Cinema Next: „Nachhaltige Förderung gibt es nicht“

Cinema Next: „Nachhaltige Förderung gibt es nicht“

Katja Jäger und Dominik Tschütscher haben in den vergangenen fünf Jahren die Initiative „Cinema Next - Junges Kino aus Österreich“ aufgebaut, um dem heimischen Nachwuchsfilm eine Plattform zu geben. Heuer stellen die beiden zudem ausgewählte Nachwuchsarbeiten beim „Crossing Europe Filmfestival" in Linz vor. Ein Gespräch über Feldarbeit, zufällige Filmerfolge und fehlende Nachwuchsstrukturen.

profil: Sie sind heuer mit „Cinema Next“ erstmals beim „Crossing Europe Filmfestival“ in Linz mit einer Programmschiene vertreten. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Dominik Tschütscher: Ich habe mir nach dem Festival im vergangenen Jahr überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, das Festival für mittellange Arbeiten von Regisseuren zu öffnen, die in den nächsten Jahren ihre Debüts im Langspielfilmbereich geben werden. Zudem wollten wir nach fünf Jahren „Cinema Next“ in Österreich die Fühler ausstrecken und uns mit Nachwuchsinitiativen aus anderen europäischen Ländern vernetzen. Dafür schien mir das „Crossing Europe Filmfestival“ sehr gut geeignet. Festivalleiterin Christine Dollhofer hat dann auch sehr positiv auf unsere Idee reagiert und gesehen, dass ihr Festival für eine solche Präsentations- und Vernetzungsplattform ideal ist. Denn das „Crossing Europe“ steht auch dafür, junge Filmemacherinnen und Filmemacher sowie Studierende der Fachhochschulen und Kunstuniversitäten anzusprechen. Am Ende haben wir heuer den Fokus in erster Linie auf das Filmprogramm gelegt.
Katja Jäger: Seit Beginn unserer Arbeit gab es den Anspruch, sich nicht nur auf Wien, sondern auch auf die Bundesländer und darüber hinaus auf eine europäische Ebene zu konzentrieren. Dadurch lässt sich auch das junge österreichische Filmschaffen in einem europäischen Kontext besser abbilden.


Zwischen klassischer Filmförderung und Selbstausbeutung gibt es wenig Platz (Katja Jäger)

profil: Wie erfolgreich war Ihre Arbeit bisher?
Tschütscher: Es ist uns ganz gut gelungen, für uns neben Wien in einigen Bundesländern eine filminteressierte und sich austauschende Community aufzubauen und dort den jungen heimischen Film sichtbar zu machen. Wir können allerdings vor allem dort „Feldarbeit“ leisten, wo schon etwas Filmkultur vorherrscht. In Bundesländern wie in Vorarlberg, dem Burgenland, in Niederösterreich und Kärnten, wo es nicht wirklich eine breite Community gibt, ist es für uns natürlich schwieriger, etwas zu gestalten.
Jäger: Am Anfang war das harte Aufbauarbeit und wir mussten uns hin und wieder anhören, dass es so eine Initiative nicht brauche und es sowieso keine Mittel dafür gebe. Wir sind aber hartnäckig geblieben, haben ein Paket geschnürt und begonnen, die ersten Schritte umzusetzen. Und manche Aufgaben und Projekte können wir einfach schneller umsetzen, als größere Institutionen oder Förderer.

profil: Wie hat die etablierte Filmbranche Ihre Initiative aufgenommen?
Jäger: Unterschiedlich. Junge Produzentinnen und Produzenten sowie Produktionsfirmen kommen immer wieder zu unseren Veranstaltungen. Beim Screening der Filme der Startstipendiaten des Bundeskanzleramts waren mehr Leute aus der Branche als sonst. Unsere „Talents to Watch“-Reihe auf unserer Website wird auch ganz gut wahrgenommen.
Tschütscher: Unsere Arbeit wird sicherlich registriert. Wir informieren viel und erweitern unser Netzwerk ständig. Wie stark unsere Inhalte wahrgenommen werden, ist schwer zu sagen. In der etablierten Branche gibt es aber sicherlich noch Luft nach oben. Bei den Screenings ist in erster Linie eine jüngere Community anwesend. Mit den Vorfilmen erreichen wir aber ein ganz normales Kinopublikum.

