© dpa/Ingo Wagner

Kultur
08/21/2020

Der Bombenleger: Vor zehn Jahren starb der deutsche Aktionskünstler Christoph Schlingensief

Vor zehn Jahren starb der deutsche Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief. STEFAN GRISSEMANN über den Verlust einer produktiven Ruhestörung.

von Stefan Grissemann

Eine Gesellschaft in Abendkleidern wankt die Treppe der Mülheimer Thyssen-Villa hinauf, in das Finale eines nach Veit Harlans todessehnsüchtiger NS-Fabel "Opfergang" (1944) entworfenen Liebesseifenmelodrams. Die Menschen tragen Plastikhandschuhe und Schutzmasken, hegen panische Angst vor Nähe und Krankheit. Der Film heißt "Mutters Maske", gedreht wurde er 1987. Man blickt, wenn man die Arbeiten von Christoph Schlingensief heute wiedersieht, aus deren versunkener Gegenwart direkt in die Zukunft.

Komplexe Versuchsanordnungen
Zehn Jahre nach seinem Tod fehlt Schlingensief auch dieser seismografischen Qualität wegen mehr denn je. Die Zumutungen der politischen und sozialen Wirklichkeit wusste er stets in künstlerische Formen zu gießen, die zugleich unterhielten, verwirrten und per Grenzüberschreitung zum Denken zwangen. Von der Komplexität seiner Versuchsanordnungen kann man angesichts aktueller "Aufreger" nur noch träumen. Der wohlfeile, schlecht abgehangene Zynismus einer Lisa Eckhart,der niemanden mehr schockiert, sondern nur in die Hände derer spielt, die "das alles endlich wieder sagen dürfen" wollen, ist das schiere Gegenteil des belebenden Sarkasmus, mit dem Schlingensief alle sich anbietenden Gegner vor den Kopf stieß. Wenn er, gewohnt frontal, den Rassismus und Antisemitismus anzeigte, der in und unter uns ist, dann tat er dies auf eigenes Risiko und ohne das öde Sicherheitsnetz des "Ich spiele ja nur eine Rolle". Er setzte sich tatsächlich selbst aufs Spiel, übernahm persönlich Verantwortung und holte sich niemals billigen Applaus von der falschen Seite ab.

Was ihn antrieb, wie er sich selbst sah, was ihn begeisterte und was er rückhaltlos ablehnte, das alles kann man nun erneut ergründen anhand eines Buchs zum 10. Todestag, das - herausgegeben von Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz - 33 Interviews aus den Jahren 1984 bis 2010 versammelt. Es spricht für den Künstler, dass diese Gespräche ihn auch in der Zusammenschau nicht ganz fassen können, dass sein assoziatives Denken und Handeln den jeweiligen Debattenrahmen spielend sprengen. Aber das Buch zeichnet die Entwicklung vom postpubertären Jungfilmemacher zum erschöpften Hochkultur-Guerillero plastisch nach. Und man stellt fest, dass er lange vor seiner Krebsdiagnose schon von Krankheit und Nahtoderfahrung, von Hypochondrie und Chemotherapie, von Vorahnungen seines verfrühten Ablebens gesprochen hatte.

Dinge und Ideen aufeinanderprallen
Bereits als Kind hatte der aus Oberhausen stammende Sohn eines Apothekers kleine Spielfilme gedreht, die von Konfusion, Gebrüll und Improvisation geprägt waren; den Kontrollverlust und die Verzweiflung, aus der später viele seiner Aktionen, Bühnenstücke und Opern entstanden, machte er gern deutlich. Schlingensiefs Kunst war immer nah am Abgrund gebaut. Die dringend nötige Aktivierung seines Publikums sprach er schon 1984 an, im frühesten der im Buch kompilierten Gespräche, das er aus Anlass seines ersten Spielfilms ("Tunguska-Die Kisten sind da") einer Mülheimer Lokalzeitung gab: Er verlange "vom Zuschauer, dass er mich endlich mal vergisst, als jemand, der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken".

Die Banalität der bloßen "Provokation" suchte er nie, wenigstens nicht in dem oft unterstellten Sinn einer werbewirksamen Wichtigtuerei oder Selbststilisierung. Als "Enfant terrible" fühlte er sich missverstanden, reduziert. Schlingensief ließ die Dinge und Ideen aufeinanderprallen im Dienst einer "Erfrischung", aber Botschaften, die man sich ins Stammbuch oder hinter die Ohren hätte schreiben können, hatte er nicht anzubieten. Stattdessen: Überforderung, Reizüberflutung, Chaos. So bildete er die Welt ab, packte sie in die Nussschalen seiner Filme, Installationen und Theaterabende. Es gebe "nichts zu verstehen" in seinen Filmen, aber etwas "zu erleben".Er vertraute auf die erhellende Qualität einer offen zur Schau gestellten Peinlichkeit, sah das Scheitern als Chance, um etwas sichtbar zu machen, das uns alle betrifft. Die geplante Obszönität des "Ausländer raus"-Transparents auf dem "Abschiebungs-Container", den er im Rahmen der Festwochen im Juni 2000 vor der Wiener Oper errichtete, zeigte Wirkung, erhöhte den Druck, die Spannung und die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten.

