Christopher Nolans faszinierendes Weltraumepos "Interstellar"

Christopher Nolans faszinierendes Weltraumepos "Interstellar"

Logikschleife in der fünften Dimension: Christopher Nolans "Interstellar“ träumt sich als kosmische Kernfusion von Philosophie und Entertainment zurück in die Zukunft.

Mit theoretischer Physik weiß das amerikanische Mainstream-Kino üblicherweise so wenig anzufangen wie Andreas Gabalier mit Musique concrète. Regisseur Christopher Nolan, 44, ist da anders; er kann der mathematischen Durchdringung astrophysikalischer Systeme durchaus einiges abgewinnen und denkt sich in seinem jüngsten - naturgemäß populär formatierten - Epos sogar versuchsweise in die fünfte Dimension hinein. Nolans "Interstellar“ erreicht diese Woche nahezu weltweit die Kinos, und er wird zweifellos zu den wesentlichen Filmen dieses Jahres gehören.

Von Science-Fiction ist hier zunächst weit und breit keine Spur, Nolan malt lieber ein seltsam vertraut erscheinendes prä-apokalyptisches Szenario an die Wand: Das Amerika der nahen Zukunft ist Farmland geworden, heimgesucht von Dürre und Sandstürmen, die Hochtechnologiegesellschaft scheint abgeschafft. Die Probleme sind damit nicht gelöst: Sauerstoffarmut bedroht die Menschheit. Doch die NASA, die Hollywood-Lobbying gegenwärtig gut brauchen kann, hegt Pläne zur Rettung unserer Zivilisation.

Für einen Weltallreisefilm, zu dem sich "Interstellar“ erst nach etwa einer Stunde entwickelt, mutet Nolans Inszenierung ausgesprochen erdverbunden an. Das liegt auch an ihrem Star: Matthew McConaughey stellt in "Interstellar“ sehr unprätentiös einen Piloten dar, den die NASA in geheimer Weltrettungsmission rekrutiert. Er macht sich mit kleiner Crew auf, fremde Planeten zu erkunden. Auf den Erkenntnissen des renommierten Gravitationsforschers und Astrophysikers Kip Thorne beruht die wissenschaftliche Spekulation, die dieser Film wagt; Thorne stand als Berater und Spezialist für das Gedankenmodell gekrümmter Raumzeit zur Verfügung, verhalf den Drehbuchautoren dazu, gleichsam fünfdimensional zu denken. Die Raumfahrer fassen eine Zeitreise durch den Tunnel eines Wurmlochs ins Auge, durch einen sich öffnenden Riss im Raumzeitkontinuum, um in eine fremde Galaxie zu gelangen, in der sich erdähnliche Planeten befinden, die von der Menschheit besiedelt werden könnten.

Die Phantasterei liegt dem gebürtigen Londoner Christopher Nolan nahe, seine Filmkarriere begann früh: Als Siebenjähriger eignete er sich die Super-8-Kamera seines Vaters an, und während er noch englische Literatur studierte, stellte er nebenbei 16mm-Filme an seiner Universität her. Mit 28 legte er sein Regiedebüt vor, den Mystery-Thriller "Following“ (1998): Die Low-Budget-Produktion führte Nolan zu seinem ersten globalen Erfolg, der ihn als den schon damals originellsten Geist im Independent-Sektor etablierte - "Memento“ (2000) handelt von einem Verzweifelten, der trotz seines zerstörten Kurzzeitspeichers den Mord an seiner Frau aufklären will und dabei immer neue Gedächtnisstützen braucht; Nolans Lieblingsthemen sind in dieser zugleich vorwärts und rückwärts erzählten Geschichte etabliert: Zeit und Erinnerung.

Nolans Batman-Serie, der Relaunch eines Comics-Mythos aus den späten 1930er-Jahren, wird 2005 mit "Batman Begins“ - bei globalen Einspielergebnissen von immerhin 375 Millionen Dollar - noch vergleichsweise moderat eingeläutet. "The Dark Knight“ bringt 2008 bereits mehr als eine Milliarde ein, "The Dark Knight Rises“ (2012) sogar fast 1,1 Milliarden Dollar; beide Filme gehören zu den populärsten Kinoarbeiten der vergangenen Jahrzehnte. Und doch trägt der Hype um die "Dark Knight“-Blockbuster dazu bei, dass Nolan als typisch versierte Hollywood-Industriekraft unterschätzt wird. Christopher Nolans Bruder Jonathan, sechs Jahre jünger als der Regisseur, ist sein wichtigster Mitarbeiter: Er schrieb die Kurzgeschichte, aus der "Memento“ wurde, und er trat als Co-Autor der "Dark Knight“-Filme auf, mit denen sein Bruder sich in Hollywood unentbehrlich machte. Familiäre Kooperation ist die Basis dieses Aufstiegs: Christopher Nolans Frau, Emma Thomas, hat jeden seiner Filme koproduziert. Mit ihr zusammen betreibt er, obwohl das Paar inzwischen in Los Angeles lebt, das in London ansässige Produktionsunternehmen Syncopy Films; der Name leitet sich von dem englischen Wort "syncope“ ab - dem medizinischen Begriff für eine plötzlich einsetzende, kurze Bewusstlosigkeit.

