Elfriede Jelinek
Film

Elfriede Jelinek: Die Sprache ins Gesicht klatschen

Gedankenstrom einer Geistesgegenwärtigen: Ein neuer Dokumentarfilm lotet das weit verzweigte Werk der Schriftstellerin Elfriede Jelinek aus.

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Wer es noch nicht weiß, sei hiermit diskret in Kenntnis gesetzt: Elfriede Jelinek ist alles andere als eine „problematische“ oder unzugängliche, gar „herabwürdigende“ Autorin, denn sie darf, neben allen Verdiensten um Sprachkunst und Poetik, als große Humanistin und, überraschender vielleicht, auch als erstklassige Humoristin gelten. In Claudia Müllers Dokumentarfilm „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“, der am Dienstag dieser Woche im Wiener Filmcasino als profil-Premiere an den Kinostart geht, ist nun beides zu überprüfen: das sozialpolitische Engagement der Autorin ebenso wie ihre ungebrochene Selbstironie. In einem im Film zitierten Interview erklärt sie, dass sie Mitte der 1960er-Jahre, als sie nach der Matura ungeahnt so etwas wie Freiheit zu spüren bekam, „erst einmal, wie es meine liebe Gewohnheit seither ist, zusammengebrochen“ sei.

Elfriede Jelinek, geboren  1946 in das repressive Nachkriegs-Österreich, hat mutig den Weg von einer emotional entbehrungsreichen Kindheit, die sie „eine unerschöpfliche Hassbatterie“ genannt hat, zur Popliteratur-Ikone der 1970er-Jahre, weiter zur künstlerischen Institution, zur Nobelpreisträgerin von 2004, beschritten. Von der verfemten Österreich-Skeptikerin, die früh Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Alltagsfaschismus geißelte, wurde sie zur produktiven Einsiedlerin, die sie heute ist; Jelinek leidet an einer Angststörung („meine Grundbefindlichkeit der Angst“), verlässt selten das Haus und tritt nie in der Öffentlichkeit auf. Sie lebt inzwischen vorzugsweise in München, aber ihre Wiener Wohnung hat sie nicht aufgegeben. „Sie war zwei Jahre lang nicht in Wien“, berichtet Müller im profil-Interview, „auch weil es ihrem Mann schlecht ging. Sie blieb bei ihm in München, kümmerte sich um ihn. Sie geht natürlich raus, einkaufen oder in den Park. In München  wird sie nicht so oft erkannt wie in Wien.“ 

Wenn man  Elfriede Jelinek anschreibt, antwortet sie meist sehr schnell, fast immer freundlich abschlägig, weil man ja stets etwas will von ihr – eine Antwort, eine Meinung, eine Wortspende. Aber sie verweigert sich charmant, sie könne nicht und werde nicht, es gehe einfach nicht, sie sei, ironisch ihren Lieblingsfeind Jörg Haider zitierend, „schon weg“; sie zieht es vor zu schweigen – auf allerdings recht vernehmliche Weise. Denn nicht nur schreibt sie fürs Theater eine Textfläche nach der anderen, sie verfasst erstaunlich häufig (und stets „ausnahmsweise“) Feuilletonbetrachtungen, Buch- und Filmmagazinbeiträge – und ihre Website weist einen kontinuierlichen Strom auch neuerer und jüngster Texte auf. „Angabe der Person“ heißt zudem ein demnächst im Rowohlt Verlag erscheinender Band. Auf knapp 200 Seiten bilanziert Jelinek darin ihr Leben.

76 ist die Autorin inzwischen. Es sei „auch schmerzlich, als gebrochener alter Mensch die Energie eines jungen Menschen zu sehen“, schrieb sie unlängst in einem E-Mail-Interview mit ORF.at. Vor wenigen Wochen hatte sie ein Schicksalsschlag ereilt: Der Sekundentod ihres Mannes, des Komponisten und Informatikers Gottfried Hüngsberg, mit dem sie seit 1974 verheiratet war, hinterließ sie tief betrübt. Sie habe sich „eigentlich vor diesem Film gefürchtet“, schrieb Elfriede Jelinek nun, anlässlich der Viennale-Premiere vor wenigen Tagen, denn sie hatte ihr Leben einer „Künstlerin und ihrem Team ausgeliefert, doch was würde mir da zurückkommen?“ 

Und siehe, es war sehr gut: Denn anstelle eines konventionellen Porträts hat die Berliner Regisseurin Claudia Müller einen Film aus Fragmenten zusammengestellt, Bruchstücke aus einem Leben des oppositionellen Schreibens arrangiert: Sie setzt Archiv-fernsehbilder der jungen Schriftstellerin gegen schwebende Aufnahmen steirischer Gebirgslandschaften, begleitet von Jelineks lakonischer Selbsterzählung, Eva Jantschitschs dynamisierender Musik und literarischen Exzerpten, die von Schauspiel-Koryphäen wie Sophie Rois, Maren Kroymann, Stefanie Reinsperger und Sandra Hüller vorgetragen werden.

