Debatte: Pornografie im Namen des Feminismus

ROLLENSPIELE - Umdrehung der Geschlechterklischees: Szene aus dem alternativ-pornografischen Film "(S)he Comes“, 2014

ROLLENSPIELE - Umdrehung der Geschlechterklischees: Szene aus dem alternativ-pornografischen Film "(S)he Comes“, 2014

Eine Gruppe von Feministinnen sagt der Sexindustrie den Kampf an. Ihr Ziel: die Produktion ethisch korrekter Pornografie. Eine Bewegung mit hohen Ansprüchen - und oft niedrigen Umsätzen.

Ein Paar im Sexshop: Sie probiert Dessous, er steht erwartungsvoll vor der Kabine. Die Verkäuferin überreicht ihr knallrote Lackstiefel, sie nimmt sie lächelnd entgegen. Schnitt. Bleistiftabsätze, die Krempe bis über die Knie. Elegantes Stolzieren. Die Kamera schwenkt nach oben: Er trägt die Lackschuhe, dreht sich, präsentiert sich. Sie blickt ihm lüstern auf den nackten Hintern, grinst.

Während es um die Frauenrechtsbewegung ruhiger geworden ist, wagt deren pornofreundliche Fraktion nun eine neue Offensive. Jahrzehnte nach ihrer Entstehung scheint feministische Pornografie inzwischen auf dem Weg zu einer gewissen Popularität zu sein. Die wenigen Produzentinnen dieser Sparte werden durch die Medien gereicht, online werden Tipps für selbst gedrehte Sexfilm-Alternativen angeboten, gepaart mit dem Aufruf, selbst Teil der Szene zu werden. Feministische Pornografie spielt mit Widersprüchen und Klischees: Sie will Tabus brechen und überraschen - wie die eingangs beschriebene Szene, die aus dem Film "(S)he Comes“ der Regisseurin Petra Joy stammt. Den Kämpferinnen gegen die männerzentrierte Mainstream-Pornobranche geht es vor allem darum, Sexualität aus weiblicher Perspektive abzubilden. Geboten wird echter Sex ohne Drehbuch, nur Rahmenbedingungen und Geschichte werden festgelegt. Das Wichtigste aber: der Genuss der Darstellerinnen und Zuschauerinnen. Cum-shots, bei denen der Frau ins Gesicht ejakuliert wird, sind tabu, ebenso fingierte Orgasmen und Silikonbrüste. Stattdessen zeigt man, so die Idee, authentische Lust. Außerdem gilt in der Feminismus-Nische ein Grundsatz, der innerhalb wie außerhalb der Sexindustrie eigentlich selbstverständlich sein sollte: das Konsens-Prinzip. Wer nicht will, muss nicht. Alles passiert mit Einverständnis der Beteiligten.

"Sexpositive" Feministinnen

Die Anfänge der feministischen Pornografie liegen in der Frauenrechtsbewegung der 1980er-Jahre, die sich - in Abgrenzung von der filmlustfeindlichen Fraktion - "sexpositiv“ nannte. Die Erotikindustrie war gewachsen, der Feminismus zunächst vehement antipornografisch geprägt. Radikale Vertreterinnen, allen voran Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon, hatten noch in den 1970er-Jahren ein Anti-Pornografie-Gesetz gefordert: Die Filme, so argumentierten sie, degradierten Frauen zu Sexobjekten, animierten zu Gewalt, seien als Verletzung der Bürgerrechte anzusehen. Der Ruf nach Verbot ging jedoch vielen Aktivistinnen zu weit, der sexpositive Flügel formierte sich. Auch seine Sympathisantinnen sahen in Industrie-Sexfilmen Frauenfeindlichkeit, wollten Pornografie an sich dennoch nicht zensurieren, wie die US-Journalistin und Feministin Ellen Willis 1979 erklärte: Viele Frauen würden sich durch die Verteufelung der Erotikindustrie erst recht für ihre sexuellen Neigungen schämen. Ein Verbot hätte damit den gegenteiligen Effekt. Stattdessen griffen Frauen selbst zur Kamera, wurden zu unabhängigen Produzentinnen und Regisseurinnen. Antipornografische Feministinnen wollten keine explizite Erotik, sexpositive Feministinnen dagegen mehr davon - nur eben anders. So geriet man innerhalb der Bewegung heftig aneinander: Die "Feminist Sex Wars“ begannen. Der Gesetzesentwurf scheiterte.