Cinema Next beim Crossing Europe Filmfestival in Linz

Cinema Next beim Crossing Europe Filmfestival in Linz

profil: Wie schwer ist in Österreich der Übergang vom Nachwuchsfilm zum professionellen Film?
Jäger: Da wir keine Filmemacher sind, können wir nur über das sprechen, was wir beobachten. Einerseits gibt es immer wieder Debütfilme, die von großen Produktionsfirmen produziert werden. Für solche Werkstattprojekte ist die klassische Förderstruktur sicherlich gut. Andererseits gründen sich kleine Produktionsfirmen, die ihre Arbeiten selbst umsetzen; z.B. „Talea“ von Katharina Mückstein oder „Soldate Jeannette“ von Daniel Hoesl. Diese Projekte werden oft erst durch die „kleine“ Filmförderung des Bundeskanzleramts möglich, sind aber mit einem hohen Maß an Selbstausbeutung verbunden. Zwischen diesen beiden Ebenen gibt es wenig Platz.
Tschütscher: Der Direktor des österreichischen Filminstituts, Roland Teichmann, hat erst vor kurzem einmal sinngemäß gesagt, dass die Herausforderung darin besteht, eine Struktur zu kreieren, welche dieser Zufälligkeit von Erfolgen im Nachwuchsbereich entgegenwirkt, sonst verliere der österreichische Film im internationalen Kontext an Anschluss. Denn manchmal ist es tatsächlich nur Zufall, wer auftaucht und wer nicht. Die beiden eben genannten Filme - oder auch „Parabellum“ von Lukas Valenta Rinner, den wir in Linz zeigen, - sind alle außerhalb des etablierten, kommerziell ausgerichteten Systems gemacht worden. Wenn diese Filme in der Folge erfolgreich werden, gibt es eventuell die Möglichkeit, im etablierten System weiterzuarbeiten. Aber das ist ein großer Schritt und es wäre sinnvoll, hier systematischer vorzugehen und nicht nur darauf zu hoffen, dass sich diese Leute durchbeißen und ihre Filme machen. Auf diese Zufälligkeit sollte man sich nicht verlassen. Aber eine systematische, nachhaltige Nachwuchsförderung - auf Ebene der großen Filmförderung - gibt es hierzulande nicht.


Das kann dazu führen, dass spannende Projekte auf der Strecke bleiben (Dominik Tschütscher)

profil: Wie könnte diese aussehen?
Jäger: Wenn dein erster Film kein Kassenschlager geworden und nicht in die Verwertungsschiene gekommen ist, wird es oft schon schwierig, einen zweiten Film machen zu können. Es bräuchte allerdings mehr Möglichkeiten, sich beweisen zu können. Aber es gibt natürlich auch Filmemacherinnen und Filmemacher, die gar nicht in das System hineinwollen, da sie dann eventuell Kompromisse beim Umsetzen ihrer Arbeiten eingehen müssten. Aber um nachhaltig vom Filmemachen leben zu können, braucht es gewisse Strukturen.
Tschütscher: Hier kommt der Labor-Gedanke ins Spiel, den auch Roland Teichmann immer wieder fallen lässt. Es bräuchte eine Struktur, in der jungen Filmemachern die Möglichkeit gegeben wird, im Rahmen von Budgets im mittleren sechsstelligen Bereich ihre ersten Filme umzusetzen. Denn mit einem solchen Budget hätten derzeit unabhängig produzierte Filme gleich ganz andere Möglichkeiten. Momentan ist es nämlich häufig so, dass du vom Kurzfilmbereich mit einem Budget von vielleicht 20.000 Euro gleich in den Langspielfilmbereich mit einem Budget von 1,5 bis 2 Millionen Euro geworfen wirst. Das kann aber für einige ein zu großer Sprung sein und dazu führen, dass spannende Projekte auf der Strecke bleiben.

profil: Wie viele Personen und Filme umfasst der Nachwuchsfilm in Österreich eigentlich?
Jäger: Wir haben in den letzten Jahren fast immer 100 Filme pro Jahr gezeigt. Davon produziert rund die Hälfte der Filmemacher regelmäßig Filme. Insgesamt werden aber deutlich mehr produziert.
Tschütscher: Nur schon bei der „Local Artists“-Schiene beim „Crossing Europe“ zum Beispiel fallen rund 40 Filme in die Kategorie Nachwuchsfilm. Und das sind nur die, die ins Festivalprogramm aufgenommen wurden. Natürlich wollen oder können nicht alle diese Filmemacher später Kinofilme machen. Und viele davon sehen sich auch mehr als Kunstschaffende denn als FilmemacherIn.

profil: Abschließend, wie würden Sie den jungen österreichischen Film in drei Wörtern beschreiben?
Jäger: Mutig.
Tschütscher: Lebendig
Jäger: Qualitativ auf hohem Niveau. Geht das als ein Wort durch?

Zu den Personen:
Katja Jäger (35) und Dominik Tschütscher (37) leiteten von 2001 bis 2010 das „film:riss"-Studentenfilmfestival in Salzburg. Nach dessen Einstellung haben die beiden die Initiative "Cinema Next - Junges Kino aus Österreich" gegründet und aufgebaut.