“ in seinem gewohnten Stil abfasste: eine in realistischen, unspektakulären Bildern inszenierte Serie von Unterredungen und Minidramen, die in cleveren Schleifen Alltagsrituale, Wiederholung und Differenz feierte.

Mythische Titelheldin. Paula Beer wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Die deutsche Schauspielerin Paula Beer, die in Christian Petzolds „Undine“ die mythische Titelheldin gibt, wurde zur besten Darstellerin gekürt, der Italiener Elio Germano für seine Performance als der Außenseitermalers Antonio Ligabue (1899–1965) in „Hidden Away“ geehrt. Einen weiteren Bären in Silber, für das beste Drehbuch, vergab die Jury um Jeremy Irons ausgerechnet an die zynische Italo-Comedy „Bad Tales“ der jungen D’Innocenzo-Brüder, in der Germano ebenfalls auftritt.

Für seine herausragende künstlerische Leistung als Kameramann des russischen Sex- und Folterdramas „DAU. Natasha“ wurde der bald 80-jährige Jürgen Jürges ausgezeichnet, der einst auch für Fassbinder („Fontane Effi Briest“) und Haneke („Code inconnu“) fotografiert hat. Einen Silbernen Bären erhielt das französische Comedy-Regieduo Gustave Kervern und Benoît Delépine, dem mit „Effacer l’historique“ (Verlauf löschen) das – bei allen inszenatorischen Unebenheiten – wohl heiterste Werk des Festivals gelungen ist.

Sandra Wollner. Spezialpreis der Jury für Österreicherin.

Eine kleine Sensation für das österreichische Gegenwartskino gab es am Ende auch noch zu verzeichnen: In der experimentelleren Formaten vorbehaltenen zweiten Wettbewerbsschiene „Encounters“ erhielt die gebürtige Steirerin, heute in Berlin lebende Filmemacherin Sandra Wollner für ihre subtil-gespenstische Androidenerzählung „The Trouble with Being Born“ den Spezialpreis der Jury. Ein Porträt Wollners erschien in profil bereits vor ein paar Wochen. Ende März wird dieser bemerkenswerte Film bei der Diagonale in Graz seine Österreich-Premiere feiern.