Jelineks Agenda ist nicht bloß feministisch und antidiskriminierend; im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht eine ungewöhnliche Mischung aus Aktivismus und Sprachforschung. Die Sprache zu entfesseln, wie der Untertitel dieses Films bestätigt, ist die Grundlage dessen, was die Autorin ironisch „den Skandal des Denkens“ nennt. Das alte Problem – die Frage, wie man in einem Medium der visuellen Attraktionen literarische Texte vermittelt – löst Claudia Müller souverän: Die fremde Schönheit und gemessene Bewegung der von Kamerafrau Christine A. Maier gedrehten Naturbilder lassen die wilden Textpassagen aus Jelineks Werk umso durchdringender strahlen. Die Schriftstellerin sei angesichts der Anfrage, ob Claudia Müller einen Werkfilm über sie machen könne, erst „vorsichtig“ gewesen, dann habe sie zugestimmt, erinnert sich die Regisseurin: „Wenn ich wirklich kein Interview mit ihr mache und sie auch nicht bedränge, sei sie dabei.“

Sie selbst sei „regelrecht gebannt, fasziniert von dieser Sprache“, gesteht Müller. Viele ihrer Filme behandeln bildende Kunst, und Jelineks Sprache sei eben auch eine Art Kunstwerk. „Sie sagt selbst, eigentlich sei sie Bildhauerin.“ Jelineks Kooperationsbereitschaft wuchs während der Arbeit am Film. „Sie war, als wir drehten, stets irgendwie bei uns, per Mail oder telefonisch. Als ich mit dem Rohschnitt fertig war, fuhr ich zu ihr nach München, um ihr den Film zu zeigen. Sie war völlig begeistert, auch bewegt.“ Es gab jedoch ein paar Kapitel, zu denen O-Töne fehlten. Also fragte Müller, ob sie nicht doch ein Gespräch mit ihr machen würde. Sie habe sofort zugesagt. „Ihr Mann baute in ihrer gemeinsamen Küche Mikrofone auf. Dann haben wir uns hingesetzt und dieses Interview gemacht. Und noch eine kleine Bildaufnahme für das Ende des Films.“ Es sei schön, dass man Jelineks Präsenz noch einmal spüre, sagt Müller. „Ich wollte das nicht ausstellen, diese Sensationsgier nicht bedienen. Denn alle fragten: Wie sieht sie heute aus? Was macht sie jetzt?  Zu viel an Aufmerksamkeit auf ihre gegenwärtige Person hätte dem Film eine andere Dynamik gegeben. Sie ist anwesend, man spürt, sie ist einverstanden. Das genügt.“

Der Rückzug aus der Öffentlichkeit sei kein Widerspruch zu Jelineks feministischer Haltung, meint Claudia Müller. „Sie ist ja weiterhin eine sehr politische Person. Wenn sie Ungerechtigkeiten sieht, trifft sie dies im Innersten. Und sie setzt ihre Kunst dafür ein, dagegen zu agitieren. Sie wurde nicht zur Hassfigur, weil sie das so wollte.“ Eine bewusste Provokateurin sei Jelinek keineswegs. „Sie kann nicht anders. Letztlich hat sie diese Angriffe nicht mehr ausgehalten. Sie war stets diese modische, eigenwillige Person und so etwas wie eine – ‚Kunstfigur‘ wäre das falsche Wort. Aber sie hat sich auch stilisiert, um sich zu schützen.“ 

Das Schreiben der Frauen werde gesellschaftlich immer noch als „Anmaßung“ begriffen, hat Jelinek einst erklärt. Dies habe sich „glücklicherweise geändert“, meint Müller. „Es gibt ein breites Spektrum an medial präsenten Frauen, deren Wort Gewicht hat.“ Und sie weist auf ein zentrales Missverständnis hin, was die Jelinek-Rezeption betrifft: Die Dinge, die sie schreibe, seien nicht eins zu eins ihre Meinung. „Sie klatscht den Leuten eine Sprache, die populistisch genutzt wird, zurück ins Gesicht. Man weiß, wenn man Jelinek liest, oft nicht: Kommt das von rechts? Von links? Wer spricht da? Ein Opfer? Ein Täter? Sie jongliert mit Jargons und Rhetoriken, führt uns diese vor Augen.“