Von einer Staatsbühne zur nächsten gereicht
Als Filmemacher sah er sich selbst im Grunde. Inspiriert von Werner Schroeter, Herbert Achternbusch, Werner Nekes und Luis Buñuel, vor allem aber von Rainer Werner Fassbinder, dessen Clique (Margit Carstensen, Irm Hermann, Volker Spengler) er wie besessen einsetzte, gestaltete er ein Sampling-und Meta-Kino, ein Remake-, Hommagen-und Paraphrasen-Inferno. Unter dem Motto "Mit der Faust auf die Leinwand" feierte er die "Freiheit des Machens", affizierte sein Publikum direkt, ließ es "nicht unbeteiligt". Ans Theater holte man ihn 1993, zum Fernsehen erstmals 1997, wo er in Talk- und Voting-Shows verlässlich den Punkt der Eskalation suchte. Er ging auf Konfrontation mit MTV, indem er in "U3000" (2000-2001), gedreht in der Berliner U-Bahn, den Zynismus einer Spendenshow auf die Spitze trieb, sich dabei ex negativo als Moralist erwies.

Das Manische in Schlingensiefs Kunstaktivismus war die Gegenseite seiner Depressionen. Unermüdlich arbeitete er sich an Faschismus und Kolonialismus ab, an Behinderung und Islamismus, am Neuen Deutschen Film und an alter deutscher Tradition. Je heftiger er gegen das Kultur-Establishment agitierte, desto konsequenter wurde er von diesem vereinnahmt. Er war der Staatsfeind, der von einer Staatsbühne zur nächsten gereicht wurde, wo man den bunten Hund als letzten Schrei und Demonstration seiner eigenen Weltoffenheit benutzte-am Burgtheater, an der Berliner Volksbühne, am Schauspielhaus Zürich, bei der documenta und der Biennale. Der größte Treppenwitz in der Geschichte des Radikalkünstlers Christoph Schlingensief war wohl die Einladung nach Bayreuth, wo er sich als Operndebütant 2004 an Wagners "Parsifal" versuchte. Andererseits: Wer, wenn nicht gerade er, wäre in der Lage, ein Terrorgesamtkunstwerk in bester Wagner-Tradition zu schaffen?

Theater der Handgreiflichkeit
Aber Schlingensief ließ sich nur so weit benutzen, wie er Lust dazu hatte; im Gegenzug benutzte er die Musentempel, um seine konfrontativen Thesen zu verbreiten und den geschlossenen Theaterraum zu öffnen, in dem, wie er sagte, "gesellschaftliche Veränderungen nicht mehr hervorgerufen" werden könnten. Dort könne nur nachgedacht, aber nicht mehr gehandelt werden. Deshalb plädiere er "für ein Theater der Handgreiflichkeit".

Provozieren wollte er vor allem sich selbst, um sich aus der Bequemlichkeit zu stoßen, ins Angstbesetzte zu springen, und er nutzte seinen Charme und sein Charisma, um Schreckenssituationen herzustellen. Er sprach, dachte und inszenierte ins Unsichere. Mit dem anarchischen Schauspieler Alfred Edel, dem sich Schlingensief sehr verbunden fühlte, teilte er die Lust am "Akausalen". Edel habe es zuwege gebracht, "eine Kupferkanne mit einem Blumenstrauß zu assoziieren",stellte Schlingensief einmal fest. Dies zeige, wie "großzügig im Herzen" Edel gewesen sei.

Wo er hintrat, stiftete er Verwirrung, stellte abwegige Verbindungen her und schloss Kontakte nur, um Sprengsätze zu zünden-aber nicht selbst entwickelte, sondern "bereits vorhandene Bomben".Dafür, sagte er, müsse man aber sein Kunstghetto verlassen und alle Abmachungen kündigen - auch auf die Gefahr hin, selbst mit in die Luft zu fliegen.

Schlingensief organisierte "ungeheure Mengen von Durcheinander", wie Alexander Kluge es einmal formulierte. Er sei "ein brillanter Dekonstrukteur, der das Theater durcheinanderwirbelt und ganze Städte".Er probe "wie ein zweijähriges Kind, das zu spielen beginnt". Die Detonationen aber, die Schlingensief so spielerisch herbeiführte, zeigten langfristig Wirkung; er brach den Routinebetrieb der Bühnen ebenso auf wie die Infrastruktur in Burkina Faso, wo er ein "Operndorf" aus dem Boden stampfte. Die Auseinandersetzung mit Afrika zog sich bis in seine allerletzte Inszenierung, "Via Intolleranza II",die Mitte Juni 2010, kaum mehr als zwei Monate vor seinem Tod, bei den Wiener Festwochen zu sehen war. "Ich gieße diesen Krebs in eine Form", hatte er 2008 noch gesagt und schuf mit seiner "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" und "Mea Culpa" zwei aufwühlende Bestandsaufnahmen des öffentlichen Sterbens.

"Entweder hat Christoph Schlingensief nie gelebt, oder er ist nicht tot", sagt Kluge: "In seinem Auftrag bohren wir weiter. Die Druckverhältnisse in 5500 Meter Wassertiefe sind längst nicht erforscht."

Christoph Schlingensief, Aino Laberenz (Hg.): Kein falsches Wort jetzt. Gespräche. Kiepenheuer& Witsch, 336 S.,EUR 23,-



STEFAN GRISSEMANN kannte Schlingensief seit den frühen 1990er-Jahren. Im Herbst 2009 schrieb dieser ihm in einer E-Mail: "Bei Ignoranz werde ich wütender als jemals zuvor. Schon hart, was die Deutschen da untereinander für einen Hass austragen müssen. Seid ihr denn auch so? Mir kommt vor, dass die Österreicher schon zu Lebzeiten über den Schatten springen können, die Deutschen erst, wenn der andere keinen Schatten mehr wirft."

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