Wenige Jahre später schwappte die Diskussion nach Europa über. 1987 forderte auch die deutsche Feministin Alice Schwarzer in einer von drei "PorNO“-Kampagnen ein deutsches Anti-Pornografie-Gesetz. In einem Artikel zur Begründung des Gesetzesentwurfs hieß es: "Pornografie ist Teil der sexuellen Gewalt - eben jener Gewalt, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts die Menschenwürde abspricht und ihre Gleichberechtigung verhindert.“ Pornografische Filme seien folglich kein Instrument der Lust, sondern der sexualisierten Macht und stellten eine Menschenrechtsverletzung dar.


Mainstream-Porno ist eine normierende, unrealistische Leistungsschau. Er fokussiert auf männliche Sexualität, engt Frauen wie Männer ein. (Laura Méritt, Kommunikationswissenschafterin)

Aber kann es feministische Pornografie überhaupt geben, wenn man lediglich Geschlechterrollen unterläuft, nicht jedoch die konventionelle Form der Pornografie? Läuft man da, trotz bester Absichten, nicht Gefahr, Teil jener Industrie zu werden, die man selbst am lautesten kritisiert? Die Kommunikationswissenschafterin Laura Méritt meint keinen Widerspruch zu erkennen: "Mainstream-Porno ist eine normierende, unrealistische Leistungsschau. Er fokussiert auf männliche Sexualität, engt Frauen wie Männer ein“, kritisiert auch sie. Gerade deshalb unterstützt die sexpositive Aktivistin Frauen, die alternative Erotikfilme produzieren. Méritt betreibt ihren eigenen Sexshop und lädt jede Woche, nicht ohne Ironie, in den Berliner "Freudensalon“: Stöhnmeditation, Beckenbodentraining und feministischer Porno stehen da etwa auf dem Programm.

In Anlehnung an die Feminist Porn Awards in Kanada riefen Méritt und ihre Kolleginnen 2009 den "PorYes“-Award ins Leben, den europäischen Filmpreis für feministische Erotika. Die Verleihung soll Aufmerksamkeit erregen, Bewusstsein schaffen. Am 17. Oktober soll die Auster, das Symbol für die sexpositive Bewegung, in Berlin zum vierten Mal vergeben werden. Unter den vergangenen Preisträgerinnen finden sich Pionierinnen des feministischen Pornos wie die Amerikanerinnen Candida Royalle und Annie Sprinkle, aber auch Petra Joy. Royalle, in ihren Zwanzigern selbst Pornodarstellerin, gründete als eine der ersten Frauen 1984 ihre eigene Produktionsfirma "Femme Productions“. Mittlerweile haben sich die Brennpunkte des Indie-Porn von den USA auf Deutschland und Spanien (wo etwa die schwedische Regisseurin-Produzentin Erika Lust arbeitet) ausgeweitet. Auch in Australien greifen laut Petra Joy immer mehr Frauen selbst zur Kamera.

Degradierte Männer?

Ein Mann tanzt zwischen roten und schwarzen Luftballons, in seiner Hand eine Rose. Sein Körper pulsiert im Takt der Musik. Lustvoll-verrucht blickt er in die Kamera. Genüsslich streckt er seine Zunge nach der Rose aus, leckt über die Blütenblätter. Später lehnt er sich in einem Sessel zurück, masturbiert: Feministischer Porno dreht den Spieß um, macht Männer statt Frauen zu Objekten der Begierde. In einer weiteren Szene in "(S)he Comes“ drillt eine Darstellerin ihren Liebhaber am Strand: Liegestütze zu ihren Füßen, Pfiff. Aufstehen, Sprint. Pfiff. Und wieder auf den Boden. Sieht so Gleichberechtigung aus? Fühlen sich Männer durch solche Bilder nicht ebenso degradiert wie Frauen in Mainstream-Pornos? Bishop Black, Darsteller in Joys Ende 2015 erscheinendem Film "Come Together“, verneint: "Natürlich besteht wie in vielen Bewegungen die Gefahr, in ein Extrem umzuschlagen, das mit der ursprünglichen Intention nicht mehr vereinbar ist. Aber Darsteller in feministischen Pornos haben die Freiheit, zu sagen, wenn sie sich unwohl fühlen.“

Bei aller Kritik an der Industrie tastet man das Grundkonzept Porno auch hier nicht an. Denn wer die Masse erreichen will, muss liefern, was sie möchte: explizite Inhalte, simple Darstellungen. Niemand will bei der bildunterstützten Selbstbefriedigung Liebesgeständnisse oder gar Genderdebatten hören. Man will sehen, was Lust macht. Alternative Sexfilme lösen sich nicht von den Spielregeln der Industrie, sondern variieren deren Spielarten. Ob Mann, Frau oder Transgender, alle werden darin gleichermaßen zu Objekten - oder eben: zu gleichberechtigten Lustvorlagen mit feministischem Logo.