Auch Claudia Müllers Position ist deutlich feministisch, fürs Fernsehen hat sie Valie Export, Jenny Holzer, Shirin Neshat, Kiki Smith, Katharina Grosse und viele andere porträtiert. „Es gibt einen Text von Elfriede Jelinek, in dem es auch um Frauen in der Kunst geht, die nicht gesehen wurden. Sie schreibt, das sei wie ein klandestiner, unterirdischer Strom, der sich seinen Weg bricht und an die Oberfläche will. Das glaube ich auch: Es geht um Sichtbarkeit.“ 

Sie suche immer die geeignete Form, für jeden Film und jedes Werk. Wie kann man ein Lebenswerk erzählen? Bei Elfriede Jelinek habe sie sich von der Musikalität dieser Sprache und der Montagetechnik leiten lassen. „Es musste da wilde Schnittfolgen geben, wie von den Wiener Aktionisten, von deren experimentellen Filmen ließ ich mich inspirieren; die Zeithistorie musste an einem vorbeirauschen wie ein Blitz. Und dann sollte es elegische Stellen geben, wo nur Sprache und Landschaft im Vordergrund stehen.“ 

Als Jugendliche schon habe sie Kunstbegeisterung verspürt, sagt Müller. Und früh, durch einen Studentenjob, sei sie beim Fernsehen gelandet. Der Filmemacher Peter Greenaway, für den sie 1992 kurz arbeitete, prägte sie tief. In den 1970er-Jahren wuchs Claudia Müller auf, „sozialisiert durch die Linke und deren Aufbruchsstimmung. Ich habe immer daran geglaubt, dass das Fernsehen ein aufklärerisches Medium sei – und dass man es nutzen kann, um etwas zu vermitteln und Dinge zu verändern. Und selbst wenn einige meiner Arbeiten nur im Vormittagsprogramm bei Arte laufen: In der Online-Mediathek sehen sie ein paar Hunderttausend Leute. Wenn ich nun meinen ersten Kinofilm vorlege, höre ich, ich könne froh sein, wenn da 10.000 oder 20.000 Menschen reingehen!“ In ihren Fernseharbeiten genieße sie zwar einen gewissen Freiraum, aber dort müsse man „natürlich didaktischer“ vorgehen. „Und es wird schlimmer: Es kommt fast nur noch auf Sendeplätze und Quoten an. Es ist krasser geworden, die Leute werden immer ängstlicher, erklären und unterfordern immer noch mehr. Für mich war es wie eine Heilung, diesen Film machen zu können.“

Müllers Jelinek-Epos ist konsequent reduziert: kein Kommentar der Filmemacherin, keine Interviews mit Wegbegleiterinnen. „Ich wollte auch keine Theaterstücke zeigen, weil das eine Form der Interpretation ist und von ihr weggeführt hätte. Ich wollte so nah wie möglich an ihr dran bleiben. Der Film sollte wie ihre eigene Erzählung erscheinen.“ Jelineks hochmusikalische Texte seien übrigens äußerst schwer zu kürzen. „Man kann diese Sätze  nur melodisch, klanglich kürzen, nicht inhaltlich oder logisch. Man muss in ihren Sprachduktus hineinkriechen.“

Je mehr Texte man von ihr kenne, desto mehr Ehrfurcht habe man vor ihr, bekennt Müller noch, weil Jelineks Schreiben etwas vollkommen Unvorhersehbares habe. „Für mich ist das alles auch eine Geschichte der österreichischen Nachkriegszeit. Jelineks Biografie ist exemplarisch, das wollte ich miterzählen, anhand ihres Werks, aber ohne Akademisches und Psychologisches. Ich wollte etwa Jelineks Mutter nicht so viel Raum geben, weil ich fand, dass das Verhältnis zu ihr stets überstrapaziert, auch als Bewertung genommen wird.“ Elfriede Jelinek, die angeblich so Schwierige, habe diese psychologischen Probleme, weil die Mutter sie einst derart eingeengt habe? „Das ist ein Teil ihrer Biografie. Ihr Werk aber ist viel, viel stärker, als diese Mutter jemals sein konnte.“

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.