Eike Schmidt sagt ab: Eklat am Kunsthistorischen Museum

Eike Schmidt sagt als KHM-Direktor ab. Hier im September 2017

Eike Schmidt sagt als KHM-Direktor ab. Hier im September 2017

Designierter Direktor legt sein Amt nur einen Monat vor Übernahme nieder. Eike Schmidts karrieretaktisches Verhalten sorgt für Befremden in der Szene – und stürzt das KHM in Turbulenzen.

Noch vor wenigen Tagen stellte der designierte Direktor des Wiener Kunsthistorischen Museums (KHM) sich profil-Kunstkritikerin Nina Schedlmayer, die gerade ein Interview mit der scheidenden Chefin Sabine Haag führte, hocherfreut als die neue Führungsgestalt am Haus vor. Seit heute gilt dies nicht mehr: Der deutsche Kunsthistoriker Eike Schmidt, 51, der seit November 2015 die berühmten Uffizien in Florenz leitet, hatte doch noch abgesagt.

Ohne öffentlich dafür Gründe anzugeben. Er hat offenbar auch Sabine Haag bis zuletzt getäuscht. Im profil-Gespräch ging sie noch felsenfest davon aus, dass Schmidt seinen Job antreten werde. Als die Meldung von Schmidts Absage die Runde machte, saß Haag mit Kulturminister Alexander Schallenberg, der Schmidts karrieretaktische Entscheidung scharf kritisierte, dem Vernehmen nach gerade im Flugzeug nach New York, um der Eröffnung einer Ausstellung zum Habsburger-Kaiser Maximilian im Metropolitan Museum beizuwohnen. Das KHM gehört zu den Hauptleihgebern jener Schau.

Sabine Haag

Noch-KHM-Chefin Sabine Haag

Schon kurz nach der Bestellung der nächsten KHM-Direktion durch den damaligen Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) Anfang September 2017 – und dafür wies er die stets solide arbeitende Sabine Haag, die gerne weitergemacht hätte, ab – wurden Gerüchte laut, Schmidt taktiere gerne, sei als notorischer Karriere-Job-Hopper bekannt. In italienischen Medien ließ er früh durchklingen, dass er eigentlich am liebsten bliebe, sich Italien „verbunden“ fühle, und sinngemäß auch, dass sein Wien-Deal noch nicht so sicher sei, wie es vielleicht aussehe.

In Wien dementierte Schmidt dies flugs, er sei wohl falsch verstanden und falsch zitiert worden, selbstverständlich werde er seinen Job als Direktor am KHM antreten. Er könne Wien „ja nicht hängen lassen“, sagte er dem „Standard“ noch. Haags geplanter Abschied vom KHM Ende 2018 musste wegen Schmidts Verpflichtungen in Florenz (sein aktueller Vertrag läuft bis Ende Oktober 2019) um Monate nach hinten verschoben werden, die langjährige Direktorin ließ sich überreden, das Haus bis zum Freiwerden ihres Nachfolgers am 1. November zu leiten.

Wenige Wochen vor Antritt seiner Direktion zog Schmidt einen überraschenden Schlussstrich unter seine noch nicht begonnene Laufbahn am KHM. Er hatte wohl erfolgreich gepokert, ein besseres finanzielles Angebot von den Italienern erhalten. Die Geschicke des Hauses, das er nun doch nicht leiten will, scheinen ihm weniger nahe zu gehen als das eigene Bankkonto.

Dabei Schmidt bereits früh steile Karriere gemacht: In den 1990er-Jahren arbeitete er am Kunsthistorischen Institut in Florenz, 2001 wechselte er an die National Gallery of Art in Washington, 2006 an das J. Paul Getty Museum in Los Angeles. 2008 übernahm er die Abteilung „European Sculpture and Works of Art“ bei dem Auktionshaus Sotheby’s in London. 2009 kehrte er als Abteilungsleiter für Kunsthandwerk und Skulptur am Minneapolis Institute of Art in die Museumswelt zurück, Ende 2015 stieg er zum Direktor der Uffizien in Florenz auf.

Das Kunsthistorische Museum sei „das Herzstück der österreichischen Museenlandschaft“, meinte Drozda salbungsvoll, als er Schmidt 2017 stolz präsentierte: „Es ist eines der weltweit bedeutendsten Museen im kunst- und kulturgeschichtlichen Bereich, für dessen Zukunft es jetzt die Weichen zu stellen gilt." Eike Schmidt habe „einen schlüssigen Plan dafür, welche Rolle das Museum und dessen Sammlung im digitalen Zeitalter einnehmen muss. Als ausgewiesener Experte auf wissenschaftlichem Gebiet bringt er einen ausgeprägten Gestaltungswillen mit", so Drozda. Der erst gestern publik gewordene Rücktritt des Ex-Kulturministers als Bundesgeschäftsführer der SPÖ ergibt im Licht dieses kulturpolitischen Skandals nun noch mehr Sinn.