Knapp 80 Prozent der über 3000 befragten Internetuser zwischen 14 und 29 Jahren haben laut österreichischem Jugend-Trend-Monitor 2014 schon einmal einen Porno gesehen. Gerade deshalb seien feministische Erotika eine boomende Sparte, so Méritt: "In einer übersexualisierten Gesellschaft wie der unseren kann alternativer Porno große Wirkung haben. Für Qualität sind die Menschen durchaus bereit zu zahlen - auch junge Menschen und Männer.“ Der Geschlechterunterschied ist groß: Während fast 40 Prozent der männlichen Befragten mindestens ein Mal pro Woche auf Internetsites mit expliziten Inhalten surfen, sind es unter den jungen Frauen gerade einmal 3,5 Prozent. Der Markt ist klar männerdominiert, das Angebot für Frauen überschaubar. Die von einigen Gratis-Sites angebotene Kategorie "Female-friendly“ wird zwar teilweise von Frauen produziert, bildet aber ebenso wie Durchschnittsfilme meist ein Hetero-Paar ab, dessen Sex mit der Ejakulation des Mannes endet.


Feministischer Porno ist nicht nur für Frauen ansprechender, sondern auch für Männer, die den Mainstream als eindimensional empfinden. (Bishop Black, Alternative-Porn-Darsteller)

Alternative porn spielt sich fast ausschließlich hinter Paywalls ab. Kurze Ausschnitte gibt es kostenlos, wer auf den Geschmack gekommen ist, muss zahlen. Um die 100 Dollar kostet ein Jahresabo. DVDs sind kaum zu bekommen, die wenigsten Sexshops führen subkulturelle Erotikfilme. In vielen Ländern verhindern eigene Gesetze die Verbreitung feministischer Pornografie: Das Zeigen weiblicher Ejakulation etwa ist in Großbritannien verboten.

Dass Praktiken wie Anal-Fisting bei Jugendlichen bleibende Eindrücke hinterlassen, liegt nahe: Fast jeder dritte Pubertierende sieht Sexfilme, um sich Anregungen zu holen. Die Produzentinnen alternativer Erotika bauen auf diesen Nachahmeffekt. "Feministischer Porno ist nicht nur für Frauen ansprechender, sondern auch für Männer, die den Mainstream als eindimensional empfinden“, ist Bishop Black von der Wirkung überzeugt. Warum lässt sich trotzdem mit frauenzentrierten Filmen so schwer Geld machen? Warum lehnen Produktionsfirmen und Vertreiber alternative Pornografie meist ab? Und warum ist diese spezielle Branche so klein, dass sich fast alle Produzentinnen persönlich kennen? Nach wie vor sind User kaum dazu zu bewegen, bei der Flut an Gratisbildern für erotische Filme zu bezahlen. Außerdem ist feministischer Porno immer noch nur wenigen ein Begriff.

Rote Rose im Haar, Perlenkette um den Hals, hüllenlos: Eine Frau Mitte 50 wird von ihrem Liebhaber wie eine Prinzessin ins Bett getragen. Sanft legt er sie auf die Matratze. Mit den Zähnen zieht er die Perlenkette ihren Bauch entlang nach unten, sein Gesicht verschwindet zwischen ihren Beinen. - Sex in höherem Alter? In einer Industrie, in der 30-Jährige als alt gelten, würde die 56-jährige Darstellerin Cora Emens auf wenig Begeisterung stoßen. Regisseurinnen wie Petra Joy wollen solche Szenen zeigen. Denn was heute unter dem Titel feministischer Pornografie verkauft wird, geht oft weit über die klassischen Anliegen der Frauenrechtsbewegung hinaus. So entstand das Label Fair-Porn: ethisch korrekte Sexdarstellungen, die gegen Rollenklischees arbeiten, Gender-Grenzen aufweichen und Schönheitsideale infrage stellen, zudem Safer Sex propagieren, alternative Praktiken thematisieren - und allen Beteiligten Spaß machen. Feministischer Porno ist damit vor allem eines: die linke Alternative zum sexistischen Barbie-Mainstream.