Ästhetik der Bewusstseinsstörung
Tatsächlich arbeitet der Regisseur seit jeher an einer Ästhetik der Bewusstseinsstörung. So stellt auch "Interstellar“ spannende filmische Fragen: Die Parallelmontagen zwischen All und Erde etwa werden von der Tatsache unterminiert, dass die Zeitebenen massiv auseinanderzudriften drohen. Und Nolan sorgt für weibliche Gegenblicke zum gut gemeinten Machismo des Protagonisten: Anne Hathaway spielt McConaugheys kritische Expeditions-Mitstreiterin, Jessica Chastain seine zornig erwachsen gewordene Tochter, die er einst allein gelassen hat. Renommierte Nebendarsteller wie Michael Caine und John Lithgow, Ellen Burstyn, Casey Affleck und Matt Damon komplettieren das Bild. "Interstellar“, erneut geschrieben von Jonathan und Christopher Nolan, reflektiert auf faszinierende Weise das Wesen des Zeitflusses und des Universums, ohne auf betäubende Action-Dramaturgie zu setzen. Sogar Soundtrack-Routinier Hans Zimmer legt keine seiner gefürchteten Emotions-Kompositionen vor, sondern fast minimalistische, dunkel orgelnde Klänge.

Die Zeit ist das Zentrum dieses Films, ihre Relativität Teil des Trauerspiels: Während jeder Stunde, die das Team auf einem der fremden Planeten verbringt, vergehen auf der Erde sieben Jahre. Ein kurzer erster Ausflug kostet sie mehr als 23 Jahre irdischer Zeit; mit dem sprunghaften Altern all derer, die auf der Erde oder in der Raumstation zurückblieben, ist kaum umzugehen. "Interstellar“ entfaltet sich dagegen erstaunlich langsam, in gemessenem Tempo, was die 170 Minuten Laufzeit keineswegs zäh erscheinen lässt; Nolans zart-sentimental getönte Inszenierung hat wenig von dem handelsüblichen Bombardement der Sinne, sie ermüdet nicht, der Sinn des Regisseurs für das passende Erzähltempo ist evident. Der Brite bezieht sich übrigens explizit auf "das Goldene Zeitalter der Blockbuster“, das futuristische Kino seiner Kindheit, die populären Großproduktionen der 1970er- und 1980er-Jahre. Tatsächlich ist aber vor allem Stanley Kubricks "2001“ das übermächtige Modell hinter diesem Film, das vom ironischen Bordcomputer bis zu den existenziellen Schlagseiten der Erzählung reicht: "Interstellar“ unternimmt erneut die Quadratur des Kreises, die Verbindung von Massenunterhaltung und Philosophie, von Science- und Pulp-Fiction.

Liebe zum analogen Film
Christopher Nolans Liebe zum analogen Film ist bekannt; gedreht wurde auf analogem 35- und 70mm-Film, zum Teil im extrateuren IMAX-Verfahren, mit einem Budget von 165 Millionen Dollar: gigantischer Aufwand für ein Gedankenexperiment, eine Möbiusschleife dieser Art. Die Selbstbeschränkung auf das Wesentliche ist das Atout dieses Films: "Interstellar“ ist eben keine Special-Effects-Orgie, kein bloß industrielles Produkt; das Überraschende an diesem Film sind gerade der klug in Szene gesetzte Mangel an SciFi-Exotismus, der bewusst knappe Einsatz "visionärer“ Bilder, die spürbar persönliche Handschrift Nolans.

Gegen das Finale dieses Films wirkt das aktuelle 3D-Kino wie ein nostalgischer Taschenspielertrick, denn Nolan ist längst zwei Dimensionen weiter: Im "Interstellar“-Hyperraum, einem Spiegelkorridor im Universum mit Direktzugang zum Unbewussten, lassen sich alte Fragen auf entschieden neue Weise